Besucht am 01. Oktober 2021
Glück im Spiel…
Nehmt Ihr auch so gerne an Gewinnspielen teil? Mal Hand aufs Herz: Wie oft habt Ihr schonetwas gewonnen? Ich gebe zu, dass ich gerne bei Verlosungen mitmache, allerdings schaue ich ganz genau, wer dort auslost. Heutzutage kann man nicht vorsichtig genug sein. Wo ich keine Bedenken habe, ist, wenn mein Lieblingssender etwas verlost. Dort galt es eine Zeitlang, „das geheimnisvolle Geräusch“ zu erraten. Als Belohnung konnte man ein besonderes Erlebnis gewinnen. Begleitet wurde das Ganze zudem vom Moderator Thomas Koschwitz, den ich schon seit langer Zeit (wir gehen hier jetzt mal nicht ins Detail) klasse finde.
Das zu erratende Geräusch war das Klappern beim Öffnen eines bestimmten Wassersprudler-Modells. Und gewonnen habe ich einen Besuch bei der Glockengießerei Rincker in Sinn. Ichdurfte miterleben, wie für eine Kirchengemeinde in Usingen vier neue Glocken gegossen wurden. Da ich an dem Gewinnspiel während der Arbeitszeit teilgenommen hatte und auch der Termin in der Gießerei in meine Arbeitszeitfiel, habe ich kurzerhand meinen damaligen Chef als Begleitung mitgenommen. Er ermöglichte mir als Dankeschön später ein weiteres Erlebnis: Da er in seiner Freizeit Schiedsrichter beim American Football ist, lud er mich zum German Bowl im Frankfurter Waldstadion ein. Witzigerweise spielten im Finale die Dresden Monarchs und gewannen. So hatte ich sogar eine mir bekannte Mannschaft zum Anfeuern, auch wenn ich das Spiel bis heute nicht ganz verstanden habe.

Alte Glocken im Hof der Gieserei Rincker
Wir fanden uns also an einem Freitagnachmittag in Sinn auf dem Gelände der Gießerei ein. Dort erwartete uns bereits eine sehr nette Redakteurin – Thomas Koschwitz steckte noch im Frankfurter Verkehr fest, traf aber kurze Zeit später ein. Gemeinsam bewunderten wir die im Hof stehenden Gussobjekte, darunter einige wunderschöne Glocken. Die Glockengießerei Rincker existiert seit 1590 und ist eines der ältesten familiengeführten Unternehmen in Deutschland. Gegründet in Aßlar von Meister Hans Rincker, befindet sich der Betrieb seit1810 am heutigen Standort. Glocken aus dem Hause Rincker hängen heute im Hamburger Michel, in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin und in der Fürbitt-Kirchengemeinde in Berlin-Neukölln. Kennen Sie nicht? Ich schon, denn ich bin gegenüberdieser Kirche aufgewachsen und habe somit seit frühester Jugend den Klang von Rincker-Glocken genossen. Allerdings wusste ich das bis vor Kurzem nicht. Es ist doch erstaunlich, welche Verbindungen das Leben knüpft.

Der Eingang zur Fürbittkirche in Berlin-Britz. Leider ist der Glockenturm hier nur angeschnitten. Das Bild hat meine Mutter auf mein Bitten gemacht und mir geschickt.
Sakrale Atmosphäre
Wie in einer Kathedrale kam es uns vor, als wir die eigentliche Werkstatt betraten. Nur ist es hier deutlich lauter als in einer Kirche. Das Erste, was uns auffiel, war das Licht: Durch zwei Deckenfenster fiel das warme Sonnenlicht ins Innere und legte einen goldenen Schein über die Szenerie. Irgendwie magisch. Was diese Magie allerdings etwas dämpfte, war der ohrenbetäubende Lärm des Kessels. In diesem wurde über einer Gasflamme die Metalllegierung für die Glocken geschmolzen. Erst wenn diese Masse eine Temperatur von über 1100 Grad Celsius erreicht hat, ist sie bereit für den Guss. Um diese Hitze zu erzeugen, bedarf es fast drei Tage ununterbrochenen Erhitzens.

Mit uns waren einige Vertreter der Usinger Kirchengemeinde anwesend, darunter der Kirchenvorstand und die Pfarrerin. Gemeinsam wurden wir von einem der beiden Brüder, welche die Gießerei heute leiten, begrüßt. Wir erhielten zuerst eine Sicherheitseinweisung und anschließend einen kleinen Vortrag über das Glockengießen. Dabei erfuhren wir, dass Rincker als eine der letzten Gießereien Europas noch die Lehm-Form-Methode nutzt. Dafür wird in einem Erdloch mit Lehm die Gussform Schicht für Schicht aufgebaut und mit Zugangskanälen versehen. Auch der Künstler, der die jeweilige Glocke gestaltet hat, ist vor Ort, da alle Muster bereits als Negative in den Lehm eingeformt werden. Die Meister müssen im Vorfeld exakt berechnen, wie dick der Guss am Ende sein soll und welche Tonhöhe die Glocke erhalten wird. Denn ist sie erst einmal gegossen, lässt sich ihr Klang nur noch schwer korrigieren.

Nachdem wir dies und noch vieles mehr erfahren hatten, gab es eine kleine Pause, in der ich mich sehr angeregt mit den Mitgliedern der Gemeinde unterhalten konnte. Während wir uns austauschten, nahmen die Mitarbeiter der Firma Rincker die letzten Handgriffe für den Guss vor.
Und plötzlich wurde es still
Der Gasbrenner verstummte und alle konzentrierten sich auf die nächsten Schritte. Es wurde ein kurzes Gebet für ein gutes Gelingen gesprochen (das wird unabhängig davon getan, ob es sich um eine Kirchenglocke oder eine Elvis-Statue handelt) und ab dann durfte niemand mehrreden. Der Guss begann. Der riesige Kessel kippte langsam nach vorn und nach einer Weile floss die heiße Metallmasse wie Lava in das Gussbett – stets aufmerksam beobachtet vom Gussmeister. Eine Form nach der anderen füllte sich. Anhand des Fließgeräusches konnte der Meister hören, ob der Guss sauber lief und wie voll eine Form bereits war. Ehrlich gesagt war ich schwer beeindruckt. Welche Präzision, was für ein handwerkliches Können! Sieht man einmal von den elektrischen Hilfsmitteln der modernen Zeit ab, werden Glocken so bereits seit hunderten von Jahren gegossen.

Nach einiger Zeit war der Vorgang beendet. Viel sah man nicht, da sich die Glocken ja unter der Erde befanden. Sie mussten erst einmal aushärten, was einige Tage dauert. Nach dem Ausgraben werden sie gesäubert, auf Fehler untersucht und schließlich nachgestimmt. Dafür wird Material vorsichtig ausgeschabt. Dabei darf kein Fehler passieren, denn wieder auftragen kann man das Metall nicht. In einem solchen Fall müsste man die Glocke wiedereinschmelzen und die komplette Arbeit begänne von vorn.
So ein Guss hat etwas sehr Archaisches. Es ist erst sehr laut, dann wieder sehr leise. Es ist heiß, qualmt und der Rauch hängt einem noch tagelang in den Kleidern. Aber wenn man sieht, wie sich die flüssige Masse ihren Weg sucht, um am Ende etwas so Klangvolles wie eine große Glocke hervorzubringen, kann man nur ehrfürchtig sein. Im Nachhinein bin ich sehr froh, das einmal miterlebt zu haben.
Nachspiel

„Meine “ Glocke und ich in Usingen
Einige Monate später lud mich die Kirchengemeinde ein, beim Aufhängen dabei zu sein. Auch das wollte ich mir nicht entgehen lassen. Mittlerweile hatte ich nämlich eine Patenschaft für die kleinste Glocke (in b‘ gestimmt) übernommen.
Tipps:
Auf der Webseite der Firma Rincker findet man weitere Informationen zur Geschichte und dem Auftragsangebot der Gießerei: https://rincker.de/unternehmen/
Und hier hängen die Glocken, deren Guss im Bericht beschrieben werden: https://kircheeschbach.wordpress.com/
Außerdem findet man im Internet viele Informationen zu verschiedenen Techniken des Glocken- und Kunstgusses.








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