Kategorie: Allgemein

  • Ein Spaziergang – der Wiesbadener Nordfriedhof

    Ein Spaziergang – der Wiesbadener Nordfriedhof

    Im Wandel

    Friedhöfe haben im Laufe der Jahrhunderte eine große Wandlung durchgemacht: von reinen Begräbnisstätten hin zum Park und Naherholungsgebiet. Zudem wurden sie aufgrund ihres oft morbiden Charmes als Orte des Horrors verunglimpft (eine ganze Filmindustrie lebt von Horror-B-Movies). Sicherlich hat dazu auch die sizilianische Begräbnistradition, die Toten in offenen „Regalfächern“ aufzubewahren, beigetragen. Heute wird das zwar nicht mehr so gemacht, aber in den Kirchen in Palermo konnte ich noch die Nischen besichtigen, und das Kapuzinerkloster verfügt mit der Kapuzinergruft über eine beeindruckende Begräbnisstätte, in der man diese Tradition noch gut betrachten kann. Selbstverständlich mit dem nötigen Respekt, allerdings auch mit einem gewissen Schauer.

    Hier in Deutschland haben wir diese Tradition nicht und viele Friedhöfe sind heute wunderschöne Orte zum Spazierengehen – und zum Kulturerleben. Ich persönlich gehe gerne über Friedhöfe. In München habe ich einmal während eines Gastspiels den Weg zum Hotel über einen Friedhof abgekürzt und stand plötzlich vor dem Grab von Paul Spitzweg.

    Geschichte und Geschichten

    Grabmäler spiegeln Kulturgeschichte und Begräbniskultur wider. Da findet sich von schlichter Moderne über zarten Jugendstil bis zur Pseudorenaissance fast jede Kunstform. Und man sollte sich die Zeit nehmen, einige Inschriften auf den Grabsteinen zu lesen. Die Geschichten von Leben, Heirat und Tod, die man dort erahnen kann, sind durchaus spannend.

    Der 1877 geweihte Wiesbadener Nordfriedhof bietet dazu viele Gelegenheiten. Immer wieder erscheinen hinter Büschen neue kunstvolle Gräber. Aber auch der Verfall hat einen reizvoll morbiden Charme. Und wer mag, kann sich an den Vögeln und Eichhörnchen erfreuen. Auf einer Fläche von 14,5 Hektar wurden bisher ungefähr 85.000 Personen beigesetzt. Geprägt sind die Grabstätten vorwiegend von der wilhelminischen Ära. Historismus und Jugendstil sind die am häufigsten vertretenen Stile.

    Ein guter Plan hilft – irgendwie

    Schon beim Betreten des Friedhofsgeländes merke ich, dass man hier auf „touristische“ Besucher eingestellt ist. Kaum schaue ich auf meinen Lageplan, da begrüßt mich auch schon ein sehr freundlicher Mitarbeiter der Grünpflege und bietet seine Hilfe an. Ich habe aber einen Plan dabei, den ich mir vorab im Internet heruntergeladen habe. Dieser nennt sich „Engelspaziergang“, ist aber leider nicht genau genug, um die einzelnen Engelsfiguren auch gut finden zu können. Aber es lohnt sich, einfach durch die Gänge zu spazieren und sie selbst zu entdecken. Hier ist der Weg das Ziel und die Entdeckungen am Rande sind ein zusätzlicher Gewinn. Und die Blickachsen, die sich dadurch ergeben, sind schon allein einen Besuch wert.

    Man kann sich auch einfach treiben lassen und die schönen Wege genießen. Das habe ich bei weiteren Besuchen bisher immer gemacht. Egal zu welcher Jahreszeit, immer findet man hier Ruhe und entdeckt wieder einen neuen Blickfang. Eine Grabstelle, die man bisher nicht beachtet hat, oder weiteren Verfall. Auch eine neue Blickachse, da mittlerweile ein Baum oder Busch zurückgeschnitten wurde oder einem Sturm zum Opfer fiel. Manchmal findet man auch eine frisch restaurierte Grabstelle, die wieder in alter Pracht erstrahlt. Seit 2001 kümmert sich die Bernhard-von-Wiesen-Stiftung um die Konservierung und Restauration der historischen Grabdenkmäler.

    Andererseits kann man sich aber auch einfach nur bei schönem Wetter auf eine Bank setzen und den Vögeln und Eichhörnchen zuschauen. Wenn man Glück hat, kommen die Eichhörnchen auch ganz nah, in der Hoffnung auf eine „zufällig“ herabfallende Nuss.

    Wenn man wie ich immer wieder auf den Friedhof geht, dann hat man auch seine Lieblingsecken. In meinem Fall ist das der jüdische Friedhof Platter Straße am nördlichen Rand des Friedhofs. Nach jüdischer Tradition dürfen die Gräber nicht nach einer Ablaufzeit eingeebnet werden, und so findet man hier nicht nur neue Gräber, sondern auch sehr alte und verwitterte. Es herrscht eine friedliche Ruhe. Männer müssen hier allerdings eine Kopfbedeckung aufsetzen. Gerne würde man mehr über einige Schicksale erfahren.

    Vergangenheit und Zukunft

    Bei meinem ersten Besuch ist mir etwas auf den Grabsteinen aufgefallen. Auf einigen befindet sich ein Bild zweier Hände. Diese Hände erinnern an den Gruß, den der Vulkanier Mr. Spock in der Serie STAR TREK macht („Live long and prosper“). Und tatsächlich gibt es da einen Zusammenhang. Leonard Nimoy war jüdischer Abstammung und brachte diesen Gruß ein. Die Hände weisen auf die aaronitische Priesterschaft hin, die in meist männlicher Linie weitergegeben wird. Die Hände formen den hebräischen Buchstaben Schin. Dieser steht für den Gottesnamen Schaddai (der Allmächtige) und die Priester sprachen mit diesem Handzeichen in der Synagoge den aaronitischen Segen. Auch in der modernen Popkultur und einer solchen Serie stecken also viele interessante Details.

    Es gibt auch noch einen zweiten jüdischen Friedhof. Diesen findet man am Hellkundweg, östlich am Nordfriedhof. Dieser gehörte zur Alt-Israelitischen Gemeinde und wurde 1877 von orthodoxen Juden angelegt, denen die liberale Entwicklung der jüdischen Gemeinde Ende des 19. Jahrhunderts zu weit ging. Die letzte Beisetzung fand hier 1942 statt.


    Tipps:

    • Wer die Ruhe und die Schönheit von Friedhöfen erleben möchte, kann dies allein während der Öffnungszeiten tun oder sich zu einer Führung anmelden. Weitere Informationen gibt es hier
    • Auch die Wikipedia-Seite des Nordfriedhofs liefert viele interessante Informationen, unter anderemzu den beiden Jüdischen Friedhöfen.
    • Auf der Seite https://juedische-geschichte-wiesbaden.de/ findet man Projekte der Jüdischen Gemeinde Wiesbaden.

  • Die spinnen, die Römer? – Das Römerkastell Saalburg

    Die spinnen, die Römer? – Das Römerkastell Saalburg

    Besucht am 04.10.2026

    In der Grundschule hatte ich eine richtig engagierte Lehrerin, die mir Geschichte nahebrachte. Ihr Name war Frau Klier. Sie hat mein Geschichtsinteresse geweckt und unterstützt. Ich habe noch immer ein paar Zeitschriften zur Geschichte, die sie mir damals geschenkt hat. Eine ziemlich lange Zeit hatte ich sogar den Wunsch, Archäologie zu studieren. Daraus wurde dann zwar nichts, aber bis heute lese ich recht viel über alle möglichen geschichtlichen Themen.

    Ganz besonders fasziniert haben mich die antiken Ereignisse. Egal ob Athen, Sparta, Ägypten, Rom – ich finde das alles spannend. Und da ich nunmehr seit 10 Jahren in direkter Nachbarschaft zum Limes wohne, war es an der Zeit, einmal das Römerkastell Saalburg in Bad Homburg vor der Höhe zu besuchen.

    Zur richtigen Zeit

    Am Tag meines Besuchs wurde gerade ein neuer Teil der Ausstellung eröffnet. In den rekonstruierten Baracken kann man jetzt eine Mannschaftsstube (Contubernium) anschauen und sehen, auf welch beengtem Raum die römischen Soldaten lebten. Und auch, dass sie offensichtlich ziemlich klein waren. Für uns wirken die Betten (4 Etagenbetten für insgesamt 8 Soldaten) wie Kinderbetten. Wenn man sich dann überlegt, dass sich die römischen Soldaten für 25 Jahre verpflichteten, fühlt man sich heutzutage irgendwie verweichlicht.

    Die 25-jährige Verpflichtung hatte aber auch enorme Vorteile. In der Regel waren die Soldaten keine Römer, sondern kamen aus allen Teilen des Reiches. Einzig der Kommandant war Römer. In der Saalburg waren hauptsächlich britannische und hispanische Soldaten stationiert. Nach vollendeter Dienstzeit konnten die Soldaten dann römische Bürger werden – mit den dazugehörigen Rechten.

    Abenteuerlicher Parkplatz und Wochenendlegionäre

    Die Anreise zur Saalburg ist mit dem Auto ziemlich unkompliziert, da es eine gute Ausschilderung gibt. Allerdings ist die Parkplatzsituation vor Ort nicht so toll. Obwohl es ein ausgewiesener Parkplatz ist, hat er doch mehr von „Wildparken“ und es empfiehlt sich, schon früh da zu sein. Immer sonntags gibt es um 11:00, 13:00 und 15:00 Uhr Führungen, die etwa 50 Minuten dauern. Dabei sind die um 13:00 und 15:00 Uhr als getrennte Führungen für Erwachsene und Kinder geplant. Aufgrund der Eröffnung der Stube fanden an dem Tag stündlich Führungen statt und es gab auch viele Highlights für Kinder. So waren an dem Tag die „Wochenendlegionäre“ da und haben vorgeführt, wie man früher gedrechselt hat und wie man mit dem Kurzschwert kämpfte. Zudem gab es kleine Wagenrennen (hier zog dann Papa den Wagen, in dem das Kind sich als Wagenlenker à la Ben Hur fühlen konnte). Ganz offensichtlich machte das riesigen Spaß.

    Wer fragt hat Glück

    Schon am Parkplatz sieht man die ersten Überreste. Dabei handelt es sich um die Ausgrabungen des zum Kastell gehörigen Dorfes. Hier wohnten die Familien, boten Händler ihre Waren feil und es gab ein Badehaus für alle. Durch zwei rekonstruierte Dorfgebäude betritt man dann das eigentliche Kastellgelände und schreitet auf das Haupttor zu. Dieses wird bewacht von einer Statue des römischen Kaisers Antoninus Pius (* 19. September 86 bei Lanuvium; † 7. März 161 ebenda). Schreitet man durch das Tor, blickt man direkt links auf das Haus des Kommandanten (Praetorium). Hier befindet sich heute die Museumsleitung und die Bibliothek. Es ist nicht öffentlich zugänglich, kann aber bei bestimmten Führungen besichtigt werden. Die Führung, an der ich teilnahm, bot dies leider nicht, aber auf freundliche Nachfrage konnte ich doch kurz rein und den schönen und ruhigen Innenhof mit seinem mosaikgeschmückten Wasserbecken (leider gerade ohne Wasser) bewundern.

    Direkt gegenüber dem Haupttor befindet sich die Principia, das Hauptgebäude des Kastells. Darin findet der Besucher Ausstellungen zu den Fundstücken der Gegend. Das berühmteste und beeindruckendste Ausstellungsstück ist hier der Pferdekopf aus Waldgirmes – ein Fragment einer vergoldeten Bronzestatue, die vermutlich Kaiser Augustus zeigte und auf dem Marktplatz der römischen Siedlung Waldgirmes stand.

    Die große Halle diente als Trainingshalle. Hier stehen zwei mobile Holzpfosten (neu), die Spuren von Schwertkampfübungen zeigen. Im Innenhof kann man zwei der insgesamt über 90 entdeckten Brunnen finden. Warum so viele? Immer wenn einer versiegte, grub man einen neuen. Und so kamen im Laufe der Zeit (das Kastell bestand vom Anfang des 2. Jh. n. Chr. bis etwa 275 n. Chr.) so viele Brunnen zustande. Bei ungefähr 600 stationierten Soldaten und nochmal etwa 1.200 Dorfbewohnern waren diese auch nötig. Wenn die Brunnen versiegt waren, wurden sie in der Regel als Müllgruben genutzt – ein Umstand, der heute der Archäologie sehr hilft. Nichts gibt mehr Aufschluss über das Leben und die Menschen als der anfallende Müll. Vielleicht sollten wir darüber heute öfter nachdenken.

    Die Antike war bunt

    Ebenfalls im Hauptteil befindet sich die Waffenkammer. Hier findet man heute eine Ausstellung zur Waffentechnik der Römer und zu den Limestürmen. Das besondere Ausstellungsstück ist hier ein Schaukasten, in dem ein römisches Heer mit Playmobil-Legionären aufgebaut ist. Hier kann man sich genau anschauen, wie die Aufstellung und Aufteilung aussahen. Dieses Exponat dürfte Erwachsene wie Kinder gleichermaßen erfreuen.

    Geht man weiter, findet man einen Ausstellungsraum mit Weg- und Grabsteinen aus römischer Zeit und Erklärungen zum römischen Leben am Limes. Hier wird auch mit einem modernen Missverständnis aufgeräumt. Als das Kastell unter Kaiser Wilhelm II. ausgegraben und rekonstruiert wurde (1897–1907), nahm man an, dass für die Bauten normale Steine genutzt wurden und alles recht schmucklos war. Heute weiß man, dass die Antike knallbunt war (auch die Akropolis in Athen strahlte ursprünglich in allen bekannten Farben). Ein Grabstein verdeutlicht dies ganz besonders: Das gefundene Original und eine farblich rekonstruierte Kopie stehen hier direkt nebeneinander. Auch das gesamte Kastell war nicht so einheitlich naturfarben, wie es sich heute darstellt. Die Gebäude waren fast alle verputzt und bemalt. Heute kann man anhand der äußeren Gestaltung nachvollziehen, was aus der Zeit Wilhelms II. stammt und was nach neuestem archäologischem Wissensstand rekonstruiert wurde. Da mal genauer hinzuschauen, lohnt sich. Im Übrigen stellt der Wiederaufbau im Wesentlichen den Forschungsstand um 1900 dar. Heute weiß man nicht nur, dass die Häuser bunt bemalt waren, sondern auch, dass die Türme an den Toren höher waren und über drei Geschosse verfügten.

    Am Fahnenheiligtum kann man die reiche, farbige Ausstattung gut nachvollziehen. Hier befinden sich die Standarten der stationierten Legionen. Bei den ausgestellten Stücken handelt es sich um Rekonstruktionen aus der Zeit um 1900.

    Altes uns Neues – Rekonstruktionen

    Ein weiteres Highlight in diesem Komplex ist die Rekonstruktion des Tricliniums – das Speisezimmer aus Echzell. 1965 fand man beim Ausheben einer Baugrube Bruchstücke eines bemalten Wandverputzes. Insgesamt waren es etwa 10.000 Teile. Dieses gigantische Puzzle setzten Forscher wieder zusammen und ergänzten die fehlenden Stellen. Das plastische Ergebnis kann man hier bewundern.

    Durch ein Seitentor habe ich das Hauptgebäude dann verlassen und stieß direkt auf die Fabrica. Dieses innen sehr moderne Gebäude beinhaltet einen Veranstaltungsraum und ein kleines Kino, in dem man einen etwa 6-minütigen Film zum Kastell sehen kann (immer im Wechsel auf Englisch und Deutsch). Nur der Ton könnte etwas lauter sein. Aus der großen Halle lärmt es auch bei wenigen Besuchern ziemlich, und dadurch ist (auch bei geschlossener Tür) der Text schwer zu verstehen. Außerdem kann man in der Halle ausprobieren, wie sich die Soldaten in ihrer Freizeit beschäftigten. Es stehen verschiedene antike Spiele zur Verfügung, die man ausprobieren kann. Vom Lichthof aus (in dem verschiedene antike Porträtbüsten ausgestellt sind) gelangt man noch in rekonstruierte Werkstätten. Ein Schuhmacher, ein Beinschnitzer und eine Garküche werden hier mit ihrer Arbeit lebendig.

    Einmal im Kreis

    Ich habe mich dann entlang der Innenseite des Walls aufgemacht und bin einmal um das gesamte Kastell gelaufen. Insgesamt hatte es vier Tore, an denen auch Tafeln angebracht sind, auf denen Spender genannt sind. Diese hatten den Kaiser bei der Rekonstruktion des Kastells finanziell unterstützt. Stilgerecht sind diese Stiftertafeln natürlich in Latein geschrieben und ähneln damit Originalinschriften aus der Römerzeit.

    Am östlichen Wall befindet sich die Rekonstruktion eines römischen Ofens. Augenscheinlich wird damit auch tatsächlich von Zeit zu Zeit gebacken. Direkt daneben finden sich dann die ehemaligen Latrinen. Hier kann man noch sehen, wie fortschrittlich die Römer im Bezug auf das Abwasser waren. Man saß auf einem Brett mit entsprechenden Aussparungen nebeneinander (Scham im heutigen Sinne war damals kein Thema, denn die Latrinen dienten auch als Besprechungsorte). Unter dem Brett verlief ein kleiner Kanal, der mit Wasser gespeist wurde. Man hatte damals also schon eine Wasserspülung. Naheliegenderweise befand sich gleich gegenüber ein Badehaus. Hier kann man gleich noch Reste der Heizung entdecken. Detaillierter sieht man das auch in den Überresten der Herberge direkt vor dem Haupttor des Kastells. Hier gab es in einigen Zimmern eine Fußbodenheizung, deren Aufbau anschaulich erhalten ist.

    Der hintere Teil des Kastells ist weitestgehend eine freie Fläche. Vereinzelt kann man einige Überreste sehen und den Aufbau des Walls und der Verteidigungsanlagen genauer anschauen. Trotz der vielen Besucher an diesem Tag war es hier hinten recht ruhig und leer. Aufgrund der Flächengröße verläuft es sich angenehm. Das gilt im Übrigen für das gesamte Kastell. Man kam an alle Exponate gut heran und konnte auch ausreichend lange verweilen.

    Speisen wie die alten Römer

    Das galt allerdings nicht für das Museumsrestaurant Taberna. Hier hätte ich sehr gerne eines der römischen Gerichte probiert, aber es war einfach kein Platz mehr frei. Ich habe dann überlegt, wenigstens eine der römisch gewürzten Würste auf die Hand zu nehmen. Dazu muss man im Inneren an der Kasse bestellen und bekommt dann sein Essen. Wenn man sich dort anstellt, steht man aber automatisch dem Personal im Weg. Ich habe es dann gelassen.

    Auf dem Weg zurück zum Auto habe ich mir noch die Überreste der alten Herberge und des Badehauses genauer angesehen. Wenn man sich überlegt, wie viele Menschen hier lebten und wie klein die Gebäude sind, fragt man sich, wie die da alle Platz fanden.

    Noch eine Erklärung zum Namen Saalburg: Der klingt alles andere als römisch und ist auch ein neuzeitlicher Begriff. Leider ist an keiner Stelle ein römischer oder auch germanischer Name für das Kastell überliefert. Daher wurde der Begriff Saalburg gewählt. Dieser stammt vermutlich vom Wort „sala“ aus dem Althochdeutschen bzw. Fränkischen und bedeutet Saal, Herrenhof oder große Halle


    Tipps

    • Wie bereits erwähnt, lohnt es sich, früh zu kommen, da die Parkplätze begrenzt und eng sind. Alle Informationen zur Anfahrt, zu den Öffnungszeiten, Führungen und Sonderveranstaltungen findet man auf der Webseite der Saalburg.
    • Auch Wikipedia bietet wie immer einige Grundinformationen zur Saalburg und zum Limes
    • Zwischen Niedernhausen und Idstein befindet sich an der L3026 eine Rekonstruktion eines Limesturms. Dieser wird von Ehrenamtlichen betreut und ist sonntags zwischen 14:00 und 16:00 Uhr zu besichtigen. Im Winter finden keine Besichtigungen statt. Informationen dazu finden sich auf deren Webseite.

  • In Rixdorf is Musike – Überraschendes Neukölln

    In Rixdorf is Musike – Überraschendes Neukölln

    Besucht am 22.09.2026

    Vor Kurzem hatte ich mal wieder den Ordner mit den Familienunterlagen in der Hand. Darunter war auch die Geburtsurkunde meiner Großmutter mütterlicherseits. Dabei fiel mir auf, dass sie als Geburtsort noch „Rixdorf“ stehen hatte.

    Rixdorf ist heute der nördliche Teil des Bezirks Neukölln und heißt erst seit 1912 so – genauer gesagt seit dem 27.01.1912, dem 53. Geburtstag von Kaiser Wilhelm II. Der Begriff Rixdorf war zu diesem Zeitpunkt den Behörden zu „unanständig“ geworden, war der Ort doch bekannt für seine „frivole Unterhaltung“. Es war quasi das, was die Reeperbahn für Hamburg ist – ein Amüsierviertel. In ganz Berlin war bekannt, dass in Rixdorf Musike ist. 1920 wurden dann Neukölln, Britz, Buckow und Rudow als Bezirk Neukölln nach Groß-Berlin eingemeindet.

    Rixdorfer Geschichte

    Die Geschichte von Rixdorf begann aber schon viel früher. Funde belegen, dass hier schon die Neandertaler gejagt haben. Belegt als Ort ist Rixdorf (oder Richardsdorf) dann ab dem Mittelalter, genauer ab 1360. Interessant wurde es ab 1737. In diesem Jahr holte Friedrich Wilhelm I. böhmische Handwerker nach Preußen. Diese mussten aufgrund ihres protestantischen Glaubens auswandern, und Friedrich Wilhelm I. erkannte ihren Wert für Preußen. Hauptsächlich handelte es sich dabei um Weber und ihre Familien – insgesamt 350 Personen. Und so existierten ab dieser Zeit Deutsch-Rixdorf und Böhmisch-Rixdorf. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Bevölkerung dann sprunghaft. Waren es 1805 noch 319 Einwohner in Böhmisch-Rixdorf und 376 in Deutsch-Rixdorf, so waren es 1858 schon 1.014 Einwohner in Böhmisch-Rixdorf und 2.823 in Deutsch-Rixdorf. Zur Gemeinde Rixdorf wurden sie dann am 11.07.1873 vereint, und am 01.04.1899 bekam Rixdorf das Stadtrecht.

    Und hier wurde nun am 19.11.1911 meine Großmutter geboren. Mein Großvater, der am 06.01.1913 geboren wurde, war dann schon ein waschechter Neuköllner.

    Überall Kindheitserinnerungen

    Als Kind war ich immer im Dezember mit meiner Mutter auf dem Rixdorfer Weihnachtsmarkt. Das war ein besonders stimmungsvoller Weihnachtsmarkt, und schon damals fiel mir die Besonderheit des Ortes auf. Auf einem Ausflug mit der Grundschule lernte ich dann etwas mehr über Rixdorf, und daran habe ich mich jetzt wieder erinnert. Diesen Ausflug wollte ich jetzt noch einmal machen.

    So stand ich also an einem Dienstag auf der lauten und ziemlich dreckigen Karl-Marx-Straße, um diesen anderen Neuköllner Ort für mich wiederzuentdecken. Es gibt verschiedene Straßen, die man nehmen kann, um das alte Rixdorf zu erreichen. Ich wählte den Weg über den Karl-Marx-Platz. Dieser wirkt wie ein Trichter: An der belebten Karl-Marx-Straße ist er noch breit und laut, und am unteren Ende ist er eng. Je weiter man in den Trichter hineingeht, desto ruhiger wird es. Wer mit offenen Augen entlangläuft, bemerkt rechts zwischen den Häusern einen schmalen Durchgang mit einem eisernen Tor. Hier versteckt sich einer der Zugänge zum Böhmischen Gottesacker. Er wurde 1751 geweiht und ist damit Berlins zweitältester noch benutzter Friedhof. Leider war das Tor verschlossen. Schade.

    Also ging ich erst einmal weiter. Am Ende des Karl-Marx-Platzes öffnet sich der „Trichter“ wieder, und plötzlich steht man auf dem Richardplatz – und in einer scheinbar anderen Stadt. Ist das noch das Neukölln, das wir alle aus der Presse oder aus eigener Erfahrung kennen? Nein, ganz augenscheinlich nicht. Da stehen wir auf einem Dorfanger. Alles ist grün und lichtdurchflutet. Und auffällig ruhig. Auf der linken Seite befindet sich die Villa Rixdorf mit ihrem lauschigen Biergarten, und mitten auf dem Platz steht ein Kiosk, der aussieht wie ein kleiner antiker Pavillon. An der Ecke zur Richardstraße zeigt mir ein Hinweisschild, dass es hier zum Böhmischen Dorf geht. Ich folge diesem Hinweis und gehe links hinein. Nach gut 200 Metern stehe ich vor einigen kleinen, alten Häusern. An der Ecke zur Kirchgasse steht ein Gedenkstein für Johann Amos Comenius (1592–1670), einen Bischof der Böhmischen Brüder. Er wird mir heute noch einmal begegnen.

    Bin ich wirklich noch in Neukölln?

    Ich biege zunächst rechts in die Kirchgasse ein. Diese hieß früher eigentlich Enge Gasse (ich sehe auch wenig später, warum), und auch der ehemalige böhmische Name (Malá Ulička) steht noch über dem Straßenschild. Die Straße führt direkt auf einen kleinen Platz. Hier befindet sich die ehemalige Schule (Nr. 5), in der sich heute das kleine Museum befindet. Auch hier hatte ich wieder schlechtes Timing, denn es war an diesem Tag geschlossen. Auf dem Platz steht ein Standbild von Friedrich Wilhelm I., der die Böhmen nach Preußen geholt hatte. Auf der Seite sieht man eine Tafel mit den ankommenden Menschen, und auf der Rückseite ist die Inschrift „Die dankbaren Nachkommen der hier aufgenommenen Böhmen“.

    Ich gehe weiter durch die Kirchgasse, die hier einen Knick nach links macht. Und dann weiß ich auch ganz genau, warum sie einmal Enge Gasse hieß. Denn hier wird es wirklich eng. Auf der linken Seite hat man die Rückseiten der Höfe an der Richardstraße, und auf der rechten Seite reiht sich ein kleines Häuschen mit idyllischem Garten an das nächste. Ich bin in einem Dorf und ganz sicher nicht mehr in Berlin-Neukölln.

    Am Ende der Gasse befindet sich schließlich ein Neubau. Hier hat die Bethlehemsgemeinde heute ihr Gemeindehaus. Etwas weiter, wieder an der Richardstraße, befindet sich der alte Kirchsaal mit seinem kleinen hölzernen Glockenturm. Die böhmische Bevölkerung teilte sich nach der Ankunft in Rixdorf in drei Gemeinden auf: die Herrnhuter Brüdergemeine (falls Ihr jetzt an die berühmten Sterne zur Weihnachtszeit denkt, denkt Ihr richtig), die Reformierte und die Lutherische Kirche. Alle drei sind bis heute hier vertreten.

    Technikgeschichte

    Ich gehe wieder zurück zur Richardstraße. Hier endet der historisch böhmische Teil. Ein anderes, später errichtetes Gebäude weckt hier meine Aufmerksamkeit – das ehemalige Umspannwerk Neukölln. Ein roter Backsteinbau, der 1926–1928 erbaut wurde und bis 1973 in Betrieb war. Heute steht er unter Denkmalschutz.

    Jetzt schaue ich mir die böhmischen Häuser in der Richardstraße genauer an. Alle sehr gepflegt. Überhaupt stelle ich fest, dass es in diesem Kiez auffällig sauber ist. Es sind auch komplett andere Menschen als in der nur wenige Meter entfernten Karl-Marx-Straße unterwegs. Ich muss mir immer wieder in Erinnerung rufen, dass ich hier tatsächlich im sogenannten Problembezirk bin.

    Entspannte Pausen-Oase

    Nach einem Zwischenstopp in einem kleinen Laden mit antiquarischen Büchern zu sensationell günstigen Preisen gehe ich rüber zum Comeniusgarten (da ist Comenius wieder). Eine Oase mitten in der Stadt. Noch einmal wird es ruhiger. Dem Besucher eröffnet sich eine Naturoase mitten in der Großstadt. Und alles ist so toll gepflegt. Kneift mich, bin ich wirklich noch in Neukölln? Gleich hinter dem Eingang befindet sich eine dreieckige Fläche, an deren Ecken jeweils ein Gegenstand steht: ein Mikroskop, ein Teleskop und ein Spiegel. Eine sehr nette Mitarbeiterin erklärt mir, dass es sich hierbei um „Das Auge Gottes“ handelt. Am Ende des Artikels findet Ihr wie immer ein paar Tipps und Links. Dort könnt Ihr mehr darüber erfahren. Im Übrigen ist der ganze Garten so angelegt, dass er den Lebensweg von Comenius symbolisch darstellt. Ich habe hier eine kleine Pause eingelegt und die Ruhe dieses Ortes sehr genossen.

    Was es dort allerdings nicht gab, war etwas zu trinken. Daher bin ich zurück zum Richardplatz und zur Villa Rixdorf gegangen, wo ich dann auf der Terrasse meine Pause fortgesetzt habe. Hier kann man übrigens noch einige Berliner Spezialitäten wie Eisbein oder Leber „Berliner Art“ essen.

    Nach der kleinen Pause geht es weiter. Ich gehe weiter über den Richardplatz, den ehemaligen Dorfanger. Mitten auf dem Platz (dem alten Dorfanger von Deutsch-Rixdorf) befindet sich die Alte Schmiede. In unserer Familie finden sich diverse Hufeisen, die wir auf dem Rixdorfer Weihnachtsmarkt hier erstanden haben und die unsere Initialen tragen. Eines hängt bis heute bei meiner Mutter in meinem ehemaligen Zimmer über der Tür. So eine Schmiede ist schon etwas Faszinierendes. Und die alte Dorfschmiede von Rixdorf ist bis heute in Betrieb. Nicht nur als Attraktion zum Weihnachtsmarkt, sondern ganzjährig. Man kann dort Schmiedekurse belegen, geschmiedete Leuchter, Messer und Schmuck kaufen und auch Unikate anfertigen lassen. Wie schön, wenn solches Handwerk heute noch gepflegt wird.

    Altes Handwerk in modernen Zeiten

    Weiter geht es. Direkt hinter der Schmiede befindet sich ein Hof mit Ställen. Am Eingang prangt ein Schild mit der Aufschrift: „Gustav Schöne – Fuhrbetrieb“. Direkt am Eingang steht – sehr dekorativ – eine alte Tanksäule. Schon als Kind wollte ich hier immer hin, denn in den Ställen standen Pferde. Heute stehen sie in der Lüneburger Heide und genießen ihr Leben (vor dem Haus ist ein Schaukasten mit Bildern davon). Auch gibt es den Fuhrbetrieb so nicht mehr. Aber ein sehr netter junger Mann erzählt mir, dass die alten Kutschen noch da sind. Allerdings so zugestellt, dass man sie so ohne Weiteres nicht sehen kann. Schade. Denn in einer dieser Kutschen sind meine Eltern 1970 zu ihrer Hochzeit gefahren. Die hätte ich mir doch sehr gerne noch einmal angeschaut.

    Weiter geht es an einigen alten, aber leider auch an einigen sehr unschönen neuen Häusern vorbei. Es lohnt sich aber, sich das eine oder andere genauer anzuschauen. Auch wird man feststellen, dass es immer wieder kleine Seitendurchgänge gibt.

    Die Dorfkirche

    Am Ende des Dorfangers steht noch ein kleines Highlight: die Bethlehemskirche. Dabei handelt es sich um die alte Dorfkirche von Rixdorf. Ich habe verschiedene Daten gefunden, wann diese Kirche tatsächlich erbaut wurde. Sagen wir einfach: grob zwischen 1420 und 1460. Von diesem Ursprungsbau ist heute noch ein Teil der Außenmauer vorhanden. Im Dreißigjährigen Krieg brannte sie nieder (1639), wurde wieder aufgebaut und erhielt einen hölzernen Kirchturm. 1757 erfolgte noch einmal ein Umbau, und aus dem hölzernen Turm wurde ein steinerner. Als 1737 die ersten böhmischen Einwanderer kamen, fanden hier auch sofort böhmische Gottesdienste statt, da der Aufbau eigener Kirchengebäude noch etwas Zeit brauchte. Ab dem 19. Jahrhundert nutzte eine der drei böhmischen Gemeinden die Bethlehemskirche regelmäßig.

    Ich hatte das Glück, dass ein sehr freundlicher älterer Herr aus der Gemeinde zugegen war und mir mit viel Leidenschaft von der Kirchen- und Dorfgeschichte erzählte. So erklärte er mir, dass der Innenraum ursprünglich komplett weiß war – inklusive der Bestuhlung, der Kanzel und des Altars, wie es in böhmischen Gemeinden üblich ist. Erst in den 1930er Jahren unter der Naziherrschaft wurde das in die heutige Form geändert. Man fand es nicht mehr „passend“ und „deutsch“ genug. Schade, denn ich konnte auf einem Foto sehen, wie es ursprünglich ausgesehen hat. Und es hatte eine sehr freundliche und luftige Anmutung.

    Zurück in der hektischen Großstadt

    Mit der Dorfkirche war mein Erkundungsrundgang beendet. Auf dem Rückweg zur Karl-Marx-Straße versuchte ich noch einmal mein Glück beim Böhmischen Gottesacker, aber leider war auch die zweite Pforte verschlossen. Diesen Besuch muss ich also ein anderes Mal nachholen. Ehrlich gesagt war ich auch ziemlich müde.

    Wieder auf der lauten Karl-Marx-Straße zu stehen und den vollen U-Bahnhof zu betreten, war in gewisser Weise ein kleiner Schock. In den letzten vier Stunden war ich gefühlt in einer komplett anderen Stadt. In Rixdorf fühlt sich alles sehr dörflich an. Es ist ruhig, auffallend sauber für Neukölln und sehr entspannt. Aufgrund von verkehrsberuhigenden Maßnahmen hat man kaum fahrende Autos. Was man aber immer wieder hört, ist Kinderlachen. Denn hier gibt es jede Menge Spielplätze. Ein sehr lebendiger Kiez, den man unbedingt mal gesehen haben sollte.


    Tipps

    Hier der Link zum Comeniusgarten, wo Ihr mehr über die Gestaltung und „Das Auge Gottes“ erfahrt.

    Über die Geschichte Rixdorfs erfahrt Ihr hier und hier mehr.

    Man kann auch über kleine Seitenstraßen nach Böhmisch-Rixdorf gelangen (z. B. über die Herrnhuter Straße direkt am U-Bahnhof Karl-Marx-Straße). Ich empfehle aber noch ein Stück weiter südlich den Zugang über den Karl-Marx-Platz.

  • Der Tag des offenen Denkmals

    Der Tag des offenen Denkmals

    Mit offenen Augen durch die Welt

    In meinem kleinen Blog beschäftige ich mich mit kulturellen Ausflugszielen. Aber nicht jedes einzelne Ausflugsziel reicht für einen ganzen Beitrag. Daher habe ich den diesjährigen Tag des offenen Denkmals zum Anlass genommen, mal ein paar einzelne Sehenswürdigkeiten zu betrachten, die einem auf dem Weg begegnen.

    Nicht erst durch den Blog habe ich angefangen, mit offenen Augen durch die Gegend zu wandern, und ab und zu entdeckt man die eine oder andere kleine oder große Schönheit. Oder man betrachtet etwas Bekanntes mit neuen Augen. Ihr werdet in diesem Artikel auch auf Dinge stoßen, die ich entweder schon mal betrachtet habe oder in nächster Zeit genauer vorstellen werde.

    Zentralflughafen Tempelhof

    Zu letzteren gehört unzweifelhaft der Flughafen Tempelhof in Berlin. Ich kenne ihn noch als Militärflughafen der amerikanischen Alliierten in West-Berlin. Zu dieser Zeit hatte ich leider nie die Gelegenheit, die Abflughalle zu besichtigen. Per Zufall bot sich mir aber vor Längerem plötzlich eine Chance: Da ich noch etwas Zeit bis zu einer Verabredung hatte, habe ich die Gelegenheit genutzt.

    Heute ist der ehemalige Zentralflughafen nicht mehr in Betrieb. Aus der Rollbahn wurde wieder das Tempelhofer Feld (so hieß der Ort schon lange, bevor der Flughafen entstand), auf dem sich heute Berliner treffen, um ihre Freizeit zu verbringen.

    In den Hangars finden mittlerweile Opernaufführungen oder Konzerte statt, und das Gebäude kann man im Rahmen von Führungen erkunden – nicht nur am Tag des offenen Denkmals.

    Wunschziele

    Dieser findet übrigens seit 1993 immer am zweiten Sonntag im September statt. Organisiert wird das Ganze durch die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, und Ziel ist es, die Bedeutung des baukulturellen Erbes erlebbar zu machen. Dafür werden an diesem Tag vor allem Baudenkmäler geöffnet, die sonst nicht zugänglich sind. Dazu gehört z. B. auch das Nationaldenkmal für die Befreiungskriege im Viktoriapark in Berlin-Kreuzberg, direkt oberhalb des Wasserfalls. Eine sehr enge Freundin von mir hat zu Schulzeiten genau gegenüber gewohnt. Ich habe es jedoch leider bis heute nicht geschafft, dort mal reinzugehen, wenn es möglich ist. Das steht also noch auf meiner Wunschliste.

    Nun sollte man ja meinen, dass ein jährlich wiederkehrendes Datum gut zu merken ist und es kein Problem sein sollte, seine Ausflüge danach zu planen. Leider ist das ein typischer Fall von „Denkste“. Jedes Jahr stelle ich wenige Tage vorher (2016 genau zwei Tage davor) fest, dass es wieder soweit ist, und natürlich bin ich dann nicht mehr in der Lage, etwas Sinnvolles zu planen. Was dazu führt, dass ich leider ziemlich wenige meiner Wunschdenkmäler tatsächlich schon von innen besichtigen konnte. Die meisten kenne ich also nur von außen.

    Das Niederwalddenkmal

    Das Niederwalddenkmal bei Rüdesheim kann man allerdings ohnehin nicht von innen besuchen, sondern nur von außen. Dafür hat man von dort einen herrlichen Überblick über den Rhein. Und den Aufstieg von Rüdesheim aus kann man sich auch recht angenehm machen: Statt zu laufen, kann man die Seilbahn nehmen und ganz entspannt über die Weinberge schweben. Als ich zuletzt dort war, war es allerdings weniger angenehm: Es regnete. Dann sind die offenen und schmalen Gondeln leider alles andere als gemütlich.

    Ein Café – aber nicht für jeden geeignet

    Eine ganz andere Art von Denkmal findet man nicht sehr oft in Berlin: das sogenannte „Café Achteck“. Gemeint ist damit ein Pissoir. Dessen gusseiserne Wände (meistens in Grün) sind so aufgestellt, dass sie ein Achteck ergeben. Daher der Name. Der Entwurf stammt vom Stadtbaurat Carl Theodor Rospatt aus dem Jahr 1878. 1920 gab es noch ungefähr 140 von diesen Pissoirs in ganz Berlin. Heute findet man noch einige im Berliner Stadtbild. Das auf dem Bild steht am Chamissoplatz in Berlin-Kreuzberg.

    Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche

    Ebenfalls in Berlin steht die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Diese wurde in den Jahren 1891–1895 von Franz Schwechten im Stil der Neoromanik erbaut. Ihr Kirchturm war bis zu seiner Zerstörung durch Bomben im Zweiten Weltkrieg mit 113 Metern der damals höchste in Berlin. Nach dem Krieg hat man die Halbruine gesichert und als Mahnmal erhalten. In der Verfilmung des Kästner-Buchs EMIL UND DIE DETEKTIVE von 1954 treffen sich Emil und Gustav im oberen Geschoss der Halbruine. Dort kann man heute leider nicht mehr so ohne Weiteres hinaus. Aber man kann noch in die alte Vorhalle. Während Corona war hier auch ein Testzentrum untergebracht. Während ich dort auf meinen PCR-Test gewartet habe, konnte ich in aller Ruhe das Mosaik von Hermann Schaper bewundern. Ein echtes (West-)Berliner Wahrzeichen und von den Berlinern nur „Hohler Zahn“ genannt. Die Berliner geben ihren Wahrzeichen gerne Spitznamen. Neben der Halbruine stehen die Neubauten der Kirchengemeinde: der Gemeinderaum („Puderdose“ genannt) und der Glockenturm (oder auch „Lippenstift“). Dazu kann ich bei nächster Gelegenheit ebenfalls einen Artikel machen.

    Friedhöfe – Denkmäler in großer Zahl

    Von Kirchen ist es zu Friedhöfen nicht weit. Was dort an wunderschönen Denkmälern steht, habe ich Euch schon in meinem Artikel zum Frankfurter Hauptfriedhof gezeigt. Und es werden sicher in der Zukunft weitere Friedhöfe folgen. Zwei Beispiele seien hier stellvertretend genannt: ein Familienmausoleum auf dem städtischen Friedhof in Wunsiedel im Fichtelgebirge und ein besonders beeindruckendes Mahnmal auf dem jüdischen Teil des Offenbacher Friedhofs. Dieses Mahnmal entstand bei der Umbettung alter Gräber vom Alten auf den Neuen Friedhof. Die Verstorbenen wurden umgebettet und aus den alten Grabsteinen wurden zwei Türme errichtet.

    Moderne Esskultur als Denkmal

    Ein sehr schönes und lebendiges Denkmal steht in Bonn. Dort findet man das „Bundesbüdchen“. An dieser Wurstbude (die zwar original, aber nicht mehr am Originalstandort ist) aß schon Konrad Adenauer in der Mittagspause sein Würstchen.

    Das Haus des Rundfunks

    Zu guter Letzt kommen wir nochmal nach Berlin: ins Haus des Rundfunks an der Masurenallee. Wenn man in den Großen Sendesaal will, z. B. weil dort ein schönes Konzert stattfindet, durchquert man den großen Lichthof – ein eindrucksvolles Beispiel moderner Architektur der 1930er-Jahre. Im Haus gibt es auch noch einen funktionierenden Paternoster, den ich selbst schon mehrfach benutzen konnte. Für die allgemeine Öffentlichkeit ist er allerdings nicht mehr zugänglich, da die Sicherheitsregelungen es leider nicht mehr zulassen. Wie bei den meisten Paternostern, die heute noch existieren.

    Ich hoffe, ich konnte Euch ein wenig neugierig machen und dazu animieren, auch einmal mit offenen Augen durch die Gegend zu gehen – oder vielleicht im kommenden Jahr zum Tag des offenen Denkmals die eine oder andere Gelegenheit zum Besuch zu nutzen.


    Tipps

    Hier wie immer noch ein paar weiterführende Links:

    Unter dem Link https://www.tag-des-offenen-denkmals.de/ findet ihr allgemeine Informationen und alle Termine zum Tag des offenen Denkmals. Es gibt auch eine gute Suchfunktion mit Karte.

    Zur Geschichte des Tags des offenen Denkmals findet ihr mehr auf der Wikipedia-Seite.

    Und zum Haus des Rundfunks gibt es auf der Seite von Visit Berlin auch einiges nachzulesen.


    Das Bundesbüdchen in Bonn
    Flughafen Tempelhof - Übergang zum Rollfeld
  • Zu Besuch in Entenhausen – Das Erika-Fuchs-Haus

    Zu Besuch in Entenhausen – Das Erika-Fuchs-Haus

    Besucht am 09.08.2026

    Wart Ihr schon mal in Entenhausen? Nein? Dann wird es Zeit.

    In Schwarzenbach an der Saale im Landkreis Hof habt Ihr dazu die Gelegenheit. Dort steht nämlich das Erika-Fuchs-Haus, in dem sich Deutschlands erstes Comicmuseum befindet. Das Museum gibt es seit dem 1. August 2015, und 2026 wurde es mit dem „Kulturpreis Deutsche Sprache“ ausgezeichnet. Doch warum ausgerechnet in Schwarzenbach und wer war Erika Fuchs?

    Eine Frau mit Vorbildcharakter

    Erika Fuchs wurde als Johanne Theodolinde Erika Petri 1906 in Rostock geboren. Während ihres kunstgeschichtlichen Studiums lernte sie in München den Ingenieur Günter Fuchs aus Schwarzenbach an der Saale kennen und heiratete ihn 1932. Ende der 1940er-Jahre bemühte sich Erika um Übersetzungsaufträge und konnte für den Rowohlt-Verlag und Reader’s Digest einige Artikel und Kurzgeschichten übersetzen. 1951 fragte man sie, ob sie für den neu gegründeten EHAPA-Verlag Chefredakteurin der neuen Comic-Zeitschrift „Micky Maus“ werden wolle. Nach kurzem Überlegen nahm sie das Angebot an und schuf damit über Jahrzehnte etwas Besonderes. Ihre Übersetzungen waren nicht wörtlich. Sie nahm die Geschichten und Bilder und passte sie an – und zwar mit Anspruch. In ihren Sprechblasen finden sich jede Menge Zitate und Anspielungen auf die deutsche Literatur. Goethe, Schiller, Lessing… die Worte all dieser Literaturgrößen wurden Donald und Co. von ihr in den Schnabel gelegt.

    Etwa 20 Jahre lang übersetzte sie alle in der „Micky Maus“ erscheinenden Geschichten. Ab den 1970er-Jahren beschränkte sie sich auf die in Entenhausen spielenden Geschichten und später nur noch auf jene, in denen Donald die Hauptfigur war. Man kann also sagen, sie war Donalds deutsche Ziehmutter. Durch ihre Arbeit wandelte sich der Blick auf Comics. Waren sie in den 1950er-Jahren noch als Schund abgestempelt worden, betrachtete man sie in den 1960er-Jahren im Zuge der aufkommenden Popkultur bereits differenzierter. Heute sind sich Sprachwissenschaftler weitestgehend einig, dass ihr Werk die deutsche Sprache deutlich beeinflusst hat. So bezeichnet man ihr zu Ehren die von ihr verwendete Inflektivform zur visuellen Darstellung von nichtvisuellen Vorgängen als „Erikativ“.

    Nach dem Tod ihres Mannes zog Erika nach München zu ihren Kindern. Dort verstarb sie 2005 im Alter von 98 Jahren. Begraben wurde sie an der Seite Günters in Schwarzenbach. 2006 brachte die D.O.N.A.L.D. (Deutsche Organisation nichtkommerzieller Anhänger des lauteren Donaldismus) am Wohnhaus in Schwarzenbach eine Gedenktafel an.

    Das Erika-Fuchs-Haus mit den Vorplatzskulpturen

    Der Besuch

    Das Museum befindet sich nicht im ehemaligen Wohnhaus in der Marienstraße, sondern in der nahegelegenen Bahnhofstraße. Vor dem Haus kann man gut parken, und der Bahnhof ist auch nur wenige Meter entfernt. Man kann das Museum gar nicht verfehlen, denn vor dem Haus stehen bereits einige Skulpturen, die durch ihren Comic-Charakter eindeutig den Weg weisen. Auf der Webseite des Museums kann man einiges über diese Freiluft-Ausstellung lesen. Die Exponate wechseln alle paar Jahre. Die aktuellen Skulpturen stammen von Luise Mirdita und wurden 2025 aufgestellt.

    Im hellen Inneren des Museums fällt einem zuerst der Museumsshop auf, der einem gut sortierten Comicladen gleicht (welch Wunder!). Die Dame an der Kasse ist sehr freundlich und hilfsbereit (was ich am Schluss noch einmal merkte, als ich ein paar Sachen erwarb und Rat brauchte). Es gibt ausreichend Schließfächer, einige sogar mit Steckdose, damit man sein Handy zwischendurch aufladen kann. Allerdings sind sie auch etwas klein. Meine Handtasche passte genau rein, eine Jacke hätte keinen Platz mehr gehabt.

    Wenn man die Treppe zur Dauerausstellung hinaufgeht, beginnt diese mit einem kleinen Film. Was ich besonders gut finde, ist, dass die Tür sich automatisch öffnet, kurz bevor der Film anfängt, und sich danach wieder schließt. So verpasst man den Anfang nicht und kann den ganzen Film in Ruhe schauen. Und das sollte man auch. Auf drei sich ergänzenden Leinwänden wird die Entstehungs- und Kulturgeschichte der Comics erzählt. Auch erhält man eine kurze Einführung in Aufbau, Struktur und Elemente von Comics. Ein sehr guter Start.

    Erster Blick auf Entenhausen. Links das Haus von Donald Duck

    Interaktiv und amüsant

    Am Ende des Films öffnet sich gegenüber der Eingangstür ein Vorhang und plötzlich steht man in Entenhausen! Vor einem tut sich ein kleiner Nachbau dieser Comicstadt auf. Gleich zur Linken befindet sich Donalds Haus, schräg daneben das von Daniel Düsentrieb. Und beide kann man betreten. Genau wie Oma Ducks Bauernhof (Kinder können sogar reinkriechen) – und überall gibt es kleine Hinweisschilder, die die Erwachsenen lesen können. Hier erfährt man Biografisches über die Figuren und Entenhausen. An einem Baum befindet sich der Stammbaum der Duck’schen Familie. Und ganz groß befindet sich in der Mitte des Raumes Dagoberts Geldspeicher. Auch den kann man betreten, und im Innern befindet sich ein „Bällebad“, in dem aber Taler statt Bälle liegen. Man kann dort selber einmal in Talern schwimmen und es Onkel Dagobert gleichtun (Fotografieren ist übrigens ausdrücklich erlaubt).

    Bad in Dagoberts Geldspeicher

    Touri spielen in Entenhausen

    Ein Selfie vor der Stadtansicht von Entenhausen und dem Münster ist natürlich Pflicht. Im hinteren Bereich befindet sich auch ein interaktiver Tisch mit einem Plan von Entenhausen und Umgebung. Hier kann man verschiedene Punkte anklicken und so einen Überblick bekommen, wo sich welche Sehenswürdigkeit genau befindet. Was für eine klasse Idee, aus allen Angaben in den Comics einen richtigen Stadtplan zu machen! Entenhausen wird dadurch ein Stück realer.

    Vorbei am Hafen und dem Entenhausener Umland verlässt man diesen hellen, bunten und freundlichen Raum und betritt einen wesentlich sachlicheren und etwas dunkleren. Hier wird (natürlich als Comic) die Lebensgeschichte von Erika Fuchs erzählt. Diese Darstellung kann man auch als Mappe im bereits erwähnten Shop erwerben.

    Vom Umgang mit Sprache

    Weiter geht es in den nächsten Raum. Hier ist alles schwarz-weiß, denn es geht um die Sprache und den Aufbau von Comics. Der Besucher erfährt, wie sich Sprech- und Denkblasen unterscheiden, was Soundwords (Zong, Boing, Kracks usw.) sind und was es sonst noch braucht. Hier gibt es auch einen Wortgenerator, mit dem man herrliche Neukreationen zusammenschieben kann. Es gibt eine Wand, an der man Donald verschiedene Gesichtsausdrücke zusammenbauen kann, und zwei kleine interaktive Kammern, in denen man sein Comic-Übersetzungstalent prüfen kann. Außerdem befinden sich hier einige Exponate aus dem Besitz von Erika Fuchs, wie originale Übersetzungsdokumente, ihr Notizbuch und ihre Schreibmaschine.

    Den Bereich der Dauerausstellung beendet ein Raum, in dem Branchenkollegen eine Hommage an Erika Fuchs gestaltet haben. Karikaturisten und Cartoonisten haben sich Gedanken um ihr Leben gemacht und man findet hier unter anderem einen Comic über einen fiktiven Ehestreit im Hause Fuchs. Ausschließlich mit Soundwords.

    Hier schließt sich dann die Bibliothek an. Neben Vitrinen mit Micky-Maus-Devotionalien finden sich raumhohe Regale mit Comics, Graphic Novels und Büchern zum Thema. Hier könnte man sehr gemütliche Stunden verbringen. Ich lese meine Lustigen Taschenbücher aber lieber zu Hause auf dem heimischen Sofa.

    Im unteren Bereich gibt es noch eine Fläche für Sonderausstellungen. Zum Zeitpunkt meines Besuchs waren es zwei: eine zum Gehirn (schön kindgerecht) und eine über Superhelden wie Superman, Batman, Wonder Woman und Co. (eher was für Erwachsene).

    Mein Fazit: Ich hatte Spaß. Die kleine, aber feine Ausstellung ist liebevoll gemacht und wird gepflegt. Die Exponate befinden sich in einem sehr guten Zustand, was bei interaktiven Ausstellungen nicht immer der Fall ist. Mit mir waren nur wenige Menschen da und die waren fast alle erwachsen. Der Besuch als Familie ist aber (aus meiner Sicht) unbedingt zu empfehlen.


    Tipps:

    • Auf der Webseite des Erika-Fuchs-Hauses findet man alle nötigen Informationen zu Anfahrt, Eintritt und den Ausstellungen sehr übersichtlich dargestellt.
    • Informationen zu Erika Fuchs und ihrem Leben findet man bei Wikipedia.
    • Wer sich mehr mit Donald und Co. beschäftigen möchte, dem sei die Webseite von D.O.N.A.L.D. empfohlen.
    • In einer guten Stunde ist man durch. Man sollte aber noch etwas Zeit für den Shop einplanen und sehr resistent gegen seine Verlockungen sein.

    Eindrücke

  • Von Staufern und Schneekugeln – Das Historische Museum in Frankfurt am Main

    Von Staufern und Schneekugeln – Das Historische Museum in Frankfurt am Main

    Frankfurt hat viele schöne Museen. Und da ich stolze Besitzerin einer Museumsufercard bin, besuche ich diese auch nach und nach. Manche sogar mehrfach, da man die Fülle der Exponate bei einem einzigen Besuch meistens gar nicht erfassen kann. Hinzu kommen spezielle Sonderausstellungen, die einzelne Themen genauer präsentieren.

    Eines dieser Museen ist das Historische Museum. Als ich 2016 ins Rhein-Main-Gebiet zog, war der Museumsneubau gerade DAS Thema. Ein Jahr später wurde er schließlich eröffnet. Trotzdem hat es noch eine Weile gedauert, bis ich endlich meinen Besuch dort in Angriff genommen habe. Und es gibt dort so viel zu sehen: Gute 800 Jahre Stadtgeschichte werden gezeigt – das muss man erst einmal verarbeiten. Oder halt mehrmals hingehen.

    Zur Geschichte des Museums

    Das Historische Museum wurde 1877/78 aufgrund einer bürgerschaftlichen Initiative gegründet. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden viele Exponate an andere Museen verkauft und wechselten die Besitzer. Im Zweiten Weltkrieg wurden große Teile des Gebäudes zerstört, und auch extra evakuierte Sammlungsstücke gingen verloren. Nach und nach wurden die zerstörten Gebäudeteile wie der Saalhof wieder aufgebaut und genutzt. In den 1970er-Jahren entstand ein Erweiterungsbau im damals typischen Brutalismus-Stil. Er war von Anfang an umstritten, und 2007 entschied man sich dafür, den Sichtbetonbau abzureißen und einen neuen Komplex zu errichten. Dieser wurde 2017 eröffnet und passt sich mit seiner Mainsandsteinfassade viel besser in das Bild der neuen Altstadt ein.

    Die Gebäude stehen in der Frankfurter Altstadt direkt zwischen dem Römer und dem Mainufer. Man kann sie also gar nicht verfehlen.

    Das von mir sehr geliebte Caricatura Museum gehörte früher auch zum Historischen Museum. Seit dem 1. April 2019 ist es eigenständig – was damals keineswegs ein Aprilscherz war. Zu den Ausstellungen dieses Museums der unerhörten Kunst (dem 2025 der Nachlass des unvergleichlichen Loriot vermacht wurde) werde ich auch noch einen eigenen Artikel widmen.

    Viele Besucher und trotzdem Platz

    Wie immer bin ich gleich zur morgendlichen Öffnung hingegangen. Und ich hatte nicht allein diese Idee. Lange warten musste ich aber trotzdem nicht. Das Personal ist eingespielt und freundlich, und die Ausstellungsfläche ist so groß, dass sich die Besucher schnell verteilen. Allein für die Dauerausstellung stehen rund 8.000 Quadratmeter zur Verfügung. Bei einem ersten Besuch sollte man sich entscheiden, ob man sich auf einen Teil beschränken möchte oder sich einfach mal einen Überblick verschafft. Da ich eher zu Letzterem neige und später lieber gezielt nochmal wiederkomme, habe ich mich einfach treiben lassen und Neues erforscht.

    Eines der ersten Exponate, die man erblickt, ist die Frankfurter Schneekugel. Sie zeigt auf Knopfdruck verschiedene Stadtansichten. Leider war sie gerade defekt. Trotzdem konnte man einen Blick ins Innere werfen und staunte, wie viel Platz der Unterbau einnimmt. Bei meinem nächsten Besuch wird sie hoffentlich auch mal von mir ausprobiert.

    Beim Treibenlassen durch das Gebäude fallen mir viele interessante Ausstellungsstücke auf. Da steht z. B. ein wunderschön bemaltes Klobecken. Blaue Blumen zieren nicht nur den Sockel, sondern auch das Innere der Schüssel. Bei genauerem Hinsehen stelle ich fest, dass dieses Klo aus Oxford kommt, und ich frage mich, welcher Weg und welche Geschichte dahinterstecken. Mit grünen Blumen würde ich das Teil sogar in meinem eigenen Bad stehen haben wollen.

    Auch eine echte Frankfurter Küche aus dem Jahr 1927 findet sich hier – bis heute das Vorbild für eine praktische und platzsparende Küchenplanung. Viele der Ideen in dieser Küche sind heute noch genauso brauchbar, und das Design ist mittlerweile wieder voll im Trend. Da ich gerne einrichte, hätte ich große Lust, mir eine solche Küche nachzubauen. Vielleicht wird das irgendwann mal der Fall sein.

    So viele Sachen….

    Ich entdecke Bilder aus Frankfurter Salons und Alltagsgegenstände wie Pfeifen und Krüge. Dazwischen Spielzeug und Münzen. Auch ein goldenes Eine-Mark-Stück ist dabei. Dann stehe ich vor einer bunten Wand. Diese besteht aus vielen einzelnen Fächern, und in diesen Fächern befinden sich hinter einer Glasscheibe viele, viele Gegenstände: Bierdeckel, Trillerpfeifen, Tonbecher, Glasflaschen, Bücher, Brauchbares und Unbrauchbares, Schönes und Hässliches … ein ganzes Sammelsurium an Dingen, die an die Kramschublade erinnern, die doch jeder zu Hause hat.

    Das völlige Gegenteil – nämlich ein Beispiel für Ordnung und Klarheit – ist das originale Arbeitszimmer des Literaturpapstes Marcel Reich-Ranicki. Auch das ist im Historischen Museum ausgestellt. Marcel Reich-Ranicki war in meinem Blog schon mal Thema, als ich den Frankfurter Hauptfriedhof besucht habe und an seinem Grab stand.

    Mein persönliches Lieblingsexponat

    Das für mich beeindruckendste Exponat befindet sich unterm Dach: Ein Modell der Stadt Frankfurt. Das klingt zuerst unspektakulär, ist es aber ganz und gar nicht. Es füllt einen ganzen Raum, und man kann zwischen den beiden Teilen rechts und links des Mains hindurchgehen. Die Brücken, die in der Realität den Main überspannen, befinden sich in luftiger Höhe über dem Betrachter. Und bei genauem Hinschauen fällt auf: Alle Gebäude sind aus Alltagsgegenständen gefertigt. Häuser aus Plastikschalen, Türme aus Radiergummis, Brücken aus Kleiderbügeln, Krankenhaustürme aus Spritzen usw. Es gibt so viel zu entdecken! Und dabei ist alles so genau gearbeitet, dass man jedes Gebäude genau erkennt. Mit jedem näheren Blick entdeckt man Neues. Einfach nur genial. Ich habe sogar das Inhalationsteil meines eigenen Asthmasprays entdeckt.

    Von ganz oben zog es mich dann nach ganz unten. Im Keller des Museums befinden sich noch einige Reste alter Gebäude aus der Stauferzeit. Man kann rund 800 Jahre alte Brunnen und Mauerreste bestaunen. Und es gibt sogar noch Teile eines alten Hafens aus dieser Zeit. Hier sind nicht nur steinerne Überreste vorhanden, sondern auch hölzerne. Der Erhaltungszustand ist deshalb so gut, weil bereits im 14. Jahrhundert bei einer Stadterweiterung dieser Hafen zugeschüttet wurde. Wiederentdeckt wurde das alles 2012 bei Bauarbeiten für das neue Museumsgebäude.

    Das Geheimnis der Zahlen

    Ja, und dann sind da noch die Garderobenschränke. Als ich anfangs meine Jacke in ein Schließfach getan hatte, fiel es mir erst gar nicht auf, aber beim Abholen meiner Sachen wurde ich stutzig: Die Zahlen an den Schließfächern machen auf den ersten Blick keinen Sinn. Bei genauerer Betrachtung aber schon: Sie sind nicht einfach mit 1-2-3-4-usw. beschriftet. Die Zahlen darauf sind Jahreszahlen! Auf der Innenseite der Türen kann man dann lesen, was in jenem Jahr in Frankfurt so passiert ist. Clever gemacht, kann ich da nur sagen. Die Idee gefällt mir gut.

    Alles in allem war der Besuch für mich sehr spannend und lehrreich. Ich habe bei Weitem nicht alles erfassen können und muss demnächst nochmal hin. In diesem Museum lohnt sich das richtig. Und mit der Architektur und den Sonderausstellungen habe ich mich noch gar nicht richtig beschäftigt. Es bleibt also noch viel zu entdecken.


    Tipps

    Für das Museum sollte man sich Zeit nehmen. Es gibt so viel zu sehen, dass man eventuell an zwei verschiedenen Tagen kommen sollte.

    Praktische Informationen wie Öffnungszeiten und die Anreise findet man auf der Webseite des Historischen Museums

    Auch der Wikipedia-Artikel ist sehr hilfreich, wenn man mehr wissen möchte.


  • Ort des Erinnerns und Nichtvergessens – Die Gedenkstätte Flossenbürg

    Ort des Erinnerns und Nichtvergessens – Die Gedenkstätte Flossenbürg

    Besucht am 07. Juni 2026

    Geschichte, die bewegt

    Bisher habe ich hier vor allem schöne Ausflugsziele porträtiert – Orte, an denen man vom Alltag abschalten und Dinge einfach genießen kann. Anders ist es mit dem Ort, den ich euch heute vorstellen möchte. Der Besuch lag mir schon länger am Herzen, und da seit einiger Zeit ein Bekannter von mir dort arbeitet, habe ich die Gelegenheit genutzt.

    Es ist nicht das erste Konzentrationslager, das ich besuche. Allerdings muss ich sagen, dass mich der Besuch in Flossenbürg doch arg beschäftigt hat. Ich gehöre zu den Menschen, die gerne die Atmosphäre eines Ortes erfassen und sich auf diesen stark einlassen. Das ist bei einem ehemaligen Konzentrationslager eine aufwühlende Sache, und auch das hervorragende Wetter und meine sommerliche Stimmung konnten das nicht auffangen. Ehrlich gesagt: Mir ging es nach dem Besuch nicht so gut. Und vielleicht war gerade deshalb der Besuch richtig.

    Vom Steinbruch zum Vernichtungslager

    Flossenbürg ist ein mittelgroßer Ort im Oberpfälzer Wald, in dem Ende des 19. Jahrhunderts zahlreiche Granitsteinbrüche in Betrieb genommen wurden. Diese Granitvorkommen interessierten in den 1930er-Jahren die Nationalsozialisten, denn das Material brauchten sie in großen Mengen für ihre Bauvorhaben. Steine aus Flossenbürg wurden unter anderem auf dem Reichsparteitagsgelände in Nürnberg verwendet. Um den Abbau effektiver zu organisieren und auch um „unliebsame“ Gefangene loszuwerden, wurde 1938 das Konzentrationslager gegründet. Anfangs beherbergte es 300 Gefangene, die in kurzer Zeit die nötigen Bauten errichteten. Innerhalb eines Jahres waren es bereits 1.500 Gefangene. Zunächst handelte es sich dabei vor allem um Kriminelle. Diese hatten teilweise ihre Haftstrafen schon längst abgesessen, wurden nun aber im Zuge einer „Säuberungsaktion“ aufgegriffen und in KZs gebracht. Des Weiteren folgten Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter aus den eroberten Ostgebieten, politische Gefangene (hier wurden noch kurz vor Kriegsende einige Mitglieder der Widerstandsgruppe um Graf Stauffenberg erschossen) und schließlich auch Juden.

    Frauen waren im Hauptlager nur als Zwangsprostituierte inhaftiert. Bei den Insassen handelte es sich fast ausschließlich um Männer, die die schwere Arbeit in den Steinbrüchen verrichten mussten. Dabei verfügten sie im Prinzip über keine geeigneten Werkzeuge und arbeiteten bis zum Umfallen. Das perfekte, aber perfide Motto des Lagers lautete: „Vernichtung durch Arbeit“. Bis zur Befreiung des Lagers im April 1945 durch die Amerikaner waren rund 100.000 Menschen durch die Hölle gegangen oder in ihr verstorben.

    Rückseite der Kommandantur mit Strasse zum Wohngebiet

    Ein Rundgang, der schwer fällt

    Mit all dem im Hinterkopf kommt man an der Gedenkstätte an und steht zuerst auf einem großen, leeren Platz. Auf der linken Seite steht ein großer Bau mit einem weitläufigen Balkon, auf dem Sonnenschirme stehen. Das heutige Besucherzentrum war früher das SS-Casino. An der Stirnseite erhebt sich ein imposanter Granitbau. In diesem war früher die SS-Kommandantur untergebracht, heute befindet sich dort die Gedenkstättenverwaltung. Bei solch herrlichem Wetter wie am Tag meines Besuchs verliert das Gebäude auf den ersten Blick seinen Schrecken, und man könnte es sogar als schön beschreiben. Mit ein paar Geranien an den Fenstern würde es in fast jeder deutschen Kleinstadt eine kleine Zierde sein. Da sieht man mal wieder den Schrecken der Normalität.

    Dieser Eindruck verflüchtigt sich aber, sobald man den Torbogen in der Mitte durchschreitet. Hier hängt ein Lagerplan, und man erhält ein erstes Mal einen Eindruck von den Ausmaßen des Lagers. Der gesamte Vorplatz war früher mit Gebäuden bebaut, in denen die SS-Wachmannschaften wohnten. Der Eingang zum Häftlingslager befindet sich kurz hinter der Kommandantur.

    Lageplan des Lagers

    Eigentümlicherweise überquert man hier zunächst eine kleine Durchgangsstraße, die zu den Einfamilienhäusern auf dem linken Hügel führt. Danach geht man auf das ehemalige Lagertor zu. Die eigentlichen Torsäulen stehen heute im hinteren Teil der Gedenkstätte. Auf der ehemaligen Umzäunungsgrenze stehen noch Zaunpfosten. Auf den Rasenflächen dahinter sind mit Graniteinfassungen die ehemaligen Häftlingsbaracken angedeutet. Jeweils 8 mal 50 Meter waren sie ursprünglich für 250 Häftlinge vorgesehen. Zuletzt fassten sie jeweils bis zu 1.000 Menschen. Die Enge und die hygienischen Zustände möchte man sich gar nicht mehr vorstellen.

    Weiter geradeaus gelangt man auf den Appellplatz zwischen Wäscherei und Lagerküche. Hier mussten die Häftlinge zweimal täglich zum Durchzählen antreten. Oft dauerte das mehrere Stunden – bei jedem Wetter. Und nicht selten geschah dies auch einfach nur, um die Menschen zu quälen. Auch wurden hier Erhängungen vollzogen, denen die anderen Insassen beiwohnen mussten.

    Ein schwer auszuhaltender Ort

    In der Wäscherei befindet sich eine Dauerausstellung zur Geschichte des Lagers. Ich habe selten eine so gut gemachte Ausstellung gesehen. Wird man anfangs noch ganz sachlich-vorsichtig mit der Geschichte des Ortes vertraut gemacht, taucht man nach und nach immer tiefer in das Konzentrationslager ein. Man erfährt vom Alltag, von den Zwangsarbeitsbedingungen, vom Überleben und Sterben. Aber auch von den Menschen jenseits des Zauns: den Wärtern und Wärterinnen der SS. Es hat mich mal wieder erschreckt, wie viele der Verantwortlichen dieses Terrors nach dem Krieg „verschwunden“ sind oder nach äußerst kurzen Haftstrafen wieder ins normale, bürgerliche Leben zurückgekehrt sind.

    Den oberen Teil der Ausstellung verlässt man durch einen Durchgang, in dem ein Zitat eines Überlebenden steht. Für mich war dieser Moment ein sehr beklemmender. Als ich dann in den unteren Teil ging, beschlich mich auf der Treppe für einen kurzen Moment ein großes Unbehagen. Dort unten findet man zuerst eine Ausstellung zu einzelnen Opferschicksalen. Unter anderem gibt es dort eine Art Bibliothek mit schwarzen Ordnern. In jedem dieser Ordner findet man den Lebenslauf eines Gefangenen, geordnet nach ihren vermeintlichen „Verbrechen“ oder Herkunftsorten. Ich habe mir mal zwei herausgenommen: einen aus der Rubrik „Homosexuell“ und einen aus Frankreich.

    Geht man weiter in den hinteren Teil, kommt man in die Räume, die die Häftlinge damals auch zuerst betraten. Hier finden sich die „Desinfektion“, der „Friseur“ (hier wurden sämtliche Haare abrasiert, um die Gefangenen maximal zu entwürdigen) und das Häftlingsbad – eine arg verharmlosende Bezeichnung für einen Raum, in dem hunderte nackte, verängstigte Menschen zusammengepfercht, geschlagen und mit harten Wasserstrahlen malträtiert wurden. Ich stand dort allein und mir war schlecht angesichts der Gräuel, die Menschen anderen Menschen antun können, nur weil sie sich für besser halten. Schlussendlich habe ich in diesem Gebäude fast anderthalb Stunden verbracht und war froh, wieder an der frischen Luft zu sein.

    Begleiteter Rundgang

    Den Rest des Geländes habe ich mir im Rahmen eines begleiteten Rundgangs angesehen. Unser Guide war dabei sehr pietätvoll, nahm aber trotzdem kein Blatt vor den Mund, wenn es um die Grausamkeiten der SS ging. Er traf immer den richtigen Ton und führte uns mehrfach vor Augen, dass es jeden von uns Teilnehmern hätte treffen können, hier inhaftiert zu sein.

    Gemeinsam gingen wir über den Ehrenfriedhof, vorbei an einem der drei erhaltenen Wachtürme in Richtung „Tal des Todes“. Hier befindet sich das Krematorium des Lagers. Eine unterirdische Rampe – erst 1944 gebaut, um den Verbrennungsprozess zu beschleunigen – führt vom Gebiet des heutigen Ehrenfriedhofs direkt ins Krematorium. Auf dem Weg dorthin passiert man die beiden Originalsäulen, die einst das Lagertor flankiert haben. Das Krematorium ist recht klein. Auch der Ofen würde einen heutigen, gesunden Mann gerade mal so fassen. Umso mehr verdeutlicht es, wie ausgezehrt die Häftlinge waren, denn es wurden in der Regel drei bis vier Körper gleichzeitig verbrannt. Die Asche wurde aus Kapazitätsgründen schnell auf das dahinterliegende Gebiet verteilt. Teilweise waren die Körper noch nicht vollständig verbrannt. Unser Guide erzählte uns, dass auch in jüngster Zeit noch mit Asche gefüllte Löcher durch die Gärtner gefunden werden.

    Wachturm und Rampe zum Krematorium

    Einen Teil der menschlichen Asche hat man nach dem Krieg in diesem ältesten Teil der Gedenkstätte zu einer Pyramide aufgeschüttet und mit Gras bewachsen lassen. Ein schlichtes, aber beeindruckendes Mahnmal, das direkt zwischen dem Krematorium und dem Platz der Nationen steht. Hier haben die Nationen der Opfer des Lagers eine Gedenkfläche erbaut, die bis heute regelmäßig von offiziellen Vertretern, letzten Überlebenden und Nachfahren besucht und gepflegt wird.

    Umgang mit dem Gedenken nach dem Krieg

    Oberhalb des Tals des Todes befindet sich eine kleine Kapelle. Diese wurde erst nach dem Krieg errichtet. Im Innern befinden sich an den Wänden Gedenktafeln der einzelnen Nationen mit den Zahlen der jeweiligen Opfer darauf. Nur stimmen diese Zahlen nicht. Niemand weiß, wie man auf diese Zahlen kam, aber in den 1950er-Jahren wollte man schnell abschließen und hielt diese Zahlen für realistisch. Auch das Kreuz am Altar zeugt von einer gewissen „Geschichtsumschreibung“. Die linke Figurengruppe stellt einen knienden Häftling dar, über dem ein weiterer Häftling steht – ein sogenannter Kapo. Ein Häftling, der die Aufsicht über andere Häftlinge hatte und dafür gewisse Sondervergünstigungen erhielt (z. B. den Besuch im Häftlingsbordell oder größere Nahrungsrationen). Es schaut aus, als ob er den anderen Häftling schlägt. So, als seien die Häftlinge die alleinigen Täter und nicht die SS-Wachmannschaften.

    In der Kapelle befindet sich auch die Büste des bekanntesten Inhaftierten von Flossenbürg: Dietrich Bonhoeffer. Der bekannte Theologe und Mitglied des Widerstands wurde hier am 09. April 1945 hingerichtet – nur 14 Tage vor der Befreiung des Lagers durch die US-Armee.

    Der Rundgang führt uns vorbei an einer kleinen jüdischen Gedenkstätte, die erst in jüngster Zeit errichtet wurde. Ein schlichter Ort des Gedenkens, der architektonisch beeindruckt und dessen Dachfenster in Form eines Davidsterns bei sonnigem Wetter diesen verzerrt auf die Wand projiziert.

    Der Ehrenfriedhof

    Es geht nochmals über den Ehrenfriedhof. Nun erfuhren wir, was diesen Friedhof ausmacht. Als klar wurde, dass die Alliierten nicht mehr aufzuhalten sind und man nicht mehr schnell genug alle Inhaftierten töten und verbrennen konnte, ging man mit den Überlebenden auf einen „Evakuierungsmarsch“ (auch Todesmarsch genannt). Nur etwa 1.500 zu schwache Gefangene blieben zurück. Auf diesem Gewaltmarsch starben viele der ohnehin schon ausgemergelten Gefangenen und wurden oft einfach am Wegesrand zurückgelassen. Die Anwohner, die sie fanden, verscharrten sie oft notdürftig an Ort und Stelle. Die amerikanischen Soldaten zwangen dann die Anwohner, die Leichen wieder auszugraben und ordentlich in den Ortschaften zu bestatten. Ende der 1940er- bzw. Anfang der 1950er-Jahre wurden die Verstorbenen wieder exhumiert, und etwa 5.000 von ihnen wurden zurück ins KZ gebracht und hier bestattet. Von den meisten konnten keine Identitäten festgestellt werden, weshalb es nur an wenigen Stellen Namen gibt. Auch die genauen Liegeorte sind schwer auszumachen. Schlagartig wird es einem bewusst, dass man hier auf 5.000 Verstorbenen steht.

    Unsere letzte Station führt uns auf den Hügel oberhalb der Wäscherei. Hier befindet sich der Arrestbau. Die Umrisse und Ausmaße sind noch erkennbar, es steht allerdings nur noch ein kleiner Teil. In diesem Teil wurden „besondere Gefangene“ untergebracht, wie die Beteiligten des Attentats vom 20. Juli 1944. In dem abgeschlossenen Hof fanden auch Hinrichtungen statt.

    Innenhof des Arrestbereichs

    Von hier aus hat man auch einen guten Blick über das Gelände und die Einfamilienhäuser. Diese stehen dort, wo bis 1945 noch die Häftlingsbaracken standen. Nach Kriegsende brachte man im Lager die Flüchtlinge aus den Ostgebieten unter. Als klar wurde, dass sie bleiben würden, wurden für sie diese Häuser gebaut. Mit der dunklen Vergangenheit des Konzentrationslagers wollte man schnell abschließen. Nur die Fläche am Krematorium wurde 1947 zu einer Gedenkstätte umgewidmet. Auf dem restlichen Gelände entstanden Fabrikgebäude. Erst 1995 begann man mit der Errichtung der Gedenkstätte und der Freilegung der noch vorhandenen Bauten.

    Und was lernen wir daraus…

    Was bleibt, ist ein beeindruckender Ort des Erinnerns. Gerade in der letzten Zeit, wo rechtes Gedankengut wieder gesellschaftsfähig wird und in den sozialen Medien immer häufiger Rufe nach der Wiedereinrichtung von Konzentrationslagern auftauchen, sollte es Pflicht sein, diese Orte des Erinnerns aufzusuchen.

    Ich persönlich war nach insgesamt viereinhalb Stunden körperlich und seelisch ziemlich fertig. Den ebenfalls zu besichtigenden Steinbruch habe ich nicht mehr geschafft. Ich muss also noch einmal hin.

    Von meinem Bekannten wurde mir gesagt, dass ich unbedingt das Café im Bildungszentrum besuchen solle. Es handelt sich dabei um ein integratives Projekt, und die Kuchen seien sensationell. Ehrlich gesagt, war mir so gar nicht nach Kaffee, Kuchen und gemütlich in der Sonne sitzen – das Gesehene hat mich doch ziemlich berührt. Trotzdem bin ich dem Rat gefolgt, und ich muss sagen: Die Kuchen sind tatsächlich sensationell.



    Tipps

    • Website der Gedenkstätte.
    • Hinteren Parkplatz nehmen, wo auch die Busse stehen. Hier gibt es keine Zeitbeschränkung.
    • Besucherzentrum und alle Gebäude haben nur bis 17:00 Uhr geöffnet. Das Gelände selbst ist die ganze Zeit offen.


  • Das Freilichtmuseum Hessenpark in Neu-Anspach

    Das Freilichtmuseum Hessenpark in Neu-Anspach

    Besucht am 08.08.2025

    Seit ich in Hessen wohne, gab es zwei Orte, die ich unbedingt besuchen wollte: die Saalburg und das Freilichtmuseum Hessenpark. Zumindest letzteren habe ich nach neun Jahren nun endlich betreten.

    Der richtige Zeitpunkt

    Als Besuchstag habe ich mir einen weitestgehend sonnigen Freitag in den Schulferien ausgesucht und dementsprechend mit einem großen Andrang gerechnet. Ich hatte mich geirrt. Es war relativ leer bzw. die Besucher verteilten sich auf dem weitläufigen Gelände. Das war aber auch ganz gut. So kam man in die naturgemäß engen historischen Gebäude gut hinein und die Besucher blockierten sich nicht gegenseitig. Leider gab es dadurch aber auch nur recht wenige Vorführungen. Man kann nicht alles haben. Die Vorführungen werden von Ehrenamtlichen gemacht, und die können nun mal nicht jeden Tag. Sehr interessant war aber der anwesende Seiler, der auf einer kleinen Reeperbahn das Handwerk zeigte und Kinder ihre eigenen Springseile herstellen ließ.

    Vom Haupteingang gelangt man nach ein paar Metern auf einen schönen, weitläufigen Marktplatz. Hier befinden sich diverse Geschäfte: eine Bäckerei mit Landbrot und herrlichen Blechkuchen, ein Laden mit Wurstwaren, Läden mit diversen Handwerksartikeln und auch ein Hotel, in dem man zudem übernachten kann. Alle befinden sich in historischen Häusern, die man vor dem Abbruch gerettet und von ihrem ursprünglichen Standort in das Freilichtmuseum umgesetzt hat. In einem Hinterhof fand gerade eine Hochzeitsfeier mit Live-Musik statt. Denn im historischen Standesamt kann man auch heiraten.

    Leidenschaft für Bücher

    Besonderes Interesse hatte ich an der Druckerei. Leider war sie an diesem Tag nicht besetzt und auch die kleine Ausstellung war nicht zugänglich, obwohl es sogar einen Handzettel gibt, der einem den Rundgang erklärt. Schade, denn als Enkelin eines Druckers und ehemalige Studentin der Bibliothekswissenschaften mit einer Vorliebe für alte Drucke wäre das mein Highlight gewesen.

    Ganz Hessen auf 65 Hektar

    Die ganze Anlage ist in verschiedene geographische Bereiche gegliedert. Neben dem bereits erwähnten Marktplatz gibt es noch die Baugruppen Nordhessen, Osthessen, Mittelhessen, Rhein-Main, Südhessen und Werkstätten. Man findet alles von alten Bauernhöfen über Schulen, Kirchen und Gutshäuser bis zu Werkstätten und Ställen. Einige Gebäude sind auch im Innern im Originalzustand, andere sind mit kleinen Ausstellungen „bewohnt“ und innen relativ modern. So befindet sich in einem Haus eine Ausstellung zur Motorradmarke Horex, die aus Bad Homburg stammt. Diese Motorräder kenne ich seit meiner Kindheit, da ich einen Onkel hatte, der im Horex-Club war und damit immer wieder Ausfahrten machte – gerne auch mit Beiwagen. Zudem findet man einen Bauerngarten, eine alte Gärtnerei und diverse Nutzflächen mit Tieren. Hierbei handelt es sich vorwiegend um alte Rassen wie das Deutsche Sattelschwein oder das Vogelsberger Höhenvieh.

    Immer Neues zu entdecken

    Das Freilichtmuseum Hessenpark wurde 1974 gegründet und befindet sich auf einer Fläche von 65 Hektar. Die Sammlung wird seit der Gründung ständig erweitert. Neue alte Häuser kommen dazu (aktuell waren auch einige Gebäude im Bau, darunter eine historische Tankstelle). Neben den Gebäuden gibt es auch über 200.000 Objekte des Alltagslebens. Dabei ist eine kleine Ausstellung, in der quasi frühes Upcycling betrieben wurde, besonders spannend. Da wurden dann z. B. aus nicht mehr gebrauchten Stahlhelmen Nudelsiebe. Not macht erfinderisch. Wenn man sich einmal alt fühlen möchte, muss man sich nur die Sammlung zur Telekommunikation ansehen. Die dort gezeigten Telefonmodelle wecken Erinnerungen. Neben diversen Telefonen findet man sogar einen originalen C64.

    Das Freilichtmuseum ist einen Ausflug wert. Besonders für Familien ist es zu empfehlen. Die Großeltern werden aus dem „Das habe ich damals auch benutzt“-Modus nicht mehr rauskommen. Die Eltern werden denken: „Haben wir das wirklich mal gebraucht?“, und die Kinder können vieles entdecken und oft sogar spielerisch erfahren. So macht Geschichte Spaß. Und zugegeben: So wurde ich schon als Kind an Geschichte herangeführt. Und wenn es allen zu viel ist, dann lässt man sich in der Baugruppe Nordhessen nieder, trinkt etwas und schaut den Kindern beim Spielen zu.



    Tipps

    Der Hessenpark hat eine sehr informative Webseite: https://www.hessenpark.de/

    Wenn man viel erleben will, ist man wahrscheinlich am Wochenende besser bedient, wenn die Vorführungen stattfinden. Wenn man lieber selbst in Ruhe erkundet, empfiehlt sich ein Wochentag außerhalb der Ferien.

    Die Geschäfte am Markt bieten schöne Leckereien wie Wurst, Brot und Kuchen. Das kann man gleich für das Abendessen einplanen. Man sollte allerdings gleich zu Beginn einkaufen und die Sachen mit sich führen, da sie sehr beliebt und daher schnell ausverkauft sind.



  • Hitze, Staub und Glockenklang

    Hitze, Staub und Glockenklang

    Besucht am 01. Oktober 2021

    Glück im Spiel…

    Nehmt Ihr auch so gerne an Gewinnspielen teil? Mal Hand aufs Herz: Wie oft habt Ihr schonetwas gewonnen? Ich gebe zu, dass ich gerne bei Verlosungen mitmache, allerdings schaue ich ganz genau, wer dort auslost. Heutzutage kann man nicht vorsichtig genug sein. Wo ich keine Bedenken habe, ist, wenn mein Lieblingssender etwas verlost. Dort galt es eine Zeitlang, „das geheimnisvolle Geräusch“ zu erraten. Als Belohnung konnte man ein besonderes Erlebnis gewinnen. Begleitet wurde das Ganze zudem vom Moderator Thomas Koschwitz, den ich schon seit langer Zeit (wir gehen hier jetzt mal nicht ins Detail) klasse finde.

    Das zu erratende Geräusch war das Klappern beim Öffnen eines bestimmten Wassersprudler-Modells. Und gewonnen habe ich einen Besuch bei der Glockengießerei Rincker in Sinn. Ichdurfte miterleben, wie für eine Kirchengemeinde in Usingen vier neue Glocken gegossen wurden. Da ich an dem Gewinnspiel während der Arbeitszeit teilgenommen hatte und auch der Termin in der Gießerei in meine Arbeitszeitfiel, habe ich kurzerhand meinen damaligen Chef als Begleitung mitgenommen. Er ermöglichte mir als Dankeschön später ein weiteres Erlebnis: Da er in seiner Freizeit Schiedsrichter beim American Football ist, lud er mich zum German Bowl im Frankfurter Waldstadion ein. Witzigerweise spielten im Finale die Dresden Monarchs und gewannen. So hatte ich sogar eine mir bekannte Mannschaft zum Anfeuern, auch wenn ich das Spiel bis heute nicht ganz verstanden habe.

    Alte Glocken im Hof der Gieserei Rincker

    Wir fanden uns also an einem Freitagnachmittag in Sinn auf dem Gelände der Gießerei ein. Dort erwartete uns bereits eine sehr nette Redakteurin – Thomas Koschwitz steckte noch im Frankfurter Verkehr fest, traf aber kurze Zeit später ein. Gemeinsam bewunderten wir die im Hof stehenden Gussobjekte, darunter einige wunderschöne Glocken. Die Glockengießerei Rincker existiert seit 1590 und ist eines der ältesten familiengeführten Unternehmen in Deutschland. Gegründet in Aßlar von Meister Hans Rincker, befindet sich der Betrieb seit1810 am heutigen Standort. Glocken aus dem Hause Rincker hängen heute im Hamburger Michel, in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin und in der Fürbitt-Kirchengemeinde in Berlin-Neukölln. Kennen Sie nicht? Ich schon, denn ich bin gegenüberdieser Kirche aufgewachsen und habe somit seit frühester Jugend den Klang von Rincker-Glocken genossen. Allerdings wusste ich das bis vor Kurzem nicht. Es ist doch erstaunlich, welche Verbindungen das Leben knüpft.

    Der Eingang zur Fürbittkirche in Berlin-Britz. Leider ist der Glockenturm hier nur angeschnitten. Das Bild hat meine Mutter auf mein Bitten gemacht und mir geschickt.

    Sakrale Atmosphäre

    Wie in einer Kathedrale kam es uns vor, als wir die eigentliche Werkstatt betraten. Nur ist es hier deutlich lauter als in einer Kirche. Das Erste, was uns auffiel, war das Licht: Durch zwei Deckenfenster fiel das warme Sonnenlicht ins Innere und legte einen goldenen Schein über die Szenerie. Irgendwie magisch. Was diese Magie allerdings etwas dämpfte, war der ohrenbetäubende Lärm des Kessels. In diesem wurde über einer Gasflamme die Metalllegierung für die Glocken geschmolzen. Erst wenn diese Masse eine Temperatur von über 1100 Grad Celsius erreicht hat, ist sie bereit für den Guss. Um diese Hitze zu erzeugen, bedarf es fast drei Tage ununterbrochenen Erhitzens.

    Mit uns waren einige Vertreter der Usinger Kirchengemeinde anwesend, darunter der Kirchenvorstand und die Pfarrerin. Gemeinsam wurden wir von einem der beiden Brüder, welche die Gießerei heute leiten, begrüßt. Wir erhielten zuerst eine Sicherheitseinweisung und anschließend einen kleinen Vortrag über das Glockengießen. Dabei erfuhren wir, dass Rincker als eine der letzten Gießereien Europas noch die Lehm-Form-Methode nutzt. Dafür wird in einem Erdloch mit Lehm die Gussform Schicht für Schicht aufgebaut und mit Zugangskanälen versehen. Auch der Künstler, der die jeweilige Glocke gestaltet hat, ist vor Ort, da alle Muster bereits als Negative in den Lehm eingeformt werden. Die Meister müssen im Vorfeld exakt berechnen, wie dick der Guss am Ende sein soll und welche Tonhöhe die Glocke erhalten wird. Denn ist sie erst einmal gegossen, lässt sich ihr Klang nur noch schwer korrigieren.

    Nachdem wir dies und noch vieles mehr erfahren hatten, gab es eine kleine Pause, in der ich mich sehr angeregt mit den Mitgliedern der Gemeinde unterhalten konnte. Während wir uns austauschten, nahmen die Mitarbeiter der Firma Rincker die letzten Handgriffe für den Guss vor.

    Und plötzlich wurde es still

    Der Gasbrenner verstummte und alle konzentrierten sich auf die nächsten Schritte. Es wurde ein kurzes Gebet für ein gutes Gelingen gesprochen (das wird unabhängig davon getan, ob es sich um eine Kirchenglocke oder eine Elvis-Statue handelt) und ab dann durfte niemand mehrreden. Der Guss begann. Der riesige Kessel kippte langsam nach vorn und nach einer Weile floss die heiße Metallmasse wie Lava in das Gussbett – stets aufmerksam beobachtet vom Gussmeister. Eine Form nach der anderen füllte sich. Anhand des Fließgeräusches konnte der Meister hören, ob der Guss sauber lief und wie voll eine Form bereits war. Ehrlich gesagt war ich schwer beeindruckt. Welche Präzision, was für ein handwerkliches Können! Sieht man einmal von den elektrischen Hilfsmitteln der modernen Zeit ab, werden Glocken so bereits seit hunderten von Jahren gegossen.

    Nach einiger Zeit war der Vorgang beendet. Viel sah man nicht, da sich die Glocken ja unter der Erde befanden. Sie mussten erst einmal aushärten, was einige Tage dauert. Nach dem Ausgraben werden sie gesäubert, auf Fehler untersucht und schließlich nachgestimmt. Dafür wird Material vorsichtig ausgeschabt. Dabei darf kein Fehler passieren, denn wieder auftragen kann man das Metall nicht. In einem solchen Fall müsste man die Glocke wiedereinschmelzen und die komplette Arbeit begänne von vorn.

    So ein Guss hat etwas sehr Archaisches. Es ist erst sehr laut, dann wieder sehr leise. Es ist heiß, qualmt und der Rauch hängt einem noch tagelang in den Kleidern. Aber wenn man sieht, wie sich die flüssige Masse ihren Weg sucht, um am Ende etwas so Klangvolles wie eine große Glocke hervorzubringen, kann man nur ehrfürchtig sein. Im Nachhinein bin ich sehr froh, das einmal miterlebt zu haben.

    Nachspiel

    „Meine “ Glocke und ich in Usingen

    Einige Monate später lud mich die Kirchengemeinde ein, beim Aufhängen dabei zu sein. Auch das wollte ich mir nicht entgehen lassen. Mittlerweile hatte ich nämlich eine Patenschaft für die kleinste Glocke (in b‘ gestimmt) übernommen.


    Tipps:

    Auf der Webseite der Firma Rincker findet man weitere Informationen zur Geschichte und dem Auftragsangebot der Gießerei: https://rincker.de/unternehmen/

    Und hier hängen die Glocken, deren Guss im Bericht beschrieben werden: https://kircheeschbach.wordpress.com/

    Außerdem findet man im Internet viele Informationen zu verschiedenen Techniken des Glocken- und Kunstgusses.

  • Pflanzenpracht und Karamell-Eis

    Pflanzenpracht und Karamell-Eis

    Der Schau- und Sichtungsgarten Hermannshof e.V. in Weinheim

    Besucht am 12.07.2025

    Vor Kurzem erzählte mir ein Kollege und lieber Freund, er wolle mal wieder nach Weinheim, um sich im Schau- und Sichtungsgarten Hermannshof umzuschauen. Da er selbst ein großer Gartenfreund ist und sein Umfeld immer wieder mit wunderschönen Fotos aus seiner eigenen grünen Oase erfreut, wollte ich mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen, mit einem solchen Kenner einen Ausflug zu machen.

    Weinheim ist mit dem Auto eine knappe Stunde von mir entfernt und über die Autobahnen A3, A77 und A5 gut zu erreichen. Auch mit dem Wetter hatten wir großes Glück. Da wir an einem Samstag unterwegs waren, sind wir schon früh gestartet, was sich bei der Parkplatzsuche vor Ort als richtige Entscheidung erwies.

    Gartentradition von der Familie zur Stiftung

    1888 erwarb der Unternehmer Hermann-Ernst Freudenberg das 2,3 ha große Anwesen in Weinheim als Wohnsitz. Zusammen mit seiner Frau trug der pflanzenbegeisterte Namensgeber diverse seltene Gehölze zusammen – eine Leidenschaft, die er auch an die nachfolgenden Generationen vererbte. Im Jahre 1924 begann der Gartenarchitekt Prof. Heinrich Wiepking-Jürgensmann mit der Umgestaltung im architektonischen Stil, der heute noch das Gesamtbild prägt. Nachdem ab 1970 kein Familienmitglied mehr das Anwesen bewohnte, übernahm die Firma Freudenberg das Gelände und machte es 1983 als Schau- und Sichtungsgarten für die Öffentlichkeit kostenlos zugänglich.

    Grüne Oase

    Vorweg: Es wird nicht mein letzter Besuch gewesen sein. Parks und Gärten wechseln im Jahreszyklus ständig ihr Aussehen, sodass man immer wieder Neues entdecken kann. Das ist auch der Grund, warum ich schon zu jeder Jahreszeit auf der Insel Mainau war – sie verliert einfach nie ihren Reiz. Ebenso verhält es sich hier. Sprichwörtlich hinter jedem Baum und Strauch gibt es etwas zu entdecken. Es grünt, blüht und summt überall. Stellenweise kann man sich in der Pracht völlig verlieren. Und das ist durchaus wörtlich gemeint …

    Überall laden kleine Ruheinseln zum Verweilen ein. Da steht eine Bank in einem wunderschönen Laubengang und gibt den Blick auf bienenumschwirrte Disteln frei, ohne dass man selbst sofort den Blicken anderer ausgesetzt ist. Eine weitere Bank unter alten Bäumen lädt zum Rasten ein, und eine kleine Terrasse mit rustikalen Tischen bittet zur Brotzeit. Zudem liegt im Zentrum des Gartens ein kleiner Teich mit Seerosen. Dieser grenzt direkt an eine große Wiese, auf der versprengte Stühle stehen und die Kinder zum Toben einlädt.

    Geniessen und lernen

    Der Garten ist aber nicht nur zur Erholung gedacht. Dem Pflanzenfreund (und dem, der es werden will) helfen kleine Schilder mit den jeweiligen Namen bei der Orientierung. Zudem sind die einzelnen Bereiche nach Lebensräumen bepflanzt. So kann man gezielte Inspiration für das eigene Zuhause sammeln. Auch aktuellen Klimaentwicklungen wird Rechnung getragen, indem dort schon vor langer Zeit ein Bereich mit Pflanzen gestaltet wurde, die an die trockeneren Wachstumsbedingungen in unseren Breiten angepasst sind. Wer will, kann sich hier also nicht nur der Schönheit hingeben und genießen, sondern ganz nebenbei auch eine Menge lernen.

    Da die Anlage über eine eigene Gärtnerei verfügt, besteht die Möglichkeit, Pflanzen zu erwerben. Dabei handelt es sich teilweise um neue Züchtungen, aber auch um Altbekanntes. Im angeschlossenen Laden kann man sogar kleine Samentütchen kaufen – eine freundliche Beratung gibt es inklusive. Und das alles für recht kleines Geld. Leider habe ich selbst keinen Garten, aber für meinen Balkon habe ich zwei Pflanzen (eine Taglilie und eine Ballonblume) sowie Saatgut mitgenommen. Schauen wir mal, wie das im kommenden Jahr aussieht.

    Zum Abschluss ein Eis

    Wir sind den Gartenwegen von außen nach innen kreisförmig gefolgt. Man kann sich aber auch einfach intuitiv treiben lassen. Einen Besuch ist der Hermannshof auf jeden Fall wert. Zum Abschluss sollte man unbedingt noch einen kleinen Spaziergang in die pittoreske Innenstadt von Weinheim unternehmen. Als mein Kollege vom besten Salz-Karamell-Eis schwärmte, hat er definitiv nicht untertrieben…


    Tipps

    Der Schau- und Sichtungsgarten ist ganzjährig geöffnet und bietet zu jeder Jahreszeit einen interessanten Einblick in die Möglichkeiten der Gartengestaltung. https://sichtungsgarten-hermannshof.de/