• Wie es anfing

    Im Herbst 2019 ergab sich für mich die Möglichkeit einmal im Monat im NIEDERNHAUSENER ANZEIGER einen kleinen kulturellen Ausflugstipp zu veröffentlichen. Dabei ging es vorrangig um Ausflüge, die man von Niedernhausen aus an einem Tag gut erreichen konnte. Und mein persönlicher Anspruch war es, dass auch immer ein gewisser kultureller Hintergrund bestand.

    Ich machte mich also auf dem Weg und plötzlich wurde jedes braune Hinweisschild an der Autobahn zu einem möglichen Beitragsziel. Auch aus Büchern und Werbeanzeigen holte ich mir Inspirationen. Die meiste Zeit lief ich alleine los und begann Ecken zu entdecken, an denen ich bereits achtlos vorüber gegangen war. Auch Freunde und Bekannte machten mich auf schönes und kurioses aufmerksam. Da nicht immer alles einen ganzen Ausflug wert war, erstellte ich auch eine Facebook-Seite, auf der ich die kleinen Kuriositäten veröffentlichte (Kennen Sie das „Dönerdenkmal“ in Ober-Mörlen?)

    Corona-Pause

    Während Corona wurden es erst nur noch Spaziergänge, doch dann musste ich die Reihe leider vorläufig einstellen. Andere Dinge hatten Vorrang und ich musste mich erstmal neu sortieren. Nach und nach verlagerte ich mich mit meinen öffentlichen Aktivitäten zu Instagram, wo ich auch den Hashtag „kultourmitbianca“ immer wieder verwendete.

    2025 fing ich dann wieder an regelmäßige Ausflüge zu machen und darüber zu schreiben. Nur veröffentlicht habe ich sie bisher nicht. Das hole ich jetzt hier auf der neugestalteten Webseite mit neuem Blog nach. Einige Artikel, die bereits im NIEDERNHAUSENER ANZEIGER erschienen sind, wurden nochmals überarbeitet und aktualisiert und werden hier auch nochmals veröffentlich. Regelmäßig kommen aber vor allem neue Ausflüge dazu.

    NEubeginn 2026

    Den Anfang macht aber ein alter, überarbeiteter Artikel. Ein guter Ideengeber war Andreas Bode. Begnadeter Hobbyfotograf, leidenschaftlicher Hobbymusiker und intelligenter Begleiter. Leider ist er im Sommer 2025 verstorben. Er hat mich bei meinem Stadtrundgang durch Idstein begleitet und auf viele kleine Dinge und unscheinbare Wege aufmerksam gemacht. Er fehlt…..

  • Ort des Erinnerns und Nichtvergessens – Die Gedenkstätte Flossenbürg

    Besucht am 07. Juni 2026

    Geschichte, die bewegt

    Bisher habe ich hier vor allem schöne Ausflugsziele porträtiert – Orte, an denen man vom Alltag abschalten und Dinge einfach genießen kann. Anders ist es mit dem Ort, den ich euch heute vorstellen möchte. Der Besuch lag mir schon länger am Herzen, und da seit einiger Zeit ein Bekannter von mir dort arbeitet, habe ich die Gelegenheit genutzt.

    Es ist nicht das erste Konzentrationslager, das ich besuche. Allerdings muss ich sagen, dass mich der Besuch in Flossenbürg doch arg beschäftigt hat. Ich gehöre zu den Menschen, die gerne die Atmosphäre eines Ortes erfassen und sich auf diesen stark einlassen. Das ist bei einem ehemaligen Konzentrationslager eine aufwühlende Sache, und auch das hervorragende Wetter und meine sommerliche Stimmung konnten das nicht auffangen. Ehrlich gesagt: Mir ging es nach dem Besuch nicht so gut. Und vielleicht war gerade deshalb der Besuch richtig.

    Vom Steinbruch zum Vernichtungslager

    Flossenbürg ist ein mittelgroßer Ort im Oberpfälzer Wald, in dem Ende des 19. Jahrhunderts zahlreiche Granitsteinbrüche in Betrieb genommen wurden. Diese Granitvorkommen interessierten in den 1930er-Jahren die Nationalsozialisten, denn das Material brauchten sie in großen Mengen für ihre Bauvorhaben. Steine aus Flossenbürg wurden unter anderem auf dem Reichsparteitagsgelände in Nürnberg verwendet. Um den Abbau effektiver zu organisieren und auch um „unliebsame“ Gefangene loszuwerden, wurde 1938 das Konzentrationslager gegründet. Anfangs beherbergte es 300 Gefangene, die in kurzer Zeit die nötigen Bauten errichteten. Innerhalb eines Jahres waren es bereits 1.500 Gefangene. Zunächst handelte es sich dabei vor allem um Kriminelle. Diese hatten teilweise ihre Haftstrafen schon längst abgesessen, wurden nun aber im Zuge einer „Säuberungsaktion“ aufgegriffen und in KZs gebracht. Des Weiteren folgten Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter aus den eroberten Ostgebieten, politische Gefangene (hier wurden noch kurz vor Kriegsende einige Mitglieder der Widerstandsgruppe um Graf Stauffenberg erschossen) und schließlich auch Juden.

    Frauen waren im Hauptlager nur als Zwangsprostituierte inhaftiert. Bei den Insassen handelte es sich fast ausschließlich um Männer, die die schwere Arbeit in den Steinbrüchen verrichten mussten. Dabei verfügten sie im Prinzip über keine geeigneten Werkzeuge und arbeiteten bis zum Umfallen. Das perfekte, aber perfide Motto des Lagers lautete: „Vernichtung durch Arbeit“. Bis zur Befreiung des Lagers im April 1945 durch die Amerikaner waren rund 100.000 Menschen durch die Hölle gegangen oder in ihr verstorben.

    Rückseite der Kommandantur mit Strasse zum Wohngebiet

    Ein Rundgang, der schwer fällt

    Mit all dem im Hinterkopf kommt man an der Gedenkstätte an und steht zuerst auf einem großen, leeren Platz. Auf der linken Seite steht ein großer Bau mit einem weitläufigen Balkon, auf dem Sonnenschirme stehen. Das heutige Besucherzentrum war früher das SS-Casino. An der Stirnseite erhebt sich ein imposanter Granitbau. In diesem war früher die SS-Kommandantur untergebracht, heute befindet sich dort die Gedenkstättenverwaltung. Bei solch herrlichem Wetter wie am Tag meines Besuchs verliert das Gebäude auf den ersten Blick seinen Schrecken, und man könnte es sogar als schön beschreiben. Mit ein paar Geranien an den Fenstern würde es in fast jeder deutschen Kleinstadt eine kleine Zierde sein. Da sieht man mal wieder den Schrecken der Normalität.

    Dieser Eindruck verflüchtigt sich aber, sobald man den Torbogen in der Mitte durchschreitet. Hier hängt ein Lagerplan, und man erhält ein erstes Mal einen Eindruck von den Ausmaßen des Lagers. Der gesamte Vorplatz war früher mit Gebäuden bebaut, in denen die SS-Wachmannschaften wohnten. Der Eingang zum Häftlingslager befindet sich kurz hinter der Kommandantur.

    Lageplan des Lagers

    Eigentümlicherweise überquert man hier zunächst eine kleine Durchgangsstraße, die zu den Einfamilienhäusern auf dem linken Hügel führt. Danach geht man auf das ehemalige Lagertor zu. Die eigentlichen Torsäulen stehen heute im hinteren Teil der Gedenkstätte. Auf der ehemaligen Umzäunungsgrenze stehen noch Zaunpfosten. Auf den Rasenflächen dahinter sind mit Graniteinfassungen die ehemaligen Häftlingsbaracken angedeutet. Jeweils 8 mal 50 Meter waren sie ursprünglich für 250 Häftlinge vorgesehen. Zuletzt fassten sie jeweils bis zu 1.000 Menschen. Die Enge und die hygienischen Zustände möchte man sich gar nicht mehr vorstellen.

    Weiter geradeaus gelangt man auf den Appellplatz zwischen Wäscherei und Lagerküche. Hier mussten die Häftlinge zweimal täglich zum Durchzählen antreten. Oft dauerte das mehrere Stunden – bei jedem Wetter. Und nicht selten geschah dies auch einfach nur, um die Menschen zu quälen. Auch wurden hier Erhängungen vollzogen, denen die anderen Insassen beiwohnen mussten.

    Ein schwer auszuhaltender Ort

    In der Wäscherei befindet sich eine Dauerausstellung zur Geschichte des Lagers. Ich habe selten eine so gut gemachte Ausstellung gesehen. Wird man anfangs noch ganz sachlich-vorsichtig mit der Geschichte des Ortes vertraut gemacht, taucht man nach und nach immer tiefer in das Konzentrationslager ein. Man erfährt vom Alltag, von den Zwangsarbeitsbedingungen, vom Überleben und Sterben. Aber auch von den Menschen jenseits des Zauns: den Wärtern und Wärterinnen der SS. Es hat mich mal wieder erschreckt, wie viele der Verantwortlichen dieses Terrors nach dem Krieg „verschwunden“ sind oder nach äußerst kurzen Haftstrafen wieder ins normale, bürgerliche Leben zurückgekehrt sind.

    Den oberen Teil der Ausstellung verlässt man durch einen Durchgang, in dem ein Zitat eines Überlebenden steht. Für mich war dieser Moment ein sehr beklemmender. Als ich dann in den unteren Teil ging, beschlich mich auf der Treppe für einen kurzen Moment ein großes Unbehagen. Dort unten findet man zuerst eine Ausstellung zu einzelnen Opferschicksalen. Unter anderem gibt es dort eine Art Bibliothek mit schwarzen Ordnern. In jedem dieser Ordner findet man den Lebenslauf eines Gefangenen, geordnet nach ihren vermeintlichen „Verbrechen“ oder Herkunftsorten. Ich habe mir mal zwei herausgenommen: einen aus der Rubrik „Homosexuell“ und einen aus Frankreich.

    Geht man weiter in den hinteren Teil, kommt man in die Räume, die die Häftlinge damals auch zuerst betraten. Hier finden sich die „Desinfektion“, der „Friseur“ (hier wurden sämtliche Haare abrasiert, um die Gefangenen maximal zu entwürdigen) und das Häftlingsbad – eine arg verharmlosende Bezeichnung für einen Raum, in dem hunderte nackte, verängstigte Menschen zusammengepfercht, geschlagen und mit harten Wasserstrahlen malträtiert wurden. Ich stand dort allein und mir war schlecht angesichts der Gräuel, die Menschen anderen Menschen antun können, nur weil sie sich für besser halten. Schlussendlich habe ich in diesem Gebäude fast anderthalb Stunden verbracht und war froh, wieder an der frischen Luft zu sein.

    Begleiteter Rundgang

    Den Rest des Geländes habe ich mir im Rahmen eines begleiteten Rundgangs angesehen. Unser Guide war dabei sehr pietätvoll, nahm aber trotzdem kein Blatt vor den Mund, wenn es um die Grausamkeiten der SS ging. Er traf immer den richtigen Ton und führte uns mehrfach vor Augen, dass es jeden von uns Teilnehmern hätte treffen können, hier inhaftiert zu sein.

    Gemeinsam gingen wir über den Ehrenfriedhof, vorbei an einem der drei erhaltenen Wachtürme in Richtung „Tal des Todes“. Hier befindet sich das Krematorium des Lagers. Eine unterirdische Rampe – erst 1944 gebaut, um den Verbrennungsprozess zu beschleunigen – führt vom Gebiet des heutigen Ehrenfriedhofs direkt ins Krematorium. Auf dem Weg dorthin passiert man die beiden Originalsäulen, die einst das Lagertor flankiert haben. Das Krematorium ist recht klein. Auch der Ofen würde einen heutigen, gesunden Mann gerade mal so fassen. Umso mehr verdeutlicht es, wie ausgezehrt die Häftlinge waren, denn es wurden in der Regel drei bis vier Körper gleichzeitig verbrannt. Die Asche wurde aus Kapazitätsgründen schnell auf das dahinterliegende Gebiet verteilt. Teilweise waren die Körper noch nicht vollständig verbrannt. Unser Guide erzählte uns, dass auch in jüngster Zeit noch mit Asche gefüllte Löcher durch die Gärtner gefunden werden.

    Wachturm und Rampe zum Krematorium

    Einen Teil der menschlichen Asche hat man nach dem Krieg in diesem ältesten Teil der Gedenkstätte zu einer Pyramide aufgeschüttet und mit Gras bewachsen lassen. Ein schlichtes, aber beeindruckendes Mahnmal, das direkt zwischen dem Krematorium und dem Platz der Nationen steht. Hier haben die Nationen der Opfer des Lagers eine Gedenkfläche erbaut, die bis heute regelmäßig von offiziellen Vertretern, letzten Überlebenden und Nachfahren besucht und gepflegt wird.

    Umgang mit dem Gedenken nach dem Krieg

    Oberhalb des Tals des Todes befindet sich eine kleine Kapelle. Diese wurde erst nach dem Krieg errichtet. Im Innern befinden sich an den Wänden Gedenktafeln der einzelnen Nationen mit den Zahlen der jeweiligen Opfer darauf. Nur stimmen diese Zahlen nicht. Niemand weiß, wie man auf diese Zahlen kam, aber in den 1950er-Jahren wollte man schnell abschließen und hielt diese Zahlen für realistisch. Auch das Kreuz am Altar zeugt von einer gewissen „Geschichtsumschreibung“. Die linke Figurengruppe stellt einen knienden Häftling dar, über dem ein weiterer Häftling steht – ein sogenannter Kapo. Ein Häftling, der die Aufsicht über andere Häftlinge hatte und dafür gewisse Sondervergünstigungen erhielt (z. B. den Besuch im Häftlingsbordell oder größere Nahrungsrationen). Es schaut aus, als ob er den anderen Häftling schlägt. So, als seien die Häftlinge die alleinigen Täter und nicht die SS-Wachmannschaften.

    In der Kapelle befindet sich auch die Büste des bekanntesten Inhaftierten von Flossenbürg: Dietrich Bonhoeffer. Der bekannte Theologe und Mitglied des Widerstands wurde hier am 09. April 1945 hingerichtet – nur 14 Tage vor der Befreiung des Lagers durch die US-Armee.

    Der Rundgang führt uns vorbei an einer kleinen jüdischen Gedenkstätte, die erst in jüngster Zeit errichtet wurde. Ein schlichter Ort des Gedenkens, der architektonisch beeindruckt und dessen Dachfenster in Form eines Davidsterns bei sonnigem Wetter diesen verzerrt auf die Wand projiziert.

    Der Ehrenfriedhof

    Es geht nochmals über den Ehrenfriedhof. Nun erfuhren wir, was diesen Friedhof ausmacht. Als klar wurde, dass die Alliierten nicht mehr aufzuhalten sind und man nicht mehr schnell genug alle Inhaftierten töten und verbrennen konnte, ging man mit den Überlebenden auf einen „Evakuierungsmarsch“ (auch Todesmarsch genannt). Nur etwa 1.500 zu schwache Gefangene blieben zurück. Auf diesem Gewaltmarsch starben viele der ohnehin schon ausgemergelten Gefangenen und wurden oft einfach am Wegesrand zurückgelassen. Die Anwohner, die sie fanden, verscharrten sie oft notdürftig an Ort und Stelle. Die amerikanischen Soldaten zwangen dann die Anwohner, die Leichen wieder auszugraben und ordentlich in den Ortschaften zu bestatten. Ende der 1940er- bzw. Anfang der 1950er-Jahre wurden die Verstorbenen wieder exhumiert, und etwa 5.000 von ihnen wurden zurück ins KZ gebracht und hier bestattet. Von den meisten konnten keine Identitäten festgestellt werden, weshalb es nur an wenigen Stellen Namen gibt. Auch die genauen Liegeorte sind schwer auszumachen. Schlagartig wird es einem bewusst, dass man hier auf 5.000 Verstorbenen steht.

    Unsere letzte Station führt uns auf den Hügel oberhalb der Wäscherei. Hier befindet sich der Arrestbau. Die Umrisse und Ausmaße sind noch erkennbar, es steht allerdings nur noch ein kleiner Teil. In diesem Teil wurden „besondere Gefangene“ untergebracht, wie die Beteiligten des Attentats vom 20. Juli 1944. In dem abgeschlossenen Hof fanden auch Hinrichtungen statt.

    Innenhof des Arrestbereichs

    Von hier aus hat man auch einen guten Blick über das Gelände und die Einfamilienhäuser. Diese stehen dort, wo bis 1945 noch die Häftlingsbaracken standen. Nach Kriegsende brachte man im Lager die Flüchtlinge aus den Ostgebieten unter. Als klar wurde, dass sie bleiben würden, wurden für sie diese Häuser gebaut. Mit der dunklen Vergangenheit des Konzentrationslagers wollte man schnell abschließen. Nur die Fläche am Krematorium wurde 1947 zu einer Gedenkstätte umgewidmet. Auf dem restlichen Gelände entstanden Fabrikgebäude. Erst 1995 begann man mit der Errichtung der Gedenkstätte und der Freilegung der noch vorhandenen Bauten.

    Und was lernen wir daraus…

    Was bleibt, ist ein beeindruckender Ort des Erinnerns. Gerade in der letzten Zeit, wo rechtes Gedankengut wieder gesellschaftsfähig wird und in den sozialen Medien immer häufiger Rufe nach der Wiedereinrichtung von Konzentrationslagern auftauchen, sollte es Pflicht sein, diese Orte des Erinnerns aufzusuchen.

    Ich persönlich war nach insgesamt viereinhalb Stunden körperlich und seelisch ziemlich fertig. Den ebenfalls zu besichtigenden Steinbruch habe ich nicht mehr geschafft. Ich muss also noch einmal hin.

    Von meinem Bekannten wurde mir gesagt, dass ich unbedingt das Café im Bildungszentrum besuchen solle. Es handelt sich dabei um ein integratives Projekt, und die Kuchen seien sensationell. Ehrlich gesagt, war mir so gar nicht nach Kaffee, Kuchen und gemütlich in der Sonne sitzen – das Gesehene hat mich doch ziemlich berührt. Trotzdem bin ich dem Rat gefolgt, und ich muss sagen: Die Kuchen sind tatsächlich sensationell.



    Tipps

    • Website der Gedenkstätte.
    • Hinteren Parkplatz nehmen, wo auch die Busse stehen. Hier gibt es keine Zeitbeschränkung.
    • Besucherzentrum und alle Gebäude haben nur bis 17:00 Uhr geöffnet. Das Gelände selbst ist die ganze Zeit offen.


  • Das Freilichtmuseum Hessenpark in Neu-Anspach

    Besucht am 08.08.2025

    Seit ich in Hessen wohne, gab es zwei Orte, die ich unbedingt besuchen wollte: die Saalburg und das Freilichtmuseum Hessenpark. Zumindest letzteren habe ich nach neun Jahren nun endlich betreten.

    Der richtige Zeitpunkt

    Als Besuchstag habe ich mir einen weitestgehend sonnigen Freitag in den Schulferien ausgesucht und dementsprechend mit einem großen Andrang gerechnet. Ich hatte mich geirrt. Es war relativ leer bzw. die Besucher verteilten sich auf dem weitläufigen Gelände. Das war aber auch ganz gut. So kam man in die naturgemäß engen historischen Gebäude gut hinein und die Besucher blockierten sich nicht gegenseitig. Leider gab es dadurch aber auch nur recht wenige Vorführungen. Man kann nicht alles haben. Die Vorführungen werden von Ehrenamtlichen gemacht, und die können nun mal nicht jeden Tag. Sehr interessant war aber der anwesende Seiler, der auf einer kleinen Reeperbahn das Handwerk zeigte und Kinder ihre eigenen Springseile herstellen ließ.

    Vom Haupteingang gelangt man nach ein paar Metern auf einen schönen, weitläufigen Marktplatz. Hier befinden sich diverse Geschäfte: eine Bäckerei mit Landbrot und herrlichen Blechkuchen, ein Laden mit Wurstwaren, Läden mit diversen Handwerksartikeln und auch ein Hotel, in dem man zudem übernachten kann. Alle befinden sich in historischen Häusern, die man vor dem Abbruch gerettet und von ihrem ursprünglichen Standort in das Freilichtmuseum umgesetzt hat. In einem Hinterhof fand gerade eine Hochzeitsfeier mit Live-Musik statt. Denn im historischen Standesamt kann man auch heiraten.

    Leidenschaft für Bücher

    Besonderes Interesse hatte ich an der Druckerei. Leider war sie an diesem Tag nicht besetzt und auch die kleine Ausstellung war nicht zugänglich, obwohl es sogar einen Handzettel gibt, der einem den Rundgang erklärt. Schade, denn als Enkelin eines Druckers und ehemalige Studentin der Bibliothekswissenschaften mit einer Vorliebe für alte Drucke wäre das mein Highlight gewesen.

    Ganz Hessen auf 65 Hektar

    Die ganze Anlage ist in verschiedene geographische Bereiche gegliedert. Neben dem bereits erwähnten Marktplatz gibt es noch die Baugruppen Nordhessen, Osthessen, Mittelhessen, Rhein-Main, Südhessen und Werkstätten. Man findet alles von alten Bauernhöfen über Schulen, Kirchen und Gutshäuser bis zu Werkstätten und Ställen. Einige Gebäude sind auch im Innern im Originalzustand, andere sind mit kleinen Ausstellungen „bewohnt“ und innen relativ modern. So befindet sich in einem Haus eine Ausstellung zur Motorradmarke Horex, die aus Bad Homburg stammt. Diese Motorräder kenne ich seit meiner Kindheit, da ich einen Onkel hatte, der im Horex-Club war und damit immer wieder Ausfahrten machte – gerne auch mit Beiwagen. Zudem findet man einen Bauerngarten, eine alte Gärtnerei und diverse Nutzflächen mit Tieren. Hierbei handelt es sich vorwiegend um alte Rassen wie das Deutsche Sattelschwein oder das Vogelsberger Höhenvieh.

    Immer Neues zu entdecken

    Das Freilichtmuseum Hessenpark wurde 1974 gegründet und befindet sich auf einer Fläche von 65 Hektar. Die Sammlung wird seit der Gründung ständig erweitert. Neue alte Häuser kommen dazu (aktuell waren auch einige Gebäude im Bau, darunter eine historische Tankstelle). Neben den Gebäuden gibt es auch über 200.000 Objekte des Alltagslebens. Dabei ist eine kleine Ausstellung, in der quasi frühes Upcycling betrieben wurde, besonders spannend. Da wurden dann z. B. aus nicht mehr gebrauchten Stahlhelmen Nudelsiebe. Not macht erfinderisch. Wenn man sich einmal alt fühlen möchte, muss man sich nur die Sammlung zur Telekommunikation ansehen. Die dort gezeigten Telefonmodelle wecken Erinnerungen. Neben diversen Telefonen findet man sogar einen originalen C64.

    Das Freilichtmuseum ist einen Ausflug wert. Besonders für Familien ist es zu empfehlen. Die Großeltern werden aus dem „Das habe ich damals auch benutzt“-Modus nicht mehr rauskommen. Die Eltern werden denken: „Haben wir das wirklich mal gebraucht?“, und die Kinder können vieles entdecken und oft sogar spielerisch erfahren. So macht Geschichte Spaß. Und zugegeben: So wurde ich schon als Kind an Geschichte herangeführt. Und wenn es allen zu viel ist, dann lässt man sich in der Baugruppe Nordhessen nieder, trinkt etwas und schaut den Kindern beim Spielen zu.



    Tipps

    Der Hessenpark hat eine sehr informative Webseite: https://www.hessenpark.de/

    Wenn man viel erleben will, ist man wahrscheinlich am Wochenende besser bedient, wenn die Vorführungen stattfinden. Wenn man lieber selbst in Ruhe erkundet, empfiehlt sich ein Wochentag außerhalb der Ferien.

    Die Geschäfte am Markt bieten schöne Leckereien wie Wurst, Brot und Kuchen. Das kann man gleich für das Abendessen einplanen. Man sollte allerdings gleich zu Beginn einkaufen und die Sachen mit sich führen, da sie sehr beliebt und daher schnell ausverkauft sind.



  • Hitze, Staub und Glockenklang

    Besucht am 01. Oktober 2021

    Glück im Spiel…

    Nehmt Ihr auch so gerne an Gewinnspielen teil? Mal Hand aufs Herz: Wie oft habt Ihr schonetwas gewonnen? Ich gebe zu, dass ich gerne bei Verlosungen mitmache, allerdings schaue ich ganz genau, wer dort auslost. Heutzutage kann man nicht vorsichtig genug sein. Wo ich keine Bedenken habe, ist, wenn mein Lieblingssender etwas verlost. Dort galt es eine Zeitlang, „das geheimnisvolle Geräusch“ zu erraten. Als Belohnung konnte man ein besonderes Erlebnis gewinnen. Begleitet wurde das Ganze zudem vom Moderator Thomas Koschwitz, den ich schon seit langer Zeit (wir gehen hier jetzt mal nicht ins Detail) klasse finde.

    Das zu erratende Geräusch war das Klappern beim Öffnen eines bestimmten Wassersprudler-Modells. Und gewonnen habe ich einen Besuch bei der Glockengießerei Rincker in Sinn. Ichdurfte miterleben, wie für eine Kirchengemeinde in Usingen vier neue Glocken gegossen wurden. Da ich an dem Gewinnspiel während der Arbeitszeit teilgenommen hatte und auch der Termin in der Gießerei in meine Arbeitszeitfiel, habe ich kurzerhand meinen damaligen Chef als Begleitung mitgenommen. Er ermöglichte mir als Dankeschön später ein weiteres Erlebnis: Da er in seiner Freizeit Schiedsrichter beim American Football ist, lud er mich zum German Bowl im Frankfurter Waldstadion ein. Witzigerweise spielten im Finale die Dresden Monarchs und gewannen. So hatte ich sogar eine mir bekannte Mannschaft zum Anfeuern, auch wenn ich das Spiel bis heute nicht ganz verstanden habe.

    Alte Glocken im Hof der Gieserei Rincker

    Wir fanden uns also an einem Freitagnachmittag in Sinn auf dem Gelände der Gießerei ein. Dort erwartete uns bereits eine sehr nette Redakteurin – Thomas Koschwitz steckte noch im Frankfurter Verkehr fest, traf aber kurze Zeit später ein. Gemeinsam bewunderten wir die im Hof stehenden Gussobjekte, darunter einige wunderschöne Glocken. Die Glockengießerei Rincker existiert seit 1590 und ist eines der ältesten familiengeführten Unternehmen in Deutschland. Gegründet in Aßlar von Meister Hans Rincker, befindet sich der Betrieb seit1810 am heutigen Standort. Glocken aus dem Hause Rincker hängen heute im Hamburger Michel, in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin und in der Fürbitt-Kirchengemeinde in Berlin-Neukölln. Kennen Sie nicht? Ich schon, denn ich bin gegenüberdieser Kirche aufgewachsen und habe somit seit frühester Jugend den Klang von Rincker-Glocken genossen. Allerdings wusste ich das bis vor Kurzem nicht. Es ist doch erstaunlich, welche Verbindungen das Leben knüpft.

    Der Eingang zur Fürbittkirche in Berlin-Britz. Leider ist der Glockenturm hier nur angeschnitten. Das Bild hat meine Mutter auf mein Bitten gemacht und mir geschickt.

    Sakrale Atmosphäre

    Wie in einer Kathedrale kam es uns vor, als wir die eigentliche Werkstatt betraten. Nur ist es hier deutlich lauter als in einer Kirche. Das Erste, was uns auffiel, war das Licht: Durch zwei Deckenfenster fiel das warme Sonnenlicht ins Innere und legte einen goldenen Schein über die Szenerie. Irgendwie magisch. Was diese Magie allerdings etwas dämpfte, war der ohrenbetäubende Lärm des Kessels. In diesem wurde über einer Gasflamme die Metalllegierung für die Glocken geschmolzen. Erst wenn diese Masse eine Temperatur von über 1100 Grad Celsius erreicht hat, ist sie bereit für den Guss. Um diese Hitze zu erzeugen, bedarf es fast drei Tage ununterbrochenen Erhitzens.

    Mit uns waren einige Vertreter der Usinger Kirchengemeinde anwesend, darunter der Kirchenvorstand und die Pfarrerin. Gemeinsam wurden wir von einem der beiden Brüder, welche die Gießerei heute leiten, begrüßt. Wir erhielten zuerst eine Sicherheitseinweisung und anschließend einen kleinen Vortrag über das Glockengießen. Dabei erfuhren wir, dass Rincker als eine der letzten Gießereien Europas noch die Lehm-Form-Methode nutzt. Dafür wird in einem Erdloch mit Lehm die Gussform Schicht für Schicht aufgebaut und mit Zugangskanälen versehen. Auch der Künstler, der die jeweilige Glocke gestaltet hat, ist vor Ort, da alle Muster bereits als Negative in den Lehm eingeformt werden. Die Meister müssen im Vorfeld exakt berechnen, wie dick der Guss am Ende sein soll und welche Tonhöhe die Glocke erhalten wird. Denn ist sie erst einmal gegossen, lässt sich ihr Klang nur noch schwer korrigieren.

    Nachdem wir dies und noch vieles mehr erfahren hatten, gab es eine kleine Pause, in der ich mich sehr angeregt mit den Mitgliedern der Gemeinde unterhalten konnte. Während wir uns austauschten, nahmen die Mitarbeiter der Firma Rincker die letzten Handgriffe für den Guss vor.

    Und plötzlich wurde es still

    Der Gasbrenner verstummte und alle konzentrierten sich auf die nächsten Schritte. Es wurde ein kurzes Gebet für ein gutes Gelingen gesprochen (das wird unabhängig davon getan, ob es sich um eine Kirchenglocke oder eine Elvis-Statue handelt) und ab dann durfte niemand mehrreden. Der Guss begann. Der riesige Kessel kippte langsam nach vorn und nach einer Weile floss die heiße Metallmasse wie Lava in das Gussbett – stets aufmerksam beobachtet vom Gussmeister. Eine Form nach der anderen füllte sich. Anhand des Fließgeräusches konnte der Meister hören, ob der Guss sauber lief und wie voll eine Form bereits war. Ehrlich gesagt war ich schwer beeindruckt. Welche Präzision, was für ein handwerkliches Können! Sieht man einmal von den elektrischen Hilfsmitteln der modernen Zeit ab, werden Glocken so bereits seit hunderten von Jahren gegossen.

    Nach einiger Zeit war der Vorgang beendet. Viel sah man nicht, da sich die Glocken ja unter der Erde befanden. Sie mussten erst einmal aushärten, was einige Tage dauert. Nach dem Ausgraben werden sie gesäubert, auf Fehler untersucht und schließlich nachgestimmt. Dafür wird Material vorsichtig ausgeschabt. Dabei darf kein Fehler passieren, denn wieder auftragen kann man das Metall nicht. In einem solchen Fall müsste man die Glocke wiedereinschmelzen und die komplette Arbeit begänne von vorn.

    So ein Guss hat etwas sehr Archaisches. Es ist erst sehr laut, dann wieder sehr leise. Es ist heiß, qualmt und der Rauch hängt einem noch tagelang in den Kleidern. Aber wenn man sieht, wie sich die flüssige Masse ihren Weg sucht, um am Ende etwas so Klangvolles wie eine große Glocke hervorzubringen, kann man nur ehrfürchtig sein. Im Nachhinein bin ich sehr froh, das einmal miterlebt zu haben.

    Nachspiel

    „Meine “ Glocke und ich in Usingen

    Einige Monate später lud mich die Kirchengemeinde ein, beim Aufhängen dabei zu sein. Auch das wollte ich mir nicht entgehen lassen. Mittlerweile hatte ich nämlich eine Patenschaft für die kleinste Glocke (in b‘ gestimmt) übernommen.


    Tipps:

    Auf der Webseite der Firma Rincker findet man weitere Informationen zur Geschichte und dem Auftragsangebot der Gießerei: https://rincker.de/unternehmen/

    Und hier hängen die Glocken, deren Guss im Bericht beschrieben werden: https://kircheeschbach.wordpress.com/

    Außerdem findet man im Internet viele Informationen zu verschiedenen Techniken des Glocken- und Kunstgusses.

  • Pflanzenpracht und Karamell-Eis

    Der Schau- und Sichtungsgarten Hermannshof e.V. in Weinheim

    Besucht am 12.07.2025

    Vor Kurzem erzählte mir ein Kollege und lieber Freund, er wolle mal wieder nach Weinheim, um sich im Schau- und Sichtungsgarten Hermannshof umzuschauen. Da er selbst ein großer Gartenfreund ist und sein Umfeld immer wieder mit wunderschönen Fotos aus seiner eigenen grünen Oase erfreut, wollte ich mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen, mit einem solchen Kenner einen Ausflug zu machen.

    Weinheim ist mit dem Auto eine knappe Stunde von mir entfernt und über die Autobahnen A3, A77 und A5 gut zu erreichen. Auch mit dem Wetter hatten wir großes Glück. Da wir an einem Samstag unterwegs waren, sind wir schon früh gestartet, was sich bei der Parkplatzsuche vor Ort als richtige Entscheidung erwies.

    Gartentradition von der Familie zur Stiftung

    1888 erwarb der Unternehmer Hermann-Ernst Freudenberg das 2,3 ha große Anwesen in Weinheim als Wohnsitz. Zusammen mit seiner Frau trug der pflanzenbegeisterte Namensgeber diverse seltene Gehölze zusammen – eine Leidenschaft, die er auch an die nachfolgenden Generationen vererbte. Im Jahre 1924 begann der Gartenarchitekt Prof. Heinrich Wiepking-Jürgensmann mit der Umgestaltung im architektonischen Stil, der heute noch das Gesamtbild prägt. Nachdem ab 1970 kein Familienmitglied mehr das Anwesen bewohnte, übernahm die Firma Freudenberg das Gelände und machte es 1983 als Schau- und Sichtungsgarten für die Öffentlichkeit kostenlos zugänglich.

    Grüne Oase

    Vorweg: Es wird nicht mein letzter Besuch gewesen sein. Parks und Gärten wechseln im Jahreszyklus ständig ihr Aussehen, sodass man immer wieder Neues entdecken kann. Das ist auch der Grund, warum ich schon zu jeder Jahreszeit auf der Insel Mainau war – sie verliert einfach nie ihren Reiz. Ebenso verhält es sich hier. Sprichwörtlich hinter jedem Baum und Strauch gibt es etwas zu entdecken. Es grünt, blüht und summt überall. Stellenweise kann man sich in der Pracht völlig verlieren. Und das ist durchaus wörtlich gemeint …

    Überall laden kleine Ruheinseln zum Verweilen ein. Da steht eine Bank in einem wunderschönen Laubengang und gibt den Blick auf bienenumschwirrte Disteln frei, ohne dass man selbst sofort den Blicken anderer ausgesetzt ist. Eine weitere Bank unter alten Bäumen lädt zum Rasten ein, und eine kleine Terrasse mit rustikalen Tischen bittet zur Brotzeit. Zudem liegt im Zentrum des Gartens ein kleiner Teich mit Seerosen. Dieser grenzt direkt an eine große Wiese, auf der versprengte Stühle stehen und die Kinder zum Toben einlädt.

    Geniessen und lernen

    Der Garten ist aber nicht nur zur Erholung gedacht. Dem Pflanzenfreund (und dem, der es werden will) helfen kleine Schilder mit den jeweiligen Namen bei der Orientierung. Zudem sind die einzelnen Bereiche nach Lebensräumen bepflanzt. So kann man gezielte Inspiration für das eigene Zuhause sammeln. Auch aktuellen Klimaentwicklungen wird Rechnung getragen, indem dort schon vor langer Zeit ein Bereich mit Pflanzen gestaltet wurde, die an die trockeneren Wachstumsbedingungen in unseren Breiten angepasst sind. Wer will, kann sich hier also nicht nur der Schönheit hingeben und genießen, sondern ganz nebenbei auch eine Menge lernen.

    Da die Anlage über eine eigene Gärtnerei verfügt, besteht die Möglichkeit, Pflanzen zu erwerben. Dabei handelt es sich teilweise um neue Züchtungen, aber auch um Altbekanntes. Im angeschlossenen Laden kann man sogar kleine Samentütchen kaufen – eine freundliche Beratung gibt es inklusive. Und das alles für recht kleines Geld. Leider habe ich selbst keinen Garten, aber für meinen Balkon habe ich zwei Pflanzen (eine Taglilie und eine Ballonblume) sowie Saatgut mitgenommen. Schauen wir mal, wie das im kommenden Jahr aussieht.

    Zum Abschluss ein Eis

    Wir sind den Gartenwegen von außen nach innen kreisförmig gefolgt. Man kann sich aber auch einfach intuitiv treiben lassen. Einen Besuch ist der Hermannshof auf jeden Fall wert. Zum Abschluss sollte man unbedingt noch einen kleinen Spaziergang in die pittoreske Innenstadt von Weinheim unternehmen. Als mein Kollege vom besten Salz-Karamell-Eis schwärmte, hat er definitiv nicht untertrieben…


    Tipps

    Der Schau- und Sichtungsgarten ist ganzjährig geöffnet und bietet zu jeder Jahreszeit einen interessanten Einblick in die Möglichkeiten der Gartengestaltung. https://sichtungsgarten-hermannshof.de/

  • Ein Besuch auf dem Hauptfriedhof Frankfurt

    Wer mich kennt wird sicher schon festgestellt haben, dass ich ein Faible für schöne Friedhöfe habe. Diese morbide Leidenschaft hat sich nach einem Besuch in Wien verfestigt, der Hauptstadt der „schönen Leich‘“. Der Frankfurter Hauptfriedhof stand deshalb schon länger auf meiner Liste der geplanten KulTouren. Veranlasst durch den Tod eines Freundes, der mich das eine oder andere Mal auf meinen Touren begleitet hat, und dessen Beisetzung auf eben diesem Friedhof stattfand, habe ich diesen Besuch nun unternommen. Oder sagen wir besser: Ich habe einen ersten Besuch unternommen.

    Morbider Charme, der magisch anzieht

    Der Friedhof ist so weitläufig und interessant, dass ich definitiv noch einmal hinmuss. Im Vorfeld hatte ich mir einen Plan ausgedruckt, mit dessen Hilfe ich die besonders interessanten Grabstellen aufsuchen wollte. Suchen ist dabei der richtige Begriff. Die Grabstelle Arthur Schopenhauers ist gut ausgeschildert. Die anderen Grabstellen muss man finden. Manchmal hilft dabei auch Google Maps, wie im Falle des Grabes von Marcel Reich-Ranicki. Iin anderen Fällen sucht man lange. Aber man stößt beim Suchen auf so viele schöne Ecken, dass es eine Freude ist. Mein Plan war also eher ein Vorschlag, an dem ich mich orientiert habe.

             (Grabstätte von Dr. Heinrich Hoffmann)

    Struwwelpeter-Spurensuche

    Vor einiger Zeit besuchte ich in der Frankfurter neuen Altstadt das Struwwelpeter-Museum (s. Niedernhausener Anzeiger, Januar 2020). Bei meinem Friedhofsbesuch konnte ich dazu nun eine Verbindung ziehen. Der Schöpfer des Struwwelpeters, der Arzt Dr. Heinrich Hoffmann, ist nämlich hier begraben. Seine letzte Ruhestätte befindet sich direkt an der Alten Mauer um Gewann G. Ebenfalls auf dem Hauptfriedhof begraben liegt Pauline Schmidt. Sie diente als Vorbild der Pauline in der „..gar traurigen Geschichte mit dem Feuerzeug“, auch wenn die wahre Pauline nicht bei einem Brand ums Leben kam, sondern einer Lungenschwindsucht zum Opfer fiel. Beide Gräber sind Ehrengräber der Stadt Frankfurt und werden von dieser gepflegt. Das Grab des „Zappelphilipp“-Vorbilds, Philipp Julius v. Fabricius, habe ich leider bei diesem Besuch nicht gefunden.

    Ebenfalls nicht gefunden habe ich die Gräber von Alois Alzheimer (ja, genau der) und der Frankfurter Volksschauspielerin Liesel Christ.

    (Gruftenhalle)

    Trotzdem habe ich viel entdeckt. Besonders beeindruckend ist dabei die Gruftenhalle von 1828 mit ihren 57 Gruften. Diese sind teilweise in sehr unterschiedlichem Erhaltungszustand, aber die gesamte Anlage ist ehrfurchteinflössend. Im Zweiten Weltkrieg wurde sie teilweise zerstört und anschließend wiederaufgebaut. Dabei wurden einige Gebeine in eine Sammelgruft etwa in der Mitte der Anlage bestattet. Eine Wandtafel weist darauf hin.

    Ebenfalls ein Highlight ist das Mausoleum Gans, welches im Innern einen kleinen Blick in das Untergeschoß gewährt.

    (im Innern des Mausoleum Gans)

    Vergänglichkeit als Kunst

    Ohnehin bin ich immer wieder voll Bewunderung für die künstlerische Ausstattung von Grabmalen, Mausoleen und Gedenkstätten. Da tun sich ganze Nachthimmel über einem auf (das Schinkelsche Bühnenbild zur ZAUBERFLÖTE lässt oft grüßen) oder es bewegen lebensechte Figuren die Seele. Aber auch Modernes kann man erspähen. So befindet sich in der unmittelbaren Umgebung des Schopenhauer-Grabes die Begräbnisstätte der „Loge zur Einigkeit“, deren schwarz-goldene Pyramide schon von weitem auffällt. Oder die Anlage des St. Katharinen- und Weißfrauenstifts. Diese stellt in roten abstrakten Stelen die Skyline Frankfurts dar und in deren Mitte die Kirche des Stifts. Diese (sehr gepflegte) Anlage zieht den interessierten Besucher an.

    (Einblick in eine Gruft in der Gruftenhalle. Man beachte den Himmel)

    Folgen Sie den Schildern….

    Beim Besuch des Hauptfriedhofs fallen einem diverse kleine metallene Steck-Schilder an den Gräbern auf. Zum einen sind da die roten Schilder, die auf ein Ehrengrab der Stadt hinweisen. Dann gibt es graue Hinweisschilder, die auf das Grab einer bedeutenden Persönlichkeit hinweisen. Und dann gibt es blaue Schilder, die einen darauf aufmerksam machen, dass es sich hierbei um eine aus Denkmalschutzgründen wichtiges Grab handelt und man für dieses eine Patenschaft übernehmen kann. So kann vieles erhalten bleiben, was sonst dem Verfall völlig preisgegeben wäre. Wobei auch der Verfall seine „schönen“ Seiten hat. Auch diese kann man auf vielfältige Weise auf diesem wunderschönen und weitläufigen Friedhof entdecken.

    Wie eingangs erwähnt, wird dies nicht mein letzter Besuch auf dem Frankfurter Hauptfriedhof bleiben. Es gibt noch so einige interessante Grabstätten, die ich aufspüren möchte. Außerdem befinden sich auch zwei jüdische Friedhöfe (der Alte Friedhof an der Rat-Beil-Straße, der sich direkt hinter der erwähnten Gruftenhalle befindet) und der Neue Jüdische Friedhof an der Eckenheimer Landstraße.



    Tipps:

    Der Friedhof befindet sich an der Eckenheimer Landstraße 194, 60320 Frankfurt am Main.

    Man sollte viel Zeit einplanen und neben dem Friedhofsplan auch Google-Maps zur Hand haben, da manche Stellen nur schwer zu finden sind.

    Allgemeine Infos zu Öffnungszeiten un den Lageplan findet man auf der Webseite des Friedhofs https://friedhof-frankfurt.de/friedhoefe/staedtische-friedhoefe/hauptfriedhof/

    Auch die Wikipediaseite https://de.wikipedia.org/wiki/Hauptfriedhof_(Frankfurt_am_Main) kann ich sehr empfhelen. Von dort aus weiterführende Links zu besonderen Gräbern und deren Geschichte haben mir sehr weiter geholfen.

    Besucht am 05.08.2025

    (Gedenkstätte St.Katharinen- und Weißfrauenstift)

    (Grab von Pauline Schmidt)

    (Die Gruftenhalle)

    (Grabstelle von Marcel Reich-Ranicki und seiner Frau Teofila)

  • Flughafen Frankfurt – Die Stadt am Rande der Stadt

    Starts und Landungen am FRAPORT

    Besucht am 29.01.2026 und 27.03.2026

    Am 22. April 2026 wurde das neue Terminal 3 am Frankfurter Flughafen eröffnet. Nach elf Jahren Bauzeit haben die Frankfurter das geschafft, was die Berliner verpatzt haben: Sie haben ein neues, betriebsbereites Terminal ohne große Verzögerungen und budgetgerecht fertiggestellt. Als Berlinerin wollte ich mir das genauer ansehen und habe mich im November 2025 auf der Webseite registriert um als Statistin in der Testphase dabei zu sein. Insgesamt hatten sich über 100.000 Menschen aus ganz Deutschland auf die 8.000 Stellen beworben – und ich durfte dabei sein, direkt am zweiten Termin Ende Januar.

    Teststatist am Terminal 3

    Gemeinsam mit etwa 300 anderen Testpassagieren durfte ich das neue Terminal schon einmal von innen sehen und ausprobieren. Nach einer kurzen Einweisung und der Zuweisung einer Testidentität bekamen wir Gepäckstücke in die Hand und es ging los: Check-in, Passkontrolle (der einzige Teil mit echter eigener Identität und Originalpass, da die Polizei ihre Abläufe und Technik ebenso testen musste), sehr lange Wege und Boarding. Alles wurde originalgetreu durchlaufen. Der wesentliche Unterschied war jedoch, dass an diesem Tag alle außerordentlich gut gelaunt und freundlich waren. Natürlich klappte nicht alles – wie auch? – aber es regte sich niemand auf. Es lief ja niemand Gefahr, einen echten Flug zu verpassen; wir waren schließlich hier, um die Abläufe gemeinsam einzuspielen.

    Hier und da stockte es etwas und wir liefen streckenweise noch über eine ziemliche Baustelle. Die Transportbänder funktionierten noch nicht, die Sicherheitschecks waren teilweise noch in Folie gehüllt und überall wuselten Handwerker und Ingenieure herum, die Abnahmen organisierten. Trotzdem behielten alle die Ruhe, keiner wurde laut und die Stimmung war durchweg positiv. Wenn doch jeder Urlaub so am Flughafen beginnen würde!

    Mein „Flug“ sollte mich nach Doha führen, weshalb ich zum Flugsteig J musste – dem längsten von allen. Hier findet zukünftig das Boarding für Flüge außerhalb des Schengenraums statt. Erstmals sollen die Flugsteige I und J als 5-Sterne-Flughafen ausgezeichnet werden. Diesen Luxus merkt man: große Panoramafenster, edle Ausstattung, sogar einen Indoorspielplatz gibt es. Ich hoffe, dass ich hier zukünftig einmal tatsächlich abfliegen kann. Der dritte Arm (H) am Terminal 3 ist übrigens wesentlich schlichter gehalten und verzichtet auf große Fenster. Hier werden zukünftig die Billigflieger boarden.

    Am Ende gab es für jeden ein kleines Geschenk. Nachdem wir schon morgens einen Beutel mit dem T3-Logo für unser Lunchpaket erhalten hatten, gab es nun noch eine Sicherheitsweste vom Flughafen. Danach traten wir die Heimreise an. Für den Einsatz gab es eine kleine Aufwandsentschädigung, deren Auszahlung allerdings nicht ganz so reibungslos klappte wie der Testlauf selbst. Insgesamt war es auf jeden Fall ein sehr interessanter Tag und ein einmaliges Erlebnis.

    Das veranlasste mich dazu, ein paar Wochen später eine Tour über den Flughafen zu buchen. Ich entschied mich für die XXL-Tour und fand mich pünktlich am Terminal 1, Flugsteig C ein. Die Tour sollte um 13:00 Uhr beginnen; man sollte jedoch spätestens eine halbe Stunde vorher vor Ort sein, da es auch hier einen Sicherheitscheck gibt. Ab und zu verirrt sich wohl versehentlich ein regulärer Fluggast dazwischen. Unsere Guide Anna begrüßte uns sehr herzlich am Eingang zum Tour-Bereich und führte uns nach dem Check zum Bus, wo uns unser Fahrer Olli bereits erwartete. Aufgrund eines kleinen Zwischenfalls begann unsere Tour etwa eine Viertelstunde verspätet, diese Zeit wurde aber am Ende einfach drangehängt.

    Die Teilnehmer waren vorwiegend männlich, nur wenige wurden von ihren Partnerinnen begleitet. Oft waren es auch Eltern oder Großeltern mit ihren Söhnen bzw. Enkeln. Dabei traten zwei etwa 13-jährige Jungen besonders in Erscheinung: Sie glänzten mit viel Wissen und Neugierde. Unsere Guide Anna beantwortete alles mit ungeheurer Geduld und einem phänomenalen Fachwissen. Selten habe ich so eine souveräne und unterhaltsame Führung erlebt. Zu jedem Flieger hatte sie Daten, Flugziele und teilweise die Historie parat. Dass sie zwischendurch die Flugdaten auf einem kleinen Gerät checkte, fiel überhaupt nicht auf, da es völlig flüssig in die Erzählung einfloss. Dafür ein kleiner symbolischer Applaus!

    Ein Doktor und das Fliegen

    Die Fahrt über das Vorfeld führte uns vorbei an Flugzeugen, Serviceautos, den drei Feuerwachen, der Startbahn West und der Cargo-Area. Wir erfuhren, wofür die Streifen der Condor-Maschinen stehen: Gelb für die Sonne, Blau für das Meer und Grün für die Insel Irland. Und dann gibt es noch die eine pinke Maschine: Diese Farbe steht für die Aufmerksamkeit für Brustkrebs. Ein sehr wichtiges Thema, und ich persönlich finde es toll, dass Condor hier ein Statement setzt. Die einzige Maschine mit schwarz-weißer Bemalung haben wir leider nicht gesehen – die Eintracht war wohl gerade unterwegs. Dafür stand an einem Gate eine Condor-Maschine mit Retro-Lackierung. Die Fluggesellschaft geht auf die 1955 gegründete Deutsche Flugdienst GmbH zurück. Diese übernahm 1961 die Condor Luftreederei des Dr. Oetker Konzerns. Wer hätte gedacht, dass es einen Zusammenhang zwischen Ferienfliegern und Backpulver gibt?

    Ebenfalls mit Retro-Lackierung sind in diesem Jahr sechs Maschinen der Lufthansa unterwegs. Diese wurde nämlich 1926 gegründet und feiert 2026 somit ihr 100-jähriges Bestehen. Zwei Maschinen standen gerade am Terminal 1: eine mit der traditionellen schwarzen „Stubsnasen“-Lackierung und eine ganz besondere mit den Jahreszahlen und einer großflächigen Kranich-Grafik in Lufthansa-Blau. Letztere stand leider etwas versteckt, weshalb das Foto sie nur teilweise zeigt.

    Der Weg führte uns natürlich auch vorbei am Tower. Hier besteht allerdings Verwechslungsgefahr: Was wir Teilnehmer sofort als „den“ Tower ausgemacht hatten, war in Wirklichkeit die Vorfeldkontrolle – quasi ein kleiner Bruder des alles überwachenden Towers. In der Cargo-City lernten wir noch etwas Interessantes: Passagierflugzeuge erhalten Städtenamen, während Frachtmaschinen internationale Begrüßungen als Namen tragen. Darüber macht man sich doch nie Gedanken.

    Schließlich ging es zum Wartungsbereich. Hier stehen riesige Hallen, in denen die Flugzeuge gewartet werden. Um die Dimensionen zu verdeutlichen: In die größte Halle passen bequem drei A380-Maschinen. Davor stehen beeindruckende Wände, die ich irrtümlich für einen Sichtschutz hielt. Weit gefehlt: Die Lamellen dieser Stellwände sind mit Sensoren ausgestattet; sie werden hinter die Maschinen gestellt, um die Triebwerke unter anderem auf Abgase und Lautstärke zu testen.

    Zahlen, Daten, Staunen

    Ansonsten beeindruckte die Tour vor allem mit Zahlen: 61 Kilometer Unterflur-Betankungspipelines versorgen die Gates unterirdisch mit Kerosin. Ein spezielles Tankfahrzeug verbindet die Tankstationen mit den Flugzeugen und kann pro Schlauch 2.000 Liter Kerosin pro Minute durchleiten. Das „Eau de Kérosène“ ist dabei deutlich zu erschnüffeln. Auf dem Flughafen befindet sich zudem die größte Polizeidienststelle Deutschlands. Die Bundespolizei hat hier ihren Sitz mit etwa 2.500 Beamten. Es gibt drei Feuerwachen mit insgesamt 900 Einsatzkräften. Das Gepäck wird auf 81 km Förderanlage transportiert, und täglich gibt es etwa 700 Flugzeugstarts und ebenso viele Landungen. Insgesamt gibt es etwa 18.000 Fahrzeuge und 91.000 Mitarbeiter. Zum Vergleich: Eine Stadt gilt ab etwa 5.000 bis 10.000 Einwohnern als Stadt, eine Großstadt ab 100.000. Uff…

    Ganz zum Schluss ging es noch an einer Ecke vorbei, die mich besonders interessierte: Auf der anderen Seite des Zauns stehen ein Rosinenbomber und das Luftbrückendenkmal – das Gegenstück zum Denkmal in Berlin. Dazu werde ich dieses Jahr noch einen eigenen Beitrag schreiben und nochmals zum Flughafen Frankfurt und zur Aussichtsstelle fahren. Am Flughafen Tempelhof war ich bereits vor einiger Zeit; ich werde diese beiden Orte in meinem Artikel miteinander verbinden.

    Nach zwei Stunden und etwa 40 Kilometern Fahrt kamen wir wieder am Terminal 1 an. Ich habe kurz überlegt, ob ich noch das Besucherzentrum besuche, aber ehrlicherweise war ich erschlagen von den vielen Informationen. Das nehme ich mir ein anderes Mal vor – vielleicht mag mich dann ja jemand begleiten.


    Tipps

    Die Touren kann man in verschiedenen Varianten über die Webseite des Flughafens buchen. Hier gibt es auch Informationen zum Besucherzentrum. Die Tickets sind sehr beliebt, eine rechtzeitige Buchung ist daher empfehlenswert.

    Auf fraport.com erfährt man viel zur Geschichte des Flughafens und einiges mehr. Und falls jemand an einem Job am Frankfurter Flughafen interessiert ist, wird er hier auch fündig.

    Die Anreise ist gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln möglich, wobei man Puffer für Störungen einplanen sollte. Alternativ stehen ausreichend Parkplätze zur Verfügung. Mit der Skyline-Bahn kommt man schnell von einem Terminal zum nächsten – dieses Vergnügen gönne ich mir nach der Eröffnung von T3 auch noch einmal.

  • Wenn Engel reisen…

    Besucht am 06. September 2025

    Es gibt Ausflüge, für die man früh aufstehen muss – doch oft wird man dafür mit einer großartigen Morgenstimmung belohnt. So erging es mir vor Kurzem, als ich mit Freunden eine Tagesdampferfahrt mit der Primus-Linie von Wiesbaden nach Heidelberg unternahm. Die Abfahrt war für 08:30 Uhr am Biebricher Schloss geplant. Um einen guten Platz an Bord zu ergattern, war ich bereits um 07:45 Uhr am Anleger.

    Der Rhein begrüßte mich mit Sonnenschein und lag fast spiegelglatt in seinem Bett. Innerhalb weniger Minuten legte sich jedoch der Morgennebel wie eine Decke über das Wasser und zauberte eine märchenhafte Atmosphäre. Während die Sonne vergeblich versuchte, den Schleier zu durchbrechen, tauchten Frachtschiffe gespenstisch aus dem Grau auf. Ich konnte Bilder ohne Filter machen, um die mich später viele beneideten – Caspar David Friedrich hätte hier wohl Pate stehen können. Mit anderen Worten: Der Tag begann äußerst vielversprechend.

    Idyllische Natur und große Pötte

    Und er hielt, was er versprach. Das Wetter entwickelte sich zum schönsten Tag der Woche. In Mainz stiegen weitere Passagiere zu, während wir die Silhouette der Stadt bewunderten. Noch interessanter war jedoch der Anblick der zahlreichen Flusskreuzfahrtschiffe. Um mich herum begannen viele Gäste bereits mit der Planung ihres nächsten Urlaubs. Welche Vielfalt an Kreuzfahrtschiffen und Reedereien es gibt, sollten wir in den kommenden Stunden noch erfahren: Gefühlt war jedes dritte entgegenkommende Schiff kein Frachter, sondern ein schwimmendes Hotel.

    Flusskreuzfahrtschiff vor Mainz

    Weiter ging die Fahrt den Rhein hinauf, vorbei an den Weinbergen Rheinhessens. Pettenthal, Rehbach, Hipping … und dazwischen windet sich der Weinwanderweg „Roter Hang“. Einen Teil davon, die Drei-Türme-Wanderung, bin ich selbst schon gewandert und kann sie nur empfehlen. Mit netten Menschen und einem gut gefüllten Rucksack genießt man dort nicht nur die Bewegung, sondern vor allem die Pausen mit fantastischen Ausblicken.

    Auch für das leibliche Wohl ist gesorgt

    Zwischenzeitlich wurde uns an Bord ein „Seemannsfrühstück“ serviert: Brot, Schinken, Spiegelei und Gewürzgurken. Zugegeben, die Bordküche ist nichts für strikt Gesundheitsbewusste, aber daran schien sich niemand zu stören. Währenddessen wandelte sich die Aussicht: Die Rebhänge wichen flachen Landschaften, und am Ufer badeten und paddelten Familien zwischen den Buhnen. Angler suchten ihr Glück am Haken, stets beobachtet von Reihern, die nur darauf warteten, im richtigen Moment einen Fang abzujagen.

    Angler am Rhein

    Weiter südlich kam das Kernkraftwerk Biblis in Sicht. Der durchaus beeindruckende Bau lieferte zwischen 1974 und 2011 Strom (ab 1976 auch nuklearen).  Heute dient er als Lager für Atommüll und Castor-Behälter und beschäftigt weiterhin Gerichte sowie Umweltschützer. Bei Mannheim passierten wir schließlich riesige Industrieanlagen; die BASF unterhält hier einen gewaltigen Komplex mit eigenem Rheinhafen. Der Anblick ist schon bei Tageslicht ehrfurchteinflößend. Man stelle sich das Areal am Abend vor – der Theatermensch in mir sieht sofort ein Meer aus Scheinwerfern und farbigen Lichteffekten vor dem geistigen Auge.

    BASF Werk bei Mannheim

    Schleusengang auf dem Neckar

    Kurz darauf erreichten wir die Neckarspitze, wo unser Dampfer den Rhein verließ. Einer der Höhepunkte kam nun in Sicht: die Neckarschleuse Feudenheim. Eine der zwei Schleusen, durch den uns unsere Fahrt führen sollte. Zusammen mit einem Binnenfrachter, den wir kurz zuvor überholt hatten, und einem Sportboot wurden wir durch Wasserkraft zehn Meter in die Höhe gehoben. Eine technische Meisterleistung und ein Schauspiel, das mich immer wieder beeindruckt.

    Danach ging es weiter auf dem Neckarkanal, bis wir bei Ladenburg schließlich den ursprünglichen Lauf des Neckars erreichten. Hier führt die Fahrt durch unberührte Natur. Schwäne, Reiher und Nilgänse begleiteten uns – Idylle pur bei herrlichem Wetter. „Wenn Engel reisen …“, entfuhr es einem meiner Freunde.

    Schleuse auf dem Neckar bei Schwabenheim

    Heidelberg: Wunderschön, aber gut besucht

    Nach der zweiten Schleuse bei Schwabenheim, die uns weitere acht Meter anhob, war es nur noch ein kurzes Stück bis zum Ziel. Als das berühmte Heidelberg Schloss in Sicht kam, reckten alle Passagiere die Hälse. Jeder wollte das perfekte Foto machen, und auch die unvermeidlichen Selfies durften nicht fehlen (ich schließe mich da keineswegs aus).

    Die Stadt glitt langsam an uns vorbei und offenbarte bereits die ersten Menschenmassen. Am Anleger verließen wir die Ruhe des Schiffs und tauchten ein in die belebten Gassen. Junggesellinnenabschiede, Heerscharen von Studenten und Touristen drängten sich durch die Innenstadt. Da an diesem Abend die berühmte Schlossbeleuchtung stattfand, herrschte bereits Verkehrschaos mit gesperrten Brücken. Wir brachen unseren Spaziergang daher vorzeitig ab und suchten uns ein ruhiges Café in der Nähe des Bushalteplatzes von dem unsere Busse und wieder nach Mainz und Wiesbaden bringen sollten.

    Selfie vor dem Heidelberger Schloss

    Gegen 21:30 Uhr erreichten wir nach einer guten Stunde Busfahrt wieder den Anleger in Biebrich. Der Bus nach Mainz, der eigentlich vor uns gestartet war, steckte noch im Heidelberger Stadtverkehr fest und erreichte sein Ziel erst deutlich später.


    Tipps & Fakten

    Zugegeben, diese „KulTour“ war vielleicht weniger informativ als andere, dafür aber umso schöner. Hier noch ein paar Fakten für Interessierte:

    • Primus-Linie: Das Unternehmen wurde bereits 1880 gegründet und wird heute in der 3. Generation von der Familie Nauheimer geführt. Die Flotte besteht aus 5 modernen Schiffen (u. a. die MS Nautilus und die MS Wikinger). Neben den Frankfurter Stadtrundfahrten und Fahrten in den Rheingau wird die Heidelberg-Fahrt auch 2026 wieder im Juli und September angeboten (Preis: 52,00 €). Weitere Informationen findet Ihr hier
    • Der Rhein: „Vater Rhein“ entspringt im Schweizer Kanton Graubünden und ist einer der verkehrsreichsten Wasserwege der Welt. Er fließt auf 1.233 Kilometern durch bzw. entlang von 6 Staaten (Schweiz, Liechtenstein, Österreich, Deutschland, Frankreich und die Niederlande). Hinweis: Luxemburg und Belgien liegen zwar im Einzugsgebiet, der Rhein selbst fließt aber nicht direkt hindurch.
  • Wassersüchtig – Das Selterswasser-Museum in Niederselters

    Erstbesuch und Veröffentlichung 2020/ aktualisiert März 2026

    Jahrhundertealte Geschichte im Taunus

    Sekt oder Selters? In Niederselters stellt sich diese Frage nicht. Hier ist man dem natürlich prickelnden Quellwasser so eng verbunden, dass man ihm ein eigenes Museum gewidmet hat – und wo sollte es stehen, wenn nicht direkt am Standort des wohl bekanntesten Mineralbrunnens Deutschlands, wenn nicht gar Europas?

    Die Quelle in Niederselters ist seit 1536 urkundlich belegt. Der Ort selbst lässt sich jedoch bereits im Jahr 772 unter dem Namen „Saltrissa“ nachweisen. Von diesen frühen Ursprüngen ist auf dem heutigen Quellgelände zwar nichts mehr erhalten, doch das restaurierte Brunnenhaus von 1909 zeugt eindrucksvoll von der einstigen Bedeutung des Ortes. Im Inneren sind noch zahlreiche Jugendstilelemente zu bewundern, etwa das große Fenster in der ehemaligen Abfüllhalle.

    Neuausrichtung nach dem wirtschaftlichen Aus

    1999 wurde die Produktion eingestellt, und die Stadt übernahm das inzwischen stark sanierungsbedürftige Gebäude. Mit viel Engagement und Unterstützung durch Fördermittel konnte es 2011 wiedereröffnet werden. Heute beherbergt der Komplex nicht nur eine kleine, aber eindrucksvolle Museumssammlung, sondern auch einen Kindergarten sowie zwei Veranstaltungsräume.

    Das Museum dokumentiert die Zeit der großen wirtschaftlichen Blüte. Immerhin gab das originale Selterswasser einer ganzen Produktkategorie seinen Namen. Schon früh versuchten andere Hersteller, vom guten Ruf zu profitieren, und vermarkteten ihre Produkte ebenfalls als „Selterswasser“. Diese Nachahmungen waren jedoch meist künstlich mit Kohlensäure versetzt – im Gegensatz zum Original, dessen Kohlensäure natürlichen Ursprungs ist. Wer den Unterschied schmecken möchte, hat auch heute noch Gelegenheit dazu: In einer Seitenhalle können die Bewohner von Niederselters und den umliegenden Gemeinden gegen eine kleine Gebühr regelmäßig ihren „Haustrunk“ abholen. Dieses Recht besteht seit Jahrhunderten – und war immer wieder Anlass zu Auseinandersetzungen. Aktuell ist der Haustrunk seit 2024 ausgesetzt, da es technische Probleme gibt, die eine neue Herrichtung erforderlich machen. Eine zeitnahe Wiedereröffnung ist geplant.

    Ein Bürgermeister mit Vision

    Dass der heute restaurierte und erweiterte Gebäudekomplex wieder vielfältig nutzbar ist, verdankt Niederselters maßgeblich dem ehemaligen Bürgermeister Dr. Norbert Zabel, der sich bis heute mit großem Engagement für das Projekt einsetzt. Ich hatte das Glück, an einer ebenso kurzweiligen wie informativen Führung mit ihm teilnehmen zu dürfen.

    Kaum zu glauben, wie berauschend Mineralwasser sein kann.

    Zu sehen gibt es unter anderem eine beeindruckende Sammlung von Wasserflaschen aus aller Welt sowie historische Original-Selters-Flaschen. Zu den bekannten Persönlichkeiten, die das Wasser aus Niederselters tranken, zählen etwa Remigius Fresenius, Christoph Wilhelm Hufeland und Johann Wolfgang von Goethe.

    Zwischen historischen Flaschen aus aller Welt und originalen Selters-Krügen erzählt er von Zeiten, in denen das Wasser aus Niederselters in ganz Europa getrunken wurde. Namen wie Remigius Fresenius, Christoph Wilhelm Hufeland und sogar Johann Wolfgang von Goethe tauchen auf. Sie alle tranken dieses Wasser. Auch zur Orts- und Quellen­geschichte erfährt man Spannendes – von der frühen Neuzeit bis in die Gegenwart. Plötzlich wirkt das Glas auf dem Tisch ein bisschen ehrfürchtiger.

    Zum Abschied schenkte mir Dr. Zabel ein Buch zur Geschichte des Seltersbrunnens, welches er gemeinsam mit Eugen Caspary und Willi Hamm verfasst hat. Für einen Bücherliebhaber wie mich ist bereits die hochwertige Gestaltung ein Genuss: hochwertiges Papier, sorgfältig aufbereitete Grafiken und zahlreiche historische Abbildungen. Doch auch inhaltlich überzeugt das Werk – es erzählt die wechselvolle Geschichte des Ortes fundiert und zugleich lebendig, ohne je trocken zu wirken. Danke für dieses wunderbare Geschenk.

    Tipps

    Wer auf der A3 von Frankfurt in Richtung Köln unterwegs ist, findet bei Bad Camberg ein braunes Hinweisschild zum Selterswassermuseum.

    Regelmäßig geöffnet ist das Museum aktuell nicht. Es besteht aber die Möglichkeit individueller Führungen ab 10 Teilnehmern zum Preis von 5,00€/Person. Informationen dazu gibt es hier .

    Sammlung diverser Wasserflaschen aus aller Welt
  • Ein Haus, wie ein englischer Landschaftspark…nur moderner

    Das Museum Reinhard Ernst

    Besucht am 24.05.2025

    Wer in Wiesbaden an der Kreuzung Rheinstrasse/ Wilhelmstrasse/ Friedrich-Ebert-Allee steht kann hier einen schönen Überblick über Baugeschichte sehen. Da sind zum einen die Jugendstilhäuser mit ihren wunderschönen Steinelementen und Bildern. Da ist das Hessische Landesmuseum für Kunst und Natur mit seinen Säulengängen, der Kuppel und der markanten Freitreppe. Im Innern unter anderem mit einer beeindruckenden Jugendstilsammlung, aber auch Alten Meistern und modernen Werken (s. Artikel „Kunst und Kuchen“ von Dezember 2019). Dann steht dem gegenüber das Rhein Main CongressCenter (RMCC), welches 2018 anstelle der alten Kongresshallen eröffnet wurde und mit seiner Fassade aus hohen Fenstern, gelben Sandstein und der beeindruckenden Treppe auffällt. Und da ist der „Zuckerwürfel“.

    Offene Räume

    Das Museum Reinhard Ernst wurde 2024 mit einem Jahr Verspätung geöffnet und ist ein Werk des Japanischen Architekten Fumihiko Maki, der leider kurz vor der Eröffnung verstarb. Der Industrielle Reinhard Ernst und seine Frau haben dieses Museum der Stadt Wiesbaden geschenkt und präsentieren darin Werke ihrer gut 960 Teile Umfassenden Privatsammlung moderner Kunst. Dafür wurde eigens eine Stiftung gegründet. Die Sammlung ist an den Vormittagen ausschließlich Schulen und Bildungseinrichtungen vorbehalten und Kinder und Jugendliche bis 18 Jahren haben freien Eintritt. Ziel ist es, Kunst allen zugänglich zu machen, weshalb das Foyer auch öffentlich ist. Auch hier befinden sich schon Kunstwerke.

    Weisse Schlichtheit

    Der Bau selbst besticht durch seine scheinbare Schlichtheit. Bei genauerem Hinsehen entpuppt er sich aber als sehr ausgeklügelt und erstaunt immer wieder beim Durchwandern mit neuen Blickwinkeln und unterschiedlichsten Räumen. So ergeben sich immer neue Sichtweisen auf die ausgestellten Kunstwerke. Ähnlich wie in einem englischen Landschaftsgarten, wo sich mit jedem Positionswechsel eine neue Sichtachse auftut, kann man hier beim Durchschreiten des Gebäudes immer neue Perspektiven erleben. Dazu tragen auch die sehr unterschiedlichen einzelnen Ausstellungsräume bei. So findet man zum Beispiel im 1. Stock einen Raum, der eine komplette Glaswand zum Treppenhaus hat (wobei Treppenhaus hier nicht der richtige Begriff ist, denn das ganze Haus ist offen gestaltet und daher gibt es an dieser Stelle gar kein Treppenhaus im klassischen Sinne). Dadurch hat es die leichte Anmutung eines Aquariums. Zum Zeitpunkt meines Besuchs befanden sich in diesem Raum konsequenterweise Bilder zum Thema „Moby Dick“.

    Die Ausstellungen wechseln regelmäßig. So wird man im Laufe der Zeit die komplette Sammlung zu sehen bekommen. Sicher ist moderne Kunst nicht jedermanns Sache. Ich kann mich auch mit vielem nicht anfreunden. Aber ich bin neugierig und entdecke gerne. Ich kann nur empfehlen einfach mal völlig erwartungslos in eine solche Sammlung zu gehen. Betreten Sie einen Raum und lassen ihn auf sich wirken. Sie werden merken, irgendein Stück zieht Sie an, irritiert vielleicht, macht neugierig. Zu diesem gehen Sie hin und lassen Ihrer Fantasie freien Lauf. Was sehen Sie? Eine Landschaft? Personen? Pferde im Galopp? Eine menschliche Gestalt? Was lösen die Farben in Ihnen aus? Freude? Angst? Unwohlsein? Sehnsucht?… Ganz egal. Meiner Meinung nach kann man nie falsch liegen. Kunst soll die Sinne und die Gefühle ansprechen. Sicher kann man sich die Frage stellen, was einem der Künstler damit sagen wollte. Aber man muss es nicht. Ganz zum Schluss können Sie sich den Titel des Werkes anschauen. Vielleicht ist dieser für Sie vollkommen logisch, weil Sie genau das entdeckt haben. Vielleicht ist aber auch der Titel völlig abstrakt. Eigentlich spielt es keine Rolle. Sie haben Kunst „erfühlt“ und darum geht es. Sie haben sich auf etwas Neues eingelassen. Probieren Sie es einmal aus. Sie werden überrascht sein. Und dann treten Sie wieder hinaus auf die Wilhelmstrasse mit ihren schönen alten Häusern und den Bäumen rechts und links und entdecken die Realität neu.

  • Bonn: Weg der Demokratie

    Besucht am 27.09. 2025

    Ich gehöre noch zu den Menschen, die die „Bonner Republik“ kennen. Als ehemalige West-Berlinerin war das immer eine merkwürdige Situation. Man wohnte „neben“ der Hauptstadt der DDR in der der ehemaligen Deutschen Hauptstadt. Andererseits hatten wir unsere Ruhe, wir waren etwas „ab vom Schuss“ und jeder beneidete uns. Dass die Regierung in dem Kleinstädtchen am Rhein saß, war ganz gut so. Wir hatten die Alliierten (ich selbst wohnte im amerikanischen Sektor) und Berliner Bürgermeister wurden ja auch gerne was in der Bonner Republik. Wir waren quasi ein „Insel-Sprungbrett“.

    Nach dem Mauerfall änderte sich das. Berlin wurde wieder Hauptstadt und Bonn…entwickelte sich prächtig.

    Bis heute befinden sich noch sechs Ministerien mit Ihren Hauptsitzen in Bonn, alle anderen haben den Umzug nach Berlin vollständig vollzogen. Die Gebäude, die für 50 Jahre die Bundesregierung und Ihre Ministerien beherbergten (Bonn war von 1949-1990 provisorische Hauptstadt und bis 1999 alleiniger Regierungssitz), stehen noch und diese kann man auf dem Weg der Demokratie ablaufen.

    Der Rundgang beginnt am Haus der Geschichte der Demokratie in Deutschland. Aktuell ist das Museum wegen Renovierung geschlossen. Trotzdem kann man im Museumsshop typisch Deutsche Kleinigkeiten erwerben (in meiner Wohnung steht jetzt ein Wackeldackel, wie ihn schon mein Opa im Auto hatte) und im Keller den erste Dienst-Mercedes von Konrad Adenauer (Kennzeichen 0-002) sowie den ehemaligen Salonwagen der Bundeskanzler besichtigen.

    Der eigentliche Weg der Demokratie beginnt gegenüber dem Museum, wo sich das ehemalige Kanzleramt befindet, welches Helmut Schmidt einmal mir den Worten beschrieb: „Es könnte genauso gut eine rheinische Sparkasse darin residieren.“ Widersprechen möchte man ihm nicht. Ein Stück weiter, wo der Bundeskanzlerplatz in die Adenauerallee über geht, steht die Statue des ersten Bundeskanzlers Konrad Adenauer. Ein imposanter Kopf mit vielen Darstellungen seiner Lebensstationen. Ein genauer Blick lohnt und man kann sogleich ein wenig sein Allgemeinwissen überprüfen.

    Gleich daneben befindet kann man einen fernen Blick auf den Kanzlerbungalow werfen. Auch hier sind aktuell wegen Renovierungsmaßnahmen keine Besichtigungen möglich.

    Direkt daneben befindet sich das Palais Schaumburg, welches bis vor kurzem noch von der Bundesregierung als zweiter offizieller Dienstsitz genutzt wurde.

    Dem schließt sich ein weiteres prunkvolles Gebäude an. Die Villa Hammerschmidt dient bis heute als offizieller zweiter Amtssitz des Bundespräsidenten.

    Nur wenige Meter weiter befindet sich auf der gegenüberliegenden Seite das Museum König. Da nach dem Zweiten Weltkrieg viele Gebäude zerstört waren, nutze man den Lichthof des Zoologischen Museums 1948 für die Eröffnung des Parlamentarischen Rates, der in den anschließenden Wochen das Grundgesetz ausarbeitete. Das dann allerdings nicht mehr im Museum. Dessen Räume dienten dann aber noch für einige Zeit Konrad Adenauer und seinen Mitarbeitern als Büros. Adenauer belegte dabei nur für wenige Monate das Büro des Museumsdirektors, einige Mitarbeiter (darunter Vizekanzler Blücher) bleiben noch bis 1951 im Museum.

    Weiter geht es runter an der Rhein. Allein der Blick auf diesen deutschesten aller Flüsse ist schon beeindruckend und wie bestellt, flog während unserer Besichtigung auch noch ein Zeppelin über uns hinweg. Jetzt öffnet sich der Blick für uns auf die Rückseiten der schon gesehenen Gebäude. Nur vom Kanzlerbungalow sieht man auch von hier aus wenig. Dafür müsste man auf die andere Rheinseite.

    Am Rheinufer fallen mir dann noch ein paar kleine Säulen auf. Bei genauerer Betrachtung sind das Informationspunkte des Bonner Planetenlehrpfads. Ein verkleinertes, aber maßstabsgetreues Modell unseres Sonnensystems. Leider fehlte die Zeit sich damit näher zu beschäftigen.

    Der Pfad der Demokratie führt nun wieder vom Rhein weg. Aber nur ein paar Meter. Vorbei an Konrads Skybar im Hotel Marriot und schon stehen wir vor dem alten Bundeshaus, welches früher den Bundesrat beherbergt hat. Ein weißes Gebäude im Bauhausstil. Erbaut zwischen 1930 und 33. Dem schließt sich der 1986-92 erbaute Plenarsaal des Bundestags an. Hier zeigt sich wie Planung und Geschichtsverlauf aufeinanderstoßen. Als geplant wurde das alte Wasserwerk zum neuen Plenarsaal des Bundestags umzubauen, war eine deutsche Wiedervereinigung noch nicht denkbar. Mitten in den Arbeiten fiel dann 1989 die Mauer und die Tatsache, dass Bonn nur eine provisorische Hauptstadt war, kam wieder auf die Tagesordnung. Der vom Architekten Dr. Behnisch (der auch für die Olympiabauten 1972 in München verantwortlich war) erdachte Bau wurde nur wenige Jahre genutzt. Heute ist es ein Kongresscenter. Durch einen unterirdischen Gang ist es mit dem gegenüberliegenden Gebäude verbunden und dient für Messen und Kongresse.

    Dass Bonn aber einmal ein wichtiger Ort war verdeutlicht, dass hier auch direkt nebenan die UN saß. Nach dem Krieg begann deren Arbeit hier mit nur zwei Mitarbeitern und wuchs schnell zu einem wichtigen Standort. Heute arbeiten hier rund 1.000 Menschen und das Gelände ist offiziell exterritoriales Gebiet. Hier beschäftigt sich die UN vorrangig mit den Themen Nachhaltigkeit, Umweltschutz und Wasserpolitik.  Außerdem befindet sich hier auch der UN-Campus.

    In unmittelbarer Nähe des ehemaligen Plenarsaals befindet sich das „Bundesbüdchen“. Wohl (West-) Deutschland berühmteste Imbissbude. Heute ist sie um einige Meter zum Originalstandort versetzt, besteht aber noch immer. Man sagt, dass Konrad Adenauer hier regelmäßig vorbeikam und ein paar Würstchen ass. Leider kamen wir am Besuchstag nicht in den Genuss. Die Bude hatte leider geschlossen.

    Das Haus der Geschichte hat seine Tore mittlerweile wieder geöffnet. Die neue Dauerausstellung kann man kostenfrei besichtigen. Begleitungen wie „Der Weg der Demokratie“ oder durch die Dauerausstellung sind ebenfalls kostenfrei.

    Weitere Informationen dazu finden sich auf der Webseite https://www.hdg.de/haus-der-geschichte