Kategorie: Besondere Erlebnisse

  • Die spinnen, die Römer? – Das Römerkastell Saalburg

    Die spinnen, die Römer? – Das Römerkastell Saalburg

    Besucht am 04.10.2026

    In der Grundschule hatte ich eine richtig engagierte Lehrerin, die mir Geschichte nahebrachte. Ihr Name war Frau Klier. Sie hat mein Geschichtsinteresse geweckt und unterstützt. Ich habe noch immer ein paar Zeitschriften zur Geschichte, die sie mir damals geschenkt hat. Eine ziemlich lange Zeit hatte ich sogar den Wunsch, Archäologie zu studieren. Daraus wurde dann zwar nichts, aber bis heute lese ich recht viel über alle möglichen geschichtlichen Themen.

    Ganz besonders fasziniert haben mich die antiken Ereignisse. Egal ob Athen, Sparta, Ägypten, Rom – ich finde das alles spannend. Und da ich nunmehr seit 10 Jahren in direkter Nachbarschaft zum Limes wohne, war es an der Zeit, einmal das Römerkastell Saalburg in Bad Homburg vor der Höhe zu besuchen.

    Zur richtigen Zeit

    Am Tag meines Besuchs wurde gerade ein neuer Teil der Ausstellung eröffnet. In den rekonstruierten Baracken kann man jetzt eine Mannschaftsstube (Contubernium) anschauen und sehen, auf welch beengtem Raum die römischen Soldaten lebten. Und auch, dass sie offensichtlich ziemlich klein waren. Für uns wirken die Betten (4 Etagenbetten für insgesamt 8 Soldaten) wie Kinderbetten. Wenn man sich dann überlegt, dass sich die römischen Soldaten für 25 Jahre verpflichteten, fühlt man sich heutzutage irgendwie verweichlicht.

    Die 25-jährige Verpflichtung hatte aber auch enorme Vorteile. In der Regel waren die Soldaten keine Römer, sondern kamen aus allen Teilen des Reiches. Einzig der Kommandant war Römer. In der Saalburg waren hauptsächlich britannische und hispanische Soldaten stationiert. Nach vollendeter Dienstzeit konnten die Soldaten dann römische Bürger werden – mit den dazugehörigen Rechten.

    Abenteuerlicher Parkplatz und Wochenendlegionäre

    Die Anreise zur Saalburg ist mit dem Auto ziemlich unkompliziert, da es eine gute Ausschilderung gibt. Allerdings ist die Parkplatzsituation vor Ort nicht so toll. Obwohl es ein ausgewiesener Parkplatz ist, hat er doch mehr von „Wildparken“ und es empfiehlt sich, schon früh da zu sein. Immer sonntags gibt es um 11:00, 13:00 und 15:00 Uhr Führungen, die etwa 50 Minuten dauern. Dabei sind die um 13:00 und 15:00 Uhr als getrennte Führungen für Erwachsene und Kinder geplant. Aufgrund der Eröffnung der Stube fanden an dem Tag stündlich Führungen statt und es gab auch viele Highlights für Kinder. So waren an dem Tag die „Wochenendlegionäre“ da und haben vorgeführt, wie man früher gedrechselt hat und wie man mit dem Kurzschwert kämpfte. Zudem gab es kleine Wagenrennen (hier zog dann Papa den Wagen, in dem das Kind sich als Wagenlenker à la Ben Hur fühlen konnte). Ganz offensichtlich machte das riesigen Spaß.

    Wer fragt hat Glück

    Schon am Parkplatz sieht man die ersten Überreste. Dabei handelt es sich um die Ausgrabungen des zum Kastell gehörigen Dorfes. Hier wohnten die Familien, boten Händler ihre Waren feil und es gab ein Badehaus für alle. Durch zwei rekonstruierte Dorfgebäude betritt man dann das eigentliche Kastellgelände und schreitet auf das Haupttor zu. Dieses wird bewacht von einer Statue des römischen Kaisers Antoninus Pius (* 19. September 86 bei Lanuvium; † 7. März 161 ebenda). Schreitet man durch das Tor, blickt man direkt links auf das Haus des Kommandanten (Praetorium). Hier befindet sich heute die Museumsleitung und die Bibliothek. Es ist nicht öffentlich zugänglich, kann aber bei bestimmten Führungen besichtigt werden. Die Führung, an der ich teilnahm, bot dies leider nicht, aber auf freundliche Nachfrage konnte ich doch kurz rein und den schönen und ruhigen Innenhof mit seinem mosaikgeschmückten Wasserbecken (leider gerade ohne Wasser) bewundern.

    Direkt gegenüber dem Haupttor befindet sich die Principia, das Hauptgebäude des Kastells. Darin findet der Besucher Ausstellungen zu den Fundstücken der Gegend. Das berühmteste und beeindruckendste Ausstellungsstück ist hier der Pferdekopf aus Waldgirmes – ein Fragment einer vergoldeten Bronzestatue, die vermutlich Kaiser Augustus zeigte und auf dem Marktplatz der römischen Siedlung Waldgirmes stand.

    Die große Halle diente als Trainingshalle. Hier stehen zwei mobile Holzpfosten (neu), die Spuren von Schwertkampfübungen zeigen. Im Innenhof kann man zwei der insgesamt über 90 entdeckten Brunnen finden. Warum so viele? Immer wenn einer versiegte, grub man einen neuen. Und so kamen im Laufe der Zeit (das Kastell bestand vom Anfang des 2. Jh. n. Chr. bis etwa 275 n. Chr.) so viele Brunnen zustande. Bei ungefähr 600 stationierten Soldaten und nochmal etwa 1.200 Dorfbewohnern waren diese auch nötig. Wenn die Brunnen versiegt waren, wurden sie in der Regel als Müllgruben genutzt – ein Umstand, der heute der Archäologie sehr hilft. Nichts gibt mehr Aufschluss über das Leben und die Menschen als der anfallende Müll. Vielleicht sollten wir darüber heute öfter nachdenken.

    Die Antike war bunt

    Ebenfalls im Hauptteil befindet sich die Waffenkammer. Hier findet man heute eine Ausstellung zur Waffentechnik der Römer und zu den Limestürmen. Das besondere Ausstellungsstück ist hier ein Schaukasten, in dem ein römisches Heer mit Playmobil-Legionären aufgebaut ist. Hier kann man sich genau anschauen, wie die Aufstellung und Aufteilung aussahen. Dieses Exponat dürfte Erwachsene wie Kinder gleichermaßen erfreuen.

    Geht man weiter, findet man einen Ausstellungsraum mit Weg- und Grabsteinen aus römischer Zeit und Erklärungen zum römischen Leben am Limes. Hier wird auch mit einem modernen Missverständnis aufgeräumt. Als das Kastell unter Kaiser Wilhelm II. ausgegraben und rekonstruiert wurde (1897–1907), nahm man an, dass für die Bauten normale Steine genutzt wurden und alles recht schmucklos war. Heute weiß man, dass die Antike knallbunt war (auch die Akropolis in Athen strahlte ursprünglich in allen bekannten Farben). Ein Grabstein verdeutlicht dies ganz besonders: Das gefundene Original und eine farblich rekonstruierte Kopie stehen hier direkt nebeneinander. Auch das gesamte Kastell war nicht so einheitlich naturfarben, wie es sich heute darstellt. Die Gebäude waren fast alle verputzt und bemalt. Heute kann man anhand der äußeren Gestaltung nachvollziehen, was aus der Zeit Wilhelms II. stammt und was nach neuestem archäologischem Wissensstand rekonstruiert wurde. Da mal genauer hinzuschauen, lohnt sich. Im Übrigen stellt der Wiederaufbau im Wesentlichen den Forschungsstand um 1900 dar. Heute weiß man nicht nur, dass die Häuser bunt bemalt waren, sondern auch, dass die Türme an den Toren höher waren und über drei Geschosse verfügten.

    Am Fahnenheiligtum kann man die reiche, farbige Ausstattung gut nachvollziehen. Hier befinden sich die Standarten der stationierten Legionen. Bei den ausgestellten Stücken handelt es sich um Rekonstruktionen aus der Zeit um 1900.

    Altes uns Neues – Rekonstruktionen

    Ein weiteres Highlight in diesem Komplex ist die Rekonstruktion des Tricliniums – das Speisezimmer aus Echzell. 1965 fand man beim Ausheben einer Baugrube Bruchstücke eines bemalten Wandverputzes. Insgesamt waren es etwa 10.000 Teile. Dieses gigantische Puzzle setzten Forscher wieder zusammen und ergänzten die fehlenden Stellen. Das plastische Ergebnis kann man hier bewundern.

    Durch ein Seitentor habe ich das Hauptgebäude dann verlassen und stieß direkt auf die Fabrica. Dieses innen sehr moderne Gebäude beinhaltet einen Veranstaltungsraum und ein kleines Kino, in dem man einen etwa 6-minütigen Film zum Kastell sehen kann (immer im Wechsel auf Englisch und Deutsch). Nur der Ton könnte etwas lauter sein. Aus der großen Halle lärmt es auch bei wenigen Besuchern ziemlich, und dadurch ist (auch bei geschlossener Tür) der Text schwer zu verstehen. Außerdem kann man in der Halle ausprobieren, wie sich die Soldaten in ihrer Freizeit beschäftigten. Es stehen verschiedene antike Spiele zur Verfügung, die man ausprobieren kann. Vom Lichthof aus (in dem verschiedene antike Porträtbüsten ausgestellt sind) gelangt man noch in rekonstruierte Werkstätten. Ein Schuhmacher, ein Beinschnitzer und eine Garküche werden hier mit ihrer Arbeit lebendig.

    Einmal im Kreis

    Ich habe mich dann entlang der Innenseite des Walls aufgemacht und bin einmal um das gesamte Kastell gelaufen. Insgesamt hatte es vier Tore, an denen auch Tafeln angebracht sind, auf denen Spender genannt sind. Diese hatten den Kaiser bei der Rekonstruktion des Kastells finanziell unterstützt. Stilgerecht sind diese Stiftertafeln natürlich in Latein geschrieben und ähneln damit Originalinschriften aus der Römerzeit.

    Am östlichen Wall befindet sich die Rekonstruktion eines römischen Ofens. Augenscheinlich wird damit auch tatsächlich von Zeit zu Zeit gebacken. Direkt daneben finden sich dann die ehemaligen Latrinen. Hier kann man noch sehen, wie fortschrittlich die Römer im Bezug auf das Abwasser waren. Man saß auf einem Brett mit entsprechenden Aussparungen nebeneinander (Scham im heutigen Sinne war damals kein Thema, denn die Latrinen dienten auch als Besprechungsorte). Unter dem Brett verlief ein kleiner Kanal, der mit Wasser gespeist wurde. Man hatte damals also schon eine Wasserspülung. Naheliegenderweise befand sich gleich gegenüber ein Badehaus. Hier kann man gleich noch Reste der Heizung entdecken. Detaillierter sieht man das auch in den Überresten der Herberge direkt vor dem Haupttor des Kastells. Hier gab es in einigen Zimmern eine Fußbodenheizung, deren Aufbau anschaulich erhalten ist.

    Der hintere Teil des Kastells ist weitestgehend eine freie Fläche. Vereinzelt kann man einige Überreste sehen und den Aufbau des Walls und der Verteidigungsanlagen genauer anschauen. Trotz der vielen Besucher an diesem Tag war es hier hinten recht ruhig und leer. Aufgrund der Flächengröße verläuft es sich angenehm. Das gilt im Übrigen für das gesamte Kastell. Man kam an alle Exponate gut heran und konnte auch ausreichend lange verweilen.

    Speisen wie die alten Römer

    Das galt allerdings nicht für das Museumsrestaurant Taberna. Hier hätte ich sehr gerne eines der römischen Gerichte probiert, aber es war einfach kein Platz mehr frei. Ich habe dann überlegt, wenigstens eine der römisch gewürzten Würste auf die Hand zu nehmen. Dazu muss man im Inneren an der Kasse bestellen und bekommt dann sein Essen. Wenn man sich dort anstellt, steht man aber automatisch dem Personal im Weg. Ich habe es dann gelassen.

    Auf dem Weg zurück zum Auto habe ich mir noch die Überreste der alten Herberge und des Badehauses genauer angesehen. Wenn man sich überlegt, wie viele Menschen hier lebten und wie klein die Gebäude sind, fragt man sich, wie die da alle Platz fanden.

    Noch eine Erklärung zum Namen Saalburg: Der klingt alles andere als römisch und ist auch ein neuzeitlicher Begriff. Leider ist an keiner Stelle ein römischer oder auch germanischer Name für das Kastell überliefert. Daher wurde der Begriff Saalburg gewählt. Dieser stammt vermutlich vom Wort „sala“ aus dem Althochdeutschen bzw. Fränkischen und bedeutet Saal, Herrenhof oder große Halle


    Tipps

    • Wie bereits erwähnt, lohnt es sich, früh zu kommen, da die Parkplätze begrenzt und eng sind. Alle Informationen zur Anfahrt, zu den Öffnungszeiten, Führungen und Sonderveranstaltungen findet man auf der Webseite der Saalburg.
    • Auch Wikipedia bietet wie immer einige Grundinformationen zur Saalburg und zum Limes
    • Zwischen Niedernhausen und Idstein befindet sich an der L3026 eine Rekonstruktion eines Limesturms. Dieser wird von Ehrenamtlichen betreut und ist sonntags zwischen 14:00 und 16:00 Uhr zu besichtigen. Im Winter finden keine Besichtigungen statt. Informationen dazu finden sich auf deren Webseite.

  • In Rixdorf is Musike – Überraschendes Neukölln

    In Rixdorf is Musike – Überraschendes Neukölln

    Besucht am 22.09.2026

    Vor Kurzem hatte ich mal wieder den Ordner mit den Familienunterlagen in der Hand. Darunter war auch die Geburtsurkunde meiner Großmutter mütterlicherseits. Dabei fiel mir auf, dass sie als Geburtsort noch „Rixdorf“ stehen hatte.

    Rixdorf ist heute der nördliche Teil des Bezirks Neukölln und heißt erst seit 1912 so – genauer gesagt seit dem 27.01.1912, dem 53. Geburtstag von Kaiser Wilhelm II. Der Begriff Rixdorf war zu diesem Zeitpunkt den Behörden zu „unanständig“ geworden, war der Ort doch bekannt für seine „frivole Unterhaltung“. Es war quasi das, was die Reeperbahn für Hamburg ist – ein Amüsierviertel. In ganz Berlin war bekannt, dass in Rixdorf Musike ist. 1920 wurden dann Neukölln, Britz, Buckow und Rudow als Bezirk Neukölln nach Groß-Berlin eingemeindet.

    Rixdorfer Geschichte

    Die Geschichte von Rixdorf begann aber schon viel früher. Funde belegen, dass hier schon die Neandertaler gejagt haben. Belegt als Ort ist Rixdorf (oder Richardsdorf) dann ab dem Mittelalter, genauer ab 1360. Interessant wurde es ab 1737. In diesem Jahr holte Friedrich Wilhelm I. böhmische Handwerker nach Preußen. Diese mussten aufgrund ihres protestantischen Glaubens auswandern, und Friedrich Wilhelm I. erkannte ihren Wert für Preußen. Hauptsächlich handelte es sich dabei um Weber und ihre Familien – insgesamt 350 Personen. Und so existierten ab dieser Zeit Deutsch-Rixdorf und Böhmisch-Rixdorf. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Bevölkerung dann sprunghaft. Waren es 1805 noch 319 Einwohner in Böhmisch-Rixdorf und 376 in Deutsch-Rixdorf, so waren es 1858 schon 1.014 Einwohner in Böhmisch-Rixdorf und 2.823 in Deutsch-Rixdorf. Zur Gemeinde Rixdorf wurden sie dann am 11.07.1873 vereint, und am 01.04.1899 bekam Rixdorf das Stadtrecht.

    Und hier wurde nun am 19.11.1911 meine Großmutter geboren. Mein Großvater, der am 06.01.1913 geboren wurde, war dann schon ein waschechter Neuköllner.

    Überall Kindheitserinnerungen

    Als Kind war ich immer im Dezember mit meiner Mutter auf dem Rixdorfer Weihnachtsmarkt. Das war ein besonders stimmungsvoller Weihnachtsmarkt, und schon damals fiel mir die Besonderheit des Ortes auf. Auf einem Ausflug mit der Grundschule lernte ich dann etwas mehr über Rixdorf, und daran habe ich mich jetzt wieder erinnert. Diesen Ausflug wollte ich jetzt noch einmal machen.

    So stand ich also an einem Dienstag auf der lauten und ziemlich dreckigen Karl-Marx-Straße, um diesen anderen Neuköllner Ort für mich wiederzuentdecken. Es gibt verschiedene Straßen, die man nehmen kann, um das alte Rixdorf zu erreichen. Ich wählte den Weg über den Karl-Marx-Platz. Dieser wirkt wie ein Trichter: An der belebten Karl-Marx-Straße ist er noch breit und laut, und am unteren Ende ist er eng. Je weiter man in den Trichter hineingeht, desto ruhiger wird es. Wer mit offenen Augen entlangläuft, bemerkt rechts zwischen den Häusern einen schmalen Durchgang mit einem eisernen Tor. Hier versteckt sich einer der Zugänge zum Böhmischen Gottesacker. Er wurde 1751 geweiht und ist damit Berlins zweitältester noch benutzter Friedhof. Leider war das Tor verschlossen. Schade.

    Also ging ich erst einmal weiter. Am Ende des Karl-Marx-Platzes öffnet sich der „Trichter“ wieder, und plötzlich steht man auf dem Richardplatz – und in einer scheinbar anderen Stadt. Ist das noch das Neukölln, das wir alle aus der Presse oder aus eigener Erfahrung kennen? Nein, ganz augenscheinlich nicht. Da stehen wir auf einem Dorfanger. Alles ist grün und lichtdurchflutet. Und auffällig ruhig. Auf der linken Seite befindet sich die Villa Rixdorf mit ihrem lauschigen Biergarten, und mitten auf dem Platz steht ein Kiosk, der aussieht wie ein kleiner antiker Pavillon. An der Ecke zur Richardstraße zeigt mir ein Hinweisschild, dass es hier zum Böhmischen Dorf geht. Ich folge diesem Hinweis und gehe links hinein. Nach gut 200 Metern stehe ich vor einigen kleinen, alten Häusern. An der Ecke zur Kirchgasse steht ein Gedenkstein für Johann Amos Comenius (1592–1670), einen Bischof der Böhmischen Brüder. Er wird mir heute noch einmal begegnen.

    Bin ich wirklich noch in Neukölln?

    Ich biege zunächst rechts in die Kirchgasse ein. Diese hieß früher eigentlich Enge Gasse (ich sehe auch wenig später, warum), und auch der ehemalige böhmische Name (Malá Ulička) steht noch über dem Straßenschild. Die Straße führt direkt auf einen kleinen Platz. Hier befindet sich die ehemalige Schule (Nr. 5), in der sich heute das kleine Museum befindet. Auch hier hatte ich wieder schlechtes Timing, denn es war an diesem Tag geschlossen. Auf dem Platz steht ein Standbild von Friedrich Wilhelm I., der die Böhmen nach Preußen geholt hatte. Auf der Seite sieht man eine Tafel mit den ankommenden Menschen, und auf der Rückseite ist die Inschrift „Die dankbaren Nachkommen der hier aufgenommenen Böhmen“.

    Ich gehe weiter durch die Kirchgasse, die hier einen Knick nach links macht. Und dann weiß ich auch ganz genau, warum sie einmal Enge Gasse hieß. Denn hier wird es wirklich eng. Auf der linken Seite hat man die Rückseiten der Höfe an der Richardstraße, und auf der rechten Seite reiht sich ein kleines Häuschen mit idyllischem Garten an das nächste. Ich bin in einem Dorf und ganz sicher nicht mehr in Berlin-Neukölln.

    Am Ende der Gasse befindet sich schließlich ein Neubau. Hier hat die Bethlehemsgemeinde heute ihr Gemeindehaus. Etwas weiter, wieder an der Richardstraße, befindet sich der alte Kirchsaal mit seinem kleinen hölzernen Glockenturm. Die böhmische Bevölkerung teilte sich nach der Ankunft in Rixdorf in drei Gemeinden auf: die Herrnhuter Brüdergemeine (falls Ihr jetzt an die berühmten Sterne zur Weihnachtszeit denkt, denkt Ihr richtig), die Reformierte und die Lutherische Kirche. Alle drei sind bis heute hier vertreten.

    Technikgeschichte

    Ich gehe wieder zurück zur Richardstraße. Hier endet der historisch böhmische Teil. Ein anderes, später errichtetes Gebäude weckt hier meine Aufmerksamkeit – das ehemalige Umspannwerk Neukölln. Ein roter Backsteinbau, der 1926–1928 erbaut wurde und bis 1973 in Betrieb war. Heute steht er unter Denkmalschutz.

    Jetzt schaue ich mir die böhmischen Häuser in der Richardstraße genauer an. Alle sehr gepflegt. Überhaupt stelle ich fest, dass es in diesem Kiez auffällig sauber ist. Es sind auch komplett andere Menschen als in der nur wenige Meter entfernten Karl-Marx-Straße unterwegs. Ich muss mir immer wieder in Erinnerung rufen, dass ich hier tatsächlich im sogenannten Problembezirk bin.

    Entspannte Pausen-Oase

    Nach einem Zwischenstopp in einem kleinen Laden mit antiquarischen Büchern zu sensationell günstigen Preisen gehe ich rüber zum Comeniusgarten (da ist Comenius wieder). Eine Oase mitten in der Stadt. Noch einmal wird es ruhiger. Dem Besucher eröffnet sich eine Naturoase mitten in der Großstadt. Und alles ist so toll gepflegt. Kneift mich, bin ich wirklich noch in Neukölln? Gleich hinter dem Eingang befindet sich eine dreieckige Fläche, an deren Ecken jeweils ein Gegenstand steht: ein Mikroskop, ein Teleskop und ein Spiegel. Eine sehr nette Mitarbeiterin erklärt mir, dass es sich hierbei um „Das Auge Gottes“ handelt. Am Ende des Artikels findet Ihr wie immer ein paar Tipps und Links. Dort könnt Ihr mehr darüber erfahren. Im Übrigen ist der ganze Garten so angelegt, dass er den Lebensweg von Comenius symbolisch darstellt. Ich habe hier eine kleine Pause eingelegt und die Ruhe dieses Ortes sehr genossen.

    Was es dort allerdings nicht gab, war etwas zu trinken. Daher bin ich zurück zum Richardplatz und zur Villa Rixdorf gegangen, wo ich dann auf der Terrasse meine Pause fortgesetzt habe. Hier kann man übrigens noch einige Berliner Spezialitäten wie Eisbein oder Leber „Berliner Art“ essen.

    Nach der kleinen Pause geht es weiter. Ich gehe weiter über den Richardplatz, den ehemaligen Dorfanger. Mitten auf dem Platz (dem alten Dorfanger von Deutsch-Rixdorf) befindet sich die Alte Schmiede. In unserer Familie finden sich diverse Hufeisen, die wir auf dem Rixdorfer Weihnachtsmarkt hier erstanden haben und die unsere Initialen tragen. Eines hängt bis heute bei meiner Mutter in meinem ehemaligen Zimmer über der Tür. So eine Schmiede ist schon etwas Faszinierendes. Und die alte Dorfschmiede von Rixdorf ist bis heute in Betrieb. Nicht nur als Attraktion zum Weihnachtsmarkt, sondern ganzjährig. Man kann dort Schmiedekurse belegen, geschmiedete Leuchter, Messer und Schmuck kaufen und auch Unikate anfertigen lassen. Wie schön, wenn solches Handwerk heute noch gepflegt wird.

    Altes Handwerk in modernen Zeiten

    Weiter geht es. Direkt hinter der Schmiede befindet sich ein Hof mit Ställen. Am Eingang prangt ein Schild mit der Aufschrift: „Gustav Schöne – Fuhrbetrieb“. Direkt am Eingang steht – sehr dekorativ – eine alte Tanksäule. Schon als Kind wollte ich hier immer hin, denn in den Ställen standen Pferde. Heute stehen sie in der Lüneburger Heide und genießen ihr Leben (vor dem Haus ist ein Schaukasten mit Bildern davon). Auch gibt es den Fuhrbetrieb so nicht mehr. Aber ein sehr netter junger Mann erzählt mir, dass die alten Kutschen noch da sind. Allerdings so zugestellt, dass man sie so ohne Weiteres nicht sehen kann. Schade. Denn in einer dieser Kutschen sind meine Eltern 1970 zu ihrer Hochzeit gefahren. Die hätte ich mir doch sehr gerne noch einmal angeschaut.

    Weiter geht es an einigen alten, aber leider auch an einigen sehr unschönen neuen Häusern vorbei. Es lohnt sich aber, sich das eine oder andere genauer anzuschauen. Auch wird man feststellen, dass es immer wieder kleine Seitendurchgänge gibt.

    Die Dorfkirche

    Am Ende des Dorfangers steht noch ein kleines Highlight: die Bethlehemskirche. Dabei handelt es sich um die alte Dorfkirche von Rixdorf. Ich habe verschiedene Daten gefunden, wann diese Kirche tatsächlich erbaut wurde. Sagen wir einfach: grob zwischen 1420 und 1460. Von diesem Ursprungsbau ist heute noch ein Teil der Außenmauer vorhanden. Im Dreißigjährigen Krieg brannte sie nieder (1639), wurde wieder aufgebaut und erhielt einen hölzernen Kirchturm. 1757 erfolgte noch einmal ein Umbau, und aus dem hölzernen Turm wurde ein steinerner. Als 1737 die ersten böhmischen Einwanderer kamen, fanden hier auch sofort böhmische Gottesdienste statt, da der Aufbau eigener Kirchengebäude noch etwas Zeit brauchte. Ab dem 19. Jahrhundert nutzte eine der drei böhmischen Gemeinden die Bethlehemskirche regelmäßig.

    Ich hatte das Glück, dass ein sehr freundlicher älterer Herr aus der Gemeinde zugegen war und mir mit viel Leidenschaft von der Kirchen- und Dorfgeschichte erzählte. So erklärte er mir, dass der Innenraum ursprünglich komplett weiß war – inklusive der Bestuhlung, der Kanzel und des Altars, wie es in böhmischen Gemeinden üblich ist. Erst in den 1930er Jahren unter der Naziherrschaft wurde das in die heutige Form geändert. Man fand es nicht mehr „passend“ und „deutsch“ genug. Schade, denn ich konnte auf einem Foto sehen, wie es ursprünglich ausgesehen hat. Und es hatte eine sehr freundliche und luftige Anmutung.

    Zurück in der hektischen Großstadt

    Mit der Dorfkirche war mein Erkundungsrundgang beendet. Auf dem Rückweg zur Karl-Marx-Straße versuchte ich noch einmal mein Glück beim Böhmischen Gottesacker, aber leider war auch die zweite Pforte verschlossen. Diesen Besuch muss ich also ein anderes Mal nachholen. Ehrlich gesagt war ich auch ziemlich müde.

    Wieder auf der lauten Karl-Marx-Straße zu stehen und den vollen U-Bahnhof zu betreten, war in gewisser Weise ein kleiner Schock. In den letzten vier Stunden war ich gefühlt in einer komplett anderen Stadt. In Rixdorf fühlt sich alles sehr dörflich an. Es ist ruhig, auffallend sauber für Neukölln und sehr entspannt. Aufgrund von verkehrsberuhigenden Maßnahmen hat man kaum fahrende Autos. Was man aber immer wieder hört, ist Kinderlachen. Denn hier gibt es jede Menge Spielplätze. Ein sehr lebendiger Kiez, den man unbedingt mal gesehen haben sollte.


    Tipps

    Hier der Link zum Comeniusgarten, wo Ihr mehr über die Gestaltung und „Das Auge Gottes“ erfahrt.

    Über die Geschichte Rixdorfs erfahrt Ihr hier und hier mehr.

    Man kann auch über kleine Seitenstraßen nach Böhmisch-Rixdorf gelangen (z. B. über die Herrnhuter Straße direkt am U-Bahnhof Karl-Marx-Straße). Ich empfehle aber noch ein Stück weiter südlich den Zugang über den Karl-Marx-Platz.

  • Zu Besuch in Entenhausen – Das Erika-Fuchs-Haus

    Zu Besuch in Entenhausen – Das Erika-Fuchs-Haus

    Besucht am 09.08.2026

    Wart Ihr schon mal in Entenhausen? Nein? Dann wird es Zeit.

    In Schwarzenbach an der Saale im Landkreis Hof habt Ihr dazu die Gelegenheit. Dort steht nämlich das Erika-Fuchs-Haus, in dem sich Deutschlands erstes Comicmuseum befindet. Das Museum gibt es seit dem 1. August 2015, und 2026 wurde es mit dem „Kulturpreis Deutsche Sprache“ ausgezeichnet. Doch warum ausgerechnet in Schwarzenbach und wer war Erika Fuchs?

    Eine Frau mit Vorbildcharakter

    Erika Fuchs wurde als Johanne Theodolinde Erika Petri 1906 in Rostock geboren. Während ihres kunstgeschichtlichen Studiums lernte sie in München den Ingenieur Günter Fuchs aus Schwarzenbach an der Saale kennen und heiratete ihn 1932. Ende der 1940er-Jahre bemühte sich Erika um Übersetzungsaufträge und konnte für den Rowohlt-Verlag und Reader’s Digest einige Artikel und Kurzgeschichten übersetzen. 1951 fragte man sie, ob sie für den neu gegründeten EHAPA-Verlag Chefredakteurin der neuen Comic-Zeitschrift „Micky Maus“ werden wolle. Nach kurzem Überlegen nahm sie das Angebot an und schuf damit über Jahrzehnte etwas Besonderes. Ihre Übersetzungen waren nicht wörtlich. Sie nahm die Geschichten und Bilder und passte sie an – und zwar mit Anspruch. In ihren Sprechblasen finden sich jede Menge Zitate und Anspielungen auf die deutsche Literatur. Goethe, Schiller, Lessing… die Worte all dieser Literaturgrößen wurden Donald und Co. von ihr in den Schnabel gelegt.

    Etwa 20 Jahre lang übersetzte sie alle in der „Micky Maus“ erscheinenden Geschichten. Ab den 1970er-Jahren beschränkte sie sich auf die in Entenhausen spielenden Geschichten und später nur noch auf jene, in denen Donald die Hauptfigur war. Man kann also sagen, sie war Donalds deutsche Ziehmutter. Durch ihre Arbeit wandelte sich der Blick auf Comics. Waren sie in den 1950er-Jahren noch als Schund abgestempelt worden, betrachtete man sie in den 1960er-Jahren im Zuge der aufkommenden Popkultur bereits differenzierter. Heute sind sich Sprachwissenschaftler weitestgehend einig, dass ihr Werk die deutsche Sprache deutlich beeinflusst hat. So bezeichnet man ihr zu Ehren die von ihr verwendete Inflektivform zur visuellen Darstellung von nichtvisuellen Vorgängen als „Erikativ“.

    Nach dem Tod ihres Mannes zog Erika nach München zu ihren Kindern. Dort verstarb sie 2005 im Alter von 98 Jahren. Begraben wurde sie an der Seite Günters in Schwarzenbach. 2006 brachte die D.O.N.A.L.D. (Deutsche Organisation nichtkommerzieller Anhänger des lauteren Donaldismus) am Wohnhaus in Schwarzenbach eine Gedenktafel an.

    Das Erika-Fuchs-Haus mit den Vorplatzskulpturen

    Der Besuch

    Das Museum befindet sich nicht im ehemaligen Wohnhaus in der Marienstraße, sondern in der nahegelegenen Bahnhofstraße. Vor dem Haus kann man gut parken, und der Bahnhof ist auch nur wenige Meter entfernt. Man kann das Museum gar nicht verfehlen, denn vor dem Haus stehen bereits einige Skulpturen, die durch ihren Comic-Charakter eindeutig den Weg weisen. Auf der Webseite des Museums kann man einiges über diese Freiluft-Ausstellung lesen. Die Exponate wechseln alle paar Jahre. Die aktuellen Skulpturen stammen von Luise Mirdita und wurden 2025 aufgestellt.

    Im hellen Inneren des Museums fällt einem zuerst der Museumsshop auf, der einem gut sortierten Comicladen gleicht (welch Wunder!). Die Dame an der Kasse ist sehr freundlich und hilfsbereit (was ich am Schluss noch einmal merkte, als ich ein paar Sachen erwarb und Rat brauchte). Es gibt ausreichend Schließfächer, einige sogar mit Steckdose, damit man sein Handy zwischendurch aufladen kann. Allerdings sind sie auch etwas klein. Meine Handtasche passte genau rein, eine Jacke hätte keinen Platz mehr gehabt.

    Wenn man die Treppe zur Dauerausstellung hinaufgeht, beginnt diese mit einem kleinen Film. Was ich besonders gut finde, ist, dass die Tür sich automatisch öffnet, kurz bevor der Film anfängt, und sich danach wieder schließt. So verpasst man den Anfang nicht und kann den ganzen Film in Ruhe schauen. Und das sollte man auch. Auf drei sich ergänzenden Leinwänden wird die Entstehungs- und Kulturgeschichte der Comics erzählt. Auch erhält man eine kurze Einführung in Aufbau, Struktur und Elemente von Comics. Ein sehr guter Start.

    Erster Blick auf Entenhausen. Links das Haus von Donald Duck

    Interaktiv und amüsant

    Am Ende des Films öffnet sich gegenüber der Eingangstür ein Vorhang und plötzlich steht man in Entenhausen! Vor einem tut sich ein kleiner Nachbau dieser Comicstadt auf. Gleich zur Linken befindet sich Donalds Haus, schräg daneben das von Daniel Düsentrieb. Und beide kann man betreten. Genau wie Oma Ducks Bauernhof (Kinder können sogar reinkriechen) – und überall gibt es kleine Hinweisschilder, die die Erwachsenen lesen können. Hier erfährt man Biografisches über die Figuren und Entenhausen. An einem Baum befindet sich der Stammbaum der Duck’schen Familie. Und ganz groß befindet sich in der Mitte des Raumes Dagoberts Geldspeicher. Auch den kann man betreten, und im Innern befindet sich ein „Bällebad“, in dem aber Taler statt Bälle liegen. Man kann dort selber einmal in Talern schwimmen und es Onkel Dagobert gleichtun (Fotografieren ist übrigens ausdrücklich erlaubt).

    Bad in Dagoberts Geldspeicher

    Touri spielen in Entenhausen

    Ein Selfie vor der Stadtansicht von Entenhausen und dem Münster ist natürlich Pflicht. Im hinteren Bereich befindet sich auch ein interaktiver Tisch mit einem Plan von Entenhausen und Umgebung. Hier kann man verschiedene Punkte anklicken und so einen Überblick bekommen, wo sich welche Sehenswürdigkeit genau befindet. Was für eine klasse Idee, aus allen Angaben in den Comics einen richtigen Stadtplan zu machen! Entenhausen wird dadurch ein Stück realer.

    Vorbei am Hafen und dem Entenhausener Umland verlässt man diesen hellen, bunten und freundlichen Raum und betritt einen wesentlich sachlicheren und etwas dunkleren. Hier wird (natürlich als Comic) die Lebensgeschichte von Erika Fuchs erzählt. Diese Darstellung kann man auch als Mappe im bereits erwähnten Shop erwerben.

    Vom Umgang mit Sprache

    Weiter geht es in den nächsten Raum. Hier ist alles schwarz-weiß, denn es geht um die Sprache und den Aufbau von Comics. Der Besucher erfährt, wie sich Sprech- und Denkblasen unterscheiden, was Soundwords (Zong, Boing, Kracks usw.) sind und was es sonst noch braucht. Hier gibt es auch einen Wortgenerator, mit dem man herrliche Neukreationen zusammenschieben kann. Es gibt eine Wand, an der man Donald verschiedene Gesichtsausdrücke zusammenbauen kann, und zwei kleine interaktive Kammern, in denen man sein Comic-Übersetzungstalent prüfen kann. Außerdem befinden sich hier einige Exponate aus dem Besitz von Erika Fuchs, wie originale Übersetzungsdokumente, ihr Notizbuch und ihre Schreibmaschine.

    Den Bereich der Dauerausstellung beendet ein Raum, in dem Branchenkollegen eine Hommage an Erika Fuchs gestaltet haben. Karikaturisten und Cartoonisten haben sich Gedanken um ihr Leben gemacht und man findet hier unter anderem einen Comic über einen fiktiven Ehestreit im Hause Fuchs. Ausschließlich mit Soundwords.

    Hier schließt sich dann die Bibliothek an. Neben Vitrinen mit Micky-Maus-Devotionalien finden sich raumhohe Regale mit Comics, Graphic Novels und Büchern zum Thema. Hier könnte man sehr gemütliche Stunden verbringen. Ich lese meine Lustigen Taschenbücher aber lieber zu Hause auf dem heimischen Sofa.

    Im unteren Bereich gibt es noch eine Fläche für Sonderausstellungen. Zum Zeitpunkt meines Besuchs waren es zwei: eine zum Gehirn (schön kindgerecht) und eine über Superhelden wie Superman, Batman, Wonder Woman und Co. (eher was für Erwachsene).

    Mein Fazit: Ich hatte Spaß. Die kleine, aber feine Ausstellung ist liebevoll gemacht und wird gepflegt. Die Exponate befinden sich in einem sehr guten Zustand, was bei interaktiven Ausstellungen nicht immer der Fall ist. Mit mir waren nur wenige Menschen da und die waren fast alle erwachsen. Der Besuch als Familie ist aber (aus meiner Sicht) unbedingt zu empfehlen.


    Tipps:

    • Auf der Webseite des Erika-Fuchs-Hauses findet man alle nötigen Informationen zu Anfahrt, Eintritt und den Ausstellungen sehr übersichtlich dargestellt.
    • Informationen zu Erika Fuchs und ihrem Leben findet man bei Wikipedia.
    • Wer sich mehr mit Donald und Co. beschäftigen möchte, dem sei die Webseite von D.O.N.A.L.D. empfohlen.
    • In einer guten Stunde ist man durch. Man sollte aber noch etwas Zeit für den Shop einplanen und sehr resistent gegen seine Verlockungen sein.

    Eindrücke

  • Das Freilichtmuseum Hessenpark in Neu-Anspach

    Das Freilichtmuseum Hessenpark in Neu-Anspach

    Besucht am 08.08.2025

    Seit ich in Hessen wohne, gab es zwei Orte, die ich unbedingt besuchen wollte: die Saalburg und das Freilichtmuseum Hessenpark. Zumindest letzteren habe ich nach neun Jahren nun endlich betreten.

    Der richtige Zeitpunkt

    Als Besuchstag habe ich mir einen weitestgehend sonnigen Freitag in den Schulferien ausgesucht und dementsprechend mit einem großen Andrang gerechnet. Ich hatte mich geirrt. Es war relativ leer bzw. die Besucher verteilten sich auf dem weitläufigen Gelände. Das war aber auch ganz gut. So kam man in die naturgemäß engen historischen Gebäude gut hinein und die Besucher blockierten sich nicht gegenseitig. Leider gab es dadurch aber auch nur recht wenige Vorführungen. Man kann nicht alles haben. Die Vorführungen werden von Ehrenamtlichen gemacht, und die können nun mal nicht jeden Tag. Sehr interessant war aber der anwesende Seiler, der auf einer kleinen Reeperbahn das Handwerk zeigte und Kinder ihre eigenen Springseile herstellen ließ.

    Vom Haupteingang gelangt man nach ein paar Metern auf einen schönen, weitläufigen Marktplatz. Hier befinden sich diverse Geschäfte: eine Bäckerei mit Landbrot und herrlichen Blechkuchen, ein Laden mit Wurstwaren, Läden mit diversen Handwerksartikeln und auch ein Hotel, in dem man zudem übernachten kann. Alle befinden sich in historischen Häusern, die man vor dem Abbruch gerettet und von ihrem ursprünglichen Standort in das Freilichtmuseum umgesetzt hat. In einem Hinterhof fand gerade eine Hochzeitsfeier mit Live-Musik statt. Denn im historischen Standesamt kann man auch heiraten.

    Leidenschaft für Bücher

    Besonderes Interesse hatte ich an der Druckerei. Leider war sie an diesem Tag nicht besetzt und auch die kleine Ausstellung war nicht zugänglich, obwohl es sogar einen Handzettel gibt, der einem den Rundgang erklärt. Schade, denn als Enkelin eines Druckers und ehemalige Studentin der Bibliothekswissenschaften mit einer Vorliebe für alte Drucke wäre das mein Highlight gewesen.

    Ganz Hessen auf 65 Hektar

    Die ganze Anlage ist in verschiedene geographische Bereiche gegliedert. Neben dem bereits erwähnten Marktplatz gibt es noch die Baugruppen Nordhessen, Osthessen, Mittelhessen, Rhein-Main, Südhessen und Werkstätten. Man findet alles von alten Bauernhöfen über Schulen, Kirchen und Gutshäuser bis zu Werkstätten und Ställen. Einige Gebäude sind auch im Innern im Originalzustand, andere sind mit kleinen Ausstellungen „bewohnt“ und innen relativ modern. So befindet sich in einem Haus eine Ausstellung zur Motorradmarke Horex, die aus Bad Homburg stammt. Diese Motorräder kenne ich seit meiner Kindheit, da ich einen Onkel hatte, der im Horex-Club war und damit immer wieder Ausfahrten machte – gerne auch mit Beiwagen. Zudem findet man einen Bauerngarten, eine alte Gärtnerei und diverse Nutzflächen mit Tieren. Hierbei handelt es sich vorwiegend um alte Rassen wie das Deutsche Sattelschwein oder das Vogelsberger Höhenvieh.

    Immer Neues zu entdecken

    Das Freilichtmuseum Hessenpark wurde 1974 gegründet und befindet sich auf einer Fläche von 65 Hektar. Die Sammlung wird seit der Gründung ständig erweitert. Neue alte Häuser kommen dazu (aktuell waren auch einige Gebäude im Bau, darunter eine historische Tankstelle). Neben den Gebäuden gibt es auch über 200.000 Objekte des Alltagslebens. Dabei ist eine kleine Ausstellung, in der quasi frühes Upcycling betrieben wurde, besonders spannend. Da wurden dann z. B. aus nicht mehr gebrauchten Stahlhelmen Nudelsiebe. Not macht erfinderisch. Wenn man sich einmal alt fühlen möchte, muss man sich nur die Sammlung zur Telekommunikation ansehen. Die dort gezeigten Telefonmodelle wecken Erinnerungen. Neben diversen Telefonen findet man sogar einen originalen C64.

    Das Freilichtmuseum ist einen Ausflug wert. Besonders für Familien ist es zu empfehlen. Die Großeltern werden aus dem „Das habe ich damals auch benutzt“-Modus nicht mehr rauskommen. Die Eltern werden denken: „Haben wir das wirklich mal gebraucht?“, und die Kinder können vieles entdecken und oft sogar spielerisch erfahren. So macht Geschichte Spaß. Und zugegeben: So wurde ich schon als Kind an Geschichte herangeführt. Und wenn es allen zu viel ist, dann lässt man sich in der Baugruppe Nordhessen nieder, trinkt etwas und schaut den Kindern beim Spielen zu.



    Tipps

    Der Hessenpark hat eine sehr informative Webseite: https://www.hessenpark.de/

    Wenn man viel erleben will, ist man wahrscheinlich am Wochenende besser bedient, wenn die Vorführungen stattfinden. Wenn man lieber selbst in Ruhe erkundet, empfiehlt sich ein Wochentag außerhalb der Ferien.

    Die Geschäfte am Markt bieten schöne Leckereien wie Wurst, Brot und Kuchen. Das kann man gleich für das Abendessen einplanen. Man sollte allerdings gleich zu Beginn einkaufen und die Sachen mit sich führen, da sie sehr beliebt und daher schnell ausverkauft sind.



  • Hitze, Staub und Glockenklang

    Hitze, Staub und Glockenklang

    Besucht am 01. Oktober 2021

    Glück im Spiel…

    Nehmt Ihr auch so gerne an Gewinnspielen teil? Mal Hand aufs Herz: Wie oft habt Ihr schonetwas gewonnen? Ich gebe zu, dass ich gerne bei Verlosungen mitmache, allerdings schaue ich ganz genau, wer dort auslost. Heutzutage kann man nicht vorsichtig genug sein. Wo ich keine Bedenken habe, ist, wenn mein Lieblingssender etwas verlost. Dort galt es eine Zeitlang, „das geheimnisvolle Geräusch“ zu erraten. Als Belohnung konnte man ein besonderes Erlebnis gewinnen. Begleitet wurde das Ganze zudem vom Moderator Thomas Koschwitz, den ich schon seit langer Zeit (wir gehen hier jetzt mal nicht ins Detail) klasse finde.

    Das zu erratende Geräusch war das Klappern beim Öffnen eines bestimmten Wassersprudler-Modells. Und gewonnen habe ich einen Besuch bei der Glockengießerei Rincker in Sinn. Ichdurfte miterleben, wie für eine Kirchengemeinde in Usingen vier neue Glocken gegossen wurden. Da ich an dem Gewinnspiel während der Arbeitszeit teilgenommen hatte und auch der Termin in der Gießerei in meine Arbeitszeitfiel, habe ich kurzerhand meinen damaligen Chef als Begleitung mitgenommen. Er ermöglichte mir als Dankeschön später ein weiteres Erlebnis: Da er in seiner Freizeit Schiedsrichter beim American Football ist, lud er mich zum German Bowl im Frankfurter Waldstadion ein. Witzigerweise spielten im Finale die Dresden Monarchs und gewannen. So hatte ich sogar eine mir bekannte Mannschaft zum Anfeuern, auch wenn ich das Spiel bis heute nicht ganz verstanden habe.

    Alte Glocken im Hof der Gieserei Rincker

    Wir fanden uns also an einem Freitagnachmittag in Sinn auf dem Gelände der Gießerei ein. Dort erwartete uns bereits eine sehr nette Redakteurin – Thomas Koschwitz steckte noch im Frankfurter Verkehr fest, traf aber kurze Zeit später ein. Gemeinsam bewunderten wir die im Hof stehenden Gussobjekte, darunter einige wunderschöne Glocken. Die Glockengießerei Rincker existiert seit 1590 und ist eines der ältesten familiengeführten Unternehmen in Deutschland. Gegründet in Aßlar von Meister Hans Rincker, befindet sich der Betrieb seit1810 am heutigen Standort. Glocken aus dem Hause Rincker hängen heute im Hamburger Michel, in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin und in der Fürbitt-Kirchengemeinde in Berlin-Neukölln. Kennen Sie nicht? Ich schon, denn ich bin gegenüberdieser Kirche aufgewachsen und habe somit seit frühester Jugend den Klang von Rincker-Glocken genossen. Allerdings wusste ich das bis vor Kurzem nicht. Es ist doch erstaunlich, welche Verbindungen das Leben knüpft.

    Der Eingang zur Fürbittkirche in Berlin-Britz. Leider ist der Glockenturm hier nur angeschnitten. Das Bild hat meine Mutter auf mein Bitten gemacht und mir geschickt.

    Sakrale Atmosphäre

    Wie in einer Kathedrale kam es uns vor, als wir die eigentliche Werkstatt betraten. Nur ist es hier deutlich lauter als in einer Kirche. Das Erste, was uns auffiel, war das Licht: Durch zwei Deckenfenster fiel das warme Sonnenlicht ins Innere und legte einen goldenen Schein über die Szenerie. Irgendwie magisch. Was diese Magie allerdings etwas dämpfte, war der ohrenbetäubende Lärm des Kessels. In diesem wurde über einer Gasflamme die Metalllegierung für die Glocken geschmolzen. Erst wenn diese Masse eine Temperatur von über 1100 Grad Celsius erreicht hat, ist sie bereit für den Guss. Um diese Hitze zu erzeugen, bedarf es fast drei Tage ununterbrochenen Erhitzens.

    Mit uns waren einige Vertreter der Usinger Kirchengemeinde anwesend, darunter der Kirchenvorstand und die Pfarrerin. Gemeinsam wurden wir von einem der beiden Brüder, welche die Gießerei heute leiten, begrüßt. Wir erhielten zuerst eine Sicherheitseinweisung und anschließend einen kleinen Vortrag über das Glockengießen. Dabei erfuhren wir, dass Rincker als eine der letzten Gießereien Europas noch die Lehm-Form-Methode nutzt. Dafür wird in einem Erdloch mit Lehm die Gussform Schicht für Schicht aufgebaut und mit Zugangskanälen versehen. Auch der Künstler, der die jeweilige Glocke gestaltet hat, ist vor Ort, da alle Muster bereits als Negative in den Lehm eingeformt werden. Die Meister müssen im Vorfeld exakt berechnen, wie dick der Guss am Ende sein soll und welche Tonhöhe die Glocke erhalten wird. Denn ist sie erst einmal gegossen, lässt sich ihr Klang nur noch schwer korrigieren.

    Nachdem wir dies und noch vieles mehr erfahren hatten, gab es eine kleine Pause, in der ich mich sehr angeregt mit den Mitgliedern der Gemeinde unterhalten konnte. Während wir uns austauschten, nahmen die Mitarbeiter der Firma Rincker die letzten Handgriffe für den Guss vor.

    Und plötzlich wurde es still

    Der Gasbrenner verstummte und alle konzentrierten sich auf die nächsten Schritte. Es wurde ein kurzes Gebet für ein gutes Gelingen gesprochen (das wird unabhängig davon getan, ob es sich um eine Kirchenglocke oder eine Elvis-Statue handelt) und ab dann durfte niemand mehrreden. Der Guss begann. Der riesige Kessel kippte langsam nach vorn und nach einer Weile floss die heiße Metallmasse wie Lava in das Gussbett – stets aufmerksam beobachtet vom Gussmeister. Eine Form nach der anderen füllte sich. Anhand des Fließgeräusches konnte der Meister hören, ob der Guss sauber lief und wie voll eine Form bereits war. Ehrlich gesagt war ich schwer beeindruckt. Welche Präzision, was für ein handwerkliches Können! Sieht man einmal von den elektrischen Hilfsmitteln der modernen Zeit ab, werden Glocken so bereits seit hunderten von Jahren gegossen.

    Nach einiger Zeit war der Vorgang beendet. Viel sah man nicht, da sich die Glocken ja unter der Erde befanden. Sie mussten erst einmal aushärten, was einige Tage dauert. Nach dem Ausgraben werden sie gesäubert, auf Fehler untersucht und schließlich nachgestimmt. Dafür wird Material vorsichtig ausgeschabt. Dabei darf kein Fehler passieren, denn wieder auftragen kann man das Metall nicht. In einem solchen Fall müsste man die Glocke wiedereinschmelzen und die komplette Arbeit begänne von vorn.

    So ein Guss hat etwas sehr Archaisches. Es ist erst sehr laut, dann wieder sehr leise. Es ist heiß, qualmt und der Rauch hängt einem noch tagelang in den Kleidern. Aber wenn man sieht, wie sich die flüssige Masse ihren Weg sucht, um am Ende etwas so Klangvolles wie eine große Glocke hervorzubringen, kann man nur ehrfürchtig sein. Im Nachhinein bin ich sehr froh, das einmal miterlebt zu haben.

    Nachspiel

    „Meine “ Glocke und ich in Usingen

    Einige Monate später lud mich die Kirchengemeinde ein, beim Aufhängen dabei zu sein. Auch das wollte ich mir nicht entgehen lassen. Mittlerweile hatte ich nämlich eine Patenschaft für die kleinste Glocke (in b‘ gestimmt) übernommen.


    Tipps:

    Auf der Webseite der Firma Rincker findet man weitere Informationen zur Geschichte und dem Auftragsangebot der Gießerei: https://rincker.de/unternehmen/

    Und hier hängen die Glocken, deren Guss im Bericht beschrieben werden: https://kircheeschbach.wordpress.com/

    Außerdem findet man im Internet viele Informationen zu verschiedenen Techniken des Glocken- und Kunstgusses.