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  • In Rixdorf is Musike – Überraschendes Neukölln

    In Rixdorf is Musike – Überraschendes Neukölln

    Besucht am 22.09.2026

    Vor Kurzem hatte ich mal wieder den Ordner mit den Familienunterlagen in der Hand. Darunter war auch die Geburtsurkunde meiner Großmutter mütterlicherseits. Dabei fiel mir auf, dass sie als Geburtsort noch „Rixdorf“ stehen hatte.

    Rixdorf ist heute der nördliche Teil des Bezirks Neukölln und heißt erst seit 1912 so – genauer gesagt seit dem 27.01.1912, dem 53. Geburtstag von Kaiser Wilhelm II. Der Begriff Rixdorf war zu diesem Zeitpunkt den Behörden zu „unanständig“ geworden, war der Ort doch bekannt für seine „frivole Unterhaltung“. Es war quasi das, was die Reeperbahn für Hamburg ist – ein Amüsierviertel. In ganz Berlin war bekannt, dass in Rixdorf Musike ist. 1920 wurden dann Neukölln, Britz, Buckow und Rudow als Bezirk Neukölln nach Groß-Berlin eingemeindet.

    Rixdorfer Geschichte

    Die Geschichte von Rixdorf begann aber schon viel früher. Funde belegen, dass hier schon die Neandertaler gejagt haben. Belegt als Ort ist Rixdorf (oder Richardsdorf) dann ab dem Mittelalter, genauer ab 1360. Interessant wurde es ab 1737. In diesem Jahr holte Friedrich Wilhelm I. böhmische Handwerker nach Preußen. Diese mussten aufgrund ihres protestantischen Glaubens auswandern, und Friedrich Wilhelm I. erkannte ihren Wert für Preußen. Hauptsächlich handelte es sich dabei um Weber und ihre Familien – insgesamt 350 Personen. Und so existierten ab dieser Zeit Deutsch-Rixdorf und Böhmisch-Rixdorf. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Bevölkerung dann sprunghaft. Waren es 1805 noch 319 Einwohner in Böhmisch-Rixdorf und 376 in Deutsch-Rixdorf, so waren es 1858 schon 1.014 Einwohner in Böhmisch-Rixdorf und 2.823 in Deutsch-Rixdorf. Zur Gemeinde Rixdorf wurden sie dann am 11.07.1873 vereint, und am 01.04.1899 bekam Rixdorf das Stadtrecht.

    Und hier wurde nun am 19.11.1911 meine Großmutter geboren. Mein Großvater, der am 06.01.1913 geboren wurde, war dann schon ein waschechter Neuköllner.

    Überall Kindheitserinnerungen

    Als Kind war ich immer im Dezember mit meiner Mutter auf dem Rixdorfer Weihnachtsmarkt. Das war ein besonders stimmungsvoller Weihnachtsmarkt, und schon damals fiel mir die Besonderheit des Ortes auf. Auf einem Ausflug mit der Grundschule lernte ich dann etwas mehr über Rixdorf, und daran habe ich mich jetzt wieder erinnert. Diesen Ausflug wollte ich jetzt noch einmal machen.

    So stand ich also an einem Dienstag auf der lauten und ziemlich dreckigen Karl-Marx-Straße, um diesen anderen Neuköllner Ort für mich wiederzuentdecken. Es gibt verschiedene Straßen, die man nehmen kann, um das alte Rixdorf zu erreichen. Ich wählte den Weg über den Karl-Marx-Platz. Dieser wirkt wie ein Trichter: An der belebten Karl-Marx-Straße ist er noch breit und laut, und am unteren Ende ist er eng. Je weiter man in den Trichter hineingeht, desto ruhiger wird es. Wer mit offenen Augen entlangläuft, bemerkt rechts zwischen den Häusern einen schmalen Durchgang mit einem eisernen Tor. Hier versteckt sich einer der Zugänge zum Böhmischen Gottesacker. Er wurde 1751 geweiht und ist damit Berlins zweitältester noch benutzter Friedhof. Leider war das Tor verschlossen. Schade.

    Also ging ich erst einmal weiter. Am Ende des Karl-Marx-Platzes öffnet sich der „Trichter“ wieder, und plötzlich steht man auf dem Richardplatz – und in einer scheinbar anderen Stadt. Ist das noch das Neukölln, das wir alle aus der Presse oder aus eigener Erfahrung kennen? Nein, ganz augenscheinlich nicht. Da stehen wir auf einem Dorfanger. Alles ist grün und lichtdurchflutet. Und auffällig ruhig. Auf der linken Seite befindet sich die Villa Rixdorf mit ihrem lauschigen Biergarten, und mitten auf dem Platz steht ein Kiosk, der aussieht wie ein kleiner antiker Pavillon. An der Ecke zur Richardstraße zeigt mir ein Hinweisschild, dass es hier zum Böhmischen Dorf geht. Ich folge diesem Hinweis und gehe links hinein. Nach gut 200 Metern stehe ich vor einigen kleinen, alten Häusern. An der Ecke zur Kirchgasse steht ein Gedenkstein für Johann Amos Comenius (1592–1670), einen Bischof der Böhmischen Brüder. Er wird mir heute noch einmal begegnen.

    Bin ich wirklich noch in Neukölln?

    Ich biege zunächst rechts in die Kirchgasse ein. Diese hieß früher eigentlich Enge Gasse (ich sehe auch wenig später, warum), und auch der ehemalige böhmische Name (Malá Ulička) steht noch über dem Straßenschild. Die Straße führt direkt auf einen kleinen Platz. Hier befindet sich die ehemalige Schule (Nr. 5), in der sich heute das kleine Museum befindet. Auch hier hatte ich wieder schlechtes Timing, denn es war an diesem Tag geschlossen. Auf dem Platz steht ein Standbild von Friedrich Wilhelm I., der die Böhmen nach Preußen geholt hatte. Auf der Seite sieht man eine Tafel mit den ankommenden Menschen, und auf der Rückseite ist die Inschrift „Die dankbaren Nachkommen der hier aufgenommenen Böhmen“.

    Ich gehe weiter durch die Kirchgasse, die hier einen Knick nach links macht. Und dann weiß ich auch ganz genau, warum sie einmal Enge Gasse hieß. Denn hier wird es wirklich eng. Auf der linken Seite hat man die Rückseiten der Höfe an der Richardstraße, und auf der rechten Seite reiht sich ein kleines Häuschen mit idyllischem Garten an das nächste. Ich bin in einem Dorf und ganz sicher nicht mehr in Berlin-Neukölln.

    Am Ende der Gasse befindet sich schließlich ein Neubau. Hier hat die Bethlehemsgemeinde heute ihr Gemeindehaus. Etwas weiter, wieder an der Richardstraße, befindet sich der alte Kirchsaal mit seinem kleinen hölzernen Glockenturm. Die böhmische Bevölkerung teilte sich nach der Ankunft in Rixdorf in drei Gemeinden auf: die Herrnhuter Brüdergemeine (falls Ihr jetzt an die berühmten Sterne zur Weihnachtszeit denkt, denkt Ihr richtig), die Reformierte und die Lutherische Kirche. Alle drei sind bis heute hier vertreten.

    Technikgeschichte

    Ich gehe wieder zurück zur Richardstraße. Hier endet der historisch böhmische Teil. Ein anderes, später errichtetes Gebäude weckt hier meine Aufmerksamkeit – das ehemalige Umspannwerk Neukölln. Ein roter Backsteinbau, der 1926–1928 erbaut wurde und bis 1973 in Betrieb war. Heute steht er unter Denkmalschutz.

    Jetzt schaue ich mir die böhmischen Häuser in der Richardstraße genauer an. Alle sehr gepflegt. Überhaupt stelle ich fest, dass es in diesem Kiez auffällig sauber ist. Es sind auch komplett andere Menschen als in der nur wenige Meter entfernten Karl-Marx-Straße unterwegs. Ich muss mir immer wieder in Erinnerung rufen, dass ich hier tatsächlich im sogenannten Problembezirk bin.

    Entspannte Pausen-Oase

    Nach einem Zwischenstopp in einem kleinen Laden mit antiquarischen Büchern zu sensationell günstigen Preisen gehe ich rüber zum Comeniusgarten (da ist Comenius wieder). Eine Oase mitten in der Stadt. Noch einmal wird es ruhiger. Dem Besucher eröffnet sich eine Naturoase mitten in der Großstadt. Und alles ist so toll gepflegt. Kneift mich, bin ich wirklich noch in Neukölln? Gleich hinter dem Eingang befindet sich eine dreieckige Fläche, an deren Ecken jeweils ein Gegenstand steht: ein Mikroskop, ein Teleskop und ein Spiegel. Eine sehr nette Mitarbeiterin erklärt mir, dass es sich hierbei um „Das Auge Gottes“ handelt. Am Ende des Artikels findet Ihr wie immer ein paar Tipps und Links. Dort könnt Ihr mehr darüber erfahren. Im Übrigen ist der ganze Garten so angelegt, dass er den Lebensweg von Comenius symbolisch darstellt. Ich habe hier eine kleine Pause eingelegt und die Ruhe dieses Ortes sehr genossen.

    Was es dort allerdings nicht gab, war etwas zu trinken. Daher bin ich zurück zum Richardplatz und zur Villa Rixdorf gegangen, wo ich dann auf der Terrasse meine Pause fortgesetzt habe. Hier kann man übrigens noch einige Berliner Spezialitäten wie Eisbein oder Leber „Berliner Art“ essen.

    Nach der kleinen Pause geht es weiter. Ich gehe weiter über den Richardplatz, den ehemaligen Dorfanger. Mitten auf dem Platz (dem alten Dorfanger von Deutsch-Rixdorf) befindet sich die Alte Schmiede. In unserer Familie finden sich diverse Hufeisen, die wir auf dem Rixdorfer Weihnachtsmarkt hier erstanden haben und die unsere Initialen tragen. Eines hängt bis heute bei meiner Mutter in meinem ehemaligen Zimmer über der Tür. So eine Schmiede ist schon etwas Faszinierendes. Und die alte Dorfschmiede von Rixdorf ist bis heute in Betrieb. Nicht nur als Attraktion zum Weihnachtsmarkt, sondern ganzjährig. Man kann dort Schmiedekurse belegen, geschmiedete Leuchter, Messer und Schmuck kaufen und auch Unikate anfertigen lassen. Wie schön, wenn solches Handwerk heute noch gepflegt wird.

    Altes Handwerk in modernen Zeiten

    Weiter geht es. Direkt hinter der Schmiede befindet sich ein Hof mit Ställen. Am Eingang prangt ein Schild mit der Aufschrift: „Gustav Schöne – Fuhrbetrieb“. Direkt am Eingang steht – sehr dekorativ – eine alte Tanksäule. Schon als Kind wollte ich hier immer hin, denn in den Ställen standen Pferde. Heute stehen sie in der Lüneburger Heide und genießen ihr Leben (vor dem Haus ist ein Schaukasten mit Bildern davon). Auch gibt es den Fuhrbetrieb so nicht mehr. Aber ein sehr netter junger Mann erzählt mir, dass die alten Kutschen noch da sind. Allerdings so zugestellt, dass man sie so ohne Weiteres nicht sehen kann. Schade. Denn in einer dieser Kutschen sind meine Eltern 1970 zu ihrer Hochzeit gefahren. Die hätte ich mir doch sehr gerne noch einmal angeschaut.

    Weiter geht es an einigen alten, aber leider auch an einigen sehr unschönen neuen Häusern vorbei. Es lohnt sich aber, sich das eine oder andere genauer anzuschauen. Auch wird man feststellen, dass es immer wieder kleine Seitendurchgänge gibt.

    Die Dorfkirche

    Am Ende des Dorfangers steht noch ein kleines Highlight: die Bethlehemskirche. Dabei handelt es sich um die alte Dorfkirche von Rixdorf. Ich habe verschiedene Daten gefunden, wann diese Kirche tatsächlich erbaut wurde. Sagen wir einfach: grob zwischen 1420 und 1460. Von diesem Ursprungsbau ist heute noch ein Teil der Außenmauer vorhanden. Im Dreißigjährigen Krieg brannte sie nieder (1639), wurde wieder aufgebaut und erhielt einen hölzernen Kirchturm. 1757 erfolgte noch einmal ein Umbau, und aus dem hölzernen Turm wurde ein steinerner. Als 1737 die ersten böhmischen Einwanderer kamen, fanden hier auch sofort böhmische Gottesdienste statt, da der Aufbau eigener Kirchengebäude noch etwas Zeit brauchte. Ab dem 19. Jahrhundert nutzte eine der drei böhmischen Gemeinden die Bethlehemskirche regelmäßig.

    Ich hatte das Glück, dass ein sehr freundlicher älterer Herr aus der Gemeinde zugegen war und mir mit viel Leidenschaft von der Kirchen- und Dorfgeschichte erzählte. So erklärte er mir, dass der Innenraum ursprünglich komplett weiß war – inklusive der Bestuhlung, der Kanzel und des Altars, wie es in böhmischen Gemeinden üblich ist. Erst in den 1930er Jahren unter der Naziherrschaft wurde das in die heutige Form geändert. Man fand es nicht mehr „passend“ und „deutsch“ genug. Schade, denn ich konnte auf einem Foto sehen, wie es ursprünglich ausgesehen hat. Und es hatte eine sehr freundliche und luftige Anmutung.

    Zurück in der hektischen Großstadt

    Mit der Dorfkirche war mein Erkundungsrundgang beendet. Auf dem Rückweg zur Karl-Marx-Straße versuchte ich noch einmal mein Glück beim Böhmischen Gottesacker, aber leider war auch die zweite Pforte verschlossen. Diesen Besuch muss ich also ein anderes Mal nachholen. Ehrlich gesagt war ich auch ziemlich müde.

    Wieder auf der lauten Karl-Marx-Straße zu stehen und den vollen U-Bahnhof zu betreten, war in gewisser Weise ein kleiner Schock. In den letzten vier Stunden war ich gefühlt in einer komplett anderen Stadt. In Rixdorf fühlt sich alles sehr dörflich an. Es ist ruhig, auffallend sauber für Neukölln und sehr entspannt. Aufgrund von verkehrsberuhigenden Maßnahmen hat man kaum fahrende Autos. Was man aber immer wieder hört, ist Kinderlachen. Denn hier gibt es jede Menge Spielplätze. Ein sehr lebendiger Kiez, den man unbedingt mal gesehen haben sollte.


    Tipps

    Hier der Link zum Comeniusgarten, wo Ihr mehr über die Gestaltung und „Das Auge Gottes“ erfahrt.

    Über die Geschichte Rixdorfs erfahrt Ihr hier und hier mehr.

    Man kann auch über kleine Seitenstraßen nach Böhmisch-Rixdorf gelangen (z. B. über die Herrnhuter Straße direkt am U-Bahnhof Karl-Marx-Straße). Ich empfehle aber noch ein Stück weiter südlich den Zugang über den Karl-Marx-Platz.