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  • Ort des Erinnerns und Nichtvergessens – Die Gedenkstätte Flossenbürg

    Ort des Erinnerns und Nichtvergessens – Die Gedenkstätte Flossenbürg

    Besucht am 07. Juni 2026

    Geschichte, die bewegt

    Bisher habe ich hier vor allem schöne Ausflugsziele porträtiert – Orte, an denen man vom Alltag abschalten und Dinge einfach genießen kann. Anders ist es mit dem Ort, den ich euch heute vorstellen möchte. Der Besuch lag mir schon länger am Herzen, und da seit einiger Zeit ein Bekannter von mir dort arbeitet, habe ich die Gelegenheit genutzt.

    Es ist nicht das erste Konzentrationslager, das ich besuche. Allerdings muss ich sagen, dass mich der Besuch in Flossenbürg doch arg beschäftigt hat. Ich gehöre zu den Menschen, die gerne die Atmosphäre eines Ortes erfassen und sich auf diesen stark einlassen. Das ist bei einem ehemaligen Konzentrationslager eine aufwühlende Sache, und auch das hervorragende Wetter und meine sommerliche Stimmung konnten das nicht auffangen. Ehrlich gesagt: Mir ging es nach dem Besuch nicht so gut. Und vielleicht war gerade deshalb der Besuch richtig.

    Vom Steinbruch zum Vernichtungslager

    Flossenbürg ist ein mittelgroßer Ort im Oberpfälzer Wald, in dem Ende des 19. Jahrhunderts zahlreiche Granitsteinbrüche in Betrieb genommen wurden. Diese Granitvorkommen interessierten in den 1930er-Jahren die Nationalsozialisten, denn das Material brauchten sie in großen Mengen für ihre Bauvorhaben. Steine aus Flossenbürg wurden unter anderem auf dem Reichsparteitagsgelände in Nürnberg verwendet. Um den Abbau effektiver zu organisieren und auch um „unliebsame“ Gefangene loszuwerden, wurde 1938 das Konzentrationslager gegründet. Anfangs beherbergte es 300 Gefangene, die in kurzer Zeit die nötigen Bauten errichteten. Innerhalb eines Jahres waren es bereits 1.500 Gefangene. Zunächst handelte es sich dabei vor allem um Kriminelle. Diese hatten teilweise ihre Haftstrafen schon längst abgesessen, wurden nun aber im Zuge einer „Säuberungsaktion“ aufgegriffen und in KZs gebracht. Des Weiteren folgten Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter aus den eroberten Ostgebieten, politische Gefangene (hier wurden noch kurz vor Kriegsende einige Mitglieder der Widerstandsgruppe um Graf Stauffenberg erschossen) und schließlich auch Juden.

    Frauen waren im Hauptlager nur als Zwangsprostituierte inhaftiert. Bei den Insassen handelte es sich fast ausschließlich um Männer, die die schwere Arbeit in den Steinbrüchen verrichten mussten. Dabei verfügten sie im Prinzip über keine geeigneten Werkzeuge und arbeiteten bis zum Umfallen. Das perfekte, aber perfide Motto des Lagers lautete: „Vernichtung durch Arbeit“. Bis zur Befreiung des Lagers im April 1945 durch die Amerikaner waren rund 100.000 Menschen durch die Hölle gegangen oder in ihr verstorben.

    Rückseite der Kommandantur mit Strasse zum Wohngebiet

    Ein Rundgang, der schwer fällt

    Mit all dem im Hinterkopf kommt man an der Gedenkstätte an und steht zuerst auf einem großen, leeren Platz. Auf der linken Seite steht ein großer Bau mit einem weitläufigen Balkon, auf dem Sonnenschirme stehen. Das heutige Besucherzentrum war früher das SS-Casino. An der Stirnseite erhebt sich ein imposanter Granitbau. In diesem war früher die SS-Kommandantur untergebracht, heute befindet sich dort die Gedenkstättenverwaltung. Bei solch herrlichem Wetter wie am Tag meines Besuchs verliert das Gebäude auf den ersten Blick seinen Schrecken, und man könnte es sogar als schön beschreiben. Mit ein paar Geranien an den Fenstern würde es in fast jeder deutschen Kleinstadt eine kleine Zierde sein. Da sieht man mal wieder den Schrecken der Normalität.

    Dieser Eindruck verflüchtigt sich aber, sobald man den Torbogen in der Mitte durchschreitet. Hier hängt ein Lagerplan, und man erhält ein erstes Mal einen Eindruck von den Ausmaßen des Lagers. Der gesamte Vorplatz war früher mit Gebäuden bebaut, in denen die SS-Wachmannschaften wohnten. Der Eingang zum Häftlingslager befindet sich kurz hinter der Kommandantur.

    Lageplan des Lagers

    Eigentümlicherweise überquert man hier zunächst eine kleine Durchgangsstraße, die zu den Einfamilienhäusern auf dem linken Hügel führt. Danach geht man auf das ehemalige Lagertor zu. Die eigentlichen Torsäulen stehen heute im hinteren Teil der Gedenkstätte. Auf der ehemaligen Umzäunungsgrenze stehen noch Zaunpfosten. Auf den Rasenflächen dahinter sind mit Graniteinfassungen die ehemaligen Häftlingsbaracken angedeutet. Jeweils 8 mal 50 Meter waren sie ursprünglich für 250 Häftlinge vorgesehen. Zuletzt fassten sie jeweils bis zu 1.000 Menschen. Die Enge und die hygienischen Zustände möchte man sich gar nicht mehr vorstellen.

    Weiter geradeaus gelangt man auf den Appellplatz zwischen Wäscherei und Lagerküche. Hier mussten die Häftlinge zweimal täglich zum Durchzählen antreten. Oft dauerte das mehrere Stunden – bei jedem Wetter. Und nicht selten geschah dies auch einfach nur, um die Menschen zu quälen. Auch wurden hier Erhängungen vollzogen, denen die anderen Insassen beiwohnen mussten.

    Ein schwer auszuhaltender Ort

    In der Wäscherei befindet sich eine Dauerausstellung zur Geschichte des Lagers. Ich habe selten eine so gut gemachte Ausstellung gesehen. Wird man anfangs noch ganz sachlich-vorsichtig mit der Geschichte des Ortes vertraut gemacht, taucht man nach und nach immer tiefer in das Konzentrationslager ein. Man erfährt vom Alltag, von den Zwangsarbeitsbedingungen, vom Überleben und Sterben. Aber auch von den Menschen jenseits des Zauns: den Wärtern und Wärterinnen der SS. Es hat mich mal wieder erschreckt, wie viele der Verantwortlichen dieses Terrors nach dem Krieg „verschwunden“ sind oder nach äußerst kurzen Haftstrafen wieder ins normale, bürgerliche Leben zurückgekehrt sind.

    Den oberen Teil der Ausstellung verlässt man durch einen Durchgang, in dem ein Zitat eines Überlebenden steht. Für mich war dieser Moment ein sehr beklemmender. Als ich dann in den unteren Teil ging, beschlich mich auf der Treppe für einen kurzen Moment ein großes Unbehagen. Dort unten findet man zuerst eine Ausstellung zu einzelnen Opferschicksalen. Unter anderem gibt es dort eine Art Bibliothek mit schwarzen Ordnern. In jedem dieser Ordner findet man den Lebenslauf eines Gefangenen, geordnet nach ihren vermeintlichen „Verbrechen“ oder Herkunftsorten. Ich habe mir mal zwei herausgenommen: einen aus der Rubrik „Homosexuell“ und einen aus Frankreich.

    Geht man weiter in den hinteren Teil, kommt man in die Räume, die die Häftlinge damals auch zuerst betraten. Hier finden sich die „Desinfektion“, der „Friseur“ (hier wurden sämtliche Haare abrasiert, um die Gefangenen maximal zu entwürdigen) und das Häftlingsbad – eine arg verharmlosende Bezeichnung für einen Raum, in dem hunderte nackte, verängstigte Menschen zusammengepfercht, geschlagen und mit harten Wasserstrahlen malträtiert wurden. Ich stand dort allein und mir war schlecht angesichts der Gräuel, die Menschen anderen Menschen antun können, nur weil sie sich für besser halten. Schlussendlich habe ich in diesem Gebäude fast anderthalb Stunden verbracht und war froh, wieder an der frischen Luft zu sein.

    Begleiteter Rundgang

    Den Rest des Geländes habe ich mir im Rahmen eines begleiteten Rundgangs angesehen. Unser Guide war dabei sehr pietätvoll, nahm aber trotzdem kein Blatt vor den Mund, wenn es um die Grausamkeiten der SS ging. Er traf immer den richtigen Ton und führte uns mehrfach vor Augen, dass es jeden von uns Teilnehmern hätte treffen können, hier inhaftiert zu sein.

    Gemeinsam gingen wir über den Ehrenfriedhof, vorbei an einem der drei erhaltenen Wachtürme in Richtung „Tal des Todes“. Hier befindet sich das Krematorium des Lagers. Eine unterirdische Rampe – erst 1944 gebaut, um den Verbrennungsprozess zu beschleunigen – führt vom Gebiet des heutigen Ehrenfriedhofs direkt ins Krematorium. Auf dem Weg dorthin passiert man die beiden Originalsäulen, die einst das Lagertor flankiert haben. Das Krematorium ist recht klein. Auch der Ofen würde einen heutigen, gesunden Mann gerade mal so fassen. Umso mehr verdeutlicht es, wie ausgezehrt die Häftlinge waren, denn es wurden in der Regel drei bis vier Körper gleichzeitig verbrannt. Die Asche wurde aus Kapazitätsgründen schnell auf das dahinterliegende Gebiet verteilt. Teilweise waren die Körper noch nicht vollständig verbrannt. Unser Guide erzählte uns, dass auch in jüngster Zeit noch mit Asche gefüllte Löcher durch die Gärtner gefunden werden.

    Wachturm und Rampe zum Krematorium

    Einen Teil der menschlichen Asche hat man nach dem Krieg in diesem ältesten Teil der Gedenkstätte zu einer Pyramide aufgeschüttet und mit Gras bewachsen lassen. Ein schlichtes, aber beeindruckendes Mahnmal, das direkt zwischen dem Krematorium und dem Platz der Nationen steht. Hier haben die Nationen der Opfer des Lagers eine Gedenkfläche erbaut, die bis heute regelmäßig von offiziellen Vertretern, letzten Überlebenden und Nachfahren besucht und gepflegt wird.

    Umgang mit dem Gedenken nach dem Krieg

    Oberhalb des Tals des Todes befindet sich eine kleine Kapelle. Diese wurde erst nach dem Krieg errichtet. Im Innern befinden sich an den Wänden Gedenktafeln der einzelnen Nationen mit den Zahlen der jeweiligen Opfer darauf. Nur stimmen diese Zahlen nicht. Niemand weiß, wie man auf diese Zahlen kam, aber in den 1950er-Jahren wollte man schnell abschließen und hielt diese Zahlen für realistisch. Auch das Kreuz am Altar zeugt von einer gewissen „Geschichtsumschreibung“. Die linke Figurengruppe stellt einen knienden Häftling dar, über dem ein weiterer Häftling steht – ein sogenannter Kapo. Ein Häftling, der die Aufsicht über andere Häftlinge hatte und dafür gewisse Sondervergünstigungen erhielt (z. B. den Besuch im Häftlingsbordell oder größere Nahrungsrationen). Es schaut aus, als ob er den anderen Häftling schlägt. So, als seien die Häftlinge die alleinigen Täter und nicht die SS-Wachmannschaften.

    In der Kapelle befindet sich auch die Büste des bekanntesten Inhaftierten von Flossenbürg: Dietrich Bonhoeffer. Der bekannte Theologe und Mitglied des Widerstands wurde hier am 09. April 1945 hingerichtet – nur 14 Tage vor der Befreiung des Lagers durch die US-Armee.

    Der Rundgang führt uns vorbei an einer kleinen jüdischen Gedenkstätte, die erst in jüngster Zeit errichtet wurde. Ein schlichter Ort des Gedenkens, der architektonisch beeindruckt und dessen Dachfenster in Form eines Davidsterns bei sonnigem Wetter diesen verzerrt auf die Wand projiziert.

    Der Ehrenfriedhof

    Es geht nochmals über den Ehrenfriedhof. Nun erfuhren wir, was diesen Friedhof ausmacht. Als klar wurde, dass die Alliierten nicht mehr aufzuhalten sind und man nicht mehr schnell genug alle Inhaftierten töten und verbrennen konnte, ging man mit den Überlebenden auf einen „Evakuierungsmarsch“ (auch Todesmarsch genannt). Nur etwa 1.500 zu schwache Gefangene blieben zurück. Auf diesem Gewaltmarsch starben viele der ohnehin schon ausgemergelten Gefangenen und wurden oft einfach am Wegesrand zurückgelassen. Die Anwohner, die sie fanden, verscharrten sie oft notdürftig an Ort und Stelle. Die amerikanischen Soldaten zwangen dann die Anwohner, die Leichen wieder auszugraben und ordentlich in den Ortschaften zu bestatten. Ende der 1940er- bzw. Anfang der 1950er-Jahre wurden die Verstorbenen wieder exhumiert, und etwa 5.000 von ihnen wurden zurück ins KZ gebracht und hier bestattet. Von den meisten konnten keine Identitäten festgestellt werden, weshalb es nur an wenigen Stellen Namen gibt. Auch die genauen Liegeorte sind schwer auszumachen. Schlagartig wird es einem bewusst, dass man hier auf 5.000 Verstorbenen steht.

    Unsere letzte Station führt uns auf den Hügel oberhalb der Wäscherei. Hier befindet sich der Arrestbau. Die Umrisse und Ausmaße sind noch erkennbar, es steht allerdings nur noch ein kleiner Teil. In diesem Teil wurden „besondere Gefangene“ untergebracht, wie die Beteiligten des Attentats vom 20. Juli 1944. In dem abgeschlossenen Hof fanden auch Hinrichtungen statt.

    Innenhof des Arrestbereichs

    Von hier aus hat man auch einen guten Blick über das Gelände und die Einfamilienhäuser. Diese stehen dort, wo bis 1945 noch die Häftlingsbaracken standen. Nach Kriegsende brachte man im Lager die Flüchtlinge aus den Ostgebieten unter. Als klar wurde, dass sie bleiben würden, wurden für sie diese Häuser gebaut. Mit der dunklen Vergangenheit des Konzentrationslagers wollte man schnell abschließen. Nur die Fläche am Krematorium wurde 1947 zu einer Gedenkstätte umgewidmet. Auf dem restlichen Gelände entstanden Fabrikgebäude. Erst 1995 begann man mit der Errichtung der Gedenkstätte und der Freilegung der noch vorhandenen Bauten.

    Und was lernen wir daraus…

    Was bleibt, ist ein beeindruckender Ort des Erinnerns. Gerade in der letzten Zeit, wo rechtes Gedankengut wieder gesellschaftsfähig wird und in den sozialen Medien immer häufiger Rufe nach der Wiedereinrichtung von Konzentrationslagern auftauchen, sollte es Pflicht sein, diese Orte des Erinnerns aufzusuchen.

    Ich persönlich war nach insgesamt viereinhalb Stunden körperlich und seelisch ziemlich fertig. Den ebenfalls zu besichtigenden Steinbruch habe ich nicht mehr geschafft. Ich muss also noch einmal hin.

    Von meinem Bekannten wurde mir gesagt, dass ich unbedingt das Café im Bildungszentrum besuchen solle. Es handelt sich dabei um ein integratives Projekt, und die Kuchen seien sensationell. Ehrlich gesagt, war mir so gar nicht nach Kaffee, Kuchen und gemütlich in der Sonne sitzen – das Gesehene hat mich doch ziemlich berührt. Trotzdem bin ich dem Rat gefolgt, und ich muss sagen: Die Kuchen sind tatsächlich sensationell.



    Tipps

    • Website der Gedenkstätte.
    • Hinteren Parkplatz nehmen, wo auch die Busse stehen. Hier gibt es keine Zeitbeschränkung.
    • Besucherzentrum und alle Gebäude haben nur bis 17:00 Uhr geöffnet. Das Gelände selbst ist die ganze Zeit offen.