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  • Ort des Erinnerns und Nichtvergessens – Die Gedenkstätte Flossenbürg

    Ort des Erinnerns und Nichtvergessens – Die Gedenkstätte Flossenbürg

    Besucht am 07. Juni 2026

    Geschichte, die bewegt

    Bisher habe ich hier vor allem schöne Ausflugsziele porträtiert – Orte, an denen man vom Alltag abschalten und Dinge einfach genießen kann. Anders ist es mit dem Ort, den ich euch heute vorstellen möchte. Der Besuch lag mir schon länger am Herzen, und da seit einiger Zeit ein Bekannter von mir dort arbeitet, habe ich die Gelegenheit genutzt.

    Es ist nicht das erste Konzentrationslager, das ich besuche. Allerdings muss ich sagen, dass mich der Besuch in Flossenbürg doch arg beschäftigt hat. Ich gehöre zu den Menschen, die gerne die Atmosphäre eines Ortes erfassen und sich auf diesen stark einlassen. Das ist bei einem ehemaligen Konzentrationslager eine aufwühlende Sache, und auch das hervorragende Wetter und meine sommerliche Stimmung konnten das nicht auffangen. Ehrlich gesagt: Mir ging es nach dem Besuch nicht so gut. Und vielleicht war gerade deshalb der Besuch richtig.

    Vom Steinbruch zum Vernichtungslager

    Flossenbürg ist ein mittelgroßer Ort im Oberpfälzer Wald, in dem Ende des 19. Jahrhunderts zahlreiche Granitsteinbrüche in Betrieb genommen wurden. Diese Granitvorkommen interessierten in den 1930er-Jahren die Nationalsozialisten, denn das Material brauchten sie in großen Mengen für ihre Bauvorhaben. Steine aus Flossenbürg wurden unter anderem auf dem Reichsparteitagsgelände in Nürnberg verwendet. Um den Abbau effektiver zu organisieren und auch um „unliebsame“ Gefangene loszuwerden, wurde 1938 das Konzentrationslager gegründet. Anfangs beherbergte es 300 Gefangene, die in kurzer Zeit die nötigen Bauten errichteten. Innerhalb eines Jahres waren es bereits 1.500 Gefangene. Zunächst handelte es sich dabei vor allem um Kriminelle. Diese hatten teilweise ihre Haftstrafen schon längst abgesessen, wurden nun aber im Zuge einer „Säuberungsaktion“ aufgegriffen und in KZs gebracht. Des Weiteren folgten Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter aus den eroberten Ostgebieten, politische Gefangene (hier wurden noch kurz vor Kriegsende einige Mitglieder der Widerstandsgruppe um Graf Stauffenberg erschossen) und schließlich auch Juden.

    Frauen waren im Hauptlager nur als Zwangsprostituierte inhaftiert. Bei den Insassen handelte es sich fast ausschließlich um Männer, die die schwere Arbeit in den Steinbrüchen verrichten mussten. Dabei verfügten sie im Prinzip über keine geeigneten Werkzeuge und arbeiteten bis zum Umfallen. Das perfekte, aber perfide Motto des Lagers lautete: „Vernichtung durch Arbeit“. Bis zur Befreiung des Lagers im April 1945 durch die Amerikaner waren rund 100.000 Menschen durch die Hölle gegangen oder in ihr verstorben.

    Rückseite der Kommandantur mit Strasse zum Wohngebiet

    Ein Rundgang, der schwer fällt

    Mit all dem im Hinterkopf kommt man an der Gedenkstätte an und steht zuerst auf einem großen, leeren Platz. Auf der linken Seite steht ein großer Bau mit einem weitläufigen Balkon, auf dem Sonnenschirme stehen. Das heutige Besucherzentrum war früher das SS-Casino. An der Stirnseite erhebt sich ein imposanter Granitbau. In diesem war früher die SS-Kommandantur untergebracht, heute befindet sich dort die Gedenkstättenverwaltung. Bei solch herrlichem Wetter wie am Tag meines Besuchs verliert das Gebäude auf den ersten Blick seinen Schrecken, und man könnte es sogar als schön beschreiben. Mit ein paar Geranien an den Fenstern würde es in fast jeder deutschen Kleinstadt eine kleine Zierde sein. Da sieht man mal wieder den Schrecken der Normalität.

    Dieser Eindruck verflüchtigt sich aber, sobald man den Torbogen in der Mitte durchschreitet. Hier hängt ein Lagerplan, und man erhält ein erstes Mal einen Eindruck von den Ausmaßen des Lagers. Der gesamte Vorplatz war früher mit Gebäuden bebaut, in denen die SS-Wachmannschaften wohnten. Der Eingang zum Häftlingslager befindet sich kurz hinter der Kommandantur.

    Lageplan des Lagers

    Eigentümlicherweise überquert man hier zunächst eine kleine Durchgangsstraße, die zu den Einfamilienhäusern auf dem linken Hügel führt. Danach geht man auf das ehemalige Lagertor zu. Die eigentlichen Torsäulen stehen heute im hinteren Teil der Gedenkstätte. Auf der ehemaligen Umzäunungsgrenze stehen noch Zaunpfosten. Auf den Rasenflächen dahinter sind mit Graniteinfassungen die ehemaligen Häftlingsbaracken angedeutet. Jeweils 8 mal 50 Meter waren sie ursprünglich für 250 Häftlinge vorgesehen. Zuletzt fassten sie jeweils bis zu 1.000 Menschen. Die Enge und die hygienischen Zustände möchte man sich gar nicht mehr vorstellen.

    Weiter geradeaus gelangt man auf den Appellplatz zwischen Wäscherei und Lagerküche. Hier mussten die Häftlinge zweimal täglich zum Durchzählen antreten. Oft dauerte das mehrere Stunden – bei jedem Wetter. Und nicht selten geschah dies auch einfach nur, um die Menschen zu quälen. Auch wurden hier Erhängungen vollzogen, denen die anderen Insassen beiwohnen mussten.

    Ein schwer auszuhaltender Ort

    In der Wäscherei befindet sich eine Dauerausstellung zur Geschichte des Lagers. Ich habe selten eine so gut gemachte Ausstellung gesehen. Wird man anfangs noch ganz sachlich-vorsichtig mit der Geschichte des Ortes vertraut gemacht, taucht man nach und nach immer tiefer in das Konzentrationslager ein. Man erfährt vom Alltag, von den Zwangsarbeitsbedingungen, vom Überleben und Sterben. Aber auch von den Menschen jenseits des Zauns: den Wärtern und Wärterinnen der SS. Es hat mich mal wieder erschreckt, wie viele der Verantwortlichen dieses Terrors nach dem Krieg „verschwunden“ sind oder nach äußerst kurzen Haftstrafen wieder ins normale, bürgerliche Leben zurückgekehrt sind.

    Den oberen Teil der Ausstellung verlässt man durch einen Durchgang, in dem ein Zitat eines Überlebenden steht. Für mich war dieser Moment ein sehr beklemmender. Als ich dann in den unteren Teil ging, beschlich mich auf der Treppe für einen kurzen Moment ein großes Unbehagen. Dort unten findet man zuerst eine Ausstellung zu einzelnen Opferschicksalen. Unter anderem gibt es dort eine Art Bibliothek mit schwarzen Ordnern. In jedem dieser Ordner findet man den Lebenslauf eines Gefangenen, geordnet nach ihren vermeintlichen „Verbrechen“ oder Herkunftsorten. Ich habe mir mal zwei herausgenommen: einen aus der Rubrik „Homosexuell“ und einen aus Frankreich.

    Geht man weiter in den hinteren Teil, kommt man in die Räume, die die Häftlinge damals auch zuerst betraten. Hier finden sich die „Desinfektion“, der „Friseur“ (hier wurden sämtliche Haare abrasiert, um die Gefangenen maximal zu entwürdigen) und das Häftlingsbad – eine arg verharmlosende Bezeichnung für einen Raum, in dem hunderte nackte, verängstigte Menschen zusammengepfercht, geschlagen und mit harten Wasserstrahlen malträtiert wurden. Ich stand dort allein und mir war schlecht angesichts der Gräuel, die Menschen anderen Menschen antun können, nur weil sie sich für besser halten. Schlussendlich habe ich in diesem Gebäude fast anderthalb Stunden verbracht und war froh, wieder an der frischen Luft zu sein.

    Begleiteter Rundgang

    Den Rest des Geländes habe ich mir im Rahmen eines begleiteten Rundgangs angesehen. Unser Guide war dabei sehr pietätvoll, nahm aber trotzdem kein Blatt vor den Mund, wenn es um die Grausamkeiten der SS ging. Er traf immer den richtigen Ton und führte uns mehrfach vor Augen, dass es jeden von uns Teilnehmern hätte treffen können, hier inhaftiert zu sein.

    Gemeinsam gingen wir über den Ehrenfriedhof, vorbei an einem der drei erhaltenen Wachtürme in Richtung „Tal des Todes“. Hier befindet sich das Krematorium des Lagers. Eine unterirdische Rampe – erst 1944 gebaut, um den Verbrennungsprozess zu beschleunigen – führt vom Gebiet des heutigen Ehrenfriedhofs direkt ins Krematorium. Auf dem Weg dorthin passiert man die beiden Originalsäulen, die einst das Lagertor flankiert haben. Das Krematorium ist recht klein. Auch der Ofen würde einen heutigen, gesunden Mann gerade mal so fassen. Umso mehr verdeutlicht es, wie ausgezehrt die Häftlinge waren, denn es wurden in der Regel drei bis vier Körper gleichzeitig verbrannt. Die Asche wurde aus Kapazitätsgründen schnell auf das dahinterliegende Gebiet verteilt. Teilweise waren die Körper noch nicht vollständig verbrannt. Unser Guide erzählte uns, dass auch in jüngster Zeit noch mit Asche gefüllte Löcher durch die Gärtner gefunden werden.

    Wachturm und Rampe zum Krematorium

    Einen Teil der menschlichen Asche hat man nach dem Krieg in diesem ältesten Teil der Gedenkstätte zu einer Pyramide aufgeschüttet und mit Gras bewachsen lassen. Ein schlichtes, aber beeindruckendes Mahnmal, das direkt zwischen dem Krematorium und dem Platz der Nationen steht. Hier haben die Nationen der Opfer des Lagers eine Gedenkfläche erbaut, die bis heute regelmäßig von offiziellen Vertretern, letzten Überlebenden und Nachfahren besucht und gepflegt wird.

    Umgang mit dem Gedenken nach dem Krieg

    Oberhalb des Tals des Todes befindet sich eine kleine Kapelle. Diese wurde erst nach dem Krieg errichtet. Im Innern befinden sich an den Wänden Gedenktafeln der einzelnen Nationen mit den Zahlen der jeweiligen Opfer darauf. Nur stimmen diese Zahlen nicht. Niemand weiß, wie man auf diese Zahlen kam, aber in den 1950er-Jahren wollte man schnell abschließen und hielt diese Zahlen für realistisch. Auch das Kreuz am Altar zeugt von einer gewissen „Geschichtsumschreibung“. Die linke Figurengruppe stellt einen knienden Häftling dar, über dem ein weiterer Häftling steht – ein sogenannter Kapo. Ein Häftling, der die Aufsicht über andere Häftlinge hatte und dafür gewisse Sondervergünstigungen erhielt (z. B. den Besuch im Häftlingsbordell oder größere Nahrungsrationen). Es schaut aus, als ob er den anderen Häftling schlägt. So, als seien die Häftlinge die alleinigen Täter und nicht die SS-Wachmannschaften.

    In der Kapelle befindet sich auch die Büste des bekanntesten Inhaftierten von Flossenbürg: Dietrich Bonhoeffer. Der bekannte Theologe und Mitglied des Widerstands wurde hier am 09. April 1945 hingerichtet – nur 14 Tage vor der Befreiung des Lagers durch die US-Armee.

    Der Rundgang führt uns vorbei an einer kleinen jüdischen Gedenkstätte, die erst in jüngster Zeit errichtet wurde. Ein schlichter Ort des Gedenkens, der architektonisch beeindruckt und dessen Dachfenster in Form eines Davidsterns bei sonnigem Wetter diesen verzerrt auf die Wand projiziert.

    Der Ehrenfriedhof

    Es geht nochmals über den Ehrenfriedhof. Nun erfuhren wir, was diesen Friedhof ausmacht. Als klar wurde, dass die Alliierten nicht mehr aufzuhalten sind und man nicht mehr schnell genug alle Inhaftierten töten und verbrennen konnte, ging man mit den Überlebenden auf einen „Evakuierungsmarsch“ (auch Todesmarsch genannt). Nur etwa 1.500 zu schwache Gefangene blieben zurück. Auf diesem Gewaltmarsch starben viele der ohnehin schon ausgemergelten Gefangenen und wurden oft einfach am Wegesrand zurückgelassen. Die Anwohner, die sie fanden, verscharrten sie oft notdürftig an Ort und Stelle. Die amerikanischen Soldaten zwangen dann die Anwohner, die Leichen wieder auszugraben und ordentlich in den Ortschaften zu bestatten. Ende der 1940er- bzw. Anfang der 1950er-Jahre wurden die Verstorbenen wieder exhumiert, und etwa 5.000 von ihnen wurden zurück ins KZ gebracht und hier bestattet. Von den meisten konnten keine Identitäten festgestellt werden, weshalb es nur an wenigen Stellen Namen gibt. Auch die genauen Liegeorte sind schwer auszumachen. Schlagartig wird es einem bewusst, dass man hier auf 5.000 Verstorbenen steht.

    Unsere letzte Station führt uns auf den Hügel oberhalb der Wäscherei. Hier befindet sich der Arrestbau. Die Umrisse und Ausmaße sind noch erkennbar, es steht allerdings nur noch ein kleiner Teil. In diesem Teil wurden „besondere Gefangene“ untergebracht, wie die Beteiligten des Attentats vom 20. Juli 1944. In dem abgeschlossenen Hof fanden auch Hinrichtungen statt.

    Innenhof des Arrestbereichs

    Von hier aus hat man auch einen guten Blick über das Gelände und die Einfamilienhäuser. Diese stehen dort, wo bis 1945 noch die Häftlingsbaracken standen. Nach Kriegsende brachte man im Lager die Flüchtlinge aus den Ostgebieten unter. Als klar wurde, dass sie bleiben würden, wurden für sie diese Häuser gebaut. Mit der dunklen Vergangenheit des Konzentrationslagers wollte man schnell abschließen. Nur die Fläche am Krematorium wurde 1947 zu einer Gedenkstätte umgewidmet. Auf dem restlichen Gelände entstanden Fabrikgebäude. Erst 1995 begann man mit der Errichtung der Gedenkstätte und der Freilegung der noch vorhandenen Bauten.

    Und was lernen wir daraus…

    Was bleibt, ist ein beeindruckender Ort des Erinnerns. Gerade in der letzten Zeit, wo rechtes Gedankengut wieder gesellschaftsfähig wird und in den sozialen Medien immer häufiger Rufe nach der Wiedereinrichtung von Konzentrationslagern auftauchen, sollte es Pflicht sein, diese Orte des Erinnerns aufzusuchen.

    Ich persönlich war nach insgesamt viereinhalb Stunden körperlich und seelisch ziemlich fertig. Den ebenfalls zu besichtigenden Steinbruch habe ich nicht mehr geschafft. Ich muss also noch einmal hin.

    Von meinem Bekannten wurde mir gesagt, dass ich unbedingt das Café im Bildungszentrum besuchen solle. Es handelt sich dabei um ein integratives Projekt, und die Kuchen seien sensationell. Ehrlich gesagt, war mir so gar nicht nach Kaffee, Kuchen und gemütlich in der Sonne sitzen – das Gesehene hat mich doch ziemlich berührt. Trotzdem bin ich dem Rat gefolgt, und ich muss sagen: Die Kuchen sind tatsächlich sensationell.



    Tipps

    • Website der Gedenkstätte.
    • Hinteren Parkplatz nehmen, wo auch die Busse stehen. Hier gibt es keine Zeitbeschränkung.
    • Besucherzentrum und alle Gebäude haben nur bis 17:00 Uhr geöffnet. Das Gelände selbst ist die ganze Zeit offen.


  • Das Freilichtmuseum Hessenpark in Neu-Anspach

    Das Freilichtmuseum Hessenpark in Neu-Anspach

    Besucht am 08.08.2025

    Seit ich in Hessen wohne, gab es zwei Orte, die ich unbedingt besuchen wollte: die Saalburg und das Freilichtmuseum Hessenpark. Zumindest letzteren habe ich nach neun Jahren nun endlich betreten.

    Der richtige Zeitpunkt

    Als Besuchstag habe ich mir einen weitestgehend sonnigen Freitag in den Schulferien ausgesucht und dementsprechend mit einem großen Andrang gerechnet. Ich hatte mich geirrt. Es war relativ leer bzw. die Besucher verteilten sich auf dem weitläufigen Gelände. Das war aber auch ganz gut. So kam man in die naturgemäß engen historischen Gebäude gut hinein und die Besucher blockierten sich nicht gegenseitig. Leider gab es dadurch aber auch nur recht wenige Vorführungen. Man kann nicht alles haben. Die Vorführungen werden von Ehrenamtlichen gemacht, und die können nun mal nicht jeden Tag. Sehr interessant war aber der anwesende Seiler, der auf einer kleinen Reeperbahn das Handwerk zeigte und Kinder ihre eigenen Springseile herstellen ließ.

    Vom Haupteingang gelangt man nach ein paar Metern auf einen schönen, weitläufigen Marktplatz. Hier befinden sich diverse Geschäfte: eine Bäckerei mit Landbrot und herrlichen Blechkuchen, ein Laden mit Wurstwaren, Läden mit diversen Handwerksartikeln und auch ein Hotel, in dem man zudem übernachten kann. Alle befinden sich in historischen Häusern, die man vor dem Abbruch gerettet und von ihrem ursprünglichen Standort in das Freilichtmuseum umgesetzt hat. In einem Hinterhof fand gerade eine Hochzeitsfeier mit Live-Musik statt. Denn im historischen Standesamt kann man auch heiraten.

    Leidenschaft für Bücher

    Besonderes Interesse hatte ich an der Druckerei. Leider war sie an diesem Tag nicht besetzt und auch die kleine Ausstellung war nicht zugänglich, obwohl es sogar einen Handzettel gibt, der einem den Rundgang erklärt. Schade, denn als Enkelin eines Druckers und ehemalige Studentin der Bibliothekswissenschaften mit einer Vorliebe für alte Drucke wäre das mein Highlight gewesen.

    Ganz Hessen auf 65 Hektar

    Die ganze Anlage ist in verschiedene geographische Bereiche gegliedert. Neben dem bereits erwähnten Marktplatz gibt es noch die Baugruppen Nordhessen, Osthessen, Mittelhessen, Rhein-Main, Südhessen und Werkstätten. Man findet alles von alten Bauernhöfen über Schulen, Kirchen und Gutshäuser bis zu Werkstätten und Ställen. Einige Gebäude sind auch im Innern im Originalzustand, andere sind mit kleinen Ausstellungen „bewohnt“ und innen relativ modern. So befindet sich in einem Haus eine Ausstellung zur Motorradmarke Horex, die aus Bad Homburg stammt. Diese Motorräder kenne ich seit meiner Kindheit, da ich einen Onkel hatte, der im Horex-Club war und damit immer wieder Ausfahrten machte – gerne auch mit Beiwagen. Zudem findet man einen Bauerngarten, eine alte Gärtnerei und diverse Nutzflächen mit Tieren. Hierbei handelt es sich vorwiegend um alte Rassen wie das Deutsche Sattelschwein oder das Vogelsberger Höhenvieh.

    Immer Neues zu entdecken

    Das Freilichtmuseum Hessenpark wurde 1974 gegründet und befindet sich auf einer Fläche von 65 Hektar. Die Sammlung wird seit der Gründung ständig erweitert. Neue alte Häuser kommen dazu (aktuell waren auch einige Gebäude im Bau, darunter eine historische Tankstelle). Neben den Gebäuden gibt es auch über 200.000 Objekte des Alltagslebens. Dabei ist eine kleine Ausstellung, in der quasi frühes Upcycling betrieben wurde, besonders spannend. Da wurden dann z. B. aus nicht mehr gebrauchten Stahlhelmen Nudelsiebe. Not macht erfinderisch. Wenn man sich einmal alt fühlen möchte, muss man sich nur die Sammlung zur Telekommunikation ansehen. Die dort gezeigten Telefonmodelle wecken Erinnerungen. Neben diversen Telefonen findet man sogar einen originalen C64.

    Das Freilichtmuseum ist einen Ausflug wert. Besonders für Familien ist es zu empfehlen. Die Großeltern werden aus dem „Das habe ich damals auch benutzt“-Modus nicht mehr rauskommen. Die Eltern werden denken: „Haben wir das wirklich mal gebraucht?“, und die Kinder können vieles entdecken und oft sogar spielerisch erfahren. So macht Geschichte Spaß. Und zugegeben: So wurde ich schon als Kind an Geschichte herangeführt. Und wenn es allen zu viel ist, dann lässt man sich in der Baugruppe Nordhessen nieder, trinkt etwas und schaut den Kindern beim Spielen zu.



    Tipps

    Der Hessenpark hat eine sehr informative Webseite: https://www.hessenpark.de/

    Wenn man viel erleben will, ist man wahrscheinlich am Wochenende besser bedient, wenn die Vorführungen stattfinden. Wenn man lieber selbst in Ruhe erkundet, empfiehlt sich ein Wochentag außerhalb der Ferien.

    Die Geschäfte am Markt bieten schöne Leckereien wie Wurst, Brot und Kuchen. Das kann man gleich für das Abendessen einplanen. Man sollte allerdings gleich zu Beginn einkaufen und die Sachen mit sich führen, da sie sehr beliebt und daher schnell ausverkauft sind.



  • Hitze, Staub und Glockenklang

    Hitze, Staub und Glockenklang

    Besucht am 01. Oktober 2021

    Glück im Spiel…

    Nehmt Ihr auch so gerne an Gewinnspielen teil? Mal Hand aufs Herz: Wie oft habt Ihr schonetwas gewonnen? Ich gebe zu, dass ich gerne bei Verlosungen mitmache, allerdings schaue ich ganz genau, wer dort auslost. Heutzutage kann man nicht vorsichtig genug sein. Wo ich keine Bedenken habe, ist, wenn mein Lieblingssender etwas verlost. Dort galt es eine Zeitlang, „das geheimnisvolle Geräusch“ zu erraten. Als Belohnung konnte man ein besonderes Erlebnis gewinnen. Begleitet wurde das Ganze zudem vom Moderator Thomas Koschwitz, den ich schon seit langer Zeit (wir gehen hier jetzt mal nicht ins Detail) klasse finde.

    Das zu erratende Geräusch war das Klappern beim Öffnen eines bestimmten Wassersprudler-Modells. Und gewonnen habe ich einen Besuch bei der Glockengießerei Rincker in Sinn. Ichdurfte miterleben, wie für eine Kirchengemeinde in Usingen vier neue Glocken gegossen wurden. Da ich an dem Gewinnspiel während der Arbeitszeit teilgenommen hatte und auch der Termin in der Gießerei in meine Arbeitszeitfiel, habe ich kurzerhand meinen damaligen Chef als Begleitung mitgenommen. Er ermöglichte mir als Dankeschön später ein weiteres Erlebnis: Da er in seiner Freizeit Schiedsrichter beim American Football ist, lud er mich zum German Bowl im Frankfurter Waldstadion ein. Witzigerweise spielten im Finale die Dresden Monarchs und gewannen. So hatte ich sogar eine mir bekannte Mannschaft zum Anfeuern, auch wenn ich das Spiel bis heute nicht ganz verstanden habe.

    Alte Glocken im Hof der Gieserei Rincker

    Wir fanden uns also an einem Freitagnachmittag in Sinn auf dem Gelände der Gießerei ein. Dort erwartete uns bereits eine sehr nette Redakteurin – Thomas Koschwitz steckte noch im Frankfurter Verkehr fest, traf aber kurze Zeit später ein. Gemeinsam bewunderten wir die im Hof stehenden Gussobjekte, darunter einige wunderschöne Glocken. Die Glockengießerei Rincker existiert seit 1590 und ist eines der ältesten familiengeführten Unternehmen in Deutschland. Gegründet in Aßlar von Meister Hans Rincker, befindet sich der Betrieb seit1810 am heutigen Standort. Glocken aus dem Hause Rincker hängen heute im Hamburger Michel, in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin und in der Fürbitt-Kirchengemeinde in Berlin-Neukölln. Kennen Sie nicht? Ich schon, denn ich bin gegenüberdieser Kirche aufgewachsen und habe somit seit frühester Jugend den Klang von Rincker-Glocken genossen. Allerdings wusste ich das bis vor Kurzem nicht. Es ist doch erstaunlich, welche Verbindungen das Leben knüpft.

    Der Eingang zur Fürbittkirche in Berlin-Britz. Leider ist der Glockenturm hier nur angeschnitten. Das Bild hat meine Mutter auf mein Bitten gemacht und mir geschickt.

    Sakrale Atmosphäre

    Wie in einer Kathedrale kam es uns vor, als wir die eigentliche Werkstatt betraten. Nur ist es hier deutlich lauter als in einer Kirche. Das Erste, was uns auffiel, war das Licht: Durch zwei Deckenfenster fiel das warme Sonnenlicht ins Innere und legte einen goldenen Schein über die Szenerie. Irgendwie magisch. Was diese Magie allerdings etwas dämpfte, war der ohrenbetäubende Lärm des Kessels. In diesem wurde über einer Gasflamme die Metalllegierung für die Glocken geschmolzen. Erst wenn diese Masse eine Temperatur von über 1100 Grad Celsius erreicht hat, ist sie bereit für den Guss. Um diese Hitze zu erzeugen, bedarf es fast drei Tage ununterbrochenen Erhitzens.

    Mit uns waren einige Vertreter der Usinger Kirchengemeinde anwesend, darunter der Kirchenvorstand und die Pfarrerin. Gemeinsam wurden wir von einem der beiden Brüder, welche die Gießerei heute leiten, begrüßt. Wir erhielten zuerst eine Sicherheitseinweisung und anschließend einen kleinen Vortrag über das Glockengießen. Dabei erfuhren wir, dass Rincker als eine der letzten Gießereien Europas noch die Lehm-Form-Methode nutzt. Dafür wird in einem Erdloch mit Lehm die Gussform Schicht für Schicht aufgebaut und mit Zugangskanälen versehen. Auch der Künstler, der die jeweilige Glocke gestaltet hat, ist vor Ort, da alle Muster bereits als Negative in den Lehm eingeformt werden. Die Meister müssen im Vorfeld exakt berechnen, wie dick der Guss am Ende sein soll und welche Tonhöhe die Glocke erhalten wird. Denn ist sie erst einmal gegossen, lässt sich ihr Klang nur noch schwer korrigieren.

    Nachdem wir dies und noch vieles mehr erfahren hatten, gab es eine kleine Pause, in der ich mich sehr angeregt mit den Mitgliedern der Gemeinde unterhalten konnte. Während wir uns austauschten, nahmen die Mitarbeiter der Firma Rincker die letzten Handgriffe für den Guss vor.

    Und plötzlich wurde es still

    Der Gasbrenner verstummte und alle konzentrierten sich auf die nächsten Schritte. Es wurde ein kurzes Gebet für ein gutes Gelingen gesprochen (das wird unabhängig davon getan, ob es sich um eine Kirchenglocke oder eine Elvis-Statue handelt) und ab dann durfte niemand mehrreden. Der Guss begann. Der riesige Kessel kippte langsam nach vorn und nach einer Weile floss die heiße Metallmasse wie Lava in das Gussbett – stets aufmerksam beobachtet vom Gussmeister. Eine Form nach der anderen füllte sich. Anhand des Fließgeräusches konnte der Meister hören, ob der Guss sauber lief und wie voll eine Form bereits war. Ehrlich gesagt war ich schwer beeindruckt. Welche Präzision, was für ein handwerkliches Können! Sieht man einmal von den elektrischen Hilfsmitteln der modernen Zeit ab, werden Glocken so bereits seit hunderten von Jahren gegossen.

    Nach einiger Zeit war der Vorgang beendet. Viel sah man nicht, da sich die Glocken ja unter der Erde befanden. Sie mussten erst einmal aushärten, was einige Tage dauert. Nach dem Ausgraben werden sie gesäubert, auf Fehler untersucht und schließlich nachgestimmt. Dafür wird Material vorsichtig ausgeschabt. Dabei darf kein Fehler passieren, denn wieder auftragen kann man das Metall nicht. In einem solchen Fall müsste man die Glocke wiedereinschmelzen und die komplette Arbeit begänne von vorn.

    So ein Guss hat etwas sehr Archaisches. Es ist erst sehr laut, dann wieder sehr leise. Es ist heiß, qualmt und der Rauch hängt einem noch tagelang in den Kleidern. Aber wenn man sieht, wie sich die flüssige Masse ihren Weg sucht, um am Ende etwas so Klangvolles wie eine große Glocke hervorzubringen, kann man nur ehrfürchtig sein. Im Nachhinein bin ich sehr froh, das einmal miterlebt zu haben.

    Nachspiel

    „Meine “ Glocke und ich in Usingen

    Einige Monate später lud mich die Kirchengemeinde ein, beim Aufhängen dabei zu sein. Auch das wollte ich mir nicht entgehen lassen. Mittlerweile hatte ich nämlich eine Patenschaft für die kleinste Glocke (in b‘ gestimmt) übernommen.


    Tipps:

    Auf der Webseite der Firma Rincker findet man weitere Informationen zur Geschichte und dem Auftragsangebot der Gießerei: https://rincker.de/unternehmen/

    Und hier hängen die Glocken, deren Guss im Bericht beschrieben werden: https://kircheeschbach.wordpress.com/

    Außerdem findet man im Internet viele Informationen zu verschiedenen Techniken des Glocken- und Kunstgusses.

  • Ein Besuch auf dem Hauptfriedhof Frankfurt

    Ein Besuch auf dem Hauptfriedhof Frankfurt

    Wer mich kennt wird sicher schon festgestellt haben, dass ich ein Faible für schöne Friedhöfe habe. Diese morbide Leidenschaft hat sich nach einem Besuch in Wien verfestigt, der Hauptstadt der „schönen Leich‘“. Der Frankfurter Hauptfriedhof stand deshalb schon länger auf meiner Liste der geplanten KulTouren. Veranlasst durch den Tod eines Freundes, der mich das eine oder andere Mal auf meinen Touren begleitet hat, und dessen Beisetzung auf eben diesem Friedhof stattfand, habe ich diesen Besuch nun unternommen. Oder sagen wir besser: Ich habe einen ersten Besuch unternommen.

    Morbider Charme, der magisch anzieht

    Der Friedhof ist so weitläufig und interessant, dass ich definitiv noch einmal hinmuss. Im Vorfeld hatte ich mir einen Plan ausgedruckt, mit dessen Hilfe ich die besonders interessanten Grabstellen aufsuchen wollte. Suchen ist dabei der richtige Begriff. Die Grabstelle Arthur Schopenhauers ist gut ausgeschildert. Die anderen Grabstellen muss man finden. Manchmal hilft dabei auch Google Maps, wie im Falle des Grabes von Marcel Reich-Ranicki. Iin anderen Fällen sucht man lange. Aber man stößt beim Suchen auf so viele schöne Ecken, dass es eine Freude ist. Mein Plan war also eher ein Vorschlag, an dem ich mich orientiert habe.

             (Grabstätte von Dr. Heinrich Hoffmann)

    Struwwelpeter-Spurensuche

    Vor einiger Zeit besuchte ich in der Frankfurter neuen Altstadt das Struwwelpeter-Museum (s. Niedernhausener Anzeiger, Januar 2020). Bei meinem Friedhofsbesuch konnte ich dazu nun eine Verbindung ziehen. Der Schöpfer des Struwwelpeters, der Arzt Dr. Heinrich Hoffmann, ist nämlich hier begraben. Seine letzte Ruhestätte befindet sich direkt an der Alten Mauer um Gewann G. Ebenfalls auf dem Hauptfriedhof begraben liegt Pauline Schmidt. Sie diente als Vorbild der Pauline in der „..gar traurigen Geschichte mit dem Feuerzeug“, auch wenn die wahre Pauline nicht bei einem Brand ums Leben kam, sondern einer Lungenschwindsucht zum Opfer fiel. Beide Gräber sind Ehrengräber der Stadt Frankfurt und werden von dieser gepflegt. Das Grab des „Zappelphilipp“-Vorbilds, Philipp Julius v. Fabricius, habe ich leider bei diesem Besuch nicht gefunden.

    Ebenfalls nicht gefunden habe ich die Gräber von Alois Alzheimer (ja, genau der) und der Frankfurter Volksschauspielerin Liesel Christ.

    (Gruftenhalle)

    Trotzdem habe ich viel entdeckt. Besonders beeindruckend ist dabei die Gruftenhalle von 1828 mit ihren 57 Gruften. Diese sind teilweise in sehr unterschiedlichem Erhaltungszustand, aber die gesamte Anlage ist ehrfurchteinflössend. Im Zweiten Weltkrieg wurde sie teilweise zerstört und anschließend wiederaufgebaut. Dabei wurden einige Gebeine in eine Sammelgruft etwa in der Mitte der Anlage bestattet. Eine Wandtafel weist darauf hin.

    Ebenfalls ein Highlight ist das Mausoleum Gans, welches im Innern einen kleinen Blick in das Untergeschoß gewährt.

    (im Innern des Mausoleum Gans)

    Vergänglichkeit als Kunst

    Ohnehin bin ich immer wieder voll Bewunderung für die künstlerische Ausstattung von Grabmalen, Mausoleen und Gedenkstätten. Da tun sich ganze Nachthimmel über einem auf (das Schinkelsche Bühnenbild zur ZAUBERFLÖTE lässt oft grüßen) oder es bewegen lebensechte Figuren die Seele. Aber auch Modernes kann man erspähen. So befindet sich in der unmittelbaren Umgebung des Schopenhauer-Grabes die Begräbnisstätte der „Loge zur Einigkeit“, deren schwarz-goldene Pyramide schon von weitem auffällt. Oder die Anlage des St. Katharinen- und Weißfrauenstifts. Diese stellt in roten abstrakten Stelen die Skyline Frankfurts dar und in deren Mitte die Kirche des Stifts. Diese (sehr gepflegte) Anlage zieht den interessierten Besucher an.

    (Einblick in eine Gruft in der Gruftenhalle. Man beachte den Himmel)

    Folgen Sie den Schildern….

    Beim Besuch des Hauptfriedhofs fallen einem diverse kleine metallene Steck-Schilder an den Gräbern auf. Zum einen sind da die roten Schilder, die auf ein Ehrengrab der Stadt hinweisen. Dann gibt es graue Hinweisschilder, die auf das Grab einer bedeutenden Persönlichkeit hinweisen. Und dann gibt es blaue Schilder, die einen darauf aufmerksam machen, dass es sich hierbei um eine aus Denkmalschutzgründen wichtiges Grab handelt und man für dieses eine Patenschaft übernehmen kann. So kann vieles erhalten bleiben, was sonst dem Verfall völlig preisgegeben wäre. Wobei auch der Verfall seine „schönen“ Seiten hat. Auch diese kann man auf vielfältige Weise auf diesem wunderschönen und weitläufigen Friedhof entdecken.

    Wie eingangs erwähnt, wird dies nicht mein letzter Besuch auf dem Frankfurter Hauptfriedhof bleiben. Es gibt noch so einige interessante Grabstätten, die ich aufspüren möchte. Außerdem befinden sich auch zwei jüdische Friedhöfe (der Alte Friedhof an der Rat-Beil-Straße, der sich direkt hinter der erwähnten Gruftenhalle befindet) und der Neue Jüdische Friedhof an der Eckenheimer Landstraße.



    Tipps:

    Der Friedhof befindet sich an der Eckenheimer Landstraße 194, 60320 Frankfurt am Main.

    Man sollte viel Zeit einplanen und neben dem Friedhofsplan auch Google-Maps zur Hand haben, da manche Stellen nur schwer zu finden sind.

    Allgemeine Infos zu Öffnungszeiten un den Lageplan findet man auf der Webseite des Friedhofs https://friedhof-frankfurt.de/friedhoefe/staedtische-friedhoefe/hauptfriedhof/

    Auch die Wikipediaseite https://de.wikipedia.org/wiki/Hauptfriedhof_(Frankfurt_am_Main) kann ich sehr empfhelen. Von dort aus weiterführende Links zu besonderen Gräbern und deren Geschichte haben mir sehr weiter geholfen.

    Besucht am 05.08.2025

    (Gedenkstätte St.Katharinen- und Weißfrauenstift)

    (Grab von Pauline Schmidt)

    (Die Gruftenhalle)

    (Grabstelle von Marcel Reich-Ranicki und seiner Frau Teofila)

  • Wassersüchtig – Das Selterswasser-Museum in Niederselters

    Wassersüchtig – Das Selterswasser-Museum in Niederselters

    Erstbesuch und Veröffentlichung 2020/ aktualisiert März 2026

    Jahrhundertealte Geschichte im Taunus

    Sekt oder Selters? In Niederselters stellt sich diese Frage nicht. Hier ist man dem natürlich prickelnden Quellwasser so eng verbunden, dass man ihm ein eigenes Museum gewidmet hat – und wo sollte es stehen, wenn nicht direkt am Standort des wohl bekanntesten Mineralbrunnens Deutschlands, wenn nicht gar Europas?

    Die Quelle in Niederselters ist seit 1536 urkundlich belegt. Der Ort selbst lässt sich jedoch bereits im Jahr 772 unter dem Namen „Saltrissa“ nachweisen. Von diesen frühen Ursprüngen ist auf dem heutigen Quellgelände zwar nichts mehr erhalten, doch das restaurierte Brunnenhaus von 1909 zeugt eindrucksvoll von der einstigen Bedeutung des Ortes. Im Inneren sind noch zahlreiche Jugendstilelemente zu bewundern, etwa das große Fenster in der ehemaligen Abfüllhalle.

    Neuausrichtung nach dem wirtschaftlichen Aus

    1999 wurde die Produktion eingestellt, und die Stadt übernahm das inzwischen stark sanierungsbedürftige Gebäude. Mit viel Engagement und Unterstützung durch Fördermittel konnte es 2011 wiedereröffnet werden. Heute beherbergt der Komplex nicht nur eine kleine, aber eindrucksvolle Museumssammlung, sondern auch einen Kindergarten sowie zwei Veranstaltungsräume.

    Das Museum dokumentiert die Zeit der großen wirtschaftlichen Blüte. Immerhin gab das originale Selterswasser einer ganzen Produktkategorie seinen Namen. Schon früh versuchten andere Hersteller, vom guten Ruf zu profitieren, und vermarkteten ihre Produkte ebenfalls als „Selterswasser“. Diese Nachahmungen waren jedoch meist künstlich mit Kohlensäure versetzt – im Gegensatz zum Original, dessen Kohlensäure natürlichen Ursprungs ist. Wer den Unterschied schmecken möchte, hat auch heute noch Gelegenheit dazu: In einer Seitenhalle können die Bewohner von Niederselters und den umliegenden Gemeinden gegen eine kleine Gebühr regelmäßig ihren „Haustrunk“ abholen. Dieses Recht besteht seit Jahrhunderten – und war immer wieder Anlass zu Auseinandersetzungen. Aktuell ist der Haustrunk seit 2024 ausgesetzt, da es technische Probleme gibt, die eine neue Herrichtung erforderlich machen. Eine zeitnahe Wiedereröffnung ist geplant.

    Ein Bürgermeister mit Vision

    Dass der heute restaurierte und erweiterte Gebäudekomplex wieder vielfältig nutzbar ist, verdankt Niederselters maßgeblich dem ehemaligen Bürgermeister Dr. Norbert Zabel, der sich bis heute mit großem Engagement für das Projekt einsetzt. Ich hatte das Glück, an einer ebenso kurzweiligen wie informativen Führung mit ihm teilnehmen zu dürfen.

    Kaum zu glauben, wie berauschend Mineralwasser sein kann.

    Zu sehen gibt es unter anderem eine beeindruckende Sammlung von Wasserflaschen aus aller Welt sowie historische Original-Selters-Flaschen. Zu den bekannten Persönlichkeiten, die das Wasser aus Niederselters tranken, zählen etwa Remigius Fresenius, Christoph Wilhelm Hufeland und Johann Wolfgang von Goethe.

    Zwischen historischen Flaschen aus aller Welt und originalen Selters-Krügen erzählt er von Zeiten, in denen das Wasser aus Niederselters in ganz Europa getrunken wurde. Namen wie Remigius Fresenius, Christoph Wilhelm Hufeland und sogar Johann Wolfgang von Goethe tauchen auf. Sie alle tranken dieses Wasser. Auch zur Orts- und Quellen­geschichte erfährt man Spannendes – von der frühen Neuzeit bis in die Gegenwart. Plötzlich wirkt das Glas auf dem Tisch ein bisschen ehrfürchtiger.

    Zum Abschied schenkte mir Dr. Zabel ein Buch zur Geschichte des Seltersbrunnens, welches er gemeinsam mit Eugen Caspary und Willi Hamm verfasst hat. Für einen Bücherliebhaber wie mich ist bereits die hochwertige Gestaltung ein Genuss: hochwertiges Papier, sorgfältig aufbereitete Grafiken und zahlreiche historische Abbildungen. Doch auch inhaltlich überzeugt das Werk – es erzählt die wechselvolle Geschichte des Ortes fundiert und zugleich lebendig, ohne je trocken zu wirken. Danke für dieses wunderbare Geschenk.

    Tipps

    Wer auf der A3 von Frankfurt in Richtung Köln unterwegs ist, findet bei Bad Camberg ein braunes Hinweisschild zum Selterswassermuseum.

    Regelmäßig geöffnet ist das Museum aktuell nicht. Es besteht aber die Möglichkeit individueller Führungen ab 10 Teilnehmern zum Preis von 5,00€/Person. Informationen dazu gibt es hier .

    Sammlung diverser Wasserflaschen aus aller Welt