Friedhöfe haben im Laufe der Jahrhunderte eine große Wandlung durchgemacht: von reinen Begräbnisstätten hin zum Park und Naherholungsgebiet. Zudem wurden sie aufgrund ihres oft morbiden Charmes als Orte des Horrors verunglimpft (eine ganze Filmindustrie lebt von Horror-B-Movies). Sicherlich hat dazu auch die sizilianische Begräbnistradition, die Toten in offenen „Regalfächern“ aufzubewahren, beigetragen. Heute wird das zwar nicht mehr so gemacht, aber in den Kirchen in Palermo konnte ich noch die Nischen besichtigen, und das Kapuzinerkloster verfügt mit der Kapuzinergruft über eine beeindruckende Begräbnisstätte, in der man diese Tradition noch gut betrachten kann. Selbstverständlich mit dem nötigen Respekt, allerdings auch mit einem gewissen Schauer.
Hier in Deutschland haben wir diese Tradition nicht und viele Friedhöfe sind heute wunderschöne Orte zum Spazierengehen – und zum Kulturerleben. Ich persönlich gehe gerne über Friedhöfe. In München habe ich einmal während eines Gastspiels den Weg zum Hotel über einen Friedhof abgekürzt und stand plötzlich vor dem Grab von Paul Spitzweg.
Geschichte und Geschichten
Grabmäler spiegeln Kulturgeschichte und Begräbniskultur wider. Da findet sich von schlichter Moderne über zarten Jugendstil bis zur Pseudorenaissance fast jede Kunstform. Und man sollte sich die Zeit nehmen, einige Inschriften auf den Grabsteinen zu lesen. Die Geschichten von Leben, Heirat und Tod, die man dort erahnen kann, sind durchaus spannend.
Der 1877 geweihte Wiesbadener Nordfriedhof bietet dazu viele Gelegenheiten. Immer wieder erscheinen hinter Büschen neue kunstvolle Gräber. Aber auch der Verfall hat einen reizvoll morbiden Charme. Und wer mag, kann sich an den Vögeln und Eichhörnchen erfreuen. Auf einer Fläche von 14,5 Hektar wurden bisher ungefähr 85.000 Personen beigesetzt. Geprägt sind die Grabstätten vorwiegend von der wilhelminischen Ära. Historismus und Jugendstil sind die am häufigsten vertretenen Stile.
Ein guter Plan hilft – irgendwie
Schon beim Betreten des Friedhofsgeländes merke ich, dass man hier auf „touristische“ Besucher eingestellt ist. Kaum schaue ich auf meinen Lageplan, da begrüßt mich auch schon ein sehr freundlicher Mitarbeiter der Grünpflege und bietet seine Hilfe an. Ich habe aber einen Plan dabei, den ich mir vorab im Internet heruntergeladen habe. Dieser nennt sich „Engelspaziergang“, ist aber leider nicht genau genug, um die einzelnen Engelsfiguren auch gut finden zu können. Aber es lohnt sich, einfach durch die Gänge zu spazieren und sie selbst zu entdecken. Hier ist der Weg das Ziel und die Entdeckungen am Rande sind ein zusätzlicher Gewinn. Und die Blickachsen, die sich dadurch ergeben, sind schon allein einen Besuch wert.
Man kann sich auch einfach treiben lassen und die schönen Wege genießen. Das habe ich bei weiteren Besuchen bisher immer gemacht. Egal zu welcher Jahreszeit, immer findet man hier Ruhe und entdeckt wieder einen neuen Blickfang. Eine Grabstelle, die man bisher nicht beachtet hat, oder weiteren Verfall. Auch eine neue Blickachse, da mittlerweile ein Baum oder Busch zurückgeschnitten wurde oder einem Sturm zum Opfer fiel. Manchmal findet man auch eine frisch restaurierte Grabstelle, die wieder in alter Pracht erstrahlt. Seit 2001 kümmert sich die Bernhard-von-Wiesen-Stiftung um die Konservierung und Restauration der historischen Grabdenkmäler.
Andererseits kann man sich aber auch einfach nur bei schönem Wetter auf eine Bank setzen und den Vögeln und Eichhörnchen zuschauen. Wenn man Glück hat, kommen die Eichhörnchen auch ganz nah, in der Hoffnung auf eine „zufällig“ herabfallende Nuss.
Wenn man wie ich immer wieder auf den Friedhof geht, dann hat man auch seine Lieblingsecken. In meinem Fall ist das der jüdische Friedhof Platter Straße am nördlichen Rand des Friedhofs. Nach jüdischer Tradition dürfen die Gräber nicht nach einer Ablaufzeit eingeebnet werden, und so findet man hier nicht nur neue Gräber, sondern auch sehr alte und verwitterte. Es herrscht eine friedliche Ruhe. Männer müssen hier allerdings eine Kopfbedeckung aufsetzen. Gerne würde man mehr über einige Schicksale erfahren.
Vergangenheit und Zukunft
Bei meinem ersten Besuch ist mir etwas auf den Grabsteinen aufgefallen. Auf einigen befindet sich ein Bild zweier Hände. Diese Hände erinnern an den Gruß, den der Vulkanier Mr. Spock in der Serie STAR TREK macht („Live long and prosper“). Und tatsächlich gibt es da einen Zusammenhang. Leonard Nimoy war jüdischer Abstammung und brachte diesen Gruß ein. Die Hände weisen auf die aaronitische Priesterschaft hin, die in meist männlicher Linie weitergegeben wird. Die Hände formen den hebräischen Buchstaben Schin. Dieser steht für den Gottesnamen Schaddai (der Allmächtige) und die Priester sprachen mit diesem Handzeichen in der Synagoge den aaronitischen Segen. Auch in der modernen Popkultur und einer solchen Serie stecken also viele interessante Details.
Es gibt auch noch einen zweiten jüdischen Friedhof. Diesen findet man am Hellkundweg, östlich am Nordfriedhof. Dieser gehörte zur Alt-Israelitischen Gemeinde und wurde 1877 von orthodoxen Juden angelegt, denen die liberale Entwicklung der jüdischen Gemeinde Ende des 19. Jahrhunderts zu weit ging. Die letzte Beisetzung fand hier 1942 statt.
Tipps:
Wer die Ruhe und die Schönheit von Friedhöfen erleben möchte, kann dies allein während der Öffnungszeiten tun oder sich zu einer Führung anmelden. Weitere Informationen gibt es hier
Auch die Wikipedia-Seite des Nordfriedhofs liefert viele interessante Informationen, unter anderemzu den beiden Jüdischen Friedhöfen.
Vor Kurzem hatte ich mal wieder den Ordner mit den Familienunterlagen in der Hand. Darunter war auch die Geburtsurkunde meiner Großmutter mütterlicherseits. Dabei fiel mir auf, dass sie als Geburtsort noch „Rixdorf“ stehen hatte.
Rixdorf ist heute der nördliche Teil des Bezirks Neukölln und heißt erst seit 1912 so – genauer gesagt seit dem 27.01.1912, dem 53. Geburtstag von Kaiser Wilhelm II. Der Begriff Rixdorf war zu diesem Zeitpunkt den Behörden zu „unanständig“ geworden, war der Ort doch bekannt für seine „frivole Unterhaltung“. Es war quasi das, was die Reeperbahn für Hamburg ist – ein Amüsierviertel. In ganz Berlin war bekannt, dass in Rixdorf Musike ist. 1920 wurden dann Neukölln, Britz, Buckow und Rudow als Bezirk Neukölln nach Groß-Berlin eingemeindet.
Rixdorfer Geschichte
Die Geschichte von Rixdorf begann aber schon viel früher. Funde belegen, dass hier schon die Neandertaler gejagt haben. Belegt als Ort ist Rixdorf (oder Richardsdorf) dann ab dem Mittelalter, genauer ab 1360. Interessant wurde es ab 1737. In diesem Jahr holte Friedrich Wilhelm I. böhmische Handwerker nach Preußen. Diese mussten aufgrund ihres protestantischen Glaubens auswandern, und Friedrich Wilhelm I. erkannte ihren Wert für Preußen. Hauptsächlich handelte es sich dabei um Weber und ihre Familien – insgesamt 350 Personen. Und so existierten ab dieser Zeit Deutsch-Rixdorf und Böhmisch-Rixdorf. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Bevölkerung dann sprunghaft. Waren es 1805 noch 319 Einwohner in Böhmisch-Rixdorf und 376 in Deutsch-Rixdorf, so waren es 1858 schon 1.014 Einwohner in Böhmisch-Rixdorf und 2.823 in Deutsch-Rixdorf. Zur Gemeinde Rixdorf wurden sie dann am 11.07.1873 vereint, und am 01.04.1899 bekam Rixdorf das Stadtrecht.
Und hier wurde nun am 19.11.1911 meine Großmutter geboren. Mein Großvater, der am 06.01.1913 geboren wurde, war dann schon ein waschechter Neuköllner.
Überall Kindheitserinnerungen
Als Kind war ich immer im Dezember mit meiner Mutter auf dem Rixdorfer Weihnachtsmarkt. Das war ein besonders stimmungsvoller Weihnachtsmarkt, und schon damals fiel mir die Besonderheit des Ortes auf. Auf einem Ausflug mit der Grundschule lernte ich dann etwas mehr über Rixdorf, und daran habe ich mich jetzt wieder erinnert. Diesen Ausflug wollte ich jetzt noch einmal machen.
So stand ich also an einem Dienstag auf der lauten und ziemlich dreckigen Karl-Marx-Straße, um diesen anderen Neuköllner Ort für mich wiederzuentdecken. Es gibt verschiedene Straßen, die man nehmen kann, um das alte Rixdorf zu erreichen. Ich wählte den Weg über den Karl-Marx-Platz. Dieser wirkt wie ein Trichter: An der belebten Karl-Marx-Straße ist er noch breit und laut, und am unteren Ende ist er eng. Je weiter man in den Trichter hineingeht, desto ruhiger wird es. Wer mit offenen Augen entlangläuft, bemerkt rechts zwischen den Häusern einen schmalen Durchgang mit einem eisernen Tor. Hier versteckt sich einer der Zugänge zum Böhmischen Gottesacker. Er wurde 1751 geweiht und ist damit Berlins zweitältester noch benutzter Friedhof. Leider war das Tor verschlossen. Schade.
Also ging ich erst einmal weiter. Am Ende des Karl-Marx-Platzes öffnet sich der „Trichter“ wieder, und plötzlich steht man auf dem Richardplatz – und in einer scheinbar anderen Stadt. Ist das noch das Neukölln, das wir alle aus der Presse oder aus eigener Erfahrung kennen? Nein, ganz augenscheinlich nicht. Da stehen wir auf einem Dorfanger. Alles ist grün und lichtdurchflutet. Und auffällig ruhig. Auf der linken Seite befindet sich die Villa Rixdorf mit ihrem lauschigen Biergarten, und mitten auf dem Platz steht ein Kiosk, der aussieht wie ein kleiner antiker Pavillon. An der Ecke zur Richardstraße zeigt mir ein Hinweisschild, dass es hier zum Böhmischen Dorf geht. Ich folge diesem Hinweis und gehe links hinein. Nach gut 200 Metern stehe ich vor einigen kleinen, alten Häusern. An der Ecke zur Kirchgasse steht ein Gedenkstein für Johann Amos Comenius (1592–1670), einen Bischof der Böhmischen Brüder. Er wird mir heute noch einmal begegnen.
Bin ich wirklich noch in Neukölln?
Ich biege zunächst rechts in die Kirchgasse ein. Diese hieß früher eigentlich Enge Gasse (ich sehe auch wenig später, warum), und auch der ehemalige böhmische Name (Malá Ulička) steht noch über dem Straßenschild. Die Straße führt direkt auf einen kleinen Platz. Hier befindet sich die ehemalige Schule (Nr. 5), in der sich heute das kleine Museum befindet. Auch hier hatte ich wieder schlechtes Timing, denn es war an diesem Tag geschlossen. Auf dem Platz steht ein Standbild von Friedrich Wilhelm I., der die Böhmen nach Preußen geholt hatte. Auf der Seite sieht man eine Tafel mit den ankommenden Menschen, und auf der Rückseite ist die Inschrift „Die dankbaren Nachkommen der hier aufgenommenen Böhmen“.
Ich gehe weiter durch die Kirchgasse, die hier einen Knick nach links macht. Und dann weiß ich auch ganz genau, warum sie einmal Enge Gasse hieß. Denn hier wird es wirklich eng. Auf der linken Seite hat man die Rückseiten der Höfe an der Richardstraße, und auf der rechten Seite reiht sich ein kleines Häuschen mit idyllischem Garten an das nächste. Ich bin in einem Dorf und ganz sicher nicht mehr in Berlin-Neukölln.
Am Ende der Gasse befindet sich schließlich ein Neubau. Hier hat die Bethlehemsgemeinde heute ihr Gemeindehaus. Etwas weiter, wieder an der Richardstraße, befindet sich der alte Kirchsaal mit seinem kleinen hölzernen Glockenturm. Die böhmische Bevölkerung teilte sich nach der Ankunft in Rixdorf in drei Gemeinden auf: die Herrnhuter Brüdergemeine (falls Ihr jetzt an die berühmten Sterne zur Weihnachtszeit denkt, denkt Ihr richtig), die Reformierte und die Lutherische Kirche. Alle drei sind bis heute hier vertreten.
Technikgeschichte
Ich gehe wieder zurück zur Richardstraße. Hier endet der historisch böhmische Teil. Ein anderes, später errichtetes Gebäude weckt hier meine Aufmerksamkeit – das ehemalige Umspannwerk Neukölln. Ein roter Backsteinbau, der 1926–1928 erbaut wurde und bis 1973 in Betrieb war. Heute steht er unter Denkmalschutz.
Jetzt schaue ich mir die böhmischen Häuser in der Richardstraße genauer an. Alle sehr gepflegt. Überhaupt stelle ich fest, dass es in diesem Kiez auffällig sauber ist. Es sind auch komplett andere Menschen als in der nur wenige Meter entfernten Karl-Marx-Straße unterwegs. Ich muss mir immer wieder in Erinnerung rufen, dass ich hier tatsächlich im sogenannten Problembezirk bin.
Entspannte Pausen-Oase
Nach einem Zwischenstopp in einem kleinen Laden mit antiquarischen Büchern zu sensationell günstigen Preisen gehe ich rüber zum Comeniusgarten (da ist Comenius wieder). Eine Oase mitten in der Stadt. Noch einmal wird es ruhiger. Dem Besucher eröffnet sich eine Naturoase mitten in der Großstadt. Und alles ist so toll gepflegt. Kneift mich, bin ich wirklich noch in Neukölln? Gleich hinter dem Eingang befindet sich eine dreieckige Fläche, an deren Ecken jeweils ein Gegenstand steht: ein Mikroskop, ein Teleskop und ein Spiegel. Eine sehr nette Mitarbeiterin erklärt mir, dass es sich hierbei um „Das Auge Gottes“ handelt. Am Ende des Artikels findet Ihr wie immer ein paar Tipps und Links. Dort könnt Ihr mehr darüber erfahren. Im Übrigen ist der ganze Garten so angelegt, dass er den Lebensweg von Comenius symbolisch darstellt. Ich habe hier eine kleine Pause eingelegt und die Ruhe dieses Ortes sehr genossen.
Was es dort allerdings nicht gab, war etwas zu trinken. Daher bin ich zurück zum Richardplatz und zur Villa Rixdorf gegangen, wo ich dann auf der Terrasse meine Pause fortgesetzt habe. Hier kann man übrigens noch einige Berliner Spezialitäten wie Eisbein oder Leber „Berliner Art“ essen.
Nach der kleinen Pause geht es weiter. Ich gehe weiter über den Richardplatz, den ehemaligen Dorfanger. Mitten auf dem Platz (dem alten Dorfanger von Deutsch-Rixdorf) befindet sich die Alte Schmiede. In unserer Familie finden sich diverse Hufeisen, die wir auf dem Rixdorfer Weihnachtsmarkt hier erstanden haben und die unsere Initialen tragen. Eines hängt bis heute bei meiner Mutter in meinem ehemaligen Zimmer über der Tür. So eine Schmiede ist schon etwas Faszinierendes. Und die alte Dorfschmiede von Rixdorf ist bis heute in Betrieb. Nicht nur als Attraktion zum Weihnachtsmarkt, sondern ganzjährig. Man kann dort Schmiedekurse belegen, geschmiedete Leuchter, Messer und Schmuck kaufen und auch Unikate anfertigen lassen. Wie schön, wenn solches Handwerk heute noch gepflegt wird.
Altes Handwerk in modernen Zeiten
Weiter geht es. Direkt hinter der Schmiede befindet sich ein Hof mit Ställen. Am Eingang prangt ein Schild mit der Aufschrift: „Gustav Schöne – Fuhrbetrieb“. Direkt am Eingang steht – sehr dekorativ – eine alte Tanksäule. Schon als Kind wollte ich hier immer hin, denn in den Ställen standen Pferde. Heute stehen sie in der Lüneburger Heide und genießen ihr Leben (vor dem Haus ist ein Schaukasten mit Bildern davon). Auch gibt es den Fuhrbetrieb so nicht mehr. Aber ein sehr netter junger Mann erzählt mir, dass die alten Kutschen noch da sind. Allerdings so zugestellt, dass man sie so ohne Weiteres nicht sehen kann. Schade. Denn in einer dieser Kutschen sind meine Eltern 1970 zu ihrer Hochzeit gefahren. Die hätte ich mir doch sehr gerne noch einmal angeschaut.
Weiter geht es an einigen alten, aber leider auch an einigen sehr unschönen neuen Häusern vorbei. Es lohnt sich aber, sich das eine oder andere genauer anzuschauen. Auch wird man feststellen, dass es immer wieder kleine Seitendurchgänge gibt.
Die Dorfkirche
Am Ende des Dorfangers steht noch ein kleines Highlight: die Bethlehemskirche. Dabei handelt es sich um die alte Dorfkirche von Rixdorf. Ich habe verschiedene Daten gefunden, wann diese Kirche tatsächlich erbaut wurde. Sagen wir einfach: grob zwischen 1420 und 1460. Von diesem Ursprungsbau ist heute noch ein Teil der Außenmauer vorhanden. Im Dreißigjährigen Krieg brannte sie nieder (1639), wurde wieder aufgebaut und erhielt einen hölzernen Kirchturm. 1757 erfolgte noch einmal ein Umbau, und aus dem hölzernen Turm wurde ein steinerner. Als 1737 die ersten böhmischen Einwanderer kamen, fanden hier auch sofort böhmische Gottesdienste statt, da der Aufbau eigener Kirchengebäude noch etwas Zeit brauchte. Ab dem 19. Jahrhundert nutzte eine der drei böhmischen Gemeinden die Bethlehemskirche regelmäßig.
Ich hatte das Glück, dass ein sehr freundlicher älterer Herr aus der Gemeinde zugegen war und mir mit viel Leidenschaft von der Kirchen- und Dorfgeschichte erzählte. So erklärte er mir, dass der Innenraum ursprünglich komplett weiß war – inklusive der Bestuhlung, der Kanzel und des Altars, wie es in böhmischen Gemeinden üblich ist. Erst in den 1930er Jahren unter der Naziherrschaft wurde das in die heutige Form geändert. Man fand es nicht mehr „passend“ und „deutsch“ genug. Schade, denn ich konnte auf einem Foto sehen, wie es ursprünglich ausgesehen hat. Und es hatte eine sehr freundliche und luftige Anmutung.
Zurück in der hektischen Großstadt
Mit der Dorfkirche war mein Erkundungsrundgang beendet. Auf dem Rückweg zur Karl-Marx-Straße versuchte ich noch einmal mein Glück beim Böhmischen Gottesacker, aber leider war auch die zweite Pforte verschlossen. Diesen Besuch muss ich also ein anderes Mal nachholen. Ehrlich gesagt war ich auch ziemlich müde.
Wieder auf der lauten Karl-Marx-Straße zu stehen und den vollen U-Bahnhof zu betreten, war in gewisser Weise ein kleiner Schock. In den letzten vier Stunden war ich gefühlt in einer komplett anderen Stadt. In Rixdorf fühlt sich alles sehr dörflich an. Es ist ruhig, auffallend sauber für Neukölln und sehr entspannt. Aufgrund von verkehrsberuhigenden Maßnahmen hat man kaum fahrende Autos. Was man aber immer wieder hört, ist Kinderlachen. Denn hier gibt es jede Menge Spielplätze. Ein sehr lebendiger Kiez, den man unbedingt mal gesehen haben sollte.
Tipps
Hier der Link zum Comeniusgarten, wo Ihr mehr über die Gestaltung und „Das Auge Gottes“ erfahrt.
Über die Geschichte Rixdorfs erfahrt Ihr hier und hier mehr.
Man kann auch über kleine Seitenstraßen nach Böhmisch-Rixdorf gelangen (z. B. über die Herrnhuter Straße direkt am U-Bahnhof Karl-Marx-Straße). Ich empfehle aber noch ein Stück weiter südlich den Zugang über den Karl-Marx-Platz.
In meinem kleinen Blog beschäftige ich mich mit kulturellen Ausflugszielen. Aber nicht jedes einzelne Ausflugsziel reicht für einen ganzen Beitrag. Daher habe ich den diesjährigen Tag des offenen Denkmals zum Anlass genommen, mal ein paar einzelne Sehenswürdigkeiten zu betrachten, die einem auf dem Weg begegnen.
Nicht erst durch den Blog habe ich angefangen, mit offenen Augen durch die Gegend zu wandern, und ab und zu entdeckt man die eine oder andere kleine oder große Schönheit. Oder man betrachtet etwas Bekanntes mit neuen Augen. Ihr werdet in diesem Artikel auch auf Dinge stoßen, die ich entweder schon mal betrachtet habe oder in nächster Zeit genauer vorstellen werde.
Zentralflughafen Tempelhof
Zu letzteren gehört unzweifelhaft der Flughafen Tempelhof in Berlin. Ich kenne ihn noch als Militärflughafen der amerikanischen Alliierten in West-Berlin. Zu dieser Zeit hatte ich leider nie die Gelegenheit, die Abflughalle zu besichtigen. Per Zufall bot sich mir aber vor Längerem plötzlich eine Chance: Da ich noch etwas Zeit bis zu einer Verabredung hatte, habe ich die Gelegenheit genutzt.
Heute ist der ehemalige Zentralflughafen nicht mehr in Betrieb. Aus der Rollbahn wurde wieder das Tempelhofer Feld (so hieß der Ort schon lange, bevor der Flughafen entstand), auf dem sich heute Berliner treffen, um ihre Freizeit zu verbringen.
In den Hangars finden mittlerweile Opernaufführungen oder Konzerte statt, und das Gebäude kann man im Rahmen von Führungen erkunden – nicht nur am Tag des offenen Denkmals.
Wunschziele
Dieser findet übrigens seit 1993 immer am zweiten Sonntag im September statt. Organisiert wird das Ganze durch die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, und Ziel ist es, die Bedeutung des baukulturellen Erbes erlebbar zu machen. Dafür werden an diesem Tag vor allem Baudenkmäler geöffnet, die sonst nicht zugänglich sind. Dazu gehört z. B. auch das Nationaldenkmal für die Befreiungskriege im Viktoriapark in Berlin-Kreuzberg, direkt oberhalb des Wasserfalls. Eine sehr enge Freundin von mir hat zu Schulzeiten genau gegenüber gewohnt. Ich habe es jedoch leider bis heute nicht geschafft, dort mal reinzugehen, wenn es möglich ist. Das steht also noch auf meiner Wunschliste.
Nun sollte man ja meinen, dass ein jährlich wiederkehrendes Datum gut zu merken ist und es kein Problem sein sollte, seine Ausflüge danach zu planen. Leider ist das ein typischer Fall von „Denkste“. Jedes Jahr stelle ich wenige Tage vorher (2016 genau zwei Tage davor) fest, dass es wieder soweit ist, und natürlich bin ich dann nicht mehr in der Lage, etwas Sinnvolles zu planen. Was dazu führt, dass ich leider ziemlich wenige meiner Wunschdenkmäler tatsächlich schon von innen besichtigen konnte. Die meisten kenne ich also nur von außen.
Das Niederwalddenkmal
Das Niederwalddenkmal bei Rüdesheim kann man allerdings ohnehin nicht von innen besuchen, sondern nur von außen. Dafür hat man von dort einen herrlichen Überblick über den Rhein. Und den Aufstieg von Rüdesheim aus kann man sich auch recht angenehm machen: Statt zu laufen, kann man die Seilbahn nehmen und ganz entspannt über die Weinberge schweben. Als ich zuletzt dort war, war es allerdings weniger angenehm: Es regnete. Dann sind die offenen und schmalen Gondeln leider alles andere als gemütlich.
Ein Café – aber nicht für jeden geeignet
Eine ganz andere Art von Denkmal findet man nicht sehr oft in Berlin: das sogenannte „Café Achteck“. Gemeint ist damit ein Pissoir. Dessen gusseiserne Wände (meistens in Grün) sind so aufgestellt, dass sie ein Achteck ergeben. Daher der Name. Der Entwurf stammt vom Stadtbaurat Carl Theodor Rospatt aus dem Jahr 1878. 1920 gab es noch ungefähr 140 von diesen Pissoirs in ganz Berlin. Heute findet man noch einige im Berliner Stadtbild. Das auf dem Bild steht am Chamissoplatz in Berlin-Kreuzberg.
Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche
Ebenfalls in Berlin steht die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Diese wurde in den Jahren 1891–1895 von Franz Schwechten im Stil der Neoromanik erbaut. Ihr Kirchturm war bis zu seiner Zerstörung durch Bomben im Zweiten Weltkrieg mit 113 Metern der damals höchste in Berlin. Nach dem Krieg hat man die Halbruine gesichert und als Mahnmal erhalten. In der Verfilmung des Kästner-Buchs EMIL UND DIE DETEKTIVE von 1954 treffen sich Emil und Gustav im oberen Geschoss der Halbruine. Dort kann man heute leider nicht mehr so ohne Weiteres hinaus. Aber man kann noch in die alte Vorhalle. Während Corona war hier auch ein Testzentrum untergebracht. Während ich dort auf meinen PCR-Test gewartet habe, konnte ich in aller Ruhe das Mosaik von Hermann Schaper bewundern. Ein echtes (West-)Berliner Wahrzeichen und von den Berlinern nur „Hohler Zahn“ genannt. Die Berliner geben ihren Wahrzeichen gerne Spitznamen. Neben der Halbruine stehen die Neubauten der Kirchengemeinde: der Gemeinderaum („Puderdose“ genannt) und der Glockenturm (oder auch „Lippenstift“). Dazu kann ich bei nächster Gelegenheit ebenfalls einen Artikel machen.
Friedhöfe – Denkmäler in großer Zahl
Von Kirchen ist es zu Friedhöfen nicht weit. Was dort an wunderschönen Denkmälern steht, habe ich Euch schon in meinem Artikel zum Frankfurter Hauptfriedhof gezeigt. Und es werden sicher in der Zukunft weitere Friedhöfe folgen. Zwei Beispiele seien hier stellvertretend genannt: ein Familienmausoleum auf dem städtischen Friedhof in Wunsiedel im Fichtelgebirge und ein besonders beeindruckendes Mahnmal auf dem jüdischen Teil des Offenbacher Friedhofs. Dieses Mahnmal entstand bei der Umbettung alter Gräber vom Alten auf den Neuen Friedhof. Die Verstorbenen wurden umgebettet und aus den alten Grabsteinen wurden zwei Türme errichtet.
Moderne Esskultur als Denkmal
Ein sehr schönes und lebendiges Denkmal steht in Bonn. Dort findet man das „Bundesbüdchen“. An dieser Wurstbude (die zwar original, aber nicht mehr am Originalstandort ist) aß schon Konrad Adenauer in der Mittagspause sein Würstchen.
Das Haus des Rundfunks
Zu guter Letzt kommen wir nochmal nach Berlin: ins Haus des Rundfunks an der Masurenallee. Wenn man in den Großen Sendesaal will, z. B. weil dort ein schönes Konzert stattfindet, durchquert man den großen Lichthof – ein eindrucksvolles Beispiel moderner Architektur der 1930er-Jahre. Im Haus gibt es auch noch einen funktionierenden Paternoster, den ich selbst schon mehrfach benutzen konnte. Für die allgemeine Öffentlichkeit ist er allerdings nicht mehr zugänglich, da die Sicherheitsregelungen es leider nicht mehr zulassen. Wie bei den meisten Paternostern, die heute noch existieren.
Ich hoffe, ich konnte Euch ein wenig neugierig machen und dazu animieren, auch einmal mit offenen Augen durch die Gegend zu gehen – oder vielleicht im kommenden Jahr zum Tag des offenen Denkmals die eine oder andere Gelegenheit zum Besuch zu nutzen.
Tipps
Hier wie immer noch ein paar weiterführende Links:
Unter dem Link https://www.tag-des-offenen-denkmals.de/ findet ihr allgemeine Informationen und alle Termine zum Tag des offenen Denkmals. Es gibt auch eine gute Suchfunktion mit Karte.
Zur Geschichte des Tags des offenen Denkmals findet ihr mehr auf der Wikipedia-Seite.
Und zum Haus des Rundfunks gibt es auf der Seite von Visit Berlin auch einiges nachzulesen.
Bisher habe ich hier vor allem schöne Ausflugsziele porträtiert – Orte, an denen man vom Alltag abschalten und Dinge einfach genießen kann. Anders ist es mit dem Ort, den ich euch heute vorstellen möchte. Der Besuch lag mir schon länger am Herzen, und da seit einiger Zeit ein Bekannter von mir dort arbeitet, habe ich die Gelegenheit genutzt.
Es ist nicht das erste Konzentrationslager, das ich besuche. Allerdings muss ich sagen, dass mich der Besuch in Flossenbürg doch arg beschäftigt hat. Ich gehöre zu den Menschen, die gerne die Atmosphäre eines Ortes erfassen und sich auf diesen stark einlassen. Das ist bei einem ehemaligen Konzentrationslager eine aufwühlende Sache, und auch das hervorragende Wetter und meine sommerliche Stimmung konnten das nicht auffangen. Ehrlich gesagt: Mir ging es nach dem Besuch nicht so gut. Und vielleicht war gerade deshalb der Besuch richtig.
Vom Steinbruch zum Vernichtungslager
Flossenbürg ist ein mittelgroßer Ort im Oberpfälzer Wald, in dem Ende des 19. Jahrhunderts zahlreiche Granitsteinbrüche in Betrieb genommen wurden. Diese Granitvorkommen interessierten in den 1930er-Jahren die Nationalsozialisten, denn das Material brauchten sie in großen Mengen für ihre Bauvorhaben. Steine aus Flossenbürg wurden unter anderem auf dem Reichsparteitagsgelände in Nürnberg verwendet. Um den Abbau effektiver zu organisieren und auch um „unliebsame“ Gefangene loszuwerden, wurde 1938 das Konzentrationslager gegründet. Anfangs beherbergte es 300 Gefangene, die in kurzer Zeit die nötigen Bauten errichteten. Innerhalb eines Jahres waren es bereits 1.500 Gefangene. Zunächst handelte es sich dabei vor allem um Kriminelle. Diese hatten teilweise ihre Haftstrafen schon längst abgesessen, wurden nun aber im Zuge einer „Säuberungsaktion“ aufgegriffen und in KZs gebracht. Des Weiteren folgten Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter aus den eroberten Ostgebieten, politische Gefangene (hier wurden noch kurz vor Kriegsende einige Mitglieder der Widerstandsgruppe um Graf Stauffenberg erschossen) und schließlich auch Juden.
Frauen waren im Hauptlager nur als Zwangsprostituierte inhaftiert. Bei den Insassen handelte es sich fast ausschließlich um Männer, die die schwere Arbeit in den Steinbrüchen verrichten mussten. Dabei verfügten sie im Prinzip über keine geeigneten Werkzeuge und arbeiteten bis zum Umfallen. Das perfekte, aber perfide Motto des Lagers lautete: „Vernichtung durch Arbeit“. Bis zur Befreiung des Lagers im April 1945 durch die Amerikaner waren rund 100.000 Menschen durch die Hölle gegangen oder in ihr verstorben.
Ein Rundgang, der schwer fällt
Mit all dem im Hinterkopf kommt man an der Gedenkstätte an und steht zuerst auf einem großen, leeren Platz. Auf der linken Seite steht ein großer Bau mit einem weitläufigen Balkon, auf dem Sonnenschirme stehen. Das heutige Besucherzentrum war früher das SS-Casino. An der Stirnseite erhebt sich ein imposanter Granitbau. In diesem war früher die SS-Kommandantur untergebracht, heute befindet sich dort die Gedenkstättenverwaltung. Bei solch herrlichem Wetter wie am Tag meines Besuchs verliert das Gebäude auf den ersten Blick seinen Schrecken, und man könnte es sogar als schön beschreiben. Mit ein paar Geranien an den Fenstern würde es in fast jeder deutschen Kleinstadt eine kleine Zierde sein. Da sieht man mal wieder den Schrecken der Normalität.
Dieser Eindruck verflüchtigt sich aber, sobald man den Torbogen in der Mitte durchschreitet. Hier hängt ein Lagerplan, und man erhält ein erstes Mal einen Eindruck von den Ausmaßen des Lagers. Der gesamte Vorplatz war früher mit Gebäuden bebaut, in denen die SS-Wachmannschaften wohnten. Der Eingang zum Häftlingslager befindet sich kurz hinter der Kommandantur.
Lageplan des Lagers
Eigentümlicherweise überquert man hier zunächst eine kleine Durchgangsstraße, die zu den Einfamilienhäusern auf dem linken Hügel führt. Danach geht man auf das ehemalige Lagertor zu. Die eigentlichen Torsäulen stehen heute im hinteren Teil der Gedenkstätte. Auf der ehemaligen Umzäunungsgrenze stehen noch Zaunpfosten. Auf den Rasenflächen dahinter sind mit Graniteinfassungen die ehemaligen Häftlingsbaracken angedeutet. Jeweils 8 mal 50 Meter waren sie ursprünglich für 250 Häftlinge vorgesehen. Zuletzt fassten sie jeweils bis zu 1.000 Menschen. Die Enge und die hygienischen Zustände möchte man sich gar nicht mehr vorstellen.
Weiter geradeaus gelangt man auf den Appellplatz zwischen Wäscherei und Lagerküche. Hier mussten die Häftlinge zweimal täglich zum Durchzählen antreten. Oft dauerte das mehrere Stunden – bei jedem Wetter. Und nicht selten geschah dies auch einfach nur, um die Menschen zu quälen. Auch wurden hier Erhängungen vollzogen, denen die anderen Insassen beiwohnen mussten.
Ein schwer auszuhaltender Ort
In der Wäscherei befindet sich eine Dauerausstellung zur Geschichte des Lagers. Ich habe selten eine so gut gemachte Ausstellung gesehen. Wird man anfangs noch ganz sachlich-vorsichtig mit der Geschichte des Ortes vertraut gemacht, taucht man nach und nach immer tiefer in das Konzentrationslager ein. Man erfährt vom Alltag, von den Zwangsarbeitsbedingungen, vom Überleben und Sterben. Aber auch von den Menschen jenseits des Zauns: den Wärtern und Wärterinnen der SS. Es hat mich mal wieder erschreckt, wie viele der Verantwortlichen dieses Terrors nach dem Krieg „verschwunden“ sind oder nach äußerst kurzen Haftstrafen wieder ins normale, bürgerliche Leben zurückgekehrt sind.
Den oberen Teil der Ausstellung verlässt man durch einen Durchgang, in dem ein Zitat eines Überlebenden steht. Für mich war dieser Moment ein sehr beklemmender. Als ich dann in den unteren Teil ging, beschlich mich auf der Treppe für einen kurzen Moment ein großes Unbehagen. Dort unten findet man zuerst eine Ausstellung zu einzelnen Opferschicksalen. Unter anderem gibt es dort eine Art Bibliothek mit schwarzen Ordnern. In jedem dieser Ordner findet man den Lebenslauf eines Gefangenen, geordnet nach ihren vermeintlichen „Verbrechen“ oder Herkunftsorten. Ich habe mir mal zwei herausgenommen: einen aus der Rubrik „Homosexuell“ und einen aus Frankreich.
Geht man weiter in den hinteren Teil, kommt man in die Räume, die die Häftlinge damals auch zuerst betraten. Hier finden sich die „Desinfektion“, der „Friseur“ (hier wurden sämtliche Haare abrasiert, um die Gefangenen maximal zu entwürdigen) und das Häftlingsbad – eine arg verharmlosende Bezeichnung für einen Raum, in dem hunderte nackte, verängstigte Menschen zusammengepfercht, geschlagen und mit harten Wasserstrahlen malträtiert wurden. Ich stand dort allein und mir war schlecht angesichts der Gräuel, die Menschen anderen Menschen antun können, nur weil sie sich für besser halten. Schlussendlich habe ich in diesem Gebäude fast anderthalb Stunden verbracht und war froh, wieder an der frischen Luft zu sein.
Begleiteter Rundgang
Den Rest des Geländes habe ich mir im Rahmen eines begleiteten Rundgangs angesehen. Unser Guide war dabei sehr pietätvoll, nahm aber trotzdem kein Blatt vor den Mund, wenn es um die Grausamkeiten der SS ging. Er traf immer den richtigen Ton und führte uns mehrfach vor Augen, dass es jeden von uns Teilnehmern hätte treffen können, hier inhaftiert zu sein.
Gemeinsam gingen wir über den Ehrenfriedhof, vorbei an einem der drei erhaltenen Wachtürme in Richtung „Tal des Todes“. Hier befindet sich das Krematorium des Lagers. Eine unterirdische Rampe – erst 1944 gebaut, um den Verbrennungsprozess zu beschleunigen – führt vom Gebiet des heutigen Ehrenfriedhofs direkt ins Krematorium. Auf dem Weg dorthin passiert man die beiden Originalsäulen, die einst das Lagertor flankiert haben. Das Krematorium ist recht klein. Auch der Ofen würde einen heutigen, gesunden Mann gerade mal so fassen. Umso mehr verdeutlicht es, wie ausgezehrt die Häftlinge waren, denn es wurden in der Regel drei bis vier Körper gleichzeitig verbrannt. Die Asche wurde aus Kapazitätsgründen schnell auf das dahinterliegende Gebiet verteilt. Teilweise waren die Körper noch nicht vollständig verbrannt. Unser Guide erzählte uns, dass auch in jüngster Zeit noch mit Asche gefüllte Löcher durch die Gärtner gefunden werden.
Wachturm und Rampe zum Krematorium
Einen Teil der menschlichen Asche hat man nach dem Krieg in diesem ältesten Teil der Gedenkstätte zu einer Pyramide aufgeschüttet und mit Gras bewachsen lassen. Ein schlichtes, aber beeindruckendes Mahnmal, das direkt zwischen dem Krematorium und dem Platz der Nationen steht. Hier haben die Nationen der Opfer des Lagers eine Gedenkfläche erbaut, die bis heute regelmäßig von offiziellen Vertretern, letzten Überlebenden und Nachfahren besucht und gepflegt wird.
Umgang mit dem Gedenken nach dem Krieg
Oberhalb des Tals des Todes befindet sich eine kleine Kapelle. Diese wurde erst nach dem Krieg errichtet. Im Innern befinden sich an den Wänden Gedenktafeln der einzelnen Nationen mit den Zahlen der jeweiligen Opfer darauf. Nur stimmen diese Zahlen nicht. Niemand weiß, wie man auf diese Zahlen kam, aber in den 1950er-Jahren wollte man schnell abschließen und hielt diese Zahlen für realistisch. Auch das Kreuz am Altar zeugt von einer gewissen „Geschichtsumschreibung“. Die linke Figurengruppe stellt einen knienden Häftling dar, über dem ein weiterer Häftling steht – ein sogenannter Kapo. Ein Häftling, der die Aufsicht über andere Häftlinge hatte und dafür gewisse Sondervergünstigungen erhielt (z. B. den Besuch im Häftlingsbordell oder größere Nahrungsrationen). Es schaut aus, als ob er den anderen Häftling schlägt. So, als seien die Häftlinge die alleinigen Täter und nicht die SS-Wachmannschaften.
In der Kapelle befindet sich auch die Büste des bekanntesten Inhaftierten von Flossenbürg: Dietrich Bonhoeffer. Der bekannte Theologe und Mitglied des Widerstands wurde hier am 09. April 1945 hingerichtet – nur 14 Tage vor der Befreiung des Lagers durch die US-Armee.
Der Rundgang führt uns vorbei an einer kleinen jüdischen Gedenkstätte, die erst in jüngster Zeit errichtet wurde. Ein schlichter Ort des Gedenkens, der architektonisch beeindruckt und dessen Dachfenster in Form eines Davidsterns bei sonnigem Wetter diesen verzerrt auf die Wand projiziert.
Der Ehrenfriedhof
Es geht nochmals über den Ehrenfriedhof. Nun erfuhren wir, was diesen Friedhof ausmacht. Als klar wurde, dass die Alliierten nicht mehr aufzuhalten sind und man nicht mehr schnell genug alle Inhaftierten töten und verbrennen konnte, ging man mit den Überlebenden auf einen „Evakuierungsmarsch“ (auch Todesmarsch genannt). Nur etwa 1.500 zu schwache Gefangene blieben zurück. Auf diesem Gewaltmarsch starben viele der ohnehin schon ausgemergelten Gefangenen und wurden oft einfach am Wegesrand zurückgelassen. Die Anwohner, die sie fanden, verscharrten sie oft notdürftig an Ort und Stelle. Die amerikanischen Soldaten zwangen dann die Anwohner, die Leichen wieder auszugraben und ordentlich in den Ortschaften zu bestatten. Ende der 1940er- bzw. Anfang der 1950er-Jahre wurden die Verstorbenen wieder exhumiert, und etwa 5.000 von ihnen wurden zurück ins KZ gebracht und hier bestattet. Von den meisten konnten keine Identitäten festgestellt werden, weshalb es nur an wenigen Stellen Namen gibt. Auch die genauen Liegeorte sind schwer auszumachen. Schlagartig wird es einem bewusst, dass man hier auf 5.000 Verstorbenen steht.
Unsere letzte Station führt uns auf den Hügel oberhalb der Wäscherei. Hier befindet sich der Arrestbau. Die Umrisse und Ausmaße sind noch erkennbar, es steht allerdings nur noch ein kleiner Teil. In diesem Teil wurden „besondere Gefangene“ untergebracht, wie die Beteiligten des Attentats vom 20. Juli 1944. In dem abgeschlossenen Hof fanden auch Hinrichtungen statt.
Innenhof des Arrestbereichs
Von hier aus hat man auch einen guten Blick über das Gelände und die Einfamilienhäuser. Diese stehen dort, wo bis 1945 noch die Häftlingsbaracken standen. Nach Kriegsende brachte man im Lager die Flüchtlinge aus den Ostgebieten unter. Als klar wurde, dass sie bleiben würden, wurden für sie diese Häuser gebaut. Mit der dunklen Vergangenheit des Konzentrationslagers wollte man schnell abschließen. Nur die Fläche am Krematorium wurde 1947 zu einer Gedenkstätte umgewidmet. Auf dem restlichen Gelände entstanden Fabrikgebäude. Erst 1995 begann man mit der Errichtung der Gedenkstätte und der Freilegung der noch vorhandenen Bauten.
Und was lernen wir daraus…
Was bleibt, ist ein beeindruckender Ort des Erinnerns. Gerade in der letzten Zeit, wo rechtes Gedankengut wieder gesellschaftsfähig wird und in den sozialen Medien immer häufiger Rufe nach der Wiedereinrichtung von Konzentrationslagern auftauchen, sollte es Pflicht sein, diese Orte des Erinnerns aufzusuchen.
Ich persönlich war nach insgesamt viereinhalb Stunden körperlich und seelisch ziemlich fertig. Den ebenfalls zu besichtigenden Steinbruch habe ich nicht mehr geschafft. Ich muss also noch einmal hin.
Von meinem Bekannten wurde mir gesagt, dass ich unbedingt das Café im Bildungszentrum besuchen solle. Es handelt sich dabei um ein integratives Projekt, und die Kuchen seien sensationell. Ehrlich gesagt, war mir so gar nicht nach Kaffee, Kuchen und gemütlich in der Sonne sitzen – das Gesehene hat mich doch ziemlich berührt. Trotzdem bin ich dem Rat gefolgt, und ich muss sagen: Die Kuchen sind tatsächlich sensationell.
Wer mich kennt wird sicher schon festgestellt haben, dass ich ein Faible für schöne Friedhöfe habe. Diese morbide Leidenschaft hat sich nach einem Besuch in Wien verfestigt, der Hauptstadt der „schönen Leich‘“. Der Frankfurter Hauptfriedhof stand deshalb schon länger auf meiner Liste der geplanten KulTouren. Veranlasst durch den Tod eines Freundes, der mich das eine oder andere Mal auf meinen Touren begleitet hat, und dessen Beisetzung auf eben diesem Friedhof stattfand, habe ich diesen Besuch nun unternommen. Oder sagen wir besser: Ich habe einen ersten Besuch unternommen.
Morbider Charme, der magisch anzieht
Der Friedhof ist so weitläufig und interessant, dass ich definitiv noch einmal hinmuss. Im Vorfeld hatte ich mir einen Plan ausgedruckt, mit dessen Hilfe ich die besonders interessanten Grabstellen aufsuchen wollte. Suchen ist dabei der richtige Begriff. Die Grabstelle Arthur Schopenhauers ist gut ausgeschildert. Die anderen Grabstellen muss man finden. Manchmal hilft dabei auch Google Maps, wie im Falle des Grabes von Marcel Reich-Ranicki. Iin anderen Fällen sucht man lange. Aber man stößt beim Suchen auf so viele schöne Ecken, dass es eine Freude ist. Mein Plan war also eher ein Vorschlag, an dem ich mich orientiert habe.
(Grabstätte von Dr. Heinrich Hoffmann)
Struwwelpeter-Spurensuche
Vor einiger Zeit besuchte ich in der Frankfurter neuen Altstadt das Struwwelpeter-Museum (s. Niedernhausener Anzeiger, Januar 2020). Bei meinem Friedhofsbesuch konnte ich dazu nun eine Verbindung ziehen. Der Schöpfer des Struwwelpeters, der Arzt Dr. Heinrich Hoffmann, ist nämlich hier begraben. Seine letzte Ruhestätte befindet sich direkt an der Alten Mauer um Gewann G. Ebenfalls auf dem Hauptfriedhof begraben liegt Pauline Schmidt. Sie diente als Vorbild der Pauline in der „..gar traurigen Geschichte mit dem Feuerzeug“, auch wenn die wahre Pauline nicht bei einem Brand ums Leben kam, sondern einer Lungenschwindsucht zum Opfer fiel. Beide Gräber sind Ehrengräber der Stadt Frankfurt und werden von dieser gepflegt. Das Grab des „Zappelphilipp“-Vorbilds, Philipp Julius v. Fabricius, habe ich leider bei diesem Besuch nicht gefunden.
Ebenfalls nicht gefunden habe ich die Gräber von Alois Alzheimer (ja, genau der) und der Frankfurter Volksschauspielerin Liesel Christ.
(Gruftenhalle)
Trotzdem habe ich viel entdeckt. Besonders beeindruckend ist dabei die Gruftenhalle von 1828 mit ihren 57 Gruften. Diese sind teilweise in sehr unterschiedlichem Erhaltungszustand, aber die gesamte Anlage ist ehrfurchteinflössend. Im Zweiten Weltkrieg wurde sie teilweise zerstört und anschließend wiederaufgebaut. Dabei wurden einige Gebeine in eine Sammelgruft etwa in der Mitte der Anlage bestattet. Eine Wandtafel weist darauf hin.
Ebenfalls ein Highlight ist das Mausoleum Gans, welches im Innern einen kleinen Blick in das Untergeschoß gewährt.
(im Innern des Mausoleum Gans)
Vergänglichkeit als Kunst
Ohnehin bin ich immer wieder voll Bewunderung für die künstlerische Ausstattung von Grabmalen, Mausoleen und Gedenkstätten. Da tun sich ganze Nachthimmel über einem auf (das Schinkelsche Bühnenbild zur ZAUBERFLÖTE lässt oft grüßen) oder es bewegen lebensechte Figuren die Seele. Aber auch Modernes kann man erspähen. So befindet sich in der unmittelbaren Umgebung des Schopenhauer-Grabes die Begräbnisstätte der „Loge zur Einigkeit“, deren schwarz-goldene Pyramide schon von weitem auffällt. Oder die Anlage des St. Katharinen- und Weißfrauenstifts. Diese stellt in roten abstrakten Stelen die Skyline Frankfurts dar und in deren Mitte die Kirche des Stifts. Diese (sehr gepflegte) Anlage zieht den interessierten Besucher an.
(Einblick in eine Gruft in der Gruftenhalle. Man beachte den Himmel)
Folgen Sie den Schildern….
Beim Besuch des Hauptfriedhofs fallen einem diverse kleine metallene Steck-Schilder an den Gräbern auf. Zum einen sind da die roten Schilder, die auf ein Ehrengrab der Stadt hinweisen. Dann gibt es graue Hinweisschilder, die auf das Grab einer bedeutenden Persönlichkeit hinweisen. Und dann gibt es blaue Schilder, die einen darauf aufmerksam machen, dass es sich hierbei um eine aus Denkmalschutzgründen wichtiges Grab handelt und man für dieses eine Patenschaft übernehmen kann. So kann vieles erhalten bleiben, was sonst dem Verfall völlig preisgegeben wäre. Wobei auch der Verfall seine „schönen“ Seiten hat. Auch diese kann man auf vielfältige Weise auf diesem wunderschönen und weitläufigen Friedhof entdecken.
Wie eingangs erwähnt, wird dies nicht mein letzter Besuch auf dem Frankfurter Hauptfriedhof bleiben. Es gibt noch so einige interessante Grabstätten, die ich aufspüren möchte. Außerdem befinden sich auch zwei jüdische Friedhöfe (der Alte Friedhof an der Rat-Beil-Straße, der sich direkt hinter der erwähnten Gruftenhalle befindet) und der Neue Jüdische Friedhof an der Eckenheimer Landstraße.
Tipps:
Der Friedhof befindet sich an der Eckenheimer Landstraße 194, 60320 Frankfurt am Main.
Man sollte viel Zeit einplanen und neben dem Friedhofsplan auch Google-Maps zur Hand haben, da manche Stellen nur schwer zu finden sind.