Kategorie: Allgemein

  • Wassersüchtig – Das Selterswasser-Museum in Niederselters

    Wassersüchtig – Das Selterswasser-Museum in Niederselters

    Erstbesuch und Veröffentlichung 2020/ aktualisiert März 2026

    Jahrhundertealte Geschichte im Taunus

    Sekt oder Selters? In Niederselters stellt sich diese Frage nicht. Hier ist man dem natürlich prickelnden Quellwasser so eng verbunden, dass man ihm ein eigenes Museum gewidmet hat – und wo sollte es stehen, wenn nicht direkt am Standort des wohl bekanntesten Mineralbrunnens Deutschlands, wenn nicht gar Europas?

    Die Quelle in Niederselters ist seit 1536 urkundlich belegt. Der Ort selbst lässt sich jedoch bereits im Jahr 772 unter dem Namen „Saltrissa“ nachweisen. Von diesen frühen Ursprüngen ist auf dem heutigen Quellgelände zwar nichts mehr erhalten, doch das restaurierte Brunnenhaus von 1909 zeugt eindrucksvoll von der einstigen Bedeutung des Ortes. Im Inneren sind noch zahlreiche Jugendstilelemente zu bewundern, etwa das große Fenster in der ehemaligen Abfüllhalle.

    Neuausrichtung nach dem wirtschaftlichen Aus

    1999 wurde die Produktion eingestellt, und die Stadt übernahm das inzwischen stark sanierungsbedürftige Gebäude. Mit viel Engagement und Unterstützung durch Fördermittel konnte es 2011 wiedereröffnet werden. Heute beherbergt der Komplex nicht nur eine kleine, aber eindrucksvolle Museumssammlung, sondern auch einen Kindergarten sowie zwei Veranstaltungsräume.

    Das Museum dokumentiert die Zeit der großen wirtschaftlichen Blüte. Immerhin gab das originale Selterswasser einer ganzen Produktkategorie seinen Namen. Schon früh versuchten andere Hersteller, vom guten Ruf zu profitieren, und vermarkteten ihre Produkte ebenfalls als „Selterswasser“. Diese Nachahmungen waren jedoch meist künstlich mit Kohlensäure versetzt – im Gegensatz zum Original, dessen Kohlensäure natürlichen Ursprungs ist. Wer den Unterschied schmecken möchte, hat auch heute noch Gelegenheit dazu: In einer Seitenhalle können die Bewohner von Niederselters und den umliegenden Gemeinden gegen eine kleine Gebühr regelmäßig ihren „Haustrunk“ abholen. Dieses Recht besteht seit Jahrhunderten – und war immer wieder Anlass zu Auseinandersetzungen. Aktuell ist der Haustrunk seit 2024 ausgesetzt, da es technische Probleme gibt, die eine neue Herrichtung erforderlich machen. Eine zeitnahe Wiedereröffnung ist geplant.

    Ein Bürgermeister mit Vision

    Dass der heute restaurierte und erweiterte Gebäudekomplex wieder vielfältig nutzbar ist, verdankt Niederselters maßgeblich dem ehemaligen Bürgermeister Dr. Norbert Zabel, der sich bis heute mit großem Engagement für das Projekt einsetzt. Ich hatte das Glück, an einer ebenso kurzweiligen wie informativen Führung mit ihm teilnehmen zu dürfen.

    Kaum zu glauben, wie berauschend Mineralwasser sein kann.

    Zu sehen gibt es unter anderem eine beeindruckende Sammlung von Wasserflaschen aus aller Welt sowie historische Original-Selters-Flaschen. Zu den bekannten Persönlichkeiten, die das Wasser aus Niederselters tranken, zählen etwa Remigius Fresenius, Christoph Wilhelm Hufeland und Johann Wolfgang von Goethe.

    Zwischen historischen Flaschen aus aller Welt und originalen Selters-Krügen erzählt er von Zeiten, in denen das Wasser aus Niederselters in ganz Europa getrunken wurde. Namen wie Remigius Fresenius, Christoph Wilhelm Hufeland und sogar Johann Wolfgang von Goethe tauchen auf. Sie alle tranken dieses Wasser. Auch zur Orts- und Quellen­geschichte erfährt man Spannendes – von der frühen Neuzeit bis in die Gegenwart. Plötzlich wirkt das Glas auf dem Tisch ein bisschen ehrfürchtiger.

    Zum Abschied schenkte mir Dr. Zabel ein Buch zur Geschichte des Seltersbrunnens, welches er gemeinsam mit Eugen Caspary und Willi Hamm verfasst hat. Für einen Bücherliebhaber wie mich ist bereits die hochwertige Gestaltung ein Genuss: hochwertiges Papier, sorgfältig aufbereitete Grafiken und zahlreiche historische Abbildungen. Doch auch inhaltlich überzeugt das Werk – es erzählt die wechselvolle Geschichte des Ortes fundiert und zugleich lebendig, ohne je trocken zu wirken. Danke für dieses wunderbare Geschenk.

    Tipps

    Wer auf der A3 von Frankfurt in Richtung Köln unterwegs ist, findet bei Bad Camberg ein braunes Hinweisschild zum Selterswassermuseum.

    Regelmäßig geöffnet ist das Museum aktuell nicht. Es besteht aber die Möglichkeit individueller Führungen ab 10 Teilnehmern zum Preis von 5,00€/Person. Informationen dazu gibt es hier .

    Sammlung diverser Wasserflaschen aus aller Welt
  • Ein Haus, wie ein englischer Landschaftspark…nur moderner

    Ein Haus, wie ein englischer Landschaftspark…nur moderner

    Das Museum Reinhard Ernst

    Besucht am 24.05.2025

    Wer in Wiesbaden an der Kreuzung Rheinstrasse/ Wilhelmstrasse/ Friedrich-Ebert-Allee steht kann hier einen schönen Überblick über Baugeschichte sehen. Da sind zum einen die Jugendstilhäuser mit ihren wunderschönen Steinelementen und Bildern. Da ist das Hessische Landesmuseum für Kunst und Natur mit seinen Säulengängen, der Kuppel und der markanten Freitreppe. Im Innern unter anderem mit einer beeindruckenden Jugendstilsammlung, aber auch Alten Meistern und modernen Werken (s. Artikel „Kunst und Kuchen“ von Dezember 2019). Dann steht dem gegenüber das Rhein Main CongressCenter (RMCC), welches 2018 anstelle der alten Kongresshallen eröffnet wurde und mit seiner Fassade aus hohen Fenstern, gelben Sandstein und der beeindruckenden Treppe auffällt. Und da ist der „Zuckerwürfel“.

    Offene Räume

    Das Museum Reinhard Ernst wurde 2024 mit einem Jahr Verspätung geöffnet und ist ein Werk des Japanischen Architekten Fumihiko Maki, der leider kurz vor der Eröffnung verstarb. Der Industrielle Reinhard Ernst und seine Frau haben dieses Museum der Stadt Wiesbaden geschenkt und präsentieren darin Werke ihrer gut 960 Teile Umfassenden Privatsammlung moderner Kunst. Dafür wurde eigens eine Stiftung gegründet. Die Sammlung ist an den Vormittagen ausschließlich Schulen und Bildungseinrichtungen vorbehalten und Kinder und Jugendliche bis 18 Jahren haben freien Eintritt. Ziel ist es, Kunst allen zugänglich zu machen, weshalb das Foyer auch öffentlich ist. Auch hier befinden sich schon Kunstwerke.

    Weisse Schlichtheit

    Der Bau selbst besticht durch seine scheinbare Schlichtheit. Bei genauerem Hinsehen entpuppt er sich aber als sehr ausgeklügelt und erstaunt immer wieder beim Durchwandern mit neuen Blickwinkeln und unterschiedlichsten Räumen. So ergeben sich immer neue Sichtweisen auf die ausgestellten Kunstwerke. Ähnlich wie in einem englischen Landschaftsgarten, wo sich mit jedem Positionswechsel eine neue Sichtachse auftut, kann man hier beim Durchschreiten des Gebäudes immer neue Perspektiven erleben. Dazu tragen auch die sehr unterschiedlichen einzelnen Ausstellungsräume bei. So findet man zum Beispiel im 1. Stock einen Raum, der eine komplette Glaswand zum Treppenhaus hat (wobei Treppenhaus hier nicht der richtige Begriff ist, denn das ganze Haus ist offen gestaltet und daher gibt es an dieser Stelle gar kein Treppenhaus im klassischen Sinne). Dadurch hat es die leichte Anmutung eines Aquariums. Zum Zeitpunkt meines Besuchs befanden sich in diesem Raum konsequenterweise Bilder zum Thema „Moby Dick“.

    Die Ausstellungen wechseln regelmäßig. So wird man im Laufe der Zeit die komplette Sammlung zu sehen bekommen. Sicher ist moderne Kunst nicht jedermanns Sache. Ich kann mich auch mit vielem nicht anfreunden. Aber ich bin neugierig und entdecke gerne. Ich kann nur empfehlen einfach mal völlig erwartungslos in eine solche Sammlung zu gehen. Betreten Sie einen Raum und lassen ihn auf sich wirken. Sie werden merken, irgendein Stück zieht Sie an, irritiert vielleicht, macht neugierig. Zu diesem gehen Sie hin und lassen Ihrer Fantasie freien Lauf. Was sehen Sie? Eine Landschaft? Personen? Pferde im Galopp? Eine menschliche Gestalt? Was lösen die Farben in Ihnen aus? Freude? Angst? Unwohlsein? Sehnsucht?… Ganz egal. Meiner Meinung nach kann man nie falsch liegen. Kunst soll die Sinne und die Gefühle ansprechen. Sicher kann man sich die Frage stellen, was einem der Künstler damit sagen wollte. Aber man muss es nicht. Ganz zum Schluss können Sie sich den Titel des Werkes anschauen. Vielleicht ist dieser für Sie vollkommen logisch, weil Sie genau das entdeckt haben. Vielleicht ist aber auch der Titel völlig abstrakt. Eigentlich spielt es keine Rolle. Sie haben Kunst „erfühlt“ und darum geht es. Sie haben sich auf etwas Neues eingelassen. Probieren Sie es einmal aus. Sie werden überrascht sein. Und dann treten Sie wieder hinaus auf die Wilhelmstrasse mit ihren schönen alten Häusern und den Bäumen rechts und links und entdecken die Realität neu.

  • Bonn: Weg der Demokratie

    Bonn: Weg der Demokratie

    Besucht am 27.09. 2025

    Ich gehöre noch zu den Menschen, die die „Bonner Republik“ kennen. Als ehemalige West-Berlinerin war das immer eine merkwürdige Situation. Man wohnte „neben“ der Hauptstadt der DDR in der der ehemaligen Deutschen Hauptstadt. Andererseits hatten wir unsere Ruhe, wir waren etwas „ab vom Schuss“ und jeder beneidete uns. Dass die Regierung in dem Kleinstädtchen am Rhein saß, war ganz gut so. Wir hatten die Alliierten (ich selbst wohnte im amerikanischen Sektor) und Berliner Bürgermeister wurden ja auch gerne was in der Bonner Republik. Wir waren quasi ein „Insel-Sprungbrett“.

    Nach dem Mauerfall änderte sich das. Berlin wurde wieder Hauptstadt und Bonn…entwickelte sich prächtig.

    Bis heute befinden sich noch sechs Ministerien mit Ihren Hauptsitzen in Bonn, alle anderen haben den Umzug nach Berlin vollständig vollzogen. Die Gebäude, die für 50 Jahre die Bundesregierung und Ihre Ministerien beherbergten (Bonn war von 1949-1990 provisorische Hauptstadt und bis 1999 alleiniger Regierungssitz), stehen noch und diese kann man auf dem Weg der Demokratie ablaufen.

    Der Rundgang beginnt am Haus der Geschichte der Demokratie in Deutschland. Aktuell ist das Museum wegen Renovierung geschlossen. Trotzdem kann man im Museumsshop typisch Deutsche Kleinigkeiten erwerben (in meiner Wohnung steht jetzt ein Wackeldackel, wie ihn schon mein Opa im Auto hatte) und im Keller den erste Dienst-Mercedes von Konrad Adenauer (Kennzeichen 0-002) sowie den ehemaligen Salonwagen der Bundeskanzler besichtigen.

    Der eigentliche Weg der Demokratie beginnt gegenüber dem Museum, wo sich das ehemalige Kanzleramt befindet, welches Helmut Schmidt einmal mir den Worten beschrieb: „Es könnte genauso gut eine rheinische Sparkasse darin residieren.“ Widersprechen möchte man ihm nicht. Ein Stück weiter, wo der Bundeskanzlerplatz in die Adenauerallee über geht, steht die Statue des ersten Bundeskanzlers Konrad Adenauer. Ein imposanter Kopf mit vielen Darstellungen seiner Lebensstationen. Ein genauer Blick lohnt und man kann sogleich ein wenig sein Allgemeinwissen überprüfen.

    Gleich daneben befindet kann man einen fernen Blick auf den Kanzlerbungalow werfen. Auch hier sind aktuell wegen Renovierungsmaßnahmen keine Besichtigungen möglich.

    Direkt daneben befindet sich das Palais Schaumburg, welches bis vor kurzem noch von der Bundesregierung als zweiter offizieller Dienstsitz genutzt wurde.

    Dem schließt sich ein weiteres prunkvolles Gebäude an. Die Villa Hammerschmidt dient bis heute als offizieller zweiter Amtssitz des Bundespräsidenten.

    Nur wenige Meter weiter befindet sich auf der gegenüberliegenden Seite das Museum König. Da nach dem Zweiten Weltkrieg viele Gebäude zerstört waren, nutze man den Lichthof des Zoologischen Museums 1948 für die Eröffnung des Parlamentarischen Rates, der in den anschließenden Wochen das Grundgesetz ausarbeitete. Das dann allerdings nicht mehr im Museum. Dessen Räume dienten dann aber noch für einige Zeit Konrad Adenauer und seinen Mitarbeitern als Büros. Adenauer belegte dabei nur für wenige Monate das Büro des Museumsdirektors, einige Mitarbeiter (darunter Vizekanzler Blücher) bleiben noch bis 1951 im Museum.

    Weiter geht es runter an der Rhein. Allein der Blick auf diesen deutschesten aller Flüsse ist schon beeindruckend und wie bestellt, flog während unserer Besichtigung auch noch ein Zeppelin über uns hinweg. Jetzt öffnet sich der Blick für uns auf die Rückseiten der schon gesehenen Gebäude. Nur vom Kanzlerbungalow sieht man auch von hier aus wenig. Dafür müsste man auf die andere Rheinseite.

    Am Rheinufer fallen mir dann noch ein paar kleine Säulen auf. Bei genauerer Betrachtung sind das Informationspunkte des Bonner Planetenlehrpfads. Ein verkleinertes, aber maßstabsgetreues Modell unseres Sonnensystems. Leider fehlte die Zeit sich damit näher zu beschäftigen.

    Der Pfad der Demokratie führt nun wieder vom Rhein weg. Aber nur ein paar Meter. Vorbei an Konrads Skybar im Hotel Marriot und schon stehen wir vor dem alten Bundeshaus, welches früher den Bundesrat beherbergt hat. Ein weißes Gebäude im Bauhausstil. Erbaut zwischen 1930 und 33. Dem schließt sich der 1986-92 erbaute Plenarsaal des Bundestags an. Hier zeigt sich wie Planung und Geschichtsverlauf aufeinanderstoßen. Als geplant wurde das alte Wasserwerk zum neuen Plenarsaal des Bundestags umzubauen, war eine deutsche Wiedervereinigung noch nicht denkbar. Mitten in den Arbeiten fiel dann 1989 die Mauer und die Tatsache, dass Bonn nur eine provisorische Hauptstadt war, kam wieder auf die Tagesordnung. Der vom Architekten Dr. Behnisch (der auch für die Olympiabauten 1972 in München verantwortlich war) erdachte Bau wurde nur wenige Jahre genutzt. Heute ist es ein Kongresscenter. Durch einen unterirdischen Gang ist es mit dem gegenüberliegenden Gebäude verbunden und dient für Messen und Kongresse.

    Dass Bonn aber einmal ein wichtiger Ort war verdeutlicht, dass hier auch direkt nebenan die UN saß. Nach dem Krieg begann deren Arbeit hier mit nur zwei Mitarbeitern und wuchs schnell zu einem wichtigen Standort. Heute arbeiten hier rund 1.000 Menschen und das Gelände ist offiziell exterritoriales Gebiet. Hier beschäftigt sich die UN vorrangig mit den Themen Nachhaltigkeit, Umweltschutz und Wasserpolitik.  Außerdem befindet sich hier auch der UN-Campus.

    In unmittelbarer Nähe des ehemaligen Plenarsaals befindet sich das „Bundesbüdchen“. Wohl (West-) Deutschland berühmteste Imbissbude. Heute ist sie um einige Meter zum Originalstandort versetzt, besteht aber noch immer. Man sagt, dass Konrad Adenauer hier regelmäßig vorbeikam und ein paar Würstchen ass. Leider kamen wir am Besuchstag nicht in den Genuss. Die Bude hatte leider geschlossen.

    Das Haus der Geschichte hat seine Tore mittlerweile wieder geöffnet. Die neue Dauerausstellung kann man kostenfrei besichtigen. Begleitungen wie „Der Weg der Demokratie“ oder durch die Dauerausstellung sind ebenfalls kostenfrei.

    Weitere Informationen dazu finden sich auf der Webseite https://www.hdg.de/haus-der-geschichte

  • Entdeckungstour in der Wiesbadener Innenstadt

    Entdeckungstour in der Wiesbadener Innenstadt

    Manchmal muss man gewohnte Pfade einfach mit einem anderen Blick betreten. Ich kann nicht sagen, wie oft ich schon durch die Wiesbadener Innenstadt gegangen bin ohne die ganzen Details wahrzunehmen. Es gibt so schöne Häuser oder Details am Boden, die einem beim normalen Durchhetzen gar nicht auffallen.

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  • Tagesausflug nach Marburg

    Tagesausflug nach Marburg

    Besucht am 07.08.2025

    Seit Einführung des Deutschlandtickets ist die Verlockung groß, einfach mal einen Tagesausflug mit der Bahn zu machen. Da meine Urlaubsplanungen aus verschiedenen Gründen angepasst werden mussten, hatte ich mich spontan entschlossen, einen Tag nach Marburg zu fahren. Vorweg: ein lohnender, aber anstrengender Tag. Man sollte fit im Treppensteigen sein.

    Mit der Bahn benötigt der Ausflügler von Niedernhausen aus knapp zwei Stunden und muss dabei auch nur einmal am Frankfurter Hauptbahnhof umsteigen. Ich hatte Glück und auf der Hinfahrt verlief alles reibungslos und der Zug war auch nicht allzu voll.

    Angekommen in Marburg steht man auf einem ziemlich hellen aber trostlosen Platz. Direkt an diesem Platz befindet sich ein Lader der Touristeninformation und dort erhielt ich einen Stadtplan mit einer eingezeichneten Rundgangsroute und ein paar nützliche Tipps. (Gehen sie die Bahnhofstrasse bis zum ende Durch. Sie ist nicht sonderlich hübsch, aber auch nicht so lang. Danach wird es schöner.)

    Zuerst erreicht man auf dem Weg in die Innenstadt die Elisabeth Kirche, benannt nach der Heiligen Elisabeth (Elisabeth von Thüringen), die sich 1228 Marburg als Witwensitz wählte und hier noch 3 Jahre lebte. Die Kirche wird aktuelle gerade restauriert, aber dank einer gemalten Abhängung kann man die Dimensionen erahnen. Besonders ins Auge fällt die Klais-Orgel von 2006, die einen reizvollen modernen Kontrast zum historischen Interieur bildet.

    Verlässt man die Kirche gelangt man auch direkt auf die Spur einer weiteren Persönlichkeit, die in Marburg gewirkt hat: Emil von Behring, Hygieniker und Nobelpreisträger (1901 für Medizin). Den Schildern neben der Büste Behrings kann man entnehmen, dass sich hier einmal das Hygieneinstitut befand.

    Weiter geht es in Richtung Oberstadt. Auf dem Weg dorthin fallen einem an der Wand ein paar künstlerisch gestaltete Köpfe auf. Ein Wolf und ein paar Geißen. Damit passieren wir eine Station des Grimm-Rundwegs. Denn auch die Brüder Jakob und Wilhelm Grimm haben ihre Spuren in Marburg hinterlassen. Beide haben hier studiert. Und hier begannen sie auch die Sammlung ihrer „Kinder- und Hausmärchen“. Im gesamten Gebiet der Innenstadt finden sich an verschiedenen Orten teilweise interaktive Kunstwerke, die sich mit diesen Märchen beschäftigen. Der Rundgang auf den Spuren der Brüder Grimm nennt sich übrigens „Grimm-Dich-Pfad“. Ein aussichtsreicher Kandidat für das schlechteste Wortspiel…

    Auf dem Grimm-Dich-Pfad: Der Wolf und die sieben Geislein

    Treppen, Treppen, Treppen

    Der weitere Weg führt direkt zum pittoresken Marktplatz. Auch hier eine wunderschöne Mischung aus historischen Gebäuden und moderner Kunst. Die Fliegen auf deiner Hauswand ziehen viele Blicke auf sich. Auf dem Platz herrscht beinahe mediterrane Atmosphäre. Die Menschen sitzen gemütlich draußen und genießen ein Eis oder einen Kaffee und alles strahlt eine gewisse Entspanntheit aus. Mit der Entspannung ist es aber aus, wenn man hinauf zum Schloss blickt. Hat man bis zum Marktplatz schon ein paar Höhenmeter überwunden, wird es jetzt erst richtig steil. Dabei lohnt es sich, die weniger breiten und offensichtlichen Wege (oder besser Treppen) zu nehmen. Hier entdeckt man wirkliche kleine Oasen.

    Auf dem Weg Richtung Schloss kommt man an der Marienkirche vorbei. Die Lutherische Pfarrkirche liegt knapp unterhalb des Schlosses und der Blick hinein lohnt. Eine Besonderheit im Vorraum: hier befindet sich ein Fairteiler der Foodsharing-Community.

    Über die Zwingli-Treppe gelangt man auf die Ritterstrasse und von hier über eine weitere Treppe (an deren Ende sich ein goldener Schuh befindet und auf deren Stufen ein Text von Jakob Grimm geschrieben steht) dann hoch auf das Schloss-Plateau. Von hier aus hat man einen ausgezeichneten Blick über Marburg und auf den Schiefen Turm der Stadt. Der Kirchturm der Marienkirche, mit dem man sich hier auf Augenhöhe befindet, zweigt eine sehr deutliche Neigung. Durch die Sonneneinstrahlung hat sich das Im Dach verbaute Holz stark verzogen und den Turm zum schiefen Wahrzeichen der Stadt gemacht.

    Eine kleine Anekdote am Rande. Im Turm befinden sich einige Glocken, Zwei davon wurden 1925 bzw. 1951 durch die Glocken- und Kunstgießerei Rincker in Sinn gegossen. Diese durfte ich als Preis eines Gewinnspiels von HR1 2021 mit Thomas Koschwitz besuchen und einmal erleben, wie Glocken gegossen werden. Ein sehr archaischer und beeindruckender Prozess, der erfahrene und sensible Handwerker erfordert.

    Auf dem Schlossplateau befindet sich die Camera Obscura der physikalischen Fakultät der Universität Marburg. Zu bestimmten Zeiten kann man hier den Studenten über die Schulter schauen und staunen, was die Mittel der optischen Geräte schon früh geleistet haben. Das landgräfliche Schloss selbst beherbergt heute eine Ausstellung des Marburger Universitätsmuseums für Kunstgeschichte und im Fürstensaal finden Veranstaltungen statt (u.a. Theateraufführungen des Hessischen Landestheaters). Ein kleiner Spaziergang über die Anlage ist zu empfehlen – wenn man noch nicht genug von Treppen hat.

    Apropos Treppen. Im Nachhinein habe ich festgestellt, dass es eine sogenannte „Asthma-Treppe“ gibt. Als Asthmatikerin hätte och die eigentlich besuchen sollen. Leider ist sie mir entgangen.

    Der Weg hinunter führte mich an der katholischen Kugelkirche vorbei. Diese ist der jüngste Sakralbau Marburgs, wobei „jung“ hier sehr relativ ist. Sie wurden zwischen 1492 und 1520 erbaut und gehört zum ehemaligen Kloster der Kugelherren, der Gemeinschaft der „Brüder vom gemeinsamen Leben“. Im Innern kann man einiges zum Kloster und der Kirche auf Schautafeln erfahren, jedoch sollte man eine Taschenlampe parat haben. Interessant fand ich, dass man schon damals über Pfusch am Bau klagen konnte. Da die Kirche am Hang liegt, hatte man auf einer Seite großzügig auf Fenster verzichtet. Dies erwies sich schnell als Fehler, denn die Wand ist bis heute nicht trocken geworden und neigte schnell zur Schimmelbildung.

    Der Weg aus der Oberstadt führte mich dann noch and er Alten Universität vorbei. In diesem imposanten Gebäude befindet sich heute die Theologische Fakultät und die Universitätskirche. Unterhalb der Alten Universität betritt man wieder die moderne und hektische Welt in Form einer grauenhaften Kreuzung. Ich habe geschlagene 9 Minuten benötigt um gegenüberliegende Bankfiliale zu erreichen. Mal abgesehen davon, dass man einen Bogen schlagen muss, kommt man immer nur über die halbe Straße. Die Ampelschaltung hier ist arg nervig. Oder ist das Absicht? Dadurch hat man nämlich Zeit sich die Ampelmännchen genauer anzusehen. Es sind immer Pärchen. Anlässlich des CSD 2019 wurde die Ampel neu gestaltet. Eine Frau und ein Mann mit Schmetterlingen im Bauch, zwei verliebte Frauen mit Herzen, ein männliches Paar Arm in Arm. Ein Zeichen der Liebe.

    Hat man diese Kreuzung endlich überquert, bin ich noch einem Tipp der Mitarbeiterin der Touristeninformation gefolgt. Hier befinden sich nämlich ebenfalls sehr alte Gebäude. Hauptsächlich Wohnhäuser aber auch ein historisches Hospital (Weidenhäuser Str. 13).

    Als Weg zurück zum Bahnhof habe ich den Fussweg an der Lahn gewählt. Man muss etwas auf Radfahrer achtgeben, aber es läuft sich wesentlich angenehmer als an der Straße. Hier merkt man nochmal sehr deutlich, dass man sich in einer Universitätsstadt befindet. Auf der Lahn fuhren viele jungen Menschen mit dem Tretboot und am Ufer lagen und saßen Menschen und lasen, trafen sich mit Freunden oder genossen einfach das sommerliche Wetter.

    Am Bahnhof passierte dann das Unvermeidliche. Der Zug hatte schon mal gute 25 Minuten Verspätung. Irgendwann kam er und war rappelvoll. Bei der Einfahrt in den Frankfurter Hauptbahnhof ertönte dann folgende Durchsage: „Liebe Fahrgäste, dieser Zug endet hier. Bitte verlassen Sie zügig den Zug, der muss jetzt direkt in die Werkstatt.“

  • Stadtrundgang in Idstein

    Stadtrundgang in Idstein

    Erstmals erschienen Juni 2020/ überarbeitet im Dezember 2025

    Manchmal denkt man, dass man einen Ort recht gut kennt und dann stellt man fest, dass es doch noch einiges zu entdecken gibt. So ging es mir in Idstein. Seit fast 10 Jahren wohne ich nun im Nachbarort und mache einen großen Teil meiner Einkäufe in Idstein. Nun ist es eine bewiesene Tatsache, dass man Orte, an denen man wohnt eher weniger genau besucht, als fremde Städte. Warum nicht mal die Gegend wie ein Tourist erkunden? Ich habe mir in der Tourist-Information einen Prospekt mit einem Stadtrundgang besorgt und bin diesen in Begleitung meines Freundes Andreas abgelaufen. Als begeisterter Fotograf, konnte er mir einige Blickwinkel und Aussichtsplätze aufzeigen, die mir ohne ihn entgangen wären und die ich mittlerweile auch meinen Besuchern gerne zeige.
    Innenstadt mit viel Flair

    Los ging es an der Touristeninformation am König-Adolf-Platz. Schon das Killingerhaus, in dem die Information und das Heimatmuseum ansässig sind, ist ein erster Höhepunkt. Der Stadtrundgang führte uns einmal durch und um die Fußgängerzone. Schiefes Haus, Altes Amtsgericht, Hexenturm, Schlossgarten, Hoerhof, Löherplatz mit Stadtmauer (ja, die kann man da wirklich noch entdecken. Zumindest deren Verlauf), Druckerei Grandpierre. Der Prospekt gibt zu jeder Sehenswürdigkeit eine kurze Info und anhand des Stadtplans findet man den Weg sehr gut auch ohne Ortskenntnisse. Unterwegs geben verschiedene Infotafeln (z.B. im Schlossgarten) ein paar Informationen, aber diese werfen mehr Fragen auf, als sie beantworten. Da besteht Verbesserungsbedarf.

    Tafel am Haus der Idsteiner Zeitung


    Die Sehenswürdigkeiten sind nummeriert, aber eine genaue Route ist nicht vorgegeben und man tut gut daran, auch mal in die Seitenstraßen zu schauen. Und der Stadtplan verrät auch, dass es einige Fußwege gibt, die man bisher gar nicht wahrgenommen hat. So führt ein sehr schmaler Pfad von der Obergasse zur Felix-Lahnstein-Straße, den ich aufgrund seiner Breite (oder besser Enge) bisher nicht als solchen wahrgenommen hatte. Und ohne Andreas hätte ich ihn auch an diesem Tag nicht entdeckt. Nicht nur seine Enge ist eindrucksvoll. Es lohnt auch ein Blick nach oben. Die Bewohner haben dort so einige Kuriositäten an ihren Häusern.

    Diese Enge Gasse kann man leicht übersehen

    Zum Schluss zeigte mir Andreas noch sein persönliches Highlight. Zwischen Weiherwiese und Kreuzgasse gibt es einen Fußweg, der durch einen herrlichen begrünten Hof führt. Eine Augenweide, von der man sich schwer losreißen kann.

    Nützliche Infos

    Für den Rundgang benötigt man etwa zwei Stunden. Zwischendurch (oder im Anschluss) laden die zahlreichen gastronomischen Betriebe zum gemütlichen Verweilen ein. Die Tour ist ideal zum Kennenlernen und um auswärtigem Besuch die Schönheit der Stadt zu zeigen. Der Prospekt gibt kurze Informationen; wer allerdings mehr wissen möchte, dem sei eine geführte Tour ans Herz gelegt. Informationen dazu gibt es bei der Tourist-Information Idstein.

    Der Blick nach oben beschert so manche kleine Überraschung

  • Wie es anfing

    Wie es anfing

    Im Herbst 2019 ergab sich für mich die Möglichkeit einmal im Monat im NIEDERNHAUSENER ANZEIGER einen kleinen kulturellen Ausflugstipp zu veröffentlichen. Dabei ging es vorrangig um Ausflüge, die man von Niedernhausen aus an einem Tag gut erreichen konnte. Und mein persönlicher Anspruch war es, dass auch immer ein gewisser kultureller Hintergrund bestand.

    Ich machte mich also auf dem Weg und plötzlich wurde jedes braune Hinweisschild an der Autobahn zu einem möglichen Beitragsziel. Auch aus Büchern und Werbeanzeigen holte ich mir Inspirationen. Die meiste Zeit lief ich alleine los und begann Ecken zu entdecken, an denen ich bereits achtlos vorüber gegangen war. Auch Freunde und Bekannte machten mich auf schönes und kurioses aufmerksam. Da nicht immer alles einen ganzen Ausflug wert war, erstellte ich auch eine Facebook-Seite, auf der ich die kleinen Kuriositäten veröffentlichte (Kennen Sie das „Dönerdenkmal“ in Ober-Mörlen?)

    Corona-Pause

    Während Corona wurden es erst nur noch Spaziergänge, doch dann musste ich die Reihe leider vorläufig einstellen. Andere Dinge hatten Vorrang und ich musste mich erstmal neu sortieren. Nach und nach verlagerte ich mich mit meinen öffentlichen Aktivitäten zu Instagram, wo ich auch den Hashtag „kultourmitbianca“ immer wieder verwendete.

    2025 fing ich dann wieder an regelmäßige Ausflüge zu machen und darüber zu schreiben. Nur veröffentlicht habe ich sie bisher nicht. Das hole ich jetzt hier auf der neugestalteten Webseite mit neuem Blog nach. Einige Artikel, die bereits im NIEDERNHAUSENER ANZEIGER erschienen sind, wurden nochmals überarbeitet und aktualisiert und werden hier auch nochmals veröffentlich. Regelmäßig kommen aber vor allem neue Ausflüge dazu.

    NEubeginn 2026

    Den Anfang macht aber ein alter, überarbeiteter Artikel. Ein guter Ideengeber war Andreas Bode. Begnadeter Hobbyfotograf, leidenschaftlicher Hobbymusiker und intelligenter Begleiter. Leider ist er im Sommer 2025 verstorben. Er hat mich bei meinem Stadtrundgang durch Idstein begleitet und auf viele kleine Dinge und unscheinbare Wege aufmerksam gemacht. Er fehlt…..