Schlagwort: Friedhof

  • Ein Spaziergang – der Wiesbadener Nordfriedhof

    Ein Spaziergang – der Wiesbadener Nordfriedhof

    Im Wandel

    Friedhöfe haben im Laufe der Jahrhunderte eine große Wandlung durchgemacht: von reinen Begräbnisstätten hin zum Park und Naherholungsgebiet. Zudem wurden sie aufgrund ihres oft morbiden Charmes als Orte des Horrors verunglimpft (eine ganze Filmindustrie lebt von Horror-B-Movies). Sicherlich hat dazu auch die sizilianische Begräbnistradition, die Toten in offenen „Regalfächern“ aufzubewahren, beigetragen. Heute wird das zwar nicht mehr so gemacht, aber in den Kirchen in Palermo konnte ich noch die Nischen besichtigen, und das Kapuzinerkloster verfügt mit der Kapuzinergruft über eine beeindruckende Begräbnisstätte, in der man diese Tradition noch gut betrachten kann. Selbstverständlich mit dem nötigen Respekt, allerdings auch mit einem gewissen Schauer.

    Hier in Deutschland haben wir diese Tradition nicht und viele Friedhöfe sind heute wunderschöne Orte zum Spazierengehen – und zum Kulturerleben. Ich persönlich gehe gerne über Friedhöfe. In München habe ich einmal während eines Gastspiels den Weg zum Hotel über einen Friedhof abgekürzt und stand plötzlich vor dem Grab von Paul Spitzweg.

    Geschichte und Geschichten

    Grabmäler spiegeln Kulturgeschichte und Begräbniskultur wider. Da findet sich von schlichter Moderne über zarten Jugendstil bis zur Pseudorenaissance fast jede Kunstform. Und man sollte sich die Zeit nehmen, einige Inschriften auf den Grabsteinen zu lesen. Die Geschichten von Leben, Heirat und Tod, die man dort erahnen kann, sind durchaus spannend.

    Der 1877 geweihte Wiesbadener Nordfriedhof bietet dazu viele Gelegenheiten. Immer wieder erscheinen hinter Büschen neue kunstvolle Gräber. Aber auch der Verfall hat einen reizvoll morbiden Charme. Und wer mag, kann sich an den Vögeln und Eichhörnchen erfreuen. Auf einer Fläche von 14,5 Hektar wurden bisher ungefähr 85.000 Personen beigesetzt. Geprägt sind die Grabstätten vorwiegend von der wilhelminischen Ära. Historismus und Jugendstil sind die am häufigsten vertretenen Stile.

    Ein guter Plan hilft – irgendwie

    Schon beim Betreten des Friedhofsgeländes merke ich, dass man hier auf „touristische“ Besucher eingestellt ist. Kaum schaue ich auf meinen Lageplan, da begrüßt mich auch schon ein sehr freundlicher Mitarbeiter der Grünpflege und bietet seine Hilfe an. Ich habe aber einen Plan dabei, den ich mir vorab im Internet heruntergeladen habe. Dieser nennt sich „Engelspaziergang“, ist aber leider nicht genau genug, um die einzelnen Engelsfiguren auch gut finden zu können. Aber es lohnt sich, einfach durch die Gänge zu spazieren und sie selbst zu entdecken. Hier ist der Weg das Ziel und die Entdeckungen am Rande sind ein zusätzlicher Gewinn. Und die Blickachsen, die sich dadurch ergeben, sind schon allein einen Besuch wert.

    Man kann sich auch einfach treiben lassen und die schönen Wege genießen. Das habe ich bei weiteren Besuchen bisher immer gemacht. Egal zu welcher Jahreszeit, immer findet man hier Ruhe und entdeckt wieder einen neuen Blickfang. Eine Grabstelle, die man bisher nicht beachtet hat, oder weiteren Verfall. Auch eine neue Blickachse, da mittlerweile ein Baum oder Busch zurückgeschnitten wurde oder einem Sturm zum Opfer fiel. Manchmal findet man auch eine frisch restaurierte Grabstelle, die wieder in alter Pracht erstrahlt. Seit 2001 kümmert sich die Bernhard-von-Wiesen-Stiftung um die Konservierung und Restauration der historischen Grabdenkmäler.

    Andererseits kann man sich aber auch einfach nur bei schönem Wetter auf eine Bank setzen und den Vögeln und Eichhörnchen zuschauen. Wenn man Glück hat, kommen die Eichhörnchen auch ganz nah, in der Hoffnung auf eine „zufällig“ herabfallende Nuss.

    Wenn man wie ich immer wieder auf den Friedhof geht, dann hat man auch seine Lieblingsecken. In meinem Fall ist das der jüdische Friedhof Platter Straße am nördlichen Rand des Friedhofs. Nach jüdischer Tradition dürfen die Gräber nicht nach einer Ablaufzeit eingeebnet werden, und so findet man hier nicht nur neue Gräber, sondern auch sehr alte und verwitterte. Es herrscht eine friedliche Ruhe. Männer müssen hier allerdings eine Kopfbedeckung aufsetzen. Gerne würde man mehr über einige Schicksale erfahren.

    Vergangenheit und Zukunft

    Bei meinem ersten Besuch ist mir etwas auf den Grabsteinen aufgefallen. Auf einigen befindet sich ein Bild zweier Hände. Diese Hände erinnern an den Gruß, den der Vulkanier Mr. Spock in der Serie STAR TREK macht („Live long and prosper“). Und tatsächlich gibt es da einen Zusammenhang. Leonard Nimoy war jüdischer Abstammung und brachte diesen Gruß ein. Die Hände weisen auf die aaronitische Priesterschaft hin, die in meist männlicher Linie weitergegeben wird. Die Hände formen den hebräischen Buchstaben Schin. Dieser steht für den Gottesnamen Schaddai (der Allmächtige) und die Priester sprachen mit diesem Handzeichen in der Synagoge den aaronitischen Segen. Auch in der modernen Popkultur und einer solchen Serie stecken also viele interessante Details.

    Es gibt auch noch einen zweiten jüdischen Friedhof. Diesen findet man am Hellkundweg, östlich am Nordfriedhof. Dieser gehörte zur Alt-Israelitischen Gemeinde und wurde 1877 von orthodoxen Juden angelegt, denen die liberale Entwicklung der jüdischen Gemeinde Ende des 19. Jahrhunderts zu weit ging. Die letzte Beisetzung fand hier 1942 statt.


    Tipps:

    • Wer die Ruhe und die Schönheit von Friedhöfen erleben möchte, kann dies allein während der Öffnungszeiten tun oder sich zu einer Führung anmelden. Weitere Informationen gibt es hier
    • Auch die Wikipedia-Seite des Nordfriedhofs liefert viele interessante Informationen, unter anderemzu den beiden Jüdischen Friedhöfen.
    • Auf der Seite https://juedische-geschichte-wiesbaden.de/ findet man Projekte der Jüdischen Gemeinde Wiesbaden.

  • Ein Besuch auf dem Hauptfriedhof Frankfurt

    Ein Besuch auf dem Hauptfriedhof Frankfurt

    Wer mich kennt wird sicher schon festgestellt haben, dass ich ein Faible für schöne Friedhöfe habe. Diese morbide Leidenschaft hat sich nach einem Besuch in Wien verfestigt, der Hauptstadt der „schönen Leich‘“. Der Frankfurter Hauptfriedhof stand deshalb schon länger auf meiner Liste der geplanten KulTouren. Veranlasst durch den Tod eines Freundes, der mich das eine oder andere Mal auf meinen Touren begleitet hat, und dessen Beisetzung auf eben diesem Friedhof stattfand, habe ich diesen Besuch nun unternommen. Oder sagen wir besser: Ich habe einen ersten Besuch unternommen.

    Morbider Charme, der magisch anzieht

    Der Friedhof ist so weitläufig und interessant, dass ich definitiv noch einmal hinmuss. Im Vorfeld hatte ich mir einen Plan ausgedruckt, mit dessen Hilfe ich die besonders interessanten Grabstellen aufsuchen wollte. Suchen ist dabei der richtige Begriff. Die Grabstelle Arthur Schopenhauers ist gut ausgeschildert. Die anderen Grabstellen muss man finden. Manchmal hilft dabei auch Google Maps, wie im Falle des Grabes von Marcel Reich-Ranicki. Iin anderen Fällen sucht man lange. Aber man stößt beim Suchen auf so viele schöne Ecken, dass es eine Freude ist. Mein Plan war also eher ein Vorschlag, an dem ich mich orientiert habe.

             (Grabstätte von Dr. Heinrich Hoffmann)

    Struwwelpeter-Spurensuche

    Vor einiger Zeit besuchte ich in der Frankfurter neuen Altstadt das Struwwelpeter-Museum (s. Niedernhausener Anzeiger, Januar 2020). Bei meinem Friedhofsbesuch konnte ich dazu nun eine Verbindung ziehen. Der Schöpfer des Struwwelpeters, der Arzt Dr. Heinrich Hoffmann, ist nämlich hier begraben. Seine letzte Ruhestätte befindet sich direkt an der Alten Mauer um Gewann G. Ebenfalls auf dem Hauptfriedhof begraben liegt Pauline Schmidt. Sie diente als Vorbild der Pauline in der „..gar traurigen Geschichte mit dem Feuerzeug“, auch wenn die wahre Pauline nicht bei einem Brand ums Leben kam, sondern einer Lungenschwindsucht zum Opfer fiel. Beide Gräber sind Ehrengräber der Stadt Frankfurt und werden von dieser gepflegt. Das Grab des „Zappelphilipp“-Vorbilds, Philipp Julius v. Fabricius, habe ich leider bei diesem Besuch nicht gefunden.

    Ebenfalls nicht gefunden habe ich die Gräber von Alois Alzheimer (ja, genau der) und der Frankfurter Volksschauspielerin Liesel Christ.

    (Gruftenhalle)

    Trotzdem habe ich viel entdeckt. Besonders beeindruckend ist dabei die Gruftenhalle von 1828 mit ihren 57 Gruften. Diese sind teilweise in sehr unterschiedlichem Erhaltungszustand, aber die gesamte Anlage ist ehrfurchteinflössend. Im Zweiten Weltkrieg wurde sie teilweise zerstört und anschließend wiederaufgebaut. Dabei wurden einige Gebeine in eine Sammelgruft etwa in der Mitte der Anlage bestattet. Eine Wandtafel weist darauf hin.

    Ebenfalls ein Highlight ist das Mausoleum Gans, welches im Innern einen kleinen Blick in das Untergeschoß gewährt.

    (im Innern des Mausoleum Gans)

    Vergänglichkeit als Kunst

    Ohnehin bin ich immer wieder voll Bewunderung für die künstlerische Ausstattung von Grabmalen, Mausoleen und Gedenkstätten. Da tun sich ganze Nachthimmel über einem auf (das Schinkelsche Bühnenbild zur ZAUBERFLÖTE lässt oft grüßen) oder es bewegen lebensechte Figuren die Seele. Aber auch Modernes kann man erspähen. So befindet sich in der unmittelbaren Umgebung des Schopenhauer-Grabes die Begräbnisstätte der „Loge zur Einigkeit“, deren schwarz-goldene Pyramide schon von weitem auffällt. Oder die Anlage des St. Katharinen- und Weißfrauenstifts. Diese stellt in roten abstrakten Stelen die Skyline Frankfurts dar und in deren Mitte die Kirche des Stifts. Diese (sehr gepflegte) Anlage zieht den interessierten Besucher an.

    (Einblick in eine Gruft in der Gruftenhalle. Man beachte den Himmel)

    Folgen Sie den Schildern….

    Beim Besuch des Hauptfriedhofs fallen einem diverse kleine metallene Steck-Schilder an den Gräbern auf. Zum einen sind da die roten Schilder, die auf ein Ehrengrab der Stadt hinweisen. Dann gibt es graue Hinweisschilder, die auf das Grab einer bedeutenden Persönlichkeit hinweisen. Und dann gibt es blaue Schilder, die einen darauf aufmerksam machen, dass es sich hierbei um eine aus Denkmalschutzgründen wichtiges Grab handelt und man für dieses eine Patenschaft übernehmen kann. So kann vieles erhalten bleiben, was sonst dem Verfall völlig preisgegeben wäre. Wobei auch der Verfall seine „schönen“ Seiten hat. Auch diese kann man auf vielfältige Weise auf diesem wunderschönen und weitläufigen Friedhof entdecken.

    Wie eingangs erwähnt, wird dies nicht mein letzter Besuch auf dem Frankfurter Hauptfriedhof bleiben. Es gibt noch so einige interessante Grabstätten, die ich aufspüren möchte. Außerdem befinden sich auch zwei jüdische Friedhöfe (der Alte Friedhof an der Rat-Beil-Straße, der sich direkt hinter der erwähnten Gruftenhalle befindet) und der Neue Jüdische Friedhof an der Eckenheimer Landstraße.



    Tipps:

    Der Friedhof befindet sich an der Eckenheimer Landstraße 194, 60320 Frankfurt am Main.

    Man sollte viel Zeit einplanen und neben dem Friedhofsplan auch Google-Maps zur Hand haben, da manche Stellen nur schwer zu finden sind.

    Allgemeine Infos zu Öffnungszeiten un den Lageplan findet man auf der Webseite des Friedhofs https://friedhof-frankfurt.de/friedhoefe/staedtische-friedhoefe/hauptfriedhof/

    Auch die Wikipediaseite https://de.wikipedia.org/wiki/Hauptfriedhof_(Frankfurt_am_Main) kann ich sehr empfhelen. Von dort aus weiterführende Links zu besonderen Gräbern und deren Geschichte haben mir sehr weiter geholfen.

    Besucht am 05.08.2025

    (Gedenkstätte St.Katharinen- und Weißfrauenstift)

    (Grab von Pauline Schmidt)

    (Die Gruftenhalle)

    (Grabstelle von Marcel Reich-Ranicki und seiner Frau Teofila)