Friedhöfe haben im Laufe der Jahrhunderte eine große Wandlung durchgemacht: von reinen Begräbnisstätten hin zum Park und Naherholungsgebiet. Zudem wurden sie aufgrund ihres oft morbiden Charmes als Orte des Horrors verunglimpft (eine ganze Filmindustrie lebt von Horror-B-Movies). Sicherlich hat dazu auch die sizilianische Begräbnistradition, die Toten in offenen „Regalfächern“ aufzubewahren, beigetragen. Heute wird das zwar nicht mehr so gemacht, aber in den Kirchen in Palermo konnte ich noch die Nischen besichtigen, und das Kapuzinerkloster verfügt mit der Kapuzinergruft über eine beeindruckende Begräbnisstätte, in der man diese Tradition noch gut betrachten kann. Selbstverständlich mit dem nötigen Respekt, allerdings auch mit einem gewissen Schauer.
Hier in Deutschland haben wir diese Tradition nicht und viele Friedhöfe sind heute wunderschöne Orte zum Spazierengehen – und zum Kulturerleben. Ich persönlich gehe gerne über Friedhöfe. In München habe ich einmal während eines Gastspiels den Weg zum Hotel über einen Friedhof abgekürzt und stand plötzlich vor dem Grab von Paul Spitzweg.
Geschichte und Geschichten
Grabmäler spiegeln Kulturgeschichte und Begräbniskultur wider. Da findet sich von schlichter Moderne über zarten Jugendstil bis zur Pseudorenaissance fast jede Kunstform. Und man sollte sich die Zeit nehmen, einige Inschriften auf den Grabsteinen zu lesen. Die Geschichten von Leben, Heirat und Tod, die man dort erahnen kann, sind durchaus spannend.
Der 1877 geweihte Wiesbadener Nordfriedhof bietet dazu viele Gelegenheiten. Immer wieder erscheinen hinter Büschen neue kunstvolle Gräber. Aber auch der Verfall hat einen reizvoll morbiden Charme. Und wer mag, kann sich an den Vögeln und Eichhörnchen erfreuen. Auf einer Fläche von 14,5 Hektar wurden bisher ungefähr 85.000 Personen beigesetzt. Geprägt sind die Grabstätten vorwiegend von der wilhelminischen Ära. Historismus und Jugendstil sind die am häufigsten vertretenen Stile.
Ein guter Plan hilft – irgendwie
Schon beim Betreten des Friedhofsgeländes merke ich, dass man hier auf „touristische“ Besucher eingestellt ist. Kaum schaue ich auf meinen Lageplan, da begrüßt mich auch schon ein sehr freundlicher Mitarbeiter der Grünpflege und bietet seine Hilfe an. Ich habe aber einen Plan dabei, den ich mir vorab im Internet heruntergeladen habe. Dieser nennt sich „Engelspaziergang“, ist aber leider nicht genau genug, um die einzelnen Engelsfiguren auch gut finden zu können. Aber es lohnt sich, einfach durch die Gänge zu spazieren und sie selbst zu entdecken. Hier ist der Weg das Ziel und die Entdeckungen am Rande sind ein zusätzlicher Gewinn. Und die Blickachsen, die sich dadurch ergeben, sind schon allein einen Besuch wert.
Man kann sich auch einfach treiben lassen und die schönen Wege genießen. Das habe ich bei weiteren Besuchen bisher immer gemacht. Egal zu welcher Jahreszeit, immer findet man hier Ruhe und entdeckt wieder einen neuen Blickfang. Eine Grabstelle, die man bisher nicht beachtet hat, oder weiteren Verfall. Auch eine neue Blickachse, da mittlerweile ein Baum oder Busch zurückgeschnitten wurde oder einem Sturm zum Opfer fiel. Manchmal findet man auch eine frisch restaurierte Grabstelle, die wieder in alter Pracht erstrahlt. Seit 2001 kümmert sich die Bernhard-von-Wiesen-Stiftung um die Konservierung und Restauration der historischen Grabdenkmäler.
Andererseits kann man sich aber auch einfach nur bei schönem Wetter auf eine Bank setzen und den Vögeln und Eichhörnchen zuschauen. Wenn man Glück hat, kommen die Eichhörnchen auch ganz nah, in der Hoffnung auf eine „zufällig“ herabfallende Nuss.
Wenn man wie ich immer wieder auf den Friedhof geht, dann hat man auch seine Lieblingsecken. In meinem Fall ist das der jüdische Friedhof Platter Straße am nördlichen Rand des Friedhofs. Nach jüdischer Tradition dürfen die Gräber nicht nach einer Ablaufzeit eingeebnet werden, und so findet man hier nicht nur neue Gräber, sondern auch sehr alte und verwitterte. Es herrscht eine friedliche Ruhe. Männer müssen hier allerdings eine Kopfbedeckung aufsetzen. Gerne würde man mehr über einige Schicksale erfahren.
Vergangenheit und Zukunft
Bei meinem ersten Besuch ist mir etwas auf den Grabsteinen aufgefallen. Auf einigen befindet sich ein Bild zweier Hände. Diese Hände erinnern an den Gruß, den der Vulkanier Mr. Spock in der Serie STAR TREK macht („Live long and prosper“). Und tatsächlich gibt es da einen Zusammenhang. Leonard Nimoy war jüdischer Abstammung und brachte diesen Gruß ein. Die Hände weisen auf die aaronitische Priesterschaft hin, die in meist männlicher Linie weitergegeben wird. Die Hände formen den hebräischen Buchstaben Schin. Dieser steht für den Gottesnamen Schaddai (der Allmächtige) und die Priester sprachen mit diesem Handzeichen in der Synagoge den aaronitischen Segen. Auch in der modernen Popkultur und einer solchen Serie stecken also viele interessante Details.
Es gibt auch noch einen zweiten jüdischen Friedhof. Diesen findet man am Hellkundweg, östlich am Nordfriedhof. Dieser gehörte zur Alt-Israelitischen Gemeinde und wurde 1877 von orthodoxen Juden angelegt, denen die liberale Entwicklung der jüdischen Gemeinde Ende des 19. Jahrhunderts zu weit ging. Die letzte Beisetzung fand hier 1942 statt.
Tipps:
Wer die Ruhe und die Schönheit von Friedhöfen erleben möchte, kann dies allein während der Öffnungszeiten tun oder sich zu einer Führung anmelden. Weitere Informationen gibt es hier
Auch die Wikipedia-Seite des Nordfriedhofs liefert viele interessante Informationen, unter anderemzu den beiden Jüdischen Friedhöfen.
Vor Kurzem hatte ich mal wieder den Ordner mit den Familienunterlagen in der Hand. Darunter war auch die Geburtsurkunde meiner Großmutter mütterlicherseits. Dabei fiel mir auf, dass sie als Geburtsort noch „Rixdorf“ stehen hatte.
Rixdorf ist heute der nördliche Teil des Bezirks Neukölln und heißt erst seit 1912 so – genauer gesagt seit dem 27.01.1912, dem 53. Geburtstag von Kaiser Wilhelm II. Der Begriff Rixdorf war zu diesem Zeitpunkt den Behörden zu „unanständig“ geworden, war der Ort doch bekannt für seine „frivole Unterhaltung“. Es war quasi das, was die Reeperbahn für Hamburg ist – ein Amüsierviertel. In ganz Berlin war bekannt, dass in Rixdorf Musike ist. 1920 wurden dann Neukölln, Britz, Buckow und Rudow als Bezirk Neukölln nach Groß-Berlin eingemeindet.
Rixdorfer Geschichte
Die Geschichte von Rixdorf begann aber schon viel früher. Funde belegen, dass hier schon die Neandertaler gejagt haben. Belegt als Ort ist Rixdorf (oder Richardsdorf) dann ab dem Mittelalter, genauer ab 1360. Interessant wurde es ab 1737. In diesem Jahr holte Friedrich Wilhelm I. böhmische Handwerker nach Preußen. Diese mussten aufgrund ihres protestantischen Glaubens auswandern, und Friedrich Wilhelm I. erkannte ihren Wert für Preußen. Hauptsächlich handelte es sich dabei um Weber und ihre Familien – insgesamt 350 Personen. Und so existierten ab dieser Zeit Deutsch-Rixdorf und Böhmisch-Rixdorf. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Bevölkerung dann sprunghaft. Waren es 1805 noch 319 Einwohner in Böhmisch-Rixdorf und 376 in Deutsch-Rixdorf, so waren es 1858 schon 1.014 Einwohner in Böhmisch-Rixdorf und 2.823 in Deutsch-Rixdorf. Zur Gemeinde Rixdorf wurden sie dann am 11.07.1873 vereint, und am 01.04.1899 bekam Rixdorf das Stadtrecht.
Und hier wurde nun am 19.11.1911 meine Großmutter geboren. Mein Großvater, der am 06.01.1913 geboren wurde, war dann schon ein waschechter Neuköllner.
Überall Kindheitserinnerungen
Als Kind war ich immer im Dezember mit meiner Mutter auf dem Rixdorfer Weihnachtsmarkt. Das war ein besonders stimmungsvoller Weihnachtsmarkt, und schon damals fiel mir die Besonderheit des Ortes auf. Auf einem Ausflug mit der Grundschule lernte ich dann etwas mehr über Rixdorf, und daran habe ich mich jetzt wieder erinnert. Diesen Ausflug wollte ich jetzt noch einmal machen.
So stand ich also an einem Dienstag auf der lauten und ziemlich dreckigen Karl-Marx-Straße, um diesen anderen Neuköllner Ort für mich wiederzuentdecken. Es gibt verschiedene Straßen, die man nehmen kann, um das alte Rixdorf zu erreichen. Ich wählte den Weg über den Karl-Marx-Platz. Dieser wirkt wie ein Trichter: An der belebten Karl-Marx-Straße ist er noch breit und laut, und am unteren Ende ist er eng. Je weiter man in den Trichter hineingeht, desto ruhiger wird es. Wer mit offenen Augen entlangläuft, bemerkt rechts zwischen den Häusern einen schmalen Durchgang mit einem eisernen Tor. Hier versteckt sich einer der Zugänge zum Böhmischen Gottesacker. Er wurde 1751 geweiht und ist damit Berlins zweitältester noch benutzter Friedhof. Leider war das Tor verschlossen. Schade.
Also ging ich erst einmal weiter. Am Ende des Karl-Marx-Platzes öffnet sich der „Trichter“ wieder, und plötzlich steht man auf dem Richardplatz – und in einer scheinbar anderen Stadt. Ist das noch das Neukölln, das wir alle aus der Presse oder aus eigener Erfahrung kennen? Nein, ganz augenscheinlich nicht. Da stehen wir auf einem Dorfanger. Alles ist grün und lichtdurchflutet. Und auffällig ruhig. Auf der linken Seite befindet sich die Villa Rixdorf mit ihrem lauschigen Biergarten, und mitten auf dem Platz steht ein Kiosk, der aussieht wie ein kleiner antiker Pavillon. An der Ecke zur Richardstraße zeigt mir ein Hinweisschild, dass es hier zum Böhmischen Dorf geht. Ich folge diesem Hinweis und gehe links hinein. Nach gut 200 Metern stehe ich vor einigen kleinen, alten Häusern. An der Ecke zur Kirchgasse steht ein Gedenkstein für Johann Amos Comenius (1592–1670), einen Bischof der Böhmischen Brüder. Er wird mir heute noch einmal begegnen.
Bin ich wirklich noch in Neukölln?
Ich biege zunächst rechts in die Kirchgasse ein. Diese hieß früher eigentlich Enge Gasse (ich sehe auch wenig später, warum), und auch der ehemalige böhmische Name (Malá Ulička) steht noch über dem Straßenschild. Die Straße führt direkt auf einen kleinen Platz. Hier befindet sich die ehemalige Schule (Nr. 5), in der sich heute das kleine Museum befindet. Auch hier hatte ich wieder schlechtes Timing, denn es war an diesem Tag geschlossen. Auf dem Platz steht ein Standbild von Friedrich Wilhelm I., der die Böhmen nach Preußen geholt hatte. Auf der Seite sieht man eine Tafel mit den ankommenden Menschen, und auf der Rückseite ist die Inschrift „Die dankbaren Nachkommen der hier aufgenommenen Böhmen“.
Ich gehe weiter durch die Kirchgasse, die hier einen Knick nach links macht. Und dann weiß ich auch ganz genau, warum sie einmal Enge Gasse hieß. Denn hier wird es wirklich eng. Auf der linken Seite hat man die Rückseiten der Höfe an der Richardstraße, und auf der rechten Seite reiht sich ein kleines Häuschen mit idyllischem Garten an das nächste. Ich bin in einem Dorf und ganz sicher nicht mehr in Berlin-Neukölln.
Am Ende der Gasse befindet sich schließlich ein Neubau. Hier hat die Bethlehemsgemeinde heute ihr Gemeindehaus. Etwas weiter, wieder an der Richardstraße, befindet sich der alte Kirchsaal mit seinem kleinen hölzernen Glockenturm. Die böhmische Bevölkerung teilte sich nach der Ankunft in Rixdorf in drei Gemeinden auf: die Herrnhuter Brüdergemeine (falls Ihr jetzt an die berühmten Sterne zur Weihnachtszeit denkt, denkt Ihr richtig), die Reformierte und die Lutherische Kirche. Alle drei sind bis heute hier vertreten.
Technikgeschichte
Ich gehe wieder zurück zur Richardstraße. Hier endet der historisch böhmische Teil. Ein anderes, später errichtetes Gebäude weckt hier meine Aufmerksamkeit – das ehemalige Umspannwerk Neukölln. Ein roter Backsteinbau, der 1926–1928 erbaut wurde und bis 1973 in Betrieb war. Heute steht er unter Denkmalschutz.
Jetzt schaue ich mir die böhmischen Häuser in der Richardstraße genauer an. Alle sehr gepflegt. Überhaupt stelle ich fest, dass es in diesem Kiez auffällig sauber ist. Es sind auch komplett andere Menschen als in der nur wenige Meter entfernten Karl-Marx-Straße unterwegs. Ich muss mir immer wieder in Erinnerung rufen, dass ich hier tatsächlich im sogenannten Problembezirk bin.
Entspannte Pausen-Oase
Nach einem Zwischenstopp in einem kleinen Laden mit antiquarischen Büchern zu sensationell günstigen Preisen gehe ich rüber zum Comeniusgarten (da ist Comenius wieder). Eine Oase mitten in der Stadt. Noch einmal wird es ruhiger. Dem Besucher eröffnet sich eine Naturoase mitten in der Großstadt. Und alles ist so toll gepflegt. Kneift mich, bin ich wirklich noch in Neukölln? Gleich hinter dem Eingang befindet sich eine dreieckige Fläche, an deren Ecken jeweils ein Gegenstand steht: ein Mikroskop, ein Teleskop und ein Spiegel. Eine sehr nette Mitarbeiterin erklärt mir, dass es sich hierbei um „Das Auge Gottes“ handelt. Am Ende des Artikels findet Ihr wie immer ein paar Tipps und Links. Dort könnt Ihr mehr darüber erfahren. Im Übrigen ist der ganze Garten so angelegt, dass er den Lebensweg von Comenius symbolisch darstellt. Ich habe hier eine kleine Pause eingelegt und die Ruhe dieses Ortes sehr genossen.
Was es dort allerdings nicht gab, war etwas zu trinken. Daher bin ich zurück zum Richardplatz und zur Villa Rixdorf gegangen, wo ich dann auf der Terrasse meine Pause fortgesetzt habe. Hier kann man übrigens noch einige Berliner Spezialitäten wie Eisbein oder Leber „Berliner Art“ essen.
Nach der kleinen Pause geht es weiter. Ich gehe weiter über den Richardplatz, den ehemaligen Dorfanger. Mitten auf dem Platz (dem alten Dorfanger von Deutsch-Rixdorf) befindet sich die Alte Schmiede. In unserer Familie finden sich diverse Hufeisen, die wir auf dem Rixdorfer Weihnachtsmarkt hier erstanden haben und die unsere Initialen tragen. Eines hängt bis heute bei meiner Mutter in meinem ehemaligen Zimmer über der Tür. So eine Schmiede ist schon etwas Faszinierendes. Und die alte Dorfschmiede von Rixdorf ist bis heute in Betrieb. Nicht nur als Attraktion zum Weihnachtsmarkt, sondern ganzjährig. Man kann dort Schmiedekurse belegen, geschmiedete Leuchter, Messer und Schmuck kaufen und auch Unikate anfertigen lassen. Wie schön, wenn solches Handwerk heute noch gepflegt wird.
Altes Handwerk in modernen Zeiten
Weiter geht es. Direkt hinter der Schmiede befindet sich ein Hof mit Ställen. Am Eingang prangt ein Schild mit der Aufschrift: „Gustav Schöne – Fuhrbetrieb“. Direkt am Eingang steht – sehr dekorativ – eine alte Tanksäule. Schon als Kind wollte ich hier immer hin, denn in den Ställen standen Pferde. Heute stehen sie in der Lüneburger Heide und genießen ihr Leben (vor dem Haus ist ein Schaukasten mit Bildern davon). Auch gibt es den Fuhrbetrieb so nicht mehr. Aber ein sehr netter junger Mann erzählt mir, dass die alten Kutschen noch da sind. Allerdings so zugestellt, dass man sie so ohne Weiteres nicht sehen kann. Schade. Denn in einer dieser Kutschen sind meine Eltern 1970 zu ihrer Hochzeit gefahren. Die hätte ich mir doch sehr gerne noch einmal angeschaut.
Weiter geht es an einigen alten, aber leider auch an einigen sehr unschönen neuen Häusern vorbei. Es lohnt sich aber, sich das eine oder andere genauer anzuschauen. Auch wird man feststellen, dass es immer wieder kleine Seitendurchgänge gibt.
Die Dorfkirche
Am Ende des Dorfangers steht noch ein kleines Highlight: die Bethlehemskirche. Dabei handelt es sich um die alte Dorfkirche von Rixdorf. Ich habe verschiedene Daten gefunden, wann diese Kirche tatsächlich erbaut wurde. Sagen wir einfach: grob zwischen 1420 und 1460. Von diesem Ursprungsbau ist heute noch ein Teil der Außenmauer vorhanden. Im Dreißigjährigen Krieg brannte sie nieder (1639), wurde wieder aufgebaut und erhielt einen hölzernen Kirchturm. 1757 erfolgte noch einmal ein Umbau, und aus dem hölzernen Turm wurde ein steinerner. Als 1737 die ersten böhmischen Einwanderer kamen, fanden hier auch sofort böhmische Gottesdienste statt, da der Aufbau eigener Kirchengebäude noch etwas Zeit brauchte. Ab dem 19. Jahrhundert nutzte eine der drei böhmischen Gemeinden die Bethlehemskirche regelmäßig.
Ich hatte das Glück, dass ein sehr freundlicher älterer Herr aus der Gemeinde zugegen war und mir mit viel Leidenschaft von der Kirchen- und Dorfgeschichte erzählte. So erklärte er mir, dass der Innenraum ursprünglich komplett weiß war – inklusive der Bestuhlung, der Kanzel und des Altars, wie es in böhmischen Gemeinden üblich ist. Erst in den 1930er Jahren unter der Naziherrschaft wurde das in die heutige Form geändert. Man fand es nicht mehr „passend“ und „deutsch“ genug. Schade, denn ich konnte auf einem Foto sehen, wie es ursprünglich ausgesehen hat. Und es hatte eine sehr freundliche und luftige Anmutung.
Zurück in der hektischen Großstadt
Mit der Dorfkirche war mein Erkundungsrundgang beendet. Auf dem Rückweg zur Karl-Marx-Straße versuchte ich noch einmal mein Glück beim Böhmischen Gottesacker, aber leider war auch die zweite Pforte verschlossen. Diesen Besuch muss ich also ein anderes Mal nachholen. Ehrlich gesagt war ich auch ziemlich müde.
Wieder auf der lauten Karl-Marx-Straße zu stehen und den vollen U-Bahnhof zu betreten, war in gewisser Weise ein kleiner Schock. In den letzten vier Stunden war ich gefühlt in einer komplett anderen Stadt. In Rixdorf fühlt sich alles sehr dörflich an. Es ist ruhig, auffallend sauber für Neukölln und sehr entspannt. Aufgrund von verkehrsberuhigenden Maßnahmen hat man kaum fahrende Autos. Was man aber immer wieder hört, ist Kinderlachen. Denn hier gibt es jede Menge Spielplätze. Ein sehr lebendiger Kiez, den man unbedingt mal gesehen haben sollte.
Tipps
Hier der Link zum Comeniusgarten, wo Ihr mehr über die Gestaltung und „Das Auge Gottes“ erfahrt.
Über die Geschichte Rixdorfs erfahrt Ihr hier und hier mehr.
Man kann auch über kleine Seitenstraßen nach Böhmisch-Rixdorf gelangen (z. B. über die Herrnhuter Straße direkt am U-Bahnhof Karl-Marx-Straße). Ich empfehle aber noch ein Stück weiter südlich den Zugang über den Karl-Marx-Platz.
Seit ich in Hessen wohne, gab es zwei Orte, die ich unbedingt besuchen wollte: die Saalburg und das Freilichtmuseum Hessenpark. Zumindest letzteren habe ich nach neun Jahren nun endlich betreten.
Der richtige Zeitpunkt
Als Besuchstag habe ich mir einen weitestgehend sonnigen Freitag in den Schulferien ausgesucht und dementsprechend mit einem großen Andrang gerechnet. Ich hatte mich geirrt. Es war relativ leer bzw. die Besucher verteilten sich auf dem weitläufigen Gelände. Das war aber auch ganz gut. So kam man in die naturgemäß engen historischen Gebäude gut hinein und die Besucher blockierten sich nicht gegenseitig. Leider gab es dadurch aber auch nur recht wenige Vorführungen. Man kann nicht alles haben. Die Vorführungen werden von Ehrenamtlichen gemacht, und die können nun mal nicht jeden Tag. Sehr interessant war aber der anwesende Seiler, der auf einer kleinen Reeperbahn das Handwerk zeigte und Kinder ihre eigenen Springseile herstellen ließ.
Vom Haupteingang gelangt man nach ein paar Metern auf einen schönen, weitläufigen Marktplatz. Hier befinden sich diverse Geschäfte: eine Bäckerei mit Landbrot und herrlichen Blechkuchen, ein Laden mit Wurstwaren, Läden mit diversen Handwerksartikeln und auch ein Hotel, in dem man zudem übernachten kann. Alle befinden sich in historischen Häusern, die man vor dem Abbruch gerettet und von ihrem ursprünglichen Standort in das Freilichtmuseum umgesetzt hat. In einem Hinterhof fand gerade eine Hochzeitsfeier mit Live-Musik statt. Denn im historischen Standesamt kann man auch heiraten.
Leidenschaft für Bücher
Besonderes Interesse hatte ich an der Druckerei. Leider war sie an diesem Tag nicht besetzt und auch die kleine Ausstellung war nicht zugänglich, obwohl es sogar einen Handzettel gibt, der einem den Rundgang erklärt. Schade, denn als Enkelin eines Druckers und ehemalige Studentin der Bibliothekswissenschaften mit einer Vorliebe für alte Drucke wäre das mein Highlight gewesen.
Ganz Hessen auf 65 Hektar
Die ganze Anlage ist in verschiedene geographische Bereiche gegliedert. Neben dem bereits erwähnten Marktplatz gibt es noch die Baugruppen Nordhessen, Osthessen, Mittelhessen, Rhein-Main, Südhessen und Werkstätten. Man findet alles von alten Bauernhöfen über Schulen, Kirchen und Gutshäuser bis zu Werkstätten und Ställen. Einige Gebäude sind auch im Innern im Originalzustand, andere sind mit kleinen Ausstellungen „bewohnt“ und innen relativ modern. So befindet sich in einem Haus eine Ausstellung zur Motorradmarke Horex, die aus Bad Homburg stammt. Diese Motorräder kenne ich seit meiner Kindheit, da ich einen Onkel hatte, der im Horex-Club war und damit immer wieder Ausfahrten machte – gerne auch mit Beiwagen. Zudem findet man einen Bauerngarten, eine alte Gärtnerei und diverse Nutzflächen mit Tieren. Hierbei handelt es sich vorwiegend um alte Rassen wie das Deutsche Sattelschwein oder das Vogelsberger Höhenvieh.
Immer Neues zu entdecken
Das Freilichtmuseum Hessenpark wurde 1974 gegründet und befindet sich auf einer Fläche von 65 Hektar. Die Sammlung wird seit der Gründung ständig erweitert. Neue alte Häuser kommen dazu (aktuell waren auch einige Gebäude im Bau, darunter eine historische Tankstelle). Neben den Gebäuden gibt es auch über 200.000 Objekte des Alltagslebens. Dabei ist eine kleine Ausstellung, in der quasi frühes Upcycling betrieben wurde, besonders spannend. Da wurden dann z. B. aus nicht mehr gebrauchten Stahlhelmen Nudelsiebe. Not macht erfinderisch. Wenn man sich einmal alt fühlen möchte, muss man sich nur die Sammlung zur Telekommunikation ansehen. Die dort gezeigten Telefonmodelle wecken Erinnerungen. Neben diversen Telefonen findet man sogar einen originalen C64.
Das Freilichtmuseum ist einen Ausflug wert. Besonders für Familien ist es zu empfehlen. Die Großeltern werden aus dem „Das habe ich damals auch benutzt“-Modus nicht mehr rauskommen. Die Eltern werden denken: „Haben wir das wirklich mal gebraucht?“, und die Kinder können vieles entdecken und oft sogar spielerisch erfahren. So macht Geschichte Spaß. Und zugegeben: So wurde ich schon als Kind an Geschichte herangeführt. Und wenn es allen zu viel ist, dann lässt man sich in der Baugruppe Nordhessen nieder, trinkt etwas und schaut den Kindern beim Spielen zu.
Wenn man viel erleben will, ist man wahrscheinlich am Wochenende besser bedient, wenn die Vorführungen stattfinden. Wenn man lieber selbst in Ruhe erkundet, empfiehlt sich ein Wochentag außerhalb der Ferien.
Die Geschäfte am Markt bieten schöne Leckereien wie Wurst, Brot und Kuchen. Das kann man gleich für das Abendessen einplanen. Man sollte allerdings gleich zu Beginn einkaufen und die Sachen mit sich führen, da sie sehr beliebt und daher schnell ausverkauft sind.
Der Schau- und Sichtungsgarten Hermannshof e.V. in Weinheim
Besucht am 12.07.2025
Vor Kurzem erzählte mir ein Kollege und lieber Freund, er wolle mal wieder nach Weinheim, um sich im Schau- und Sichtungsgarten Hermannshof umzuschauen. Da er selbst ein großer Gartenfreund ist und sein Umfeld immer wieder mit wunderschönen Fotos aus seiner eigenen grünen Oase erfreut, wollte ich mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen, mit einem solchen Kenner einen Ausflug zu machen.
Weinheim ist mit dem Auto eine knappe Stunde von mir entfernt und über die Autobahnen A3, A77 und A5 gut zu erreichen. Auch mit dem Wetter hatten wir großes Glück. Da wir an einem Samstag unterwegs waren, sind wir schon früh gestartet, was sich bei der Parkplatzsuche vor Ort als richtige Entscheidung erwies.
Gartentradition von der Familie zur Stiftung
1888 erwarb der Unternehmer Hermann-Ernst Freudenberg das 2,3 ha große Anwesen in Weinheim als Wohnsitz. Zusammen mit seiner Frau trug der pflanzenbegeisterte Namensgeber diverse seltene Gehölze zusammen – eine Leidenschaft, die er auch an die nachfolgenden Generationen vererbte. Im Jahre 1924 begann der Gartenarchitekt Prof. Heinrich Wiepking-Jürgensmann mit der Umgestaltung im architektonischen Stil, der heute noch das Gesamtbild prägt. Nachdem ab 1970 kein Familienmitglied mehr das Anwesen bewohnte, übernahm die Firma Freudenberg das Gelände und machte es 1983 als Schau- und Sichtungsgarten für die Öffentlichkeit kostenlos zugänglich.
Grüne Oase
Vorweg: Es wird nicht mein letzter Besuch gewesen sein. Parks und Gärten wechseln im Jahreszyklus ständig ihr Aussehen, sodass man immer wieder Neues entdecken kann. Das ist auch der Grund, warum ich schon zu jeder Jahreszeit auf der Insel Mainau war – sie verliert einfach nie ihren Reiz. Ebenso verhält es sich hier. Sprichwörtlich hinter jedem Baum und Strauch gibt es etwas zu entdecken. Es grünt, blüht und summt überall. Stellenweise kann man sich in der Pracht völlig verlieren. Und das ist durchaus wörtlich gemeint …
Überall laden kleine Ruheinseln zum Verweilen ein. Da steht eine Bank in einem wunderschönen Laubengang und gibt den Blick auf bienenumschwirrte Disteln frei, ohne dass man selbst sofort den Blicken anderer ausgesetzt ist. Eine weitere Bank unter alten Bäumen lädt zum Rasten ein, und eine kleine Terrasse mit rustikalen Tischen bittet zur Brotzeit. Zudem liegt im Zentrum des Gartens ein kleiner Teich mit Seerosen. Dieser grenzt direkt an eine große Wiese, auf der versprengte Stühle stehen und die Kinder zum Toben einlädt.
Geniessen und lernen
Der Garten ist aber nicht nur zur Erholung gedacht. Dem Pflanzenfreund (und dem, der es werden will) helfen kleine Schilder mit den jeweiligen Namen bei der Orientierung. Zudem sind die einzelnen Bereiche nach Lebensräumen bepflanzt. So kann man gezielte Inspiration für das eigene Zuhause sammeln. Auch aktuellen Klimaentwicklungen wird Rechnung getragen, indem dort schon vor langer Zeit ein Bereich mit Pflanzen gestaltet wurde, die an die trockeneren Wachstumsbedingungen in unseren Breiten angepasst sind. Wer will, kann sich hier also nicht nur der Schönheit hingeben und genießen, sondern ganz nebenbei auch eine Menge lernen.
Da die Anlage über eine eigene Gärtnerei verfügt, besteht die Möglichkeit, Pflanzen zu erwerben. Dabei handelt es sich teilweise um neue Züchtungen, aber auch um Altbekanntes. Im angeschlossenen Laden kann man sogar kleine Samentütchen kaufen – eine freundliche Beratung gibt es inklusive. Und das alles für recht kleines Geld. Leider habe ich selbst keinen Garten, aber für meinen Balkon habe ich zwei Pflanzen (eine Taglilie und eine Ballonblume) sowie Saatgut mitgenommen. Schauen wir mal, wie das im kommenden Jahr aussieht.
Zum Abschluss ein Eis
Wir sind den Gartenwegen von außen nach innen kreisförmig gefolgt. Man kann sich aber auch einfach intuitiv treiben lassen. Einen Besuch ist der Hermannshof auf jeden Fall wert. Zum Abschluss sollte man unbedingt noch einen kleinen Spaziergang in die pittoreske Innenstadt von Weinheim unternehmen. Als mein Kollege vom besten Salz-Karamell-Eis schwärmte, hat er definitiv nicht untertrieben…
Tipps
Der Schau- und Sichtungsgarten ist ganzjährig geöffnet und bietet zu jeder Jahreszeit einen interessanten Einblick in die Möglichkeiten der Gartengestaltung. https://sichtungsgarten-hermannshof.de/