Kategorie: Städtetouren

  • Pflanzenpracht und Karamell-Eis

    Pflanzenpracht und Karamell-Eis

    Der Schau- und Sichtungsgarten Hermannshof e.V. in Weinheim

    Besucht am 12.07.2025

    Vor Kurzem erzählte mir ein Kollege und lieber Freund, er wolle mal wieder nach Weinheim, um sich im Schau- und Sichtungsgarten Hermannshof umzuschauen. Da er selbst ein großer Gartenfreund ist und sein Umfeld immer wieder mit wunderschönen Fotos aus seiner eigenen grünen Oase erfreut, wollte ich mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen, mit einem solchen Kenner einen Ausflug zu machen.

    Weinheim ist mit dem Auto eine knappe Stunde von mir entfernt und über die Autobahnen A3, A77 und A5 gut zu erreichen. Auch mit dem Wetter hatten wir großes Glück. Da wir an einem Samstag unterwegs waren, sind wir schon früh gestartet, was sich bei der Parkplatzsuche vor Ort als richtige Entscheidung erwies.

    Gartentradition von der Familie zur Stiftung

    1888 erwarb der Unternehmer Hermann-Ernst Freudenberg das 2,3 ha große Anwesen in Weinheim als Wohnsitz. Zusammen mit seiner Frau trug der pflanzenbegeisterte Namensgeber diverse seltene Gehölze zusammen – eine Leidenschaft, die er auch an die nachfolgenden Generationen vererbte. Im Jahre 1924 begann der Gartenarchitekt Prof. Heinrich Wiepking-Jürgensmann mit der Umgestaltung im architektonischen Stil, der heute noch das Gesamtbild prägt. Nachdem ab 1970 kein Familienmitglied mehr das Anwesen bewohnte, übernahm die Firma Freudenberg das Gelände und machte es 1983 als Schau- und Sichtungsgarten für die Öffentlichkeit kostenlos zugänglich.

    Grüne Oase

    Vorweg: Es wird nicht mein letzter Besuch gewesen sein. Parks und Gärten wechseln im Jahreszyklus ständig ihr Aussehen, sodass man immer wieder Neues entdecken kann. Das ist auch der Grund, warum ich schon zu jeder Jahreszeit auf der Insel Mainau war – sie verliert einfach nie ihren Reiz. Ebenso verhält es sich hier. Sprichwörtlich hinter jedem Baum und Strauch gibt es etwas zu entdecken. Es grünt, blüht und summt überall. Stellenweise kann man sich in der Pracht völlig verlieren. Und das ist durchaus wörtlich gemeint …

    Überall laden kleine Ruheinseln zum Verweilen ein. Da steht eine Bank in einem wunderschönen Laubengang und gibt den Blick auf bienenumschwirrte Disteln frei, ohne dass man selbst sofort den Blicken anderer ausgesetzt ist. Eine weitere Bank unter alten Bäumen lädt zum Rasten ein, und eine kleine Terrasse mit rustikalen Tischen bittet zur Brotzeit. Zudem liegt im Zentrum des Gartens ein kleiner Teich mit Seerosen. Dieser grenzt direkt an eine große Wiese, auf der versprengte Stühle stehen und die Kinder zum Toben einlädt.

    Geniessen und lernen

    Der Garten ist aber nicht nur zur Erholung gedacht. Dem Pflanzenfreund (und dem, der es werden will) helfen kleine Schilder mit den jeweiligen Namen bei der Orientierung. Zudem sind die einzelnen Bereiche nach Lebensräumen bepflanzt. So kann man gezielte Inspiration für das eigene Zuhause sammeln. Auch aktuellen Klimaentwicklungen wird Rechnung getragen, indem dort schon vor langer Zeit ein Bereich mit Pflanzen gestaltet wurde, die an die trockeneren Wachstumsbedingungen in unseren Breiten angepasst sind. Wer will, kann sich hier also nicht nur der Schönheit hingeben und genießen, sondern ganz nebenbei auch eine Menge lernen.

    Da die Anlage über eine eigene Gärtnerei verfügt, besteht die Möglichkeit, Pflanzen zu erwerben. Dabei handelt es sich teilweise um neue Züchtungen, aber auch um Altbekanntes. Im angeschlossenen Laden kann man sogar kleine Samentütchen kaufen – eine freundliche Beratung gibt es inklusive. Und das alles für recht kleines Geld. Leider habe ich selbst keinen Garten, aber für meinen Balkon habe ich zwei Pflanzen (eine Taglilie und eine Ballonblume) sowie Saatgut mitgenommen. Schauen wir mal, wie das im kommenden Jahr aussieht.

    Zum Abschluss ein Eis

    Wir sind den Gartenwegen von außen nach innen kreisförmig gefolgt. Man kann sich aber auch einfach intuitiv treiben lassen. Einen Besuch ist der Hermannshof auf jeden Fall wert. Zum Abschluss sollte man unbedingt noch einen kleinen Spaziergang in die pittoreske Innenstadt von Weinheim unternehmen. Als mein Kollege vom besten Salz-Karamell-Eis schwärmte, hat er definitiv nicht untertrieben…


    Tipps

    Der Schau- und Sichtungsgarten ist ganzjährig geöffnet und bietet zu jeder Jahreszeit einen interessanten Einblick in die Möglichkeiten der Gartengestaltung. https://sichtungsgarten-hermannshof.de/

  • Ein Besuch auf dem Hauptfriedhof Frankfurt

    Ein Besuch auf dem Hauptfriedhof Frankfurt

    Wer mich kennt wird sicher schon festgestellt haben, dass ich ein Faible für schöne Friedhöfe habe. Diese morbide Leidenschaft hat sich nach einem Besuch in Wien verfestigt, der Hauptstadt der „schönen Leich‘“. Der Frankfurter Hauptfriedhof stand deshalb schon länger auf meiner Liste der geplanten KulTouren. Veranlasst durch den Tod eines Freundes, der mich das eine oder andere Mal auf meinen Touren begleitet hat, und dessen Beisetzung auf eben diesem Friedhof stattfand, habe ich diesen Besuch nun unternommen. Oder sagen wir besser: Ich habe einen ersten Besuch unternommen.

    Morbider Charme, der magisch anzieht

    Der Friedhof ist so weitläufig und interessant, dass ich definitiv noch einmal hinmuss. Im Vorfeld hatte ich mir einen Plan ausgedruckt, mit dessen Hilfe ich die besonders interessanten Grabstellen aufsuchen wollte. Suchen ist dabei der richtige Begriff. Die Grabstelle Arthur Schopenhauers ist gut ausgeschildert. Die anderen Grabstellen muss man finden. Manchmal hilft dabei auch Google Maps, wie im Falle des Grabes von Marcel Reich-Ranicki. Iin anderen Fällen sucht man lange. Aber man stößt beim Suchen auf so viele schöne Ecken, dass es eine Freude ist. Mein Plan war also eher ein Vorschlag, an dem ich mich orientiert habe.

             (Grabstätte von Dr. Heinrich Hoffmann)

    Struwwelpeter-Spurensuche

    Vor einiger Zeit besuchte ich in der Frankfurter neuen Altstadt das Struwwelpeter-Museum (s. Niedernhausener Anzeiger, Januar 2020). Bei meinem Friedhofsbesuch konnte ich dazu nun eine Verbindung ziehen. Der Schöpfer des Struwwelpeters, der Arzt Dr. Heinrich Hoffmann, ist nämlich hier begraben. Seine letzte Ruhestätte befindet sich direkt an der Alten Mauer um Gewann G. Ebenfalls auf dem Hauptfriedhof begraben liegt Pauline Schmidt. Sie diente als Vorbild der Pauline in der „..gar traurigen Geschichte mit dem Feuerzeug“, auch wenn die wahre Pauline nicht bei einem Brand ums Leben kam, sondern einer Lungenschwindsucht zum Opfer fiel. Beide Gräber sind Ehrengräber der Stadt Frankfurt und werden von dieser gepflegt. Das Grab des „Zappelphilipp“-Vorbilds, Philipp Julius v. Fabricius, habe ich leider bei diesem Besuch nicht gefunden.

    Ebenfalls nicht gefunden habe ich die Gräber von Alois Alzheimer (ja, genau der) und der Frankfurter Volksschauspielerin Liesel Christ.

    (Gruftenhalle)

    Trotzdem habe ich viel entdeckt. Besonders beeindruckend ist dabei die Gruftenhalle von 1828 mit ihren 57 Gruften. Diese sind teilweise in sehr unterschiedlichem Erhaltungszustand, aber die gesamte Anlage ist ehrfurchteinflössend. Im Zweiten Weltkrieg wurde sie teilweise zerstört und anschließend wiederaufgebaut. Dabei wurden einige Gebeine in eine Sammelgruft etwa in der Mitte der Anlage bestattet. Eine Wandtafel weist darauf hin.

    Ebenfalls ein Highlight ist das Mausoleum Gans, welches im Innern einen kleinen Blick in das Untergeschoß gewährt.

    (im Innern des Mausoleum Gans)

    Vergänglichkeit als Kunst

    Ohnehin bin ich immer wieder voll Bewunderung für die künstlerische Ausstattung von Grabmalen, Mausoleen und Gedenkstätten. Da tun sich ganze Nachthimmel über einem auf (das Schinkelsche Bühnenbild zur ZAUBERFLÖTE lässt oft grüßen) oder es bewegen lebensechte Figuren die Seele. Aber auch Modernes kann man erspähen. So befindet sich in der unmittelbaren Umgebung des Schopenhauer-Grabes die Begräbnisstätte der „Loge zur Einigkeit“, deren schwarz-goldene Pyramide schon von weitem auffällt. Oder die Anlage des St. Katharinen- und Weißfrauenstifts. Diese stellt in roten abstrakten Stelen die Skyline Frankfurts dar und in deren Mitte die Kirche des Stifts. Diese (sehr gepflegte) Anlage zieht den interessierten Besucher an.

    (Einblick in eine Gruft in der Gruftenhalle. Man beachte den Himmel)

    Folgen Sie den Schildern….

    Beim Besuch des Hauptfriedhofs fallen einem diverse kleine metallene Steck-Schilder an den Gräbern auf. Zum einen sind da die roten Schilder, die auf ein Ehrengrab der Stadt hinweisen. Dann gibt es graue Hinweisschilder, die auf das Grab einer bedeutenden Persönlichkeit hinweisen. Und dann gibt es blaue Schilder, die einen darauf aufmerksam machen, dass es sich hierbei um eine aus Denkmalschutzgründen wichtiges Grab handelt und man für dieses eine Patenschaft übernehmen kann. So kann vieles erhalten bleiben, was sonst dem Verfall völlig preisgegeben wäre. Wobei auch der Verfall seine „schönen“ Seiten hat. Auch diese kann man auf vielfältige Weise auf diesem wunderschönen und weitläufigen Friedhof entdecken.

    Wie eingangs erwähnt, wird dies nicht mein letzter Besuch auf dem Frankfurter Hauptfriedhof bleiben. Es gibt noch so einige interessante Grabstätten, die ich aufspüren möchte. Außerdem befinden sich auch zwei jüdische Friedhöfe (der Alte Friedhof an der Rat-Beil-Straße, der sich direkt hinter der erwähnten Gruftenhalle befindet) und der Neue Jüdische Friedhof an der Eckenheimer Landstraße.



    Tipps:

    Der Friedhof befindet sich an der Eckenheimer Landstraße 194, 60320 Frankfurt am Main.

    Man sollte viel Zeit einplanen und neben dem Friedhofsplan auch Google-Maps zur Hand haben, da manche Stellen nur schwer zu finden sind.

    Allgemeine Infos zu Öffnungszeiten un den Lageplan findet man auf der Webseite des Friedhofs https://friedhof-frankfurt.de/friedhoefe/staedtische-friedhoefe/hauptfriedhof/

    Auch die Wikipediaseite https://de.wikipedia.org/wiki/Hauptfriedhof_(Frankfurt_am_Main) kann ich sehr empfhelen. Von dort aus weiterführende Links zu besonderen Gräbern und deren Geschichte haben mir sehr weiter geholfen.

    Besucht am 05.08.2025

    (Gedenkstätte St.Katharinen- und Weißfrauenstift)

    (Grab von Pauline Schmidt)

    (Die Gruftenhalle)

    (Grabstelle von Marcel Reich-Ranicki und seiner Frau Teofila)

  • Wenn Engel reisen…

    Wenn Engel reisen…

    Besucht am 06. September 2025

    Es gibt Ausflüge, für die man früh aufstehen muss – doch oft wird man dafür mit einer großartigen Morgenstimmung belohnt. So erging es mir vor Kurzem, als ich mit Freunden eine Tagesdampferfahrt mit der Primus-Linie von Wiesbaden nach Heidelberg unternahm. Die Abfahrt war für 08:30 Uhr am Biebricher Schloss geplant. Um einen guten Platz an Bord zu ergattern, war ich bereits um 07:45 Uhr am Anleger.

    Der Rhein begrüßte mich mit Sonnenschein und lag fast spiegelglatt in seinem Bett. Innerhalb weniger Minuten legte sich jedoch der Morgennebel wie eine Decke über das Wasser und zauberte eine märchenhafte Atmosphäre. Während die Sonne vergeblich versuchte, den Schleier zu durchbrechen, tauchten Frachtschiffe gespenstisch aus dem Grau auf. Ich konnte Bilder ohne Filter machen, um die mich später viele beneideten – Caspar David Friedrich hätte hier wohl Pate stehen können. Mit anderen Worten: Der Tag begann äußerst vielversprechend.

    Idyllische Natur und große Pötte

    Und er hielt, was er versprach. Das Wetter entwickelte sich zum schönsten Tag der Woche. In Mainz stiegen weitere Passagiere zu, während wir die Silhouette der Stadt bewunderten. Noch interessanter war jedoch der Anblick der zahlreichen Flusskreuzfahrtschiffe. Um mich herum begannen viele Gäste bereits mit der Planung ihres nächsten Urlaubs. Welche Vielfalt an Kreuzfahrtschiffen und Reedereien es gibt, sollten wir in den kommenden Stunden noch erfahren: Gefühlt war jedes dritte entgegenkommende Schiff kein Frachter, sondern ein schwimmendes Hotel.

    Flusskreuzfahrtschiff vor Mainz

    Weiter ging die Fahrt den Rhein hinauf, vorbei an den Weinbergen Rheinhessens. Pettenthal, Rehbach, Hipping … und dazwischen windet sich der Weinwanderweg „Roter Hang“. Einen Teil davon, die Drei-Türme-Wanderung, bin ich selbst schon gewandert und kann sie nur empfehlen. Mit netten Menschen und einem gut gefüllten Rucksack genießt man dort nicht nur die Bewegung, sondern vor allem die Pausen mit fantastischen Ausblicken.

    Auch für das leibliche Wohl ist gesorgt

    Zwischenzeitlich wurde uns an Bord ein „Seemannsfrühstück“ serviert: Brot, Schinken, Spiegelei und Gewürzgurken. Zugegeben, die Bordküche ist nichts für strikt Gesundheitsbewusste, aber daran schien sich niemand zu stören. Währenddessen wandelte sich die Aussicht: Die Rebhänge wichen flachen Landschaften, und am Ufer badeten und paddelten Familien zwischen den Buhnen. Angler suchten ihr Glück am Haken, stets beobachtet von Reihern, die nur darauf warteten, im richtigen Moment einen Fang abzujagen.

    Angler am Rhein

    Weiter südlich kam das Kernkraftwerk Biblis in Sicht. Der durchaus beeindruckende Bau lieferte zwischen 1974 und 2011 Strom (ab 1976 auch nuklearen).  Heute dient er als Lager für Atommüll und Castor-Behälter und beschäftigt weiterhin Gerichte sowie Umweltschützer. Bei Mannheim passierten wir schließlich riesige Industrieanlagen; die BASF unterhält hier einen gewaltigen Komplex mit eigenem Rheinhafen. Der Anblick ist schon bei Tageslicht ehrfurchteinflößend. Man stelle sich das Areal am Abend vor – der Theatermensch in mir sieht sofort ein Meer aus Scheinwerfern und farbigen Lichteffekten vor dem geistigen Auge.

    BASF Werk bei Mannheim

    Schleusengang auf dem Neckar

    Kurz darauf erreichten wir die Neckarspitze, wo unser Dampfer den Rhein verließ. Einer der Höhepunkte kam nun in Sicht: die Neckarschleuse Feudenheim. Eine der zwei Schleusen, durch den uns unsere Fahrt führen sollte. Zusammen mit einem Binnenfrachter, den wir kurz zuvor überholt hatten, und einem Sportboot wurden wir durch Wasserkraft zehn Meter in die Höhe gehoben. Eine technische Meisterleistung und ein Schauspiel, das mich immer wieder beeindruckt.

    Danach ging es weiter auf dem Neckarkanal, bis wir bei Ladenburg schließlich den ursprünglichen Lauf des Neckars erreichten. Hier führt die Fahrt durch unberührte Natur. Schwäne, Reiher und Nilgänse begleiteten uns – Idylle pur bei herrlichem Wetter. „Wenn Engel reisen …“, entfuhr es einem meiner Freunde.

    Schleuse auf dem Neckar bei Schwabenheim

    Heidelberg: Wunderschön, aber gut besucht

    Nach der zweiten Schleuse bei Schwabenheim, die uns weitere acht Meter anhob, war es nur noch ein kurzes Stück bis zum Ziel. Als das berühmte Heidelberg Schloss in Sicht kam, reckten alle Passagiere die Hälse. Jeder wollte das perfekte Foto machen, und auch die unvermeidlichen Selfies durften nicht fehlen (ich schließe mich da keineswegs aus).

    Die Stadt glitt langsam an uns vorbei und offenbarte bereits die ersten Menschenmassen. Am Anleger verließen wir die Ruhe des Schiffs und tauchten ein in die belebten Gassen. Junggesellinnenabschiede, Heerscharen von Studenten und Touristen drängten sich durch die Innenstadt. Da an diesem Abend die berühmte Schlossbeleuchtung stattfand, herrschte bereits Verkehrschaos mit gesperrten Brücken. Wir brachen unseren Spaziergang daher vorzeitig ab und suchten uns ein ruhiges Café in der Nähe des Bushalteplatzes von dem unsere Busse und wieder nach Mainz und Wiesbaden bringen sollten.

    Selfie vor dem Heidelberger Schloss

    Gegen 21:30 Uhr erreichten wir nach einer guten Stunde Busfahrt wieder den Anleger in Biebrich. Der Bus nach Mainz, der eigentlich vor uns gestartet war, steckte noch im Heidelberger Stadtverkehr fest und erreichte sein Ziel erst deutlich später.


    Tipps & Fakten

    Zugegeben, diese „KulTour“ war vielleicht weniger informativ als andere, dafür aber umso schöner. Hier noch ein paar Fakten für Interessierte:

    • Primus-Linie: Das Unternehmen wurde bereits 1880 gegründet und wird heute in der 3. Generation von der Familie Nauheimer geführt. Die Flotte besteht aus 5 modernen Schiffen (u. a. die MS Nautilus und die MS Wikinger). Neben den Frankfurter Stadtrundfahrten und Fahrten in den Rheingau wird die Heidelberg-Fahrt auch 2026 wieder im Juli und September angeboten (Preis: 52,00 €). Weitere Informationen findet Ihr hier
    • Der Rhein: „Vater Rhein“ entspringt im Schweizer Kanton Graubünden und ist einer der verkehrsreichsten Wasserwege der Welt. Er fließt auf 1.233 Kilometern durch bzw. entlang von 6 Staaten (Schweiz, Liechtenstein, Österreich, Deutschland, Frankreich und die Niederlande). Hinweis: Luxemburg und Belgien liegen zwar im Einzugsgebiet, der Rhein selbst fließt aber nicht direkt hindurch.
  • Wassersüchtig – Das Selterswasser-Museum in Niederselters

    Wassersüchtig – Das Selterswasser-Museum in Niederselters

    Erstbesuch und Veröffentlichung 2020/ aktualisiert März 2026

    Jahrhundertealte Geschichte im Taunus

    Sekt oder Selters? In Niederselters stellt sich diese Frage nicht. Hier ist man dem natürlich prickelnden Quellwasser so eng verbunden, dass man ihm ein eigenes Museum gewidmet hat – und wo sollte es stehen, wenn nicht direkt am Standort des wohl bekanntesten Mineralbrunnens Deutschlands, wenn nicht gar Europas?

    Die Quelle in Niederselters ist seit 1536 urkundlich belegt. Der Ort selbst lässt sich jedoch bereits im Jahr 772 unter dem Namen „Saltrissa“ nachweisen. Von diesen frühen Ursprüngen ist auf dem heutigen Quellgelände zwar nichts mehr erhalten, doch das restaurierte Brunnenhaus von 1909 zeugt eindrucksvoll von der einstigen Bedeutung des Ortes. Im Inneren sind noch zahlreiche Jugendstilelemente zu bewundern, etwa das große Fenster in der ehemaligen Abfüllhalle.

    Neuausrichtung nach dem wirtschaftlichen Aus

    1999 wurde die Produktion eingestellt, und die Stadt übernahm das inzwischen stark sanierungsbedürftige Gebäude. Mit viel Engagement und Unterstützung durch Fördermittel konnte es 2011 wiedereröffnet werden. Heute beherbergt der Komplex nicht nur eine kleine, aber eindrucksvolle Museumssammlung, sondern auch einen Kindergarten sowie zwei Veranstaltungsräume.

    Das Museum dokumentiert die Zeit der großen wirtschaftlichen Blüte. Immerhin gab das originale Selterswasser einer ganzen Produktkategorie seinen Namen. Schon früh versuchten andere Hersteller, vom guten Ruf zu profitieren, und vermarkteten ihre Produkte ebenfalls als „Selterswasser“. Diese Nachahmungen waren jedoch meist künstlich mit Kohlensäure versetzt – im Gegensatz zum Original, dessen Kohlensäure natürlichen Ursprungs ist. Wer den Unterschied schmecken möchte, hat auch heute noch Gelegenheit dazu: In einer Seitenhalle können die Bewohner von Niederselters und den umliegenden Gemeinden gegen eine kleine Gebühr regelmäßig ihren „Haustrunk“ abholen. Dieses Recht besteht seit Jahrhunderten – und war immer wieder Anlass zu Auseinandersetzungen. Aktuell ist der Haustrunk seit 2024 ausgesetzt, da es technische Probleme gibt, die eine neue Herrichtung erforderlich machen. Eine zeitnahe Wiedereröffnung ist geplant.

    Ein Bürgermeister mit Vision

    Dass der heute restaurierte und erweiterte Gebäudekomplex wieder vielfältig nutzbar ist, verdankt Niederselters maßgeblich dem ehemaligen Bürgermeister Dr. Norbert Zabel, der sich bis heute mit großem Engagement für das Projekt einsetzt. Ich hatte das Glück, an einer ebenso kurzweiligen wie informativen Führung mit ihm teilnehmen zu dürfen.

    Kaum zu glauben, wie berauschend Mineralwasser sein kann.

    Zu sehen gibt es unter anderem eine beeindruckende Sammlung von Wasserflaschen aus aller Welt sowie historische Original-Selters-Flaschen. Zu den bekannten Persönlichkeiten, die das Wasser aus Niederselters tranken, zählen etwa Remigius Fresenius, Christoph Wilhelm Hufeland und Johann Wolfgang von Goethe.

    Zwischen historischen Flaschen aus aller Welt und originalen Selters-Krügen erzählt er von Zeiten, in denen das Wasser aus Niederselters in ganz Europa getrunken wurde. Namen wie Remigius Fresenius, Christoph Wilhelm Hufeland und sogar Johann Wolfgang von Goethe tauchen auf. Sie alle tranken dieses Wasser. Auch zur Orts- und Quellen­geschichte erfährt man Spannendes – von der frühen Neuzeit bis in die Gegenwart. Plötzlich wirkt das Glas auf dem Tisch ein bisschen ehrfürchtiger.

    Zum Abschied schenkte mir Dr. Zabel ein Buch zur Geschichte des Seltersbrunnens, welches er gemeinsam mit Eugen Caspary und Willi Hamm verfasst hat. Für einen Bücherliebhaber wie mich ist bereits die hochwertige Gestaltung ein Genuss: hochwertiges Papier, sorgfältig aufbereitete Grafiken und zahlreiche historische Abbildungen. Doch auch inhaltlich überzeugt das Werk – es erzählt die wechselvolle Geschichte des Ortes fundiert und zugleich lebendig, ohne je trocken zu wirken. Danke für dieses wunderbare Geschenk.

    Tipps

    Wer auf der A3 von Frankfurt in Richtung Köln unterwegs ist, findet bei Bad Camberg ein braunes Hinweisschild zum Selterswassermuseum.

    Regelmäßig geöffnet ist das Museum aktuell nicht. Es besteht aber die Möglichkeit individueller Führungen ab 10 Teilnehmern zum Preis von 5,00€/Person. Informationen dazu gibt es hier .

    Sammlung diverser Wasserflaschen aus aller Welt
  • Bonn: Weg der Demokratie

    Bonn: Weg der Demokratie

    Besucht am 27.09. 2025

    Ich gehöre noch zu den Menschen, die die „Bonner Republik“ kennen. Als ehemalige West-Berlinerin war das immer eine merkwürdige Situation. Man wohnte „neben“ der Hauptstadt der DDR in der der ehemaligen Deutschen Hauptstadt. Andererseits hatten wir unsere Ruhe, wir waren etwas „ab vom Schuss“ und jeder beneidete uns. Dass die Regierung in dem Kleinstädtchen am Rhein saß, war ganz gut so. Wir hatten die Alliierten (ich selbst wohnte im amerikanischen Sektor) und Berliner Bürgermeister wurden ja auch gerne was in der Bonner Republik. Wir waren quasi ein „Insel-Sprungbrett“.

    Nach dem Mauerfall änderte sich das. Berlin wurde wieder Hauptstadt und Bonn…entwickelte sich prächtig.

    Bis heute befinden sich noch sechs Ministerien mit Ihren Hauptsitzen in Bonn, alle anderen haben den Umzug nach Berlin vollständig vollzogen. Die Gebäude, die für 50 Jahre die Bundesregierung und Ihre Ministerien beherbergten (Bonn war von 1949-1990 provisorische Hauptstadt und bis 1999 alleiniger Regierungssitz), stehen noch und diese kann man auf dem Weg der Demokratie ablaufen.

    Der Rundgang beginnt am Haus der Geschichte der Demokratie in Deutschland. Aktuell ist das Museum wegen Renovierung geschlossen. Trotzdem kann man im Museumsshop typisch Deutsche Kleinigkeiten erwerben (in meiner Wohnung steht jetzt ein Wackeldackel, wie ihn schon mein Opa im Auto hatte) und im Keller den erste Dienst-Mercedes von Konrad Adenauer (Kennzeichen 0-002) sowie den ehemaligen Salonwagen der Bundeskanzler besichtigen.

    Der eigentliche Weg der Demokratie beginnt gegenüber dem Museum, wo sich das ehemalige Kanzleramt befindet, welches Helmut Schmidt einmal mir den Worten beschrieb: „Es könnte genauso gut eine rheinische Sparkasse darin residieren.“ Widersprechen möchte man ihm nicht. Ein Stück weiter, wo der Bundeskanzlerplatz in die Adenauerallee über geht, steht die Statue des ersten Bundeskanzlers Konrad Adenauer. Ein imposanter Kopf mit vielen Darstellungen seiner Lebensstationen. Ein genauer Blick lohnt und man kann sogleich ein wenig sein Allgemeinwissen überprüfen.

    Gleich daneben befindet kann man einen fernen Blick auf den Kanzlerbungalow werfen. Auch hier sind aktuell wegen Renovierungsmaßnahmen keine Besichtigungen möglich.

    Direkt daneben befindet sich das Palais Schaumburg, welches bis vor kurzem noch von der Bundesregierung als zweiter offizieller Dienstsitz genutzt wurde.

    Dem schließt sich ein weiteres prunkvolles Gebäude an. Die Villa Hammerschmidt dient bis heute als offizieller zweiter Amtssitz des Bundespräsidenten.

    Nur wenige Meter weiter befindet sich auf der gegenüberliegenden Seite das Museum König. Da nach dem Zweiten Weltkrieg viele Gebäude zerstört waren, nutze man den Lichthof des Zoologischen Museums 1948 für die Eröffnung des Parlamentarischen Rates, der in den anschließenden Wochen das Grundgesetz ausarbeitete. Das dann allerdings nicht mehr im Museum. Dessen Räume dienten dann aber noch für einige Zeit Konrad Adenauer und seinen Mitarbeitern als Büros. Adenauer belegte dabei nur für wenige Monate das Büro des Museumsdirektors, einige Mitarbeiter (darunter Vizekanzler Blücher) bleiben noch bis 1951 im Museum.

    Weiter geht es runter an der Rhein. Allein der Blick auf diesen deutschesten aller Flüsse ist schon beeindruckend und wie bestellt, flog während unserer Besichtigung auch noch ein Zeppelin über uns hinweg. Jetzt öffnet sich der Blick für uns auf die Rückseiten der schon gesehenen Gebäude. Nur vom Kanzlerbungalow sieht man auch von hier aus wenig. Dafür müsste man auf die andere Rheinseite.

    Am Rheinufer fallen mir dann noch ein paar kleine Säulen auf. Bei genauerer Betrachtung sind das Informationspunkte des Bonner Planetenlehrpfads. Ein verkleinertes, aber maßstabsgetreues Modell unseres Sonnensystems. Leider fehlte die Zeit sich damit näher zu beschäftigen.

    Der Pfad der Demokratie führt nun wieder vom Rhein weg. Aber nur ein paar Meter. Vorbei an Konrads Skybar im Hotel Marriot und schon stehen wir vor dem alten Bundeshaus, welches früher den Bundesrat beherbergt hat. Ein weißes Gebäude im Bauhausstil. Erbaut zwischen 1930 und 33. Dem schließt sich der 1986-92 erbaute Plenarsaal des Bundestags an. Hier zeigt sich wie Planung und Geschichtsverlauf aufeinanderstoßen. Als geplant wurde das alte Wasserwerk zum neuen Plenarsaal des Bundestags umzubauen, war eine deutsche Wiedervereinigung noch nicht denkbar. Mitten in den Arbeiten fiel dann 1989 die Mauer und die Tatsache, dass Bonn nur eine provisorische Hauptstadt war, kam wieder auf die Tagesordnung. Der vom Architekten Dr. Behnisch (der auch für die Olympiabauten 1972 in München verantwortlich war) erdachte Bau wurde nur wenige Jahre genutzt. Heute ist es ein Kongresscenter. Durch einen unterirdischen Gang ist es mit dem gegenüberliegenden Gebäude verbunden und dient für Messen und Kongresse.

    Dass Bonn aber einmal ein wichtiger Ort war verdeutlicht, dass hier auch direkt nebenan die UN saß. Nach dem Krieg begann deren Arbeit hier mit nur zwei Mitarbeitern und wuchs schnell zu einem wichtigen Standort. Heute arbeiten hier rund 1.000 Menschen und das Gelände ist offiziell exterritoriales Gebiet. Hier beschäftigt sich die UN vorrangig mit den Themen Nachhaltigkeit, Umweltschutz und Wasserpolitik.  Außerdem befindet sich hier auch der UN-Campus.

    In unmittelbarer Nähe des ehemaligen Plenarsaals befindet sich das „Bundesbüdchen“. Wohl (West-) Deutschland berühmteste Imbissbude. Heute ist sie um einige Meter zum Originalstandort versetzt, besteht aber noch immer. Man sagt, dass Konrad Adenauer hier regelmäßig vorbeikam und ein paar Würstchen ass. Leider kamen wir am Besuchstag nicht in den Genuss. Die Bude hatte leider geschlossen.

    Das Haus der Geschichte hat seine Tore mittlerweile wieder geöffnet. Die neue Dauerausstellung kann man kostenfrei besichtigen. Begleitungen wie „Der Weg der Demokratie“ oder durch die Dauerausstellung sind ebenfalls kostenfrei.

    Weitere Informationen dazu finden sich auf der Webseite https://www.hdg.de/haus-der-geschichte

  • Entdeckungstour in der Wiesbadener Innenstadt

    Entdeckungstour in der Wiesbadener Innenstadt

    Manchmal muss man gewohnte Pfade einfach mit einem anderen Blick betreten. Ich kann nicht sagen, wie oft ich schon durch die Wiesbadener Innenstadt gegangen bin ohne die ganzen Details wahrzunehmen. Es gibt so schöne Häuser oder Details am Boden, die einem beim normalen Durchhetzen gar nicht auffallen.

    (mehr …)
  • Tagesausflug nach Marburg

    Tagesausflug nach Marburg

    Besucht am 07.08.2025

    Seit Einführung des Deutschlandtickets ist die Verlockung groß, einfach mal einen Tagesausflug mit der Bahn zu machen. Da meine Urlaubsplanungen aus verschiedenen Gründen angepasst werden mussten, hatte ich mich spontan entschlossen, einen Tag nach Marburg zu fahren. Vorweg: ein lohnender, aber anstrengender Tag. Man sollte fit im Treppensteigen sein.

    Mit der Bahn benötigt der Ausflügler von Niedernhausen aus knapp zwei Stunden und muss dabei auch nur einmal am Frankfurter Hauptbahnhof umsteigen. Ich hatte Glück und auf der Hinfahrt verlief alles reibungslos und der Zug war auch nicht allzu voll.

    Angekommen in Marburg steht man auf einem ziemlich hellen aber trostlosen Platz. Direkt an diesem Platz befindet sich ein Lader der Touristeninformation und dort erhielt ich einen Stadtplan mit einer eingezeichneten Rundgangsroute und ein paar nützliche Tipps. (Gehen sie die Bahnhofstrasse bis zum ende Durch. Sie ist nicht sonderlich hübsch, aber auch nicht so lang. Danach wird es schöner.)

    Zuerst erreicht man auf dem Weg in die Innenstadt die Elisabeth Kirche, benannt nach der Heiligen Elisabeth (Elisabeth von Thüringen), die sich 1228 Marburg als Witwensitz wählte und hier noch 3 Jahre lebte. Die Kirche wird aktuelle gerade restauriert, aber dank einer gemalten Abhängung kann man die Dimensionen erahnen. Besonders ins Auge fällt die Klais-Orgel von 2006, die einen reizvollen modernen Kontrast zum historischen Interieur bildet.

    Verlässt man die Kirche gelangt man auch direkt auf die Spur einer weiteren Persönlichkeit, die in Marburg gewirkt hat: Emil von Behring, Hygieniker und Nobelpreisträger (1901 für Medizin). Den Schildern neben der Büste Behrings kann man entnehmen, dass sich hier einmal das Hygieneinstitut befand.

    Weiter geht es in Richtung Oberstadt. Auf dem Weg dorthin fallen einem an der Wand ein paar künstlerisch gestaltete Köpfe auf. Ein Wolf und ein paar Geißen. Damit passieren wir eine Station des Grimm-Rundwegs. Denn auch die Brüder Jakob und Wilhelm Grimm haben ihre Spuren in Marburg hinterlassen. Beide haben hier studiert. Und hier begannen sie auch die Sammlung ihrer „Kinder- und Hausmärchen“. Im gesamten Gebiet der Innenstadt finden sich an verschiedenen Orten teilweise interaktive Kunstwerke, die sich mit diesen Märchen beschäftigen. Der Rundgang auf den Spuren der Brüder Grimm nennt sich übrigens „Grimm-Dich-Pfad“. Ein aussichtsreicher Kandidat für das schlechteste Wortspiel…

    Auf dem Grimm-Dich-Pfad: Der Wolf und die sieben Geislein

    Treppen, Treppen, Treppen

    Der weitere Weg führt direkt zum pittoresken Marktplatz. Auch hier eine wunderschöne Mischung aus historischen Gebäuden und moderner Kunst. Die Fliegen auf deiner Hauswand ziehen viele Blicke auf sich. Auf dem Platz herrscht beinahe mediterrane Atmosphäre. Die Menschen sitzen gemütlich draußen und genießen ein Eis oder einen Kaffee und alles strahlt eine gewisse Entspanntheit aus. Mit der Entspannung ist es aber aus, wenn man hinauf zum Schloss blickt. Hat man bis zum Marktplatz schon ein paar Höhenmeter überwunden, wird es jetzt erst richtig steil. Dabei lohnt es sich, die weniger breiten und offensichtlichen Wege (oder besser Treppen) zu nehmen. Hier entdeckt man wirkliche kleine Oasen.

    Auf dem Weg Richtung Schloss kommt man an der Marienkirche vorbei. Die Lutherische Pfarrkirche liegt knapp unterhalb des Schlosses und der Blick hinein lohnt. Eine Besonderheit im Vorraum: hier befindet sich ein Fairteiler der Foodsharing-Community.

    Über die Zwingli-Treppe gelangt man auf die Ritterstrasse und von hier über eine weitere Treppe (an deren Ende sich ein goldener Schuh befindet und auf deren Stufen ein Text von Jakob Grimm geschrieben steht) dann hoch auf das Schloss-Plateau. Von hier aus hat man einen ausgezeichneten Blick über Marburg und auf den Schiefen Turm der Stadt. Der Kirchturm der Marienkirche, mit dem man sich hier auf Augenhöhe befindet, zweigt eine sehr deutliche Neigung. Durch die Sonneneinstrahlung hat sich das Im Dach verbaute Holz stark verzogen und den Turm zum schiefen Wahrzeichen der Stadt gemacht.

    Eine kleine Anekdote am Rande. Im Turm befinden sich einige Glocken, Zwei davon wurden 1925 bzw. 1951 durch die Glocken- und Kunstgießerei Rincker in Sinn gegossen. Diese durfte ich als Preis eines Gewinnspiels von HR1 2021 mit Thomas Koschwitz besuchen und einmal erleben, wie Glocken gegossen werden. Ein sehr archaischer und beeindruckender Prozess, der erfahrene und sensible Handwerker erfordert.

    Auf dem Schlossplateau befindet sich die Camera Obscura der physikalischen Fakultät der Universität Marburg. Zu bestimmten Zeiten kann man hier den Studenten über die Schulter schauen und staunen, was die Mittel der optischen Geräte schon früh geleistet haben. Das landgräfliche Schloss selbst beherbergt heute eine Ausstellung des Marburger Universitätsmuseums für Kunstgeschichte und im Fürstensaal finden Veranstaltungen statt (u.a. Theateraufführungen des Hessischen Landestheaters). Ein kleiner Spaziergang über die Anlage ist zu empfehlen – wenn man noch nicht genug von Treppen hat.

    Apropos Treppen. Im Nachhinein habe ich festgestellt, dass es eine sogenannte „Asthma-Treppe“ gibt. Als Asthmatikerin hätte och die eigentlich besuchen sollen. Leider ist sie mir entgangen.

    Der Weg hinunter führte mich an der katholischen Kugelkirche vorbei. Diese ist der jüngste Sakralbau Marburgs, wobei „jung“ hier sehr relativ ist. Sie wurden zwischen 1492 und 1520 erbaut und gehört zum ehemaligen Kloster der Kugelherren, der Gemeinschaft der „Brüder vom gemeinsamen Leben“. Im Innern kann man einiges zum Kloster und der Kirche auf Schautafeln erfahren, jedoch sollte man eine Taschenlampe parat haben. Interessant fand ich, dass man schon damals über Pfusch am Bau klagen konnte. Da die Kirche am Hang liegt, hatte man auf einer Seite großzügig auf Fenster verzichtet. Dies erwies sich schnell als Fehler, denn die Wand ist bis heute nicht trocken geworden und neigte schnell zur Schimmelbildung.

    Der Weg aus der Oberstadt führte mich dann noch and er Alten Universität vorbei. In diesem imposanten Gebäude befindet sich heute die Theologische Fakultät und die Universitätskirche. Unterhalb der Alten Universität betritt man wieder die moderne und hektische Welt in Form einer grauenhaften Kreuzung. Ich habe geschlagene 9 Minuten benötigt um gegenüberliegende Bankfiliale zu erreichen. Mal abgesehen davon, dass man einen Bogen schlagen muss, kommt man immer nur über die halbe Straße. Die Ampelschaltung hier ist arg nervig. Oder ist das Absicht? Dadurch hat man nämlich Zeit sich die Ampelmännchen genauer anzusehen. Es sind immer Pärchen. Anlässlich des CSD 2019 wurde die Ampel neu gestaltet. Eine Frau und ein Mann mit Schmetterlingen im Bauch, zwei verliebte Frauen mit Herzen, ein männliches Paar Arm in Arm. Ein Zeichen der Liebe.

    Hat man diese Kreuzung endlich überquert, bin ich noch einem Tipp der Mitarbeiterin der Touristeninformation gefolgt. Hier befinden sich nämlich ebenfalls sehr alte Gebäude. Hauptsächlich Wohnhäuser aber auch ein historisches Hospital (Weidenhäuser Str. 13).

    Als Weg zurück zum Bahnhof habe ich den Fussweg an der Lahn gewählt. Man muss etwas auf Radfahrer achtgeben, aber es läuft sich wesentlich angenehmer als an der Straße. Hier merkt man nochmal sehr deutlich, dass man sich in einer Universitätsstadt befindet. Auf der Lahn fuhren viele jungen Menschen mit dem Tretboot und am Ufer lagen und saßen Menschen und lasen, trafen sich mit Freunden oder genossen einfach das sommerliche Wetter.

    Am Bahnhof passierte dann das Unvermeidliche. Der Zug hatte schon mal gute 25 Minuten Verspätung. Irgendwann kam er und war rappelvoll. Bei der Einfahrt in den Frankfurter Hauptbahnhof ertönte dann folgende Durchsage: „Liebe Fahrgäste, dieser Zug endet hier. Bitte verlassen Sie zügig den Zug, der muss jetzt direkt in die Werkstatt.“

  • Stadtrundgang in Idstein

    Stadtrundgang in Idstein

    Erstmals erschienen Juni 2020/ überarbeitet im Dezember 2025

    Manchmal denkt man, dass man einen Ort recht gut kennt und dann stellt man fest, dass es doch noch einiges zu entdecken gibt. So ging es mir in Idstein. Seit fast 10 Jahren wohne ich nun im Nachbarort und mache einen großen Teil meiner Einkäufe in Idstein. Nun ist es eine bewiesene Tatsache, dass man Orte, an denen man wohnt eher weniger genau besucht, als fremde Städte. Warum nicht mal die Gegend wie ein Tourist erkunden? Ich habe mir in der Tourist-Information einen Prospekt mit einem Stadtrundgang besorgt und bin diesen in Begleitung meines Freundes Andreas abgelaufen. Als begeisterter Fotograf, konnte er mir einige Blickwinkel und Aussichtsplätze aufzeigen, die mir ohne ihn entgangen wären und die ich mittlerweile auch meinen Besuchern gerne zeige.
    Innenstadt mit viel Flair

    Los ging es an der Touristeninformation am König-Adolf-Platz. Schon das Killingerhaus, in dem die Information und das Heimatmuseum ansässig sind, ist ein erster Höhepunkt. Der Stadtrundgang führte uns einmal durch und um die Fußgängerzone. Schiefes Haus, Altes Amtsgericht, Hexenturm, Schlossgarten, Hoerhof, Löherplatz mit Stadtmauer (ja, die kann man da wirklich noch entdecken. Zumindest deren Verlauf), Druckerei Grandpierre. Der Prospekt gibt zu jeder Sehenswürdigkeit eine kurze Info und anhand des Stadtplans findet man den Weg sehr gut auch ohne Ortskenntnisse. Unterwegs geben verschiedene Infotafeln (z.B. im Schlossgarten) ein paar Informationen, aber diese werfen mehr Fragen auf, als sie beantworten. Da besteht Verbesserungsbedarf.

    Tafel am Haus der Idsteiner Zeitung


    Die Sehenswürdigkeiten sind nummeriert, aber eine genaue Route ist nicht vorgegeben und man tut gut daran, auch mal in die Seitenstraßen zu schauen. Und der Stadtplan verrät auch, dass es einige Fußwege gibt, die man bisher gar nicht wahrgenommen hat. So führt ein sehr schmaler Pfad von der Obergasse zur Felix-Lahnstein-Straße, den ich aufgrund seiner Breite (oder besser Enge) bisher nicht als solchen wahrgenommen hatte. Und ohne Andreas hätte ich ihn auch an diesem Tag nicht entdeckt. Nicht nur seine Enge ist eindrucksvoll. Es lohnt auch ein Blick nach oben. Die Bewohner haben dort so einige Kuriositäten an ihren Häusern.

    Diese Enge Gasse kann man leicht übersehen

    Zum Schluss zeigte mir Andreas noch sein persönliches Highlight. Zwischen Weiherwiese und Kreuzgasse gibt es einen Fußweg, der durch einen herrlichen begrünten Hof führt. Eine Augenweide, von der man sich schwer losreißen kann.

    Nützliche Infos

    Für den Rundgang benötigt man etwa zwei Stunden. Zwischendurch (oder im Anschluss) laden die zahlreichen gastronomischen Betriebe zum gemütlichen Verweilen ein. Die Tour ist ideal zum Kennenlernen und um auswärtigem Besuch die Schönheit der Stadt zu zeigen. Der Prospekt gibt kurze Informationen; wer allerdings mehr wissen möchte, dem sei eine geführte Tour ans Herz gelegt. Informationen dazu gibt es bei der Tourist-Information Idstein.

    Der Blick nach oben beschert so manche kleine Überraschung